Meine Fantasie wird auf eine harte Probe gestellt. Seit einem Monat nun wohnt
gegenüber in dem alten Haus jemand.
Man sieht es an den Lichtern, die am Abend angehen, daran, daß der Mistkübel an
der Hintertüre wieder voll ist und hin und wieder aus dem Kamin Rauch aufsteigt.
Bei Tage ist das Haus scheinbar unbewohnt. Keinerlei Aktivitäten sind
auszumachen. Die Vorhänge im ganzen Hause sind immer zugezogen.
Nur abends kommen manchmal Besucher. Sie läuten einmal kurz, dann geht die Türe
auf und sie huschen hinein. Man hört keine Begrüßung, alles geht völlig
geräuschlos vor sich.
Doch immer wieder gehen auch die Lichter rückwärts im Glashaus an. Der
Vorbesitzer war Gärtner und züchtete dort Orchideen. Es sind dann Schatten zu
sehen, die vorbei gleiten, die dann ruhig stehen bleiben und sich wieder
bewegen. Dann geht das Licht dort plötzlich wieder aus, doch geheimnisvolle
Schatten ziehen an den verschmutzten Glasscheiben vorbei.
Manchmal liegt in der Luft so ein Surren, dann wieder leise Musik wie von
einigen Geigen. Doch die Melodien sind eher tragend und melancholisch. Meine
Überlegungen gehen dahin, daß es sich vielleicht um einen Geheimbund handelt.
Oder um eine Glaubens-Sekte. Aber dafür gibt es keinerlei Hinweise, das heißt,
es gibt überhaupt nichts.
In der Zwischenzeit hat sich mein Lebensrhythmus verändert. Bei Tag werfe ich
nur hin und wieder einen Blick hinüber in das alte Haus. Abends, wenn die
Dämmerung hereinbricht, dann sitze ich am Fenster und beobachte es. Ich
registriere jede Bewegung der Vorhänge, wann wo das Licht angeht, jeden
Besucher, der das Haus betritt.
Auch das Verhältnis zu meinem Verleger hat die Situation wesentlich beeinflußt,
da ich mit der Ablieferung meiner Artikel bereits in Terminnot gekommen bin. Bei
Tag muß ich den versäumten Schlaf teilweise nachholen, den ich in der Nacht
versäume. Ich konnte ihn nur beruhigen, indem ich ihm eine tolle Story
versprochen habe.
Aber, wo bleibt nur das Material für diese Story?
Gestern bin ich am Fenster vor Müdigkeit eingeschlafen und erst im Morgengrauen
wieder aufgewacht. Da konnte ich sehen, wie zwei dunkel gekleidete Gestalten das
Haus eilig verließen und in meinem Halbschlaf schien es mir, als ob sie sich in
der Dämmerung verlieren und über den Bäumen verschwinden.
Ich habe mich entschlossen, heute abend einmal auch dort hinüber zu gehen,
allerdings nicht von vorne in das Haus einzudringen, sondern es über das
Glashaus zu versuchen.
Voller Ungeduld erwartete ich den Abend und endlich, es war soweit. Ich konnte
sehen, daß bereits bis zu sechs Personen das Haus betreten haben und auch im
Glashaus einige Bewegung war.
Leise verließ ich das Haus durch die Küchentüre und eilte hinüber. Der Zaun war
schon seit vielen Jahren fast nicht mehr vorhanden und keiner hatte sich die
Mühe gemacht in wieder zu richten.
Nun stand ich da und versuchte mit der flachen Hand eine der Scheiben soweit vom
Staub und Schmutz zu befreien, daß man rein sehen konnte.
Es raubte mir den Atem. Es befanden sich mindestens zwanzig Leute in diesem
Raum. Sie standen herum und unterhielten sich angeregt. Doch sie waren alle
ungewöhnlich gekleidet. Die Männer hatten weiße Hemden mit Spitzenkrägen und
Spitzenmanschetten an, lange schwarze Umhänge mit weiten Ärmeln und manche
hatten auch schwarze Hüte auf dem Kopf. Eine Frau unter all den anderen Frauen
fiel mir besonders auf. Sie hatte lange schwarze Haare, das ihr in dichten
Locken auf die Schulter fiel, ihre Haut war Alabaster farbig und auch ihre Augen
waren schwarz und groß. Ein dichter Wimpernkranz umrandete sie, ihr Blick war
traurig, aber sehr aufmerksam. Sie lehnte an einer Orchideenrispe und schien mit
ihr zu verschmelzen. Sie war nicht so blaß, wie all die anderen, auch ihre
Kleidung schien sich zu unterscheiden. Sie mußte direkt aus einer
Abendgesellschaft hierher gekommen sein.
Hinter ihr stand ein Mann, der ihr etwas ins Ohr flüsterte und dabei seine Hände
auf ihrem Körper auf und ab gleiten ließ. Seine Mund war dabei so nahe an ihrem
Ohr, daß sicher niemand hören konnte, was er flüsterte. Sie senkte den Blick und
eine sanfte Röte färbte ihre Wangen.
Ich konnte meinen Blick nicht von ihr wenden. Ihr biegsamer Körper, ihre zarten
Schultern, all das erweckte in diesem Moment in mir ein ungeheures Verlangen,
sofort das Glashaus zu betreten und sie aus der Umarmung dieses Mannes zu
reißen. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen.
Es waren auch andere Pärchen zu sehen, doch waren sie alle irgendwie im Einklang
mit einander, die Kleidung, das blasse Aussehen und die eleganten Bewegungen.
Da wurde ich wieder auf das Pärchen bei den Orchideen aufmerksam, ich merkte
einige heftige Bewegungen des schönen Mädchens. Sie drehte sich um, hob den
linken Arm, wie zur Abwehr, hielt jedoch plötzlich in der Bewegung inne und
erstarrte. Ich sah von draußen, wie der Mann hinter ihr seinen Mund ihren Hals
näherte und dann seine großen Eckzähne darin versenkte. Er hielt sie fest mit
einem Arm um die Taille und schien sie nie mehr loslassen zu wollen. Sie
erstarrte und ließ beide Arme sinken, die dann wie leblos links und rechts von
ihrem Körper herabhingen. Sie zuckte nur ein paar mal, dann hielt sie still.
Entsetzen stieg in mir hoch, ich bekam einen Krampf in der Magengegend. Ich war
soeben Zeuge geworden, wie sich ein Vampir ein Menschenkind holte und es
erbarmungslos aussaugte.
Mit einem Schlag war die gesamte Gesellschaft in ihrer Bewegung verharrt und
alle starrten zu den beiden hinüber. Ich konnte in ihren Augen die nackte Gier
erkennen. Sie bewegten die Oberkörper in einem bestimmten Rhythmus hin und her.
Es schien nie zu enden, er hatte seinen Mund noch immer an ihrem Hals und sie
war noch immer bewegungslos. Mit einem lauten Schrei zerschlug ich die
Glasscheibe und stürzte mich in das Glashaus.
Erschrocken drehten sich alle um und starrten mich an. Sie bildeten sofort einen
Halbkreis um die beiden und ihre Blicke wurden drohend. Sie streckten alle die
Hände nach mir aus. Ich mußte immer wieder zurückweichen.
Während dessen standen die beiden noch immer dort. Doch der Mann hatte nun von
dem weißen Mädchenhals abgelassen und seinen Kopf erhoben. Sein Arm ließ sie los
und sie stürzte zu Boden. Er starrte mich feindselig an.
Da öffnete sich der menschliche Halbkreis, sodaß ich das Mädchen nun sehen
konnte. Sie lag bewegungslos da und schien ohnmächtig zu sein.
Ohne zu überlegen stieß ich zwei der Gestalten zur Seite und eilte zu ihr hin.
Ich sank in die Knie und nahm ihren Kopf in meinen Arm und hob ihn auf. Sie
hatte die Augen geschlossen, ihr Kopf fiel zur Seite, sodaß ich ihren Hals sehen
konnte. Es waren zwei Tiefe Wunden zu sehen, aus denen noch zwei Blutstropfen
austraten. Ich wischte sie mit meinem Taschentuch ab. Ich versuchte auf sie
einzureden und sah, daß sich ihre Lippen leicht bewegten. Ihre Brust hob und
senkte sich, sie atmete tief. Ich senkte mein Gesicht zu ihrem hin, um sie
besser verstehen zu können.
Und in diesem Augenblick geschah es. Sie stieß einen schrecklichen, gurgelnden
Laut aus und ihr Mund öffnete sich ganz und ich konnte ihre großen Eckzähne
sehen. Es war zu spät um ihr zu entkommen. Sie vergrub ihre beiden Zähne in
meinen Hals.
Der Halbkreis schloß sich wieder, aber diesmal blickten die dunklen Gestalten
nach innen, in den Kreis und beobachteten nun uns beide.
Sie hatte mich zu ihr hinab gezogen, ich spürte ihren heftigen Atem, ich roch
ihr wunderbares Haar, ich spürte den weichen Körper, wie er sich hob und senkte.
Der Schmerz an meinem Hals war kaum spürbar. Ich fühlte mich immer leichter und
leichter, bis sie endlich von mir abließ.
Plötzlich löste sich der Kreis um uns auf und die dunklen Gestalten begannen die
Blumen im Glashaus abzupflücken und über uns zu streuen. Sie halfen uns beiden
dann aufzustehen und einer nach dem anderen gab mir und ihr die Hand, sie
lächelten uns an und im Nu waren wir in ihrem Kreis integriert und wurden von
einem zum anderen weitergereicht. Doch mein Blick blieb nur an ihrem hängen und
sie hatte ein kleines Lächeln den Augenwinkeln, das nur für mich war.
Wir trafen uns ab nun täglich im Glashaus, wir tanzten in all den Nächten, wir
berührten uns und in Vollmondnächten war es immer wieder ein Fest, wenn neue
Menschen zu uns stießen, die wir in unsere Gemeinschaft aufnehmen konnten.
Mein Leben hatte sich von Grund auf geändert. Ich schrieb nur mehr nachts.
Manchmal saß sie zu meinen Füßen und hatte den Kopf auf meinen Knien, manchmal
erschienen auch einige dieser seltsamen Gestalten aus dem Glashaus und raunten
mir Geschichten zu.
Mein Verleger war wieder zufrieden mit mir.
Die angekündigte Story hat er nicht bekommen.
Was hätte ich ihm sagen sollen? Ich bin jetzt ein Vampir? Er hätte mir nicht
geglaubt und mich gefeuert.
Er brauchte auch keine Angst zu haben, daß ich eines Tages sterben werde und er
keine Artikel mehr bekommt. Ich werde noch schreiben, da wird er schon längst
nicht mehr sein.