Um ihn herum herrschte absolute Dunkelheit.
Schon seit Stunden war die Sonne dem Mond gewichen und die Dunkelheit hatte ihn
aus seinem
Unruhigen Schlaf erwachen lassen.
Nur wenige Kerzen standen im Raum, die in flackerndem Licht verzerrte Schatten
an die Wände warfen.
Man schrieb das Jahr 2000 und durch das große Fenster seines Wohnzimmers sah er
die schwachen Lichter der Stadt.
Er hatte sich sein Quartier ein wenig außerhalb eingerichtet. Er hatte es selbst
entworfen und stellte für ihn eine uneinnehmliche Festung gegen die Menschen
dar.
Zwar war ihm die Menschheit keineswegs verhasste, sie interessierten ihn nicht
wirklich, doch ihr ewiges Unverständnis machte ihn auf Dauer krank.
Es gab nur wenige Ausnahmen unter ihnen, die aufgeschlossen gegenüber dem
Übernatürlichen waren.
Doch diese Menschen lebten meist nicht lange.
Vampire stellten in der heutigen Welt eine Minderheit da, in etwa wie moderne
Hexen oder gar Vegetarier. So jedenfalls sah Darius es.
Nur daß Vampire ihr wahres Ich schon seit jeher verbergen mußten um überleben zu
können.
Welche Ungerechtigkeit!
Er liebte das 21. Jahrhundert und alles was das Leben in dieser Zeit so angenehm
machte. Elektrizität, fließendes Wasser, HiFi-Technik und eben all diese
Erfindungen.
Es vertrieb ihm die Langeweile die ihn seit Jahren plagte.
Eine Zeit lang glaubte er sogar, es wäre besser sich für einige Jahrzehnte zur
Ruhe zu legen, aber seine liebe zum Sein hatte ihn dieses Vorhaben schnell
vergessen lassen.
Die Jagd hätte ihm zu sehr gefehlt. Warum fürchteten die Menschen seine Art
dermaßen.
Nur weil sie in ihren Augen "Nahrung" waren.
Warum sollte die menschliche Spezies als Einzige, auf diesem Planeten, das
Vorrecht besitzen keiner anderen Gattung als Nahrung zu dienen. Nur weil sie
ausgeprägter denken und fühlen konnten als andere Lebewesen wie Kühe, Schweine
oder Hühner.
Dies war eine Tatsache die er nicht akzeptierte. Es gab Vampire die Menschen als
unantastbar sahen, weil sie sich selbst nicht vom Menschsein trennen wollten.
Darius hatte von Anfang an akzeptiert was er war und er liebte dieses neue
Leben, welches ihm vor knapp 488 Jahren geschenkt worden war, mit allen Vor- und
Nachteilen.
Wer denkt, Vampire würden nach besonderen Auswahlverfahren geschaffen, der irrt
und zwar gewaltig.
Vampire schaffen ihresgleichen aus unerdenklichen, selbstsüchtigen Launen
heraus, denn ihr Leben ist geprägt durch unberechenbare Launen.
Sie teilen sich, genau wie die Menschen, in Gut, Böse aber vor allem in
gespaltene Persönlichkeiten.
Vampire bekriegen sich untereinander, hassen und lieben sich, aber sehr selten
schließen sie sich zusammen.
Er selbst hatte nur einmal einen Vampir geschaffen und dies nur um
auszuprobieren ob es wirklich funktionierte. Ihm hatte nichts an diesem
aristokratischen Bürschchen gelegen, doch dieser hatte ihm viel Geld geboten um
sich so das "dunkle Geschenk" zu erkaufen.
Und nur einmal in seiner Existenz hatte er ein Wesen getroffen, dass seines
Erachtens nach, verdient hätte sich in die Reihen der Unsterblichen einzureihen.
Seine Gedanken wanderten zurück...
1710
Schon ganz nah hörte er das Wasser des Rheins fließen.
Es war eine wunderschöne laue Sommernacht und Darius genoß dass mildere Klima,
welches nun endgültig den Winter zu vertreiben schien.
Die Sonne war noch nicht sehr lange unter gegangen, was auch daran zu erkennen
war, dass noch viele Bürger des kleinen Orts auf der Straße unterwegs waren.
Alles schien so friedlich und alle wiegten sich in selbstgesponnener Sicherheit.
Wie töricht die Menschen doch waren.
Doch er war heute abend nicht auf der Jagd nach ihrem Blut. Das geraubte Blut
der letzten Nacht würde ihn noch für eine lange Zeit ernähren können.
Er streifte umher ohne Ziel und Sinn und hing seinen Gedanken nach.
Es war noch nicht sehr lange her dass ihm das dunkle Geschenk zuteil wurde und
noch immer entdeckte er neue Geheimnisse, neue faszinierende Facetten der Nacht.
Der Himmel färbte sich von einem sanften Violette in ein dunkleres Blau und der
blasse Mond gewann immer mehr an leuchtender Dominanz.
Seine Schritte lenkten ihn am Ufer des Rheins entlag hinaus aus der Stadt.
Viele menschliche Blicke folgten ihm, fragten sich wer der geheimnisvolle Fremde
war, oder waren einfach sprachlos über die Leichtigkeit mit der er sich bewegte.
Keiner seiner Schritte schien ein Geräusch zu verursachen, er wirkte gnadenlos
wirklich und auch wieder nicht.
Die Stimmen und Gedanken verloren sich, er fühlte wie die Gegenwart der Menschen
schwand und wie die Stimmen der Wälder lauter wurden.
Er schätzte die Gegenwart der Menschen, doch er ertrug sie nicht lange.
Sie waren so unglaublich oberflächlich, ignorant und kleingeistig.
Immer weiter folgte er dem Fluß der sich durch das Dickicht der Bäume wand und
sein Gemüt beruhigte.
Das Wasser erzählt dem uralte Geschichten der in der Lage ist zuzuhören.
Darius verweilte und ließ sich lautlos auf einem Baumstumpf nieder.
Er stützte den Kopf in die Hände und lauschte dem Wasser und der Stimme des
Windes.
Diejenige die ihn zu dem gemacht hatte was er nun war, war ein ebenso
oberflächliches Geschöpf gewesen wie viele der Menschen.
Mariella, in ihrem menschlichen Leben war sie nichts weiter als eine kleine
billige Hure in irgendeiner üblen Hafenkneipe gewesen.
Oh Tod, was waren Vampire doch für launische Wesen. Sie setzten keine
Prioritäten und wählten ihre Opfer und die zukünftigen Vampire vollkommen
willkürlich, aus unerdenklichen Launen heraus.
Es war purer Zufall gewesen dass sie ihn, in einer dunklen Gasse angefallen und
verwandelt hatte.
Als er wieder erwacht war, war sein ganzer Körper wie ausgedörrt gewesen und
jeder Muskel seines Körpers hatte geschmerzt, unter der unglaublichen Intensität
des Durstes den er verspürte.
Ein Instinkt leitete ihn, tief in den Wald hinein, fort von den Menschen, dem
Sonnenlicht und allem was ihn bisher an diese Welt gebunden hatte.
Er fand eine Höhle, tief eingelassen in altes Gestein und diese Zuflucht rettete
ihm seine unsterbliche Existenz.
In seinem Kopf tanzten Bilder aus uralten Zeiten, von Vampiren die im Feuer der
Sonne verbrannten, die sich bekriegten und sich den Menschen zeigten nur um
andere ihrer Art auszurotten.
Welch großer Fehler!
Nichts in der Welt der Vampire lief in geordneten Bahnen, alles war Chaotisch
und unkoordiniert.
All diese Erkenntnisse und Bilder trafen ihn innerhalb weniger Sekunden.
Ein Geräusch schreckte Darius aus der Tiefe seiner Gedanken.
Schritte, er hörte eindeutig Schritte.
Leichte Schritte auf dem weichen Boden des Waldes.
Wer trieb sich um diese Zeit noch im Wald herum?
Er stand auf und drehte sich in die Richtung aus der er die Schritte vernahm.
Was er sah hatte er nicht erwartet.
Ein junges Mädchen mit einem Weidenkorb über dem Arm lief zwischen den
Sträuchern umher und kniete sich hier und da auf den Boden um verschiedene
Pflanzen zu betutachten.
Ihr langes Haar war rot und viel ihr in weichen locken über die Schultern. Ihre
Augen waren von einem unglaublich strahlenden grün und leuchteten selbst im
dunkel der Nacht.
Sie bemerkte ihn nicht und hielt einen kurzen Moment inne um ihre Schuhe
auszuziehen.
Barfuß lief sie weiter direkt in Darius' Richtung. Als ahnte sie plötzlich dass
sie nicht alleine war, hob sie den Blick und sah seine dunkle Silhouette direkt
vor sich.
"Entschuldigt, Mylady, wenn ich euch erschreckt habe"
Skeptisch sah sie ihn an und versuchte ihre Augen dazu zu bringen in der
Dunkelheit besser zu sehen.
"Was tut ihr hier um diese Uhrzeit? Wenn ich mir diese Frage erlauben darf?"
"Nichts bestimmtes und außerdem geht es Euch auch nichts an!"
Darius war überrascht über ihre entwaffnende Art.
"Verzeiht, ich wollte euch nicht zu nahe treten. Aber ich machte mir kurzzeitig
Sorgen darüber was eine junge schöne Frau um diese Zeit allein im Wald macht!"
"Die >schöne junge Frau< sucht um diese Zeit diverse Kräuter da dies am Tage zu
gefährlich wäre."
" Zu gefährlich, warum dies?"
"Verschließt ihr etwa die Augen vor dem was in der Welt geschieht? In unserem
Dorf ist die Hexen-Hysterie ausgebrochen. Alles was in irgendeiner Weise seltsam
scheint wird verfolgt und bestraft. Früher kamen die Menschen aus dem Dorf
reihenweise zu mir, da sie meine Salben und Tees zu schätzen wussten. Sie halfen
ihnen. Heute werden meine Mixturen als Teufelszeug verschrieen und man munkelt
schon zuviel über mich. Daher suche ich meine Zutaten bei Nacht. Aber warum
erzähle ich euch das bloß alles? Wer seid ihr? Ich habe euch noch nie bei uns im
Dorf gesehen?"
"Das kommt daher dass auch ich die Nacht mehr als nur schätze. Aber erzählt mir
mehr. Ist sie wirklich schon so schlimm geworden, die Hysterie?"
"Zu schlimm. Mehr als eine Frau hat in den letzten Monaten ihr Leben lassen
müssen.
Wie dumm die Menschen doch sind. Sie vergessen wer sie sind und zu welchem Zweck
sie geschaffen wurden. Aber ich muß nun gehen!"
"Darf ich euch ein Stück begleiten!"
"Woher soll ich wissen ob ich euch wirklich trauen kann?"
"Die Existenz wäre doch langweilig ohne etwas zu wagen oder?" Er lächelte sie
an.
"Da habt ihr nun auch wieder recht!"
Er begleitet sie diese Nacht sowie die darauf Folgende und entdeckte so einen
neuen Stern im Universum seiner Seele.
Sie stach aus der Masse der Menschen heraus wie eine seltene Pflanze so kostbar
und zerbrechlich. Für kurze Zeit ließ sie ihn vergessen was er war und vertrieb
die dunklen Gedanken die seine Seele damals noch verschleierten.
Nächtelang saßen sie am Flussufer und redeten über alles was sie beschäftigte,
sie lehrte ihn die Heilkraft der Pflanzen zu erkennen und zu nutzen und er
verriet ihr die Geheimnisse der Nacht.
Nie fragte sie danach woher er kam oder was er verbarg, sie war einfach damit
zufrieden bei ihm zu sein und jemandem vertrauen zu können.
Einmal sagte sie zu ihm: "Der Himmel muß mir jemanden wie dich geschickt haben,
doch wer bist du nur?"
Mehr nicht, dann lehnte sie ihren Kopf zurück an seine Schulter und schloß die
Augen.
Es war spät an diesem Abend als sie in die Stadt zurückkehrten und als Darius
sie zu ihrer Wohnung brachte brannte dort noch Licht und Geräusche drangen aus
dem Inneren.
Durch die Fenster sahen sie wie einige Dorfbewohner in Schränken und Schubladen
stöberten um Kräuter und Gewürze an sich zu nehmen.
Entsetzt sah Loraine ihn an.
"Was wollen die bloß?"
Mit diesen Worten wollte sie an ihm vorbeistürmen doch er hielt sie am Arm
zurück.
"Ich glaube das wäre nicht klug, meine Liebe."
Ohne sich zu sträuben folgte sie ihm einige Straßen weiter bis sie vor einem
etwas abseits gelegenen Haus ankamen, dessen Tür Darius öffnete.
Etwas unschlüssig trat Loraine ein.
"Du brauchst keine Angst zu haben, ich habe sicher nichts böses im Sinn. Aber es
wäre wirklich nicht klug gewesen in diese Szene hineinzuplatzen."
"Derartiges hatte ich auch nicht von Euch erwartet. Ich glaube nicht dass ihr zu
etwas Bösem im Stande seid!"
Ein Stich fuhr durch seine Brust.
"Wenn ihr wollt könnt ihr heute Nacht hier bleiben."
"Ich nehme euer Angebot gerne an."
Er führte sie in sein Schlafzimmer und verließ dieses dann um sich im Wohnzimmer
vor den Kamin zu setzen.
Seine Gedanken überschlugen sich wiedereinmal. War dies Liebe was er empfand und
wenn, welcher Wahnsinn trieb ihn zu diesem Gefühl.
Es würde früher oder später in einer Katastrophe enden, denn irgendwann würde
sie zwangsläufig anfangen Fragen zu stellen, zu denen sie auch jedes Recht
hatte, und er konnte seine wahre Natur nicht für immer vor ihr verbergen.
Ein Schrei aus seinem Schlafzimmer holte ihn aus seinen Gedanken zurück in die
Realität.
In wenigen Sekunden war er bei Loraine die sich in seinem Bett hin und her warf
und wild fantasierte.
Sacht fasste er sie an den Schultern und hielt sie fest.
"Loraine, wach auf...Loraine."
"Das Feuer...oh, Gott...." verstört schlug sie die Augen auf.
Weinend fiel sie ihm in die Arme und er hielt sie fest, verwundert über dieses
wiederentdeckte warme Gefühl das Besitz von seinem Körper ergriff.
Er nahm sie auf seine Arme und trug sie in sein Wohnzimmer und setzte sich mit
ihr vor den Kamin, da sie vor Kälte zitterte.
Behutsam strich er ihr eine wirre Haarsträhne aus der schweißnassen Stirn.
"Wovon hast du geträumt? Was hat dich so erschreckt."
"Es sind die Dorfbewohner die meine Sachen durchsuchten. Weißt du, alles scheint
sich zu wiederholen. Genau diese Szene sehe ich seit 12 Jahren in meinen
Gedanken. Sie durchsuchten das Zimmer meiner Mutter weil eine Nachbarin sie
beschuldigt hatte eine Hexe zu sein.
Wenige Tage später starb sie im Feuer. Von ihre habe ich alles gelernt was ich
weiß und ich musste zusehen wie sie... wie sie...." Sie konnte nicht
weitersprechen, denn ein Schluchzen erstickte ihre Stimme.
"Ist schon gut, schhh... ist schon gut!"
Es tat ihm weh ihre Geschichte zu hören, ihre Angst zu spüren und nichts dagegen
tun zu können.
"Das Leben ist nicht fair, es ist grausam und nimmt uns oft das was wir am
meisten lieben!
Aber unser Schicksal ist, uns damit abzufinden."
"Warum können nicht alle Menschen sein wie du?"
Ihre grünen Augen schienen direkt in seine Seele zu sehen.
"Heute Nacht kann dir nichts und niemand etwas anhaben. Du bist sicher bei mir."
Er wiegte sie sanft in seinen Armen.
"Bin ich das nicht immer?"
"Weißt du ich kann nicht jedem erlauben mir zu vertrauen."
Sie hob eine Hand an seine Wange.
"Manchmal verstehe ich dich einfach nicht.“
Er senkte seinen Blick.
„Was hast du. Wieder sehe ich diese unglaubliche Traurigkeit in Deinem Blick.
Ich weiß so wenig von dir und doch scheine ich dich besser zu kennen als je ein
menschliches Wesen zuvor.“
„Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht menschlich bin!“
Schon im selben Moment haßte er sich dafür dies gesagt zu haben.
Sie löste sich aus seinen Armen und drehte sich zu ihm um!
„Nicht menschlich, wie soll ich das verstehen!“
„Weißt du, seit vielen vielen Jahren, lebe ich auf diesem wundervollen kalten
Planeten, vielleicht schon zu lange. Doch seit etlichen Jahren, ist es nur noch
eine Existenz die ich führe, kein Leben mehr.“
Er nahm ihre Hand und legte sie sanft auf seine Brust.
Mit weitaufgerissenen Augen sah sie ihn an.
„Aber wie.... ist das möglich. Du sitzt vor mir, und doch spüre ich keinen
Herzschlag in Deiner Brust.
Was bist du bloß!“
„Die unserigen nenne sich Vampire, oder Untote. Eine Handvoll, verteilt auf der
ganzen Welt.
Ist dir denn nie aufgefallen, dass ich dich immer nur nachts traf?“
„Doch aber das war mir egal. Wieso erzählst du mir das alles. Willst du mir
Angst machen.
Vampire, ich keine ein paar alte Legenden über diese Geschöpfe, aber sie sollen
grausam, blutrünstig und kalt sein. Wie kannst du zu ihnen gehören. Du bist das
genaue Gegenteil von alledem!“
Sie war ein Stück von ihm weggerutscht um ihn mit ihren großen Augen eingehend
zu mustern.
Er hatte mit allem gerechnet, mit Entsetzen, Furcht oder Wut, doch nicht mit
ihrer grenzenlosen Neugier.
„Erzähl mir von Deinem Leben!“
„Meine Existenz währt nun seit 198 Jahren. Ich will dich nicht erschrecken, denn
was ich dir erzählen werde, ist nicht leicht zu begreifen oder gar zu
akzeptieren.“
„Aber ich will es erfahren!“
„Nun gut, doch zuerst will ich dass du weißt, dass dir von mir niemals Gefahr
drohte oder drohen wird. Niemals könnt ich dir etwas antun.“
Er stand auf zog sie auf die Füße und bedeutete ihr sich in den Sessel am Feuer
zu setzen.
Dann verließ er das Zimmer und kehrte wenige Sekunden später mit einer warmen
Decke zurück.
„Nicht dass du dich erkältest, meine Liebe!“
Sie lehnte sich zurück und schaute ihm erwartungsvoll in die Augen.
Dann begann er zu erzälen, davon wie er zu dem wurde was er, seit einer
schicksalhaften Nacht im Jahre 1512, war. Davon wie er lebte, und davon was er
von den Menschen hielt.
Und nur ab und an nickte Loraine.
Als er mit seiner Geschichte endete, graute draußen vor dem Fenster schon der
Morgen und nun war er ihr ausgeliefert.
Sie brauchte nur die Vorhänge aufzuziehen und schon würden die gierigen Strahlen
der Sonne seinen Körper zerfressen.
Ein langes Schweigen entstand und als Loraine aufstand sah er ihr nach. Von
ihrem Gesicht konnte er nicht ablesen was sie dachte.
„Nach allem was ich von dir erfahren habe, ist es jetzt Zeit für dich, dich vor
dem Sonnenlicht zu schützen. Oder?“
„Ja.“ Er lächelte.
„Dann tu das, ich muß ein wenig nachdenken über alles was ich eben gehört habe!“
„Aber natürlich. Und wenn du mich nicht wiedersehen willst, respektiere ich
Deine Entscheidung.
Es ist nicht leicht ein Wesen wie mich zu akzeptieren.“
Mit diesen Worten verschwand er.
Es war nicht fair, sich so vor ihr in Luft aufzulösen, doch er wollte nicht
hören was sie noch zu sagen hatte.
Für ihn war es schon schwer genug sich damit abzufinden, dass sie, wenn er
aufwachte, sicher nicht mehr in diesem Haus war.
Er hoffte nur dass sie sich vor den Dorfbewohnern in Acht nahm.
Eine böse Vorahnung ließ ihn schon viel zu früh am Abend erwachen.
Ohne auf seine eigene Sicherheit zu achten stürmte er aus seinem Versteck, im
Keller, nach oben und sah das Unheil.
Sein gemütliches Wohnzimmer war verwüstet, Holzsplitter, zerbrochene Kerzen und
Möbelstücke lagen überall herum.
Einige seiner Bücher lagen zu Asche verbrannt ihm Kamin und schwelten noch ein
wenig.
Die Eingangstür war aus ihren Angeln gerissen worden und der Geruch von Blut
stieg ihm in die Nase.
Angst.
Er ahnte was geschehen war.
Die Sonne war noch nicht vollends untergegangen und doch konnte er keine Minute
länger warten.
Der Schmerz der ihn traf, als er aus dem Haus trat, war so intensiv dass er
zurück in den Innenraum taumelte.
Seine Haut brannte und seine Augen waren vollkommen geblendet.
Es dauerte einige Minuten bis er sich erholt hatte.
In Eile stürmte er nach oben um einen dicken Ledermantel und einen
breitkrempigen schwarzen Hut überzuziehen.
Dann verließ er erneut das Haus, der Schmerz erfaßte ihn wieder, doch er
ignorierte ihn.
Er lief los, schneller als es für das menschliche Auge sichtbar ist, doch seine
Fähigkeit raubte ihm beim noch vorhandenen Sonnenlicht des sterbenden Tages,
viel Kraft.
Dann traf ihn ein Gefühl, doch nicht sein eigenes, sondern es war mehr ein
Gedanke der von Loraine ausging. Sie litt, litt unvorstellbar und er sah dass
sie sich auf einer Lichtung vor der Stadt befand.
Es war als sehe er durch ihre Augen.
Als er dort ankam schenkte ihm niemand der unzähligen Dorfbewohner Beachtung.
In der Mitte des Platzes war ein Scheiterhaufen errichtet worden und in dessen
Mitte stand gefesselt, Loraine!
Er konnte nicht glauben was er sah. Nie im Leben hatte er gedacht, dass die
Bewohner dieses Dorfes
noch dermaßen abergläubig und vorsintflutlich waren.
Ohne darauf zu achten wen oder was er zur Seite schleuderte, bahnte sich Darius
seinen Weg nach vorne zur
Mitte.
Als er den Scheiterhaufen erreichte, steckten vier Männer ihn gerade in Brand.
Das Holz fing schnell Feuer, zu schnell um es zu verhindern.
Loraines Hände waren hinter ihrem Rücken gefesselt und eine große Platzwunde am
Kopf sorgte dafür dass sie nicht richtig sehen konnte was um sie herum geschah.
Das Feuer hatte bereits Besitz vom Saum ihres Kleides genommen, als er sich in
die Luft schwang um sie zu befreien.
Sie hatte Schmerzen und schrie, die Hitze war unerträglich.
Er riß ihre Fesseln herunter und nahm sie auf seine Arme.
Das Feuer züngelte nach oben, als er sich erneut in die Luft schwang.
Gebannt beobachtete die Menge was sich vor ihren Augen abspielte. Einige Frauen
schrieen vor Entsetzen und die Männer machten sich bereit zum Angriff.
Ab und an konnte er Satzfetzen wie:“... der Teufel ist gekommen um seine Braut
zu retten....Hexe....Dämon..“ verstehen und diese Worte stachelten seine blinde
Wut nur noch mehr an.
Als seine Füße den Boden wieder berührten war er eingekesselt, von rund 20
Männern des Dorfes.
Sanft legte er die ohnmächtig gewordene Loraine auf den Boden und legte seinen
Mantel über sie.
Die unbändige Wut loderte erneut in ihm auf. Wut über die sinnlose
Zerstörungswut der Menschheit, und in diesem Moment fragte er sich, wer hier das
eigentliche Monster war.
Von allen Seiten kamen sie auf ihn zu und griffen ihn an.
Seine Augen funkelten und ließen erkennen, dass er kein Mitleid mit denen haben
würde die seine Loraine hatten töten wollten.
Er wusste nicht wie viele Menschen in dieser Nacht von seiner Hand den Tod
erfuhren, zu schrecklich wütete er unter ihnen, und die wenigen die überlebt
hatten ergriffen nach kurzer Zeit die Flucht.
Dann stand er plötzlich alleine auf dem einsamen Platz. Die Nacht hatte sich
mittlerweile vollkommen über das Land gesenkt und ein roter Mond schien auf ihn
herab.
Er drehte sich um und lief zurück zu Loraine.
Noch immer war sie nicht bei Bewusstsein und ihre Verletzungen waren verheerend.
Sie atmete schwer und als er ihr eine Hand auf die Stirn legte, fühlte er mit
grausamer Gewißheit, daß das Leben in ihr verlosch.
Als er sie in seine Arme schloß, und seine blutigen Tränen auf ihr Gesicht
fielen, öffnete sie die Augen.
„Darius? Bin ich tot? Ich wollte dich so gerne noch einmal wiedersehen... oh, du
bist verletzt. Ich habe dir doch noch soviel zu sagen...!“ Soviel Sorge in ihrem
Blick.
„Dazu werden wir noch viel Zeit haben, mon coeur! Viel Zeit...“
„Nein... nein, das haben wir nicht. Das weiß ich, ich spüre es. Ich hatte einige
Stunden Zeit zum Nachdenken....
bevor..,“ ein heftiger Hustenanfall schüttelte ihren Körper.
Tränen traten in ihre Augen.
„Alles wiederholt sich... weißt du, jetzt kann ich nachfühlen wie meine Mutter
gelitten hat.“
„Du darfst dich nicht so aufregen, daß tut dir jetzt nicht gut...“
Krampfhaft versuchte er seine Stimme ruhig zu halten, sie zu trösten und zu
beruhigen, doch das Zittern seiner Stimme ließ sich nicht vollkommen unter
Kontrolle bringen.
„Alles was du mir erzählt hast, ist so fantastisch, so unglaublich, und doch las
ich in Deinen Augen daß alles genau so geschehen ist... du bist was du bist, und
doch bist du derjenige dem ich vertrauen kann, ein so gütiges Wesen, wie ich es
nie zuvor kannte. Du kannst nicht schlecht sein, und wie gerne wäre ich bei dir
geblieben, solange es mir vergönnt gewesen wäre.... wenn du mich hättest haben
wollen.“
„Wie kannst du nur daran zweifeln? Du bist mir das Wichtigste und Liebste auf
diesem kalten Planeten geworden.“
Schmerz, so unglaublicher Schmerz sie zu verlieren.
„Vielleicht mußte es so kommen, du mein dunkler Engel begleitest mich auf meiner
letzten Reise. Wie wünsche ich mir daß du mit mir gehen könntest!“
„Wir werden fortgehen, weg von diesem verhaßten Ort, der in dir nur schlimme
Erinnerungen weckt.
Ich kann dich nicht sterben lassen, es bringt mich um, das zuzulassen.“
„Aber es ist unumgänglich, sicher war es mein Schicksal, meiner Mutter zu
folgen. Ich habe keine Angst, eine wage Vorahnung wächst in mir. Ich weiß fast
was mich erwartet. Es ist warm und ehrlich, Angst gibt es nicht und es ist nicht
für alle Ewigkeit.
„Nein, ich weigere mich das zu akzeptieren, hör mir zu, es gibt eine
Möglichkeit....!“
Sie schnitt ihm das Wort ab: „Zu werden was du bist?! Ich weiß, aber ich kann
nicht.
Die Unsterblichkeit macht mir Angst, ich könnte so nicht leben, es würde mich
zerstören.“
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Das Leben schwand schnell.
„Aber....“
Sanft legte sie ihre Hand auf seine Wange und wischte die blutigen Tränen fort.
„Laß mich gehen...immer werde ich bei dir sein....“
Stille!
Ihre Hand fiel zurück in ihren Schoß, sie war fort. Gegangen für immer, ein so
kostbares Geschöpf, dem es nicht vergönnt gewesen war länger auf der Erde zu
weilen.
Sein Herz, oder daß was sich an der Stelle befand wo früher sein Herz gewesen
sein mußte, schien bersten zu wollen, unter der Last der unglaublichen
Traurigkeit, die auf ihn einstürmte.
„Nein, NEIN.... N E I N !!!!”
Sein Schrei zeriß die Nacht und die Dunkelheit um ihn herum schien in tausend
Teile zu zersplittern.
Roter Nebel verschleierte seinen Geist, als er sie sanft auf seine Arme hob und
mir ihr fortging.
Zurück zu dem Platz an dem er ihr zu ersten mal begegnet war.
Dort sollte sie begraben sein, sie die durch den grenzenlosen Unverstand der
Menschen starb, ausgelöscht, arglos wie eine Kerze vom Wind.
Ohne noch einmal in sein Haus zurückzukehren verließ er die Stadt und kehrte nie
mehr dorthin zurück.
Die Rotorblätter eines Hubschraubers holten seine Gedanken zurück in das 21.
Jahrhundert.
Zurück in sein modernes Wohnzimmer in seiner sicheren Festung ganz am Rande der
Stadt.
Was war heute abend bloß los mit ihm?
Solch melancholische Gedanken suchten ihn mehr als selten heim, doch wenn sie es
taten, dann handelten sie immer von seiner viel zu kurzen Zeit mit Loraine.
Etwas hatte sich verändert, doch noch kann er nicht feststellen was es war.
Dann hörte er es, Schritte auf seinem Grundstück, in Richtung seiner
Eingangstür.
Kurz darauf ein hektisches Klingeln.
Neugierig zu erfahren wer sich wohl zu so später Stunde zu seiner Haustür
verirrte, stand er auf um zu öffnen.
Als er die Tür öffnete, sah er sich der Silhouette eines jungen Mädchens
gegenüber.
Eingehüllt in einen langen schwarzen Mantel mit Kapuze.
„Bitte, Monsieur helfen sie mir!“ stammelte sie in schlechtem Französisch.
Sein Blick ruhte auf ihr während sie die Kapuze zurückschlug und nichts hätte
ihn auf diesen Anblick vorbereiten können: „Loraine?“
......
von Elisabeth Salzmann