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Vampir Geschichten
Kurzgeschichten über die
Nachtwesen |
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Das Elixier |
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Zenobia
Meine Geschichte unterscheidet sich ein wenig von den üblichen
Wiedergeburtserfahrungen der anderen Unsterblichen.
Ich bin ein Vampir, aber mich hat keiner der Unsrigen geschaffen.
Meine Unsterblichkeit begann in einem menschlichen Labor.
Inzwischen lebe ich in Freiheit, wie alle meiner Art. Ihnen habe ich diese
Freiheit auch zu verdanken.
Nun, ich wollte erzählen, wie es dazu kam.
Doch zuerst möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Jason. Ich bin
fünfunddreißig und seit sieben Jahren ein Wesen der Nacht.
In unseren Kreisen gelte ich also, als einer der Jungen. Ab einem Jahrhundert
werde ich dann zu den Durchschnittsvampiren gehören. Das heißt, die Meisten sind
zwischen hundert und fünfhundert Jahre alt. Danach beginnt die Klasse der Alten,
die bis tausend geht und die Krönung sind die über Tausendjährigen. Wir nennen
sie die Götter.
Soviel zu unserer Gesellschaftshierarchie.
Geldsorgen ließen mich damals auf eine Anzeige in der Zeitung antworten. Ich war
schon länger arbeitslos gewesen und wusste mir anders nicht mehr zu helfen.
In der Anzeige stand etwas über medizinische Experimente. Die hohe Prämie war
sehr verlockend für mich , so dass ich keine Skrupel hatte , meinen Körper zur
Verfügung zu stellen.
Sofort rief ich die Nummer an , die unter der Anzeige stand. Eine freundliche
Frauenstimme meldete sich und vereinbarte einen Termin mit mir, in irgendeiner
Arztpraxis.
Ich bekam nur die Adresse, nicht den Namen des Arztes, mitgeteilt.
Ich erschien also zu diesem Infogespräch und wurde auch gleich untersucht.
Danach gab mir der Arzt eine Dose Pillen und sagte, ich solle fünf davon vor dem
Schlafengehen einnehmen.
Was ich nicht wusste war, dass es sich um ein starkes Betäubungsmittel handelte.
Als ich nachts dann besinnungslos im Bett lag, wurde ich entführt.
Dementsprechend groß, war mein Schock, als ich in einer sterilen, weißgrauen
Zelle aufwachte.
Ich hatte keine Ahnung, wo ich war und es kam auch niemand. Während des Wartens
inspizierte ich kurz mein Gefängnis.
Eine Pritsche mit einer Decke darauf, in einer Ecke die Toilette und an der
gegenüberliegenden Wand ein Waschbecken, war die spartanische Einrichtung.
Nach scheinbar endloser Zeit, öffnete sich endlich die Tür und ein grauhaariger
Mann im weißen Kittel kam herein.
Er erklärte mir, da ich mich ja freiwillig gemeldet hätte, müsste ich während
der Dauer des Experimentes, hier bleiben. Alles wäre “top secret”. Es dürfte
überhaupt nichts nach außen dringen.
Das leuchtete mir ein und ich war ein wenig beruhigter, da meine Gefangenschaft
nur begrenzt war. Natürlich wusste ich nichts über den Zeitplan der Versuche.
Ich schlief einigermaßen, aber ich war neugierig zu erfahren, was morgen
geschehen würde.
Ziemlich früh, ich hatte ja keine Uhr, kamen eine blonde Ärztin und dieser Arzt
von gestern in meine Zelle.
Sie baten mich mitzukommen und führten mich durch einige Flure in ein
Behandlungszimmer.
Dort untersuchte mich die Ärztin ausführlich und nahm mir auch Blut ab. Danach
ließ sie mich warten. Ich setzte mich auf die Untersuchungsliege und betrachtete
einige Geräte, die im Raum standen und deren Zweck ich nicht kannte.
Endlich kehrte sie mit meinen Ergebnissen zurück und sagte, dass ich geeignet
für das Experiment wäre.
Sie legte mir noch einen Metallring mit blinkenden Lichtern ums Handgelenk und
begleitete mich zu einer anderen Zelle. Die lag in einem noch schärfer bewachten
Bereich.
Wir passierten eine Tür, vor der sie einen Code eingeben und ihre Handfläche
scannen lassen musste.
In der neuen Zelle wartete mein Frühstück, über das ich mich hungrig hermachte.
Hier herrschte kein Tageslicht, weswegen ich mich an den Mahlzeiten orientierte,
die ich bekam.
Nach dem Abendessen erlosch schon bald das Licht und ich legte mich schlafen.
Irgendwann weckte mich ein leises Knurren. Es drang aus einer Ecke, aber schien
weiter entfernt zu sein, als die Abmessungen meiner Zelle es zuließen.
Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen in die stockdunkle Finsternis, um etwas
erkennen zu können. Nur Schwärze vor meinen Augen und die Knurrlaute näherten
sich.
Auf einmal gefror mir fast das Blut in den Adern, als ich ein glimmendes
Augenpaar auftauchen sah.
Was war das? Ein Traum? Ganz und gar nicht!
Etwas sprang mich plötzlich an, drückte mich mit gewaltiger Kraft auf meine
Pritsche, so dass ich kaum noch Luft bekam und ein stechender Schmerz in meine
Brust fuhr.
„ Meine Rippen!“, dachte ich, aber es wurde noch schlimmer, denn dieses Wesen
schlug mir seine Zähne in die Kehle, dass die nächste Schmerzwelle durch mein
Hirn fuhr.
Verzweifelt schlug ich danach, meine Fäuste trafen harte, nackte Muskeln und ich
erkannte, dass es der Körper eines Mannes war.
Dieses Ding zog seine Zähne aus meinem Fleisch und presste dann seine kühle
Zunge und Lippen an die Wunde. Ein ungeheurer Druck entstand an der Stelle und
ich meinte, meine Haut würde sich vom Fleisch lösen, um in dem Etwas zu
verschwinden.
Der Schmerz verstärkte sich noch, als es zu saugen begann. Ich hörte das
Rauschen meines Blutes in seinem Rachen. Immer noch wehrte ich mich gegen dieses
Wesen, obwohl ich mich unter seinem Gewicht, kaum bewegen konnte. Es hielt meine
Handgelenke umklammert, so wand ich mich nur ein wenig hin und her. Dabei spürte
ich brettharte Brustmuskeln an meinem Oberkörper reiben.
Dann schlich sich Taubheit in meine Arme und Beine. Mein Körper erschlaffte
regelrecht und leise Musik ertönte in meinen Ohren. Farbkreise tanzten vor
meinen Augen und der Schmerz war wie weggeblasen.
Die Umklammerung des Wesens lockerte sich, aber der unangenehme Druck an der
Wunde blieb. Ich versuchte mich nochmals zu wehren, aber ich konnte meine
Glieder nicht bewegen.
Auf einmal ließ mich ein gellender Schrei und grelles Licht zusammenzucken. Mein
Verstand war zwar umnebelt, aber ich sah schemenhaft, wie sich ein Arzt über
mich beugte. Er stach mir die Nadel einer Spritze in den Arm, die eine
dunkelrote Flüssigkeit enthielt.
Als ich mein Gesicht dem Geschehen zuwandte, erblickte ich einen jungen, nackten
Mann an der Wand kauern, der sein Gesicht schützend mit blutbefleckten Armen
verbarg und zitterte.
War er es gewesen?
Gewissheit bekam ich, als er aufsah und den Arzt mit blutverschmierten,
gefletschten Raubtierzähnen anknurrte.
<<Vampir!>>, schoss mir durch den Kopf.
Ich lag noch im Licht des Scheinwerfers, spürte die Wärme auf der Haut
Dann wurde es abermals dunkel.
Nachdem das Licht erloschen war, fühlte ich kurze Zeit später wieder die Zähne
an meiner Kehle.
Ich verlor das Bewusstsein.
Als ich aufwachte, befand ich mich in einem kleinen Raum, dessen Wände nur aus
Glas bestanden.
War das mit dem Vampir nur ein Traum gewesen?
Mein Kopf war vollkommen klar, aber vorsichtshalber tastete ich meine Kehle ab.
Erleichtert stellte ich fest, dass sie unversehrt war.
Diesmal hatte meine Zelle gar keine Einrichtung mehr und ich trug auch nur noch
eine weiße Short am Leib.
Was passierte hier mit mir?
Ein leises Pochen erreichte meine Ohren und ich hörte Stimmen. Angestrengt
lauschte ich und erkannte sich nähernde Männerstimmen.
Schritte hallten auf dem Flur und dazwischen dieses Pochen. Es hörte sich, wie
Herzschläge an.
Dann betraten einige Ärzte den Raum.
Mit dem Öffnen der Tür wurde das Pochen lauter und ein undefinierbarer Geruch
stieg mir in die Nase.
Sie blieben an einer der Scheiben stehen, redeten und sahen mich an. Sie
musterten mich regelrecht.
Einer meinte:“ Scheint perfekt geklappt zu haben. Wir haben die Verwandlung
genau verfolgt und dokumentiert. Sehr interessant!“
Unter die akustische Stimme, mischte sich noch etwas anderes:<<...so einfach
einen neuen Vampir zu erschaffen. Sein Blut wird ein Vermögen einbringen.>>
Ich blickte in ihre Gesichter, die ich im Halbdunkel sehr gut erkennen konnte.
Darin las ich keine Gefühle. Sie sahen mich als Tier, als Bestie, redeten über
mich, wie wenn ich keinen Verstand mehr hätte.
Das Einzige was sie interessierte, war mein Blut!
Mein unsterbliches Blut sollte ihnen Ruhm und Reichtum bringen.
Ironie des Schicksals!
Jetzt würden die Menschen den Vampiren das Blut aussaugen.
Aus ihren Gedanken erfuhr ich, was letzte Nacht geschehen war.
Sie hatten mich neben dem Gefängnis eines Vampirs eingesperrt und als ich
schlief, die Trennwand hochgefahren, damit er über mich herfällt.
Mit einem UV-Strahler vertrieben sie ihn im richtigen Moment von meiner Kehle,
um mir sein Blut zu spritzen. Diesen Moment verriet ihnen das Metallband, das
ich nun nicht mehr trug. Es hatte meine Körperfunktionen, Puls und Blutdruck
übermittelt. So wussten sie, wann ich dem Tod nahe war.
Ich war ein Vampir. Wahnsinn!
Dies sollte allerdings die letzte Nacht im Labor sein, in der ich mich frei
bewegen konnte. Irgendwann fühlte ich eine zunehmende Schwere in meinen
Gliedern. Ich konnte mich kaum noch rühren und auf einmal fielen mir die Augen
zu.
Mit Metallringen an Armen und Beinen festgeschnallt, erwachte ich auf einer Art
Tisch. Ein Ring legte sich noch um meine Taille und einer sogar um meinen Hals.
Daher konnte ich mich nur wenig umsehen.
Ich schielte an mir herunter und sah überall durchsichtige Schläuche in meiner
Haut stecken.
Jeweils einer in jeder Armbeuge, den Handgelenken, den Oberschenkeln, den Waden
und einen im Hals.
Sie steckten in meinen Hauptarterien und ich sollte bald erfahren zu was sie
dienten.
Ein leichtes Zerren ging durch meinen Körper, ähnlich einem Krampf. Ich bekam
Angst, was wohl mit mir los war.
Als Vampir hatte man doch keine Gebrechen.
Da vernahm ich Geräusche hinter der Wand, wohin die Schläuche führten.
Herzschläge ertönten und jemand atmete entspannt, wie im Schlaf.
Meine Muskeln spannten sich plötzlich an und mir entwich ein Knurren. Ich
lauschte unwillkürlich auf den Puls nebenan, der immer eindringlicher wurde.
Er schwoll in meinem Kopf zu einem Dröhnen an, worauf ich nicht mehr Herr über
mich war.
Ich wand mich knurrend, wie ein Hund, in meinen Fesseln und fühlte eine starke
Unruhe in mir. Etwas ergriff Besitz von meinem Verstand.
„ Mach schon! Sonst reißt er sich noch los.“, hörte ich.
„ Ganz schön hungrig, der Bursche.“, sagte ein anderer.
Nach einer Ewigkeit, so erschien es mir, füllten sich die Schläuche mit Blut,
das sie in meine Adern leiteten.
Als es in mich floss, befiel mich Hitze und mein Leib begann zu pulsieren. Ich
spürte, wie die Wärme sich in mir ausbreitete und mein Herz zu schlagen begann.
Das war alles sehr erregend.
Ich wusste plötzlich, dass nebenan ein betäubter Sterblicher lag, genauso
präpariert wie ich und ich sein lebendes Blut bekam, bis er leergepumpt war.
Dieser Rausch, der sich nun einstellte, war wundervoll. Ich schwelgte im Glück,
doch das dauerte nicht lange.
Mein Atem beruhigte sich und mein Herz erstarb nach kurzer Zeit.
Nun war ich voller Energie. Am liebsten wäre ich aufgesprungen, um meine Kräfte
zu testen, aber ich war zur Bewegungslosigkeit verdammt.
Ich zerrte an den Fesseln, aber nichts tat sich.
Wie stark war ich überhaupt?
Ich schielte hinter mich und sah eine Anzeigetafel an der Wand. Mich
interessierten die Zahlen darauf.
40
180 90
0
6,2
Was hatte das zu bedeuten?
Am nächsten Abend hatten sich die Zahlen verändert. Die Blutpumpe setzte wieder
ein, doch diesmal wurde mir Blut entzogen. Tiefrot kroch es durch die Schläuche
in die Wand.
Ich blickte hinter mich und beobachtete die Zahlen.
Bei 25°C Körpertemperatur, einem Blutdruck von 70 zu 40, keinem Puls und 3 Liter
Blut stoppte es. Soviel hatte ich begriffen.
Nun spürte ich den Hunger wieder, doch erst am nächsten Abend bekam ich frischen
Lebenssaft.
Das war nun mein Schicksal.
Ich war eine Umwandlungsmaschine für die Forscher.
Sie benötigten meinen Körper, um normales Blut in ein Elixier zu verwandeln, das
die Jugend zurückbrachte und hoffentlich alle Krankheiten heilen konnte.
Ich diente dem Traum der Menschen nach Unsterblichkeit.
In den langen Nächten belauschte ich diese Wissenschaftler und bekam mit, dass
sie mein Blut, Krebspatienten im Endstadium spritzten.
Die anderen Teilnehmer des Experiments, waren nach einiger Zeit, ebenfalls
Vampire und wurden so gemolken, wie ich.
Alle waren unserem „Vater“ zum Fraß vorgeworfen worden.
Ich spürte ihre Schwingungen.
Eines Nachts empfing ich plötzlich Bilder in meinem Kopf.
Ich befand mich wieder in so einer Glaszelle, war nackt und so ein Forscherteam
beobachtete mich von einem Pult aus.
Mir wurde klar, dass es unser Stammhalter war, der da angestarrt wurde.
Wie war er überhaupt hierher geraten?
Die Übertragung hatte aufgehört, aber nach einer Weile, fragte jemand:<< Wer
bist du?>>
Ich blickte mich um, so gut es ging und horchte, aber es war niemand hier.
Die Stimme ertönte abermals:<< Kannst du mich hören?>>
<< Ja.>>, dachte ich.
Der andere sprach weiter:<< Wir können unsere Gedanken übertragen. Dann
belauschen uns die Sterblichen nicht. Wer bist du?>>
Ich konzentrierte mich auf den anderen:<< Ich bin Jason. Und du?>>
<< Martin. Ich bin noch ziemlich jung, knapp sechzig. Sonst wäre ich schon
längst nicht mehr hier. Ich bin zu schwach um zu entkommen.>>
Ich wurde neugierig:<< Wie ist das überhaupt passiert?>>
Er antwortete:<< Jäger. Es gibt noch Vereinzelte. Sie haben irgendwie meine
Alarmanlage geknackt und mich im Schlaf abtransportiert. Als ich aufwachte,
befand ich mich schon hier. Eine Million Dollar habe ich meinen Entführern
gebracht. Klar, dass sie mich nicht in ein Häufchen Asche verwandelt haben.>>
Ich wusste, dass unsere Spezies im Schlaf nichts mitbekam.
Am Geruch, der abends noch in meinem Zimmer hing, bemerkte ich, dass tagsüber
jemand hier gewesen war, um die Schläuche und Geräte zu überprüfen.
Seit der ersten Nacht nach meiner Verwandlung, hatte ich nie wieder jemanden zu
Gesicht bekommen.
In den endlosen, regungslosen Nächten, erzählte Martin von seinem bisherigen
Leben.
Er kam ursprünglich aus London und lebte schon über dreißig Jahre in Los Angeles
mit seiner über fünfhundertjährigen Partnerin.
Es gab wohl sehr viele von uns, so wie er erzählte.
Zumindest in den Großstädten.
Das war alles sehr interessant.
Ich malte mir ein Leben in Freiheit aus. Wie ich es gestalten würde und
natürlich das Jagen.
Ich würde zu gern erfahren, wie es wäre, direkt von einem Menschen zu trinken.
Sicher noch erregender, als die Bluttransfusionen.
Meine körperlichen Veränderungen würde ich auch gern im Spiegel betrachten.
Ich spürte nur meine längeren Eckzähne, wenn ich mit der Zunge darüber strich.
Dieser geistige Kontakt mit Martin, vertrieb mir wenigstens die Langeweile. Für
unsere Gespräche lebte ich und für das Blut.
Ich wartete jedes Mal hungrig darauf.
Jede zweite Nacht wurde ich damit vollgepumpt.
Zum Glück schadete das bewegungslose Liegen meinem unsterblichen Körper nicht.
Ich bekam keine offenen Stellen, oder Krämpfe, wie Menschen und meine Muskeln
schwanden nicht.
Das war wohl mein einziger Trost, dass ich keinen Schmerz fühlte.
Die Einstichstellen der Kanülen mussten nicht mal gepflegt werden.
Bei mir konnte sich nichts entzünden. Auch musste ich nicht zur Toilette, wurde
nicht krank.
Ich konnte theoretisch ewig in diesem Zustand bleiben.
Perfekt für die Pläne der Forscher.
Ich wurde, wie ein Ding behandelt. Wie ein gefühlloses Wesen, das nur die Gier
nach Blut kannte.
Martin erging es ebenso.
Er konnte sich in seiner Zelle, zwar frei bewegen, musste aber für Versuche
herhalten. Er demonstrierte den Wissenschaftlern auch immer wieder aufs Neue,
wie blutrünstig wir doch waren, wenn er ein Opfer bekam.
Alle vier Nächte brachten sie einen Verbrecher aus den Todeszellen hierher und
sie gierten richtig danach, diesem Schauspiel beiwohnen zu dürfen.
Da wollten plötzlich alle Nachtdienst schieben.
Soviel zu unserer Monströsität.
Martin erzählte mir, dass er es draußen ganz anders machte und auch nicht so
lange fastete, weshalb er dann auch nicht die Kontrolle über sich verlor.
Sein bester Freund könnte dem hier wiederstehen.
Er war um vieles älter und sehr stark.
Martin hoffte, dass er ihn bald fand.
Dazu schickte er pausenlos seinen stummen Ruf hinaus, in der Hoffnung Antonio
würde ihn irgendwann hören.
Heute weiß ich erst, wie entwürdigend dieses Dasein wirklich gewesen war.
Die Nächte verstrichen und ich wünschte mir immer mehr den endgültigen Tod.
Ich hatte keine Hoffnung auf Freiheit mehr.
In meiner Verzweiflung lauschte ich intensiv, was um mich herum geschah. Doch
der Puls der Wissenschaftler quälte mich nur.
Ich schrie meinen Frust heraus und wand mich so heftig in den Stahlringen, dass
ein Schlauch am Arm hinausglitt und ich meine Haut an den Fesseln aufscheuerte.
Ich fühlte ein Kribbeln an den verletzten Stellen.
Tatsächlich öffnete sich die Tür.
Da erfuhr ich, was Schmerz für unsere Art bedeutet.
Etwas Glühendheißes traf mich am Bauch und ich schrie erbärmlich auf. Die Stelle
brannte wie die Hölle.
„Sei still, oder du bekommst noch mehr.“, sagte einer der Forscher zu mir.
„Rühr dich ja nicht, bis ich die Kanüle wieder eingeführt habe. Ich brenn dir
deine Mätzchen schon noch aus.“
Ich konnte vor Schmerz kaum denken, stöhnte und seine Anwesenheit quälte mich
noch mehr.
Ich hatte plötzlich schrecklichen Hunger und zog grollend meine Lippe hoch. Mehr
wagte ich nicht, aus panischer Angst vor dem UV-Licht.
Mein Knurren unterdrückte ich so gut es ging und er grinste mich nur höhnisch
an.
„Na, jetzt würdest du mich am liebsten zerfleischen, aber ich sitze am längeren
Hebel. Von wegen mächtige Geschöpfe. Hätte nicht gedacht, dass es so einfach mit
euch wäre.“
Vorsichtig näherten sich seine Hände meinem Arm.
Auch, wenn er so cool tat, hatte er mächtigen Schiss. Seine Finger zitterten und
schwitzten, als er mir den Schlauch wieder einführte.
Als er mich anfasste, waren seine Finger so heiß.
Ich bewegte mich, woraufhin er zurückschreckte und raunte:“ Ich warne dich, du
Teufel. Das nächste Mal ist dein Gesicht dran.“
Die Infusion saß schließlich und er ging.
Nun war ich mit meinem brennenden Schmerz und meinem Durst allein.
An Martin trauten sie sich für Untersuchungen auch nur im Schlaf heran.
Die Heilung meiner Verbrennung dauerte bestimmt zwei Wochen.
Das wollte ich auf keinen Fall ein zweites Mal erleben. Also, war ich still und
ertrug mein Schicksal.
An einem Abend nach dem Erwachen, spürte ich auf einmal helle Aufregung im
Labor.
Ich hörte Schreie, Geschepper und Knistern von Strom.
Meine vampirischen Sinne registrierten mehrere fremde Artgenossen.
Die Vibrationen der Gefangenen kannte ich bereits.
War das die Erlösung, oder würden sie uns vernichten, wie die Sterblichen?
Meine Tür wurde aufgerissen und ich erkannte zwei Gestalten mit schimmernden
Augen, die ins Zimmer blickten.
Einer von ihnen trat an meinen Tisch heran und begann die Stahlfesseln
wegzureißen, als wären es Lederriemen.
Der andere verschwand wieder.
Dieser Unsterbliche, der mir nun Schläuche aus dem Fleisch zog, hatte
dunkelbraunes, langes Haar und musterte meinen Körper.
Dann sagte er:“ Du bist noch zu schwach für die Flucht. Matthew bringt dir was.
Solange kannst du von mir trinken.“
Ich richtete meinen Oberkörper langsam auf und wunderte mich, dass meine Glieder
nicht steif vom langen Liegen waren.
Der Dunkelhaarige streckte mir jetzt die Unterseite seines Armes hin.
Ich war total unsicher, wusste ja nicht mal, wie man Blut saugte.
Er nickte nur, riss sich mit geübtem Biss, das Handgelenk auf und hielt es mir
unter die Nase.
Sein Blut quoll dunkel aus der Wunde, das ich nun ableckte und begann es
einzusaugen.
Sofort erfasste mich Erregung und Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf.
Ich sah zwei Frauen, eine mit blonden, langen Haaren und eine mit schwarzen, im
Labor stehen. Um sie herum nur Zerstörung und Leichen.
Ich hörte den Namen „Antonio“.
Dann sah ich Wolkenkratzer aus der Luft, eine beleuchtete Großstadt unter mir
und als ich in die Ferne blickte, erkannte ich die weißen Letter „HOLLYWOOD“ am
Berg kleben.
Der Vampir, dessen Blut ich trank, war dieser mächtige Freund, von dem Martin
erzählt hatte.
Auf einmal entriss mir Antonio seinen Arm. Benebelt sah ich den blonden Matthew
im Raum stehen. Er hielt einen der Forscher umklammert und sagte:“ Der ist für
dich!“
Nun würde ich zum ersten Mal wirklich Blut trinken.
Ich wurde ganz nervös, betrachtete den Menschen, der sich verzweifelt in
Matthews Armen wand.
Er beschmiss uns mit Beschimpfungen. Dinge, wie „erbärmliche Kreaturen, Monster“
u.s.w.
Ich erkannte meinen Peiniger in ihm und meine Rachegelüste erwachten.
Matthew leckte genüsslich über den Hals des Mannes, lächelte teuflisch und
meinte:„ Nicht übel!“
Nun schritt ich langsam auf den Sterblichen zu, konzentrierte mich unbewusst auf
seinen Puls.
Er hatte fürchterliche Angst, ich konnte es spüren.
Die Gier ballte sich in meinem Bauch zusammen und ein leises Grollen entwich
meiner Kehle.
Sein Geruch verstärkte meinen Hunger.
Schließlich war ich ihm so nahe, dass ich seine Körperwärme auf der Haut fühlen
konnte.
Sein Gejammer nahm ich nur am Rande wahr, denn mein Hauptaugenmerk, war sein
klopfender Herzschlag.
Als meine Finger seine heiße Halshaut berührten, zuckte er zusammen und mir
stach seine pochende Ader darunter, ins Auge.
Matthew bog seinen Kopf zur Seite und hielt ihn fest.
Meine Muskeln spannten sich an, wie jedes Mal vor der Transfusion und ich schlug
plötzlich meine Zähne tief in sein Fleisch.
Ich fühlte das Verkrampfen seines Körpers, aber dann galt meine Aufmerksamkeit
dem heißen Blut, das in meinen Rachen spritzte.
Zuerst lief mir das Meiste aus den Mundwinkeln wieder heraus, weil ich trank,
wie zuvor bei Antonio.
Ich merkte schnell, dass ich gar nichts tun musste.
Mit jedem Schlag seines Herzens, kam mir ein Schwall entgegen.
Die Hitze, die mich erfasste, war viel heftiger, als sie bei der Blutübertragung
gewesen war.
Ich brannte innerlich, mein Körper bebte und es sollte nie aufhören.
Doch nach kurzer Zeit starb er bereits und ich musste stärker an seinem Hals
saugen.
Es floss nur noch sehr wenig und ich ließ ab.
Matthew sah mit stärker schimmernden Augen in meine:“ Willst du nicht mehr?“
Es klang wie:“ Kann ich den Rest haben?“
Mein Futterneid erwachte und ich knurrte ihn mit zurückgezogenen Lippen an. Ich
riss den leblosen Leib an mich und der Blonde trat zurück, wobei er
beschwichtigend die Hände hob.
Mein Instinkt wusste, was zu tun war.
Ich versenkte noch einmal die Zähne tiefer in den Hals meines Opfers, riss das
Fleisch weiter auf und sog das restliche Blut in mich hinein.
Antonio sagte daraufhin:“ Also, gehen wir. Ich werde dich nachher tragen, denn
fliegen kannst du ja nicht.“
„ Fliegen, wirklich?“, fragte ich erstaunt.
Die Beiden lachten.
Als wir durch die Gänge schritten, lagen überall Tote mit aufgerissenen Kehlen
herum und vieles der Einrichtung war zerstört.
Die Lampen flackerten und ich sah noch so einen Raum mit einem
Transfusionstisch.
Antonio erklärte:“ Die anderen vier sind ebenfalls befreit.“
Ich nickte und steuerte auf eine offenstehende Tür zu, hinter der ich einen
andersartigen Tisch erkannte.
Matthew und Antonio folgten mir.
Auf der Glasfläche dieses Tisches, waren die Umrisse eines Körpers aufgezeichnet
und er hatte auch diese Metallfesseln für die Gliedmaßen.
Ich betrachtete den überhängenden Teil und begriff, dass das ein Scanner war.
An einer Wand befanden sich viele Bildschirme, doch die meisten waren
ausgeschaltet.
Einige zeigten noch ein Bild.
Vermutlich der letzte Scan.
Ein Körper, innere Organe, Bilder vom Skelett.
„ So sehen wir also von innen aus.“, meinte ich zu den anderen.
Matthew zog die Augenbrauen zusammen und kam näher, besah sich die Bilder.
Antonio blieb stehen:“ Ich zerstöre sie. Geht zur Seite!“
Ich wandte mich zu ihm um:“ Warte! Ich will es anschauen.“
„ Wir haben keine Zeit für so was. Geh schon weg!“
Daraufhin explodierten die intakten Schirme und ein Feuer brach aus.
Immerhin hatte ich noch gesehen, dass ich nur noch Adern im Bauch hatte, anstatt
des Darms.
Antonio meinte zu mir:“ Es darf nichts über uns zurückbleiben. Keine Beweise für
unsere Existenz. Verstehst du?“
„ Ja, ich versteh schon.“
Matthew nickte nur dazu.
Wir entschwanden durch einen Luftschacht ins Freie.
Da sah ich erst, in was ich festgehalten worden war.
Ein Militärstützpunkt, mitten in der Wüste.
Antonio trug mich durch die Luft, auf einen Felsen hinauf.
Dort warteten die restlichen Befreiten und die beiden Frauen.
Wir alle sahen hinunter auf den schicksalhaften Ort, aus dem nun die Flammen
schlugen.
Die blonde Frau mit der sehr starken Aura verkündete:“ Wir haben alles Blut
vernichtet. Jetzt haben sie nichts mehr von uns.“
Antonio erwiderte:“ Gut. Dann wäre das erledigt.“
Endlich stand ich meinem Stammvater gegenüber. Martin war groß, muskulös und
hatte schwarzes, kurzes Haar.
Die schwarzhaarige Frau umarmte und küsste ihn. Sie war wohl seine Freundin.
Ich stellte fest, dass sie alle attraktiv waren.
Umso neugieriger wurde ich auf mein Aussehen.
Auf jeden Fall hatte ich mehr Muskeln, als früher, keinen Rettungsring mehr und
eine zarte, samtige Haut.
Die Blonde ermahnte zur Eile, denn der Morgen nahte.
Antonio packte plötzlich mein Handgelenk und zog mich in den Himmel hinauf. Ich
versank in einem Sturm.
Von Antonio lernte ich in den nächsten Nächten, wie man allein in unserer Welt
überlebte.
Das ist gar nicht so einfach, wie die Menschen immer denken.
Die wichtigste Lektion war das Jagen!
Jeder hat seine eigenen Vorlieben und Antonios war der Überraschungsangriff.
Er kreiste, wie ein Raubvogel über seinem Revier. Hatte er ein passendes Opfer
erspäht, stürzte er sich hinab und zog es mit in die Luft.
Fremde Reviere waren für mich tabu, wollte ich kein Duell provozieren. Wildern
nahmen die jeweiligen Besitzer sehr übel.
Mein Lehrmeister erzählte mir, dass nur die Sonne uns vernichten könnte und nach
tausend Jahren, nicht mal mehr das.
Sogar ein abgetrennter Kopf wuchs wieder an, wie auch alle anderen Gliedmaßen.
Falls wir ein Körperteil ganz verlieren, können wir es durch ein sterbliches
ersetzen. Das altert allerdings und muss erneuert werden.
Diese Dinge waren sehr interessant für mich.
Mein Äußeres hat mich übrigens wirklich erfreut, als ich mich das erste Mal im
Spiegel betrachtete.
Meine dunkelblonden Haare schimmerten und meine blau-grünen Augen ebenfalls.
Mein Körper schien gut durchtrainiert und nirgends hatte ich Körperhaare, außer
zwischen den Beinen.
Dass ich noch zu körperlicher Liebe fähig war, hatte ich schon im Labor geahnt.
Da bekam ich jedes Mal nach den Transfusionen, eine Erektion.
Inzwischen lebe ich auf dem Land in einem kleinen Haus in der Nähe eines
Highways und komme gut allein zurecht. Er bringt viele Fremde in die Gegend, die
niemand so schnell vermisst.
Der Vorteil ist, dass ich als junger, schwacher Unsterblicher ein eigenes Revier
haben kann.
Die Großstädte sind schon unter den Alten aufgeteilt.
Ab und zu zieht es mich nach L.A.
Ich werde Antonio und seinen Gefährten ewig dankbar sein und wenn ich dort bin,
darf ich auch in seinem Revier auf Jagd gehen.
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