Nun saß er schon die dritte Nacht vor dem Computer und die wenigen Zeilen, die
als Ausbeute da standen, starrten ihn an.
Er kam einfach mit seiner Geschichte nicht weiter. Die Geräusche welche tagsüber
ablenkten hatte er ausgeschaltet, indem er nachts schrieb. Auch die angenehme
Kühle der Nacht verleitete dazu, besonders in diesen Tagen mit fast tropischen
Temperaturen.
Doch die letzten zwei Nächte waren angefüllt mit Raunen und Flüstern, mit
Geräuschen die von draußen in den Raum drangen. Manchmal schien es ihm als wären
Menschen auf seiner Terrasse, so daß er nach draußen ging und lauschte. Er hatte
dann einen wunderbaren Überblick über die Lichter der Stadt und sah die
Kirchtürme schemenhaft in einiger Entfernung in die Höhe ragen und den Himmel,
der sie umgab in hellerem Licht. Doch es war niemand zu sehen. Nur eine leichte,
angenehme Brise berührte ihn und ließ sein Haar in die Stirne fallen.
Nach einer Zigarette, deren Stummel er dann in die Nacht schnippte, ging er
wieder hinein und setzte sich an den Schreibtisch. Er bog seinen Kopf zurück und
blickte an die Decke. Um seine Gedanken zu sammeln.
Der weiße dünne Vorhang, der zur Hälfte die Türe bedeckte, wurde plötzlich in
den Raum geweht und eine leichte Brise von draußen verfing sich in ihm. Der
Stoff bauschte sich auf und legte sich über den Bildschirm. Er griff danach und
spürte zu seinem Erstaunen eine Hand die sich um die seine legte und einen
leichten Druck ausübte.
Er stand auf und ließ sich von dieser Hand um den Schreibtisch herumführen und
verfing sich in den Vorhang. Es war wie die Umarmung eines weichen Körpers. Und
es war ein weiblicher Körper, weich und anschmiegsam, angenehm kühl in dieser
heißen Sommernacht.
„Komm, tanze mit mir!“ Raunte ihm eine kehlige, etwas rauhe Stimme ins Ohr und
sie ließ sich umfassen und ihr schweres Parfum stieg in seine Nase und
explodierte in seinem Kopf. Er war wie benommen. Plötzlich erschien es ihm
wunderbar, so schwerelos durch die Türe hinaus in die dunkle Nacht zu gleiten.
Ihr langes Haar flog ein wenig durch die Drehung und verdeckte seine Augen.
Nun bemerkte er auch die Anderen auf der Terrasse, sie lösten sich aus den
Schatten beim Abluftsystem und dem Abgang zur Treppe und dem Liftschacht, sie
bewegten sich im Mondlicht und wogten hin und her.
Also hatte er sich doch nicht getäuscht, als er glaubte Stimmen und Raunen von
draußen gehört zu haben.
Noch immer hielt er dieses leichte Geschöpf in seinen Armen, spürte den Druck
ihres Körpers, sah in tiefe grün schillernde, schwarz umrandeten Augen, die
voller Versprechen waren.
Ihre Lippen war halb geöffnet und schienen wie eine blutrote Rosenknospe im
morgendlichen Sonnenlicht. Es schien als wären sie waren glänzend, vom Tau des
Morgens. Er hatte nur den einen Wunsch, diese Lippen zu berühren, den Tau davon
in sich aufzunehmen. Als er ihren Atem spürte, war es bereits zu spät um noch
zurückzuweichen. Ihrer beiden Lippen berührten sich und er spürte, wie sich
alles drehte und er in einen tiefen Tunnel fiel, der sich spiralförmig nach
unten bewegte und um ihn herum drehten sich Wirbel aus weißen Schleiern, und ein
tosender Wasserfall, blutrot gefärbt umgab ihn.
Sie löste sich von seinem Mund und grub ihre Lippen in seinen Hals. Das
Versenken ihrer Zähne darin empfand er als einen lustvollen Schmerz, der nach
dem ersten Aufbäumen zu totaler Ermattung führte. Er glaubte mit ihr ein Körper
zu sein, aufgehend in ihr, unlösbar verbunden. Um sie beide herum tanzten
inzwischen weiterhin diese seltsamen, dunklen Gestalten und es schien ihm
Totentanz und Hochzeitstanz zugleich zu sein.
Wie lange diese, die Sinne erregende Begegnung nun gedauert hatte war im
nachhinein nicht mehr feststellbar. Doch als er erwachte, lag er am Boden der
Terrasse, die zu seinem Atelier führte. Die hinter den Dächern zaghaft
aufgehende Sonne mit ihren wärmenden Strahlen hatte ihn geweckt und tat in
seinen Augen weh. Er stand völlig benommen auf und taumelte mehr als er ging
wieder in sein Atelier zurück. Er war völlig erschöpft, er wollte nur schlafen
und zog die Vorhänge zu.
Den ganzen Tag über verfiel er in einen tiefen Schlaf, in seinen Träumen kamen
schemenhaft dunkle Gestalten vor, die um ihn tanzten, ihn berührten. Immer, wenn
er glaubte in den Armen einer der weiblichen Gestalten zu liegen, verspürte er
ein ziehendes, angenehmes Gefühl in seinem Innersten..
Nach dem Untergang der Sonne öffnete er die Türe zur Terrasse und atmete tief
die kühlere Nachtluft ein und trat erwartungsvoll hinaus. Es hatte sich nichts
verändert. Hatte er nur geträumt? Wo waren die Gestalten geblieben, die aus dem
Schatten hervortraten, die um ihn tanzten, wo war dieser wunderbare weiche
weibliche Körper der sich an ihn schmiegte? Seine Finger berührten seinen Hals
und er verspürte dort verwundert einen kleinen Schmerz.
Enttäuscht ging er wieder hinein und setzte sich an den Schreibtisch um seine
Arbeit fortzusetzen. Und plötzlich flogen seine Finger über die Tasten, das
Geschriebene nahm Gestalt an und mühelos konnte er alle seine Gedanken zu Papier
bringen.
Sein Inneres war plötzlich reich und weit, aufnahmefähig, verständnisvoll und
ausdrucksstark.
Er wußte nicht, wie lange er wie in Trance geschrieben hatte, als er aufhorchte.
Die Nacht war schon fortgeschritten und der Mond stand klar und deutlich am
Himmel.
Da waren sie wieder, diese Geräusche, dieses Wispern, diese heimlichen
Bewegungen auf der Terrasse. Er stand auf und ging hinaus.
Es umfing ihm wieder, diese Schleier, diese Gestalten, diese Berührungen, wie
eine Brise des Windes. Er reihte sich ein in diesen Kreis, fühlte sich leicht
und unbeschwert.
Befand er sich gerade eben auf einem der anderen Dächer? Oder flog er dem Mond
entgegen?
War er schwerelos?
All diese Fragen schwirrten durch seinen Kopf und er ließ sich vom Licht des
Mondes und seinen Gefühlen und Empfindungen hinauftragen in den dunklen Himmel.
Am Morgen fand er sich, wieder liegend auf der Terrasse, völlig ermattet aber
glücklich.
Sollte dies nun seine Bestimmung sein, zwischen Traum und Wirklichkeit, Tag und
Nacht, in aller Ewigkeit die Welten zu wechseln?