Mit wackeligen Beinen schleppte sie sich weiter die Straße entlang. Sie
zitterten am ganzen Leib und hielt sich verkrampft an der Hauswand fest, um
nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Nach einigen weiteren Schritten blieb sie schließlich schwer atmend und nach
vorn gebeugt stehen, hielt sich verzweifelt an der Hauswand fest und presste
fest die Augenlider zusammen. Alles drehte sich um sie und die starken
Nebelschleier verschlechterten ihre Sichtverhältnisse zunehmend. Ihre Kleidung
tropfte bereits und klebte fest an ihrer kalten Haut. Mit zittrigen Fingern rieb
sie sich über beide Augen, die immer mehr zu schmerzen begannen, je mehr sie
versuchte, in der herrschenden Dunkelheit durch die Regenschleier zu blicken.
Was war nur geschehen? Sie wusste es nicht mehr.
Das letzte, woran sie sich erinnerte, war ein junger Mann gewesen, der sie auf
dem Nachhauseweg überfallen, in eine der unbeleuchteten, stockdunklen Gassen
gezerrt und angegriffen hatte.
Sie musste bewusstlos geworden sein, denn als sie die Augen wieder öffnete,
hatte sie mit halb zerfetzter Kleidung und blutend dagelegen.
Prüfend führte sie ihre Hand vorsichtig rechts zu ihrem Hals. Als sie die Hand
wieder zurückzog, klebte frisches, hellrotes Blut daran. Sie wusste nicht, was
der fremde Mann mit ihr gemacht hatte. Ihr Körper war plötzlich schlapp,
zitterte und quälte sie mit ruckartigen Krämpfen und einem nie gekannten Hunger.
Das Schwindelgefühl schien noch einmal zuzunehmen, sodass ihre Knie schließlich
nachgaben und sie haltlos nach vorn fiel. In ihrem linken Bein explodierte
plötzlich ein heiß brennender Schmerz, als sie auf den harten Asphalt stürzte
und sich die Haut abschürfte.
Schwer atmend stützte sie sich auf dem Boden ab und versuchte, wieder auf die
Beine zu kommen, doch es gelang ihr nicht.
Ihre Beine fühlten sich taub an und sie war unendlich schwach.
Plötzlich bemerkte sie aus den Augenwinkeln einen hoch gewachsenen, schwarzen
Schemen, der mit schnellen Schritten an ihr vorbei eile, mit einem Mal stehen
blieb und sie musterte.
Ängstlich presste sie sich an die raue, kalte Wand, als er mit langsamen
Schritten auf sie zukam und sich zu ihr herunterbeugte.
Sie konnte sein Gesicht nur vage erkennen, ein junger Mann Anfang dreißig, mit
schwarzen, strubbeligen Haaren und dunklen, eindeutig besorgt wirkenden Augen.
Dennoch presste sie sich weiter an die Wand in ihrem Rücken und starrten den
jungen Mann panisch an.
„Kann ich ihnen helfen?“ Seine Stimme klang dunkel und angenehm und erweckte ein
sachtes Vertrauen in ihr, sodass sie schließlich dankbar lächelte und die Hand
des Mannes ergriff. Er zog sie mit einer unglaublichen Stärke auf die Beine und
legte seinen Arm um ihre Schultern, als sie drohte, wieder hinzufallen.
„Wie heißt du?“, fragte er schließlich, stützte sie und zog sie sicher und mit
langsamen Schritten weiter.
„Malina.“, flüsterte sie schwach und versuchte krampfhaft, den Boden vor ihren
Füßen nicht doppelt zu sehen. Ihr fiel nicht einmal auf, dass der Mann sie
plötzlich duzte, vielmehr spürte sie plötzlich, wie die nahende Bewusstlosigkeit
mit eisigen Krallen nach ihr zu greifen und sie mit sich zu reißen versuchte.
Sie kam nur noch einige Schritte weit, ehe ihr Körper endgültig der beinahe
schon erlösenden Bewusstlosigkeit nachgab und sie kraftlos in den Armen des
fremden Mannes zusammenbrach.
Als Malina die Augen wieder öffnete, lag sie auf einem riesigen Doppelbett in
einem fremden Zimmer. Vorsichtig setzte sie sich auf, wobei ihr Kopf mit einem
erbosten Schmerz reagierte, der sich nur langsam wieder zurückzog.
Neugierig blickte sich Malina um. Das Zimmer war recht groß, jedoch nur spärlich
eingerichtet und die wenigen Fenster wurden von schweren Vorhängen verdeckt,
sodass es sehr dunkel war. Außer dem großen Bett, das beinahe ein Drittel des
Zimmers einnahm, befanden sich nur noch eine große, altmodische Schrankwand und
eine kleine Sitzecke mit einem Glastisch in dem Zimmer.
Im selben Augenblick klopfte es höflich an die Tür und der junge Mann trat mit
einem erfreuten Lächeln ein.
Er eilte neben sie und reichte ihr einen Becher mit einer dunkelroten
Flüssigkeit. Malina nahm den Becher zwar dankbar an, trank jedoch nicht sofort
davon.
„Wo bin ich?“
„Du bist bei mir zu Hause. Du hast zwei Nächte lang geschlafen. Geht es dir
etwas besser?“, fragte er freundlich und musterte sie besorgt.
„Ja. Ich weiß auch nicht, was mit mir los war.“, antwortete sie mit einer
glockenklaren Stimme, die den attraktiven jungen Mann vor ihr sofort in ihren
Bann zu ziehen schien und lächelte schüchtern.
„Das kann ich dir erklären.“, antwortete er, nahm dann einen der Stühle von der
kleinen Sitzecke und ließ sich mit einem leisen Seufzen neben ihrem Bett nieder.
„Du bist fast verhungert. Du kannst froh sein, dass ich dich zufällig gefunden
habe, es war schon sehr spät.“
„Verhungert? So schnell?“, fragte sie ungläubig und dachte nach. Sie hatte noch
auf der Arbeit etwas gegessen, etwa fünf Stunden, bevor sie überfallen wurde.
Gut, sie hatte schrecklichen Hunger gehabt, der sich jetzt, wo sie einmal darauf
aufmerksam gemacht wurde, wieder zurückmeldete, aber gleich fast verhungert?
Der Mann nickte bekräftigend und mit ernstem Gesichtsausdruck, legte dann seine
Hände an ihre Wange und drückte ihren Kopf vorsichtig zur Seite. Ein heißer
Schmerz stach von ihrem Hals bis in ihren Kopf hinein, sodass sie schmerzerfüllt
stöhnte und die Augen zusammenpresste.
„Entschuldige. Deine Wunde blutet immer noch ein wenig, du solltest schnell
etwas trinken.“, antwortete er und strich ihr vorsichtig über den Verband um
ihren Hals, den sie erst jetzt überhaupt bemerkte.
Er ließ ihren Kopf schließlich los, lächelte aufmunternd und deutete auf den
Becher in ihren Händen. Malina warf einen kurzen Blick auf die rote Flüssigkeit
und blickte ihn dann fragend an.
„Was ist das?“
In den freundlichen Augen des Mannes veränderte sich etwas, fast, als würden sie
unmerklich dunkler werden. Er wirkte mit einem Mal… alarmiert?
„Trink einen Schluck, es wird dir gut tun. Und dann erzähl mir, was gestern
passiert ist.“
Malina nickte verwirrt und trank tatsächlich einen großen Schluck des seltsamen
Getränks. Es schmeckte süßlich und war noch warm und es erweckte den Hunger in
Malina, sodass sie schließlich den gesamten Becher in einem Zug leerte. Seltsam,
die Wärme des Getränks schien sich in ihrem gesamten Körper zu verteilen und sie
spürte, wie es sie wieder mit Kraft erfüllte.
„Ich war auf dem Weg nach Hause, von der Arbeit. An einer der dunklen
Seitenstraßen tauchte plötzlich ein Mann auf, zerrte mich in die Gosse und…“,
begann sie, brach dann jedoch ab und lächelte hilflos. Sie wusste nicht, was
danach geschehen war.
„Du erinnerst dich nicht mehr?“, hakte der Mann vorsichtig nach und schien nicht
überrascht, als sie nickte. Scheinbar hatte er nichts anderes erwartet.
„Ich kann mir denken, was er mit dir gemacht hat. Versuche mir bitte bis zum
Ende zuzuhören.“ Er wartete auf Malinas zustimmendes Nicken, ehe er weiter
sprach.
„Der Mann, der dich angefallen hat, war ein Vampir. Er hat dein Blut getrunken
und dich danach verwandelt und zurückgelassen. Es war ein Glück, dass ich dich
gefunden habe, Malina. Die Sonne wäre bald aufgegangen und hätte dich sofort
getötet, so schwach wie du warst.“
Malinas Gedanken kreisten wild umher. Vampir? Und sie sollte jetzt auch einer
sein?
„Ein…Vampir?“, flüsterte Malina verwirrt, aber zugleich spürte sie, wie tief in
ihr ein nicht gekanntes Wissen war, das plötzlich mit einer Intensität in ihr
Bewusstsein drang, die sie nicht mehr leugnen konnte. Sie wusste plötzlich, dass
der junge Mann die Wahrheit sprach und sie nun ebenfalls ein Geschöpf der Nacht
war, auch, wenn es ihr schwer fiel, sich damit abzufinden.
„Ja. Ich bin auch einer. Nur deswegen bin ich auch stehen geblieben. Ich hatte
bereits gejagt, deswegen habe ich dich nicht beachtet. Aber ich habe gespürt,
dass du einer von uns bist und Hilfe brauchst. Komm, es ist Mitternacht. Ich
werde dir zeigen, wie man jagt.“, antwortete er und hielt ihr die Hand hin.
Malina nickte, stand auf und ließ sich von ihm durch die Tür auf einen langen
Gang führen. Überall an den Wänden hingen alte Bilder und Porträts von
verschiedenen Leuten, die allesamt altmodische, jedoch teure Kleidung trugen. Am
Ende des Ganges hing nur noch ein einziges Porträt, das eines jungen Mannes mit
schwarzem Haar und dunklen Augen.
Malina blieb interessiert stehen, ebenso wie der junge Mann.
„Das bist du, oder?“, fragte sie vorsichtig und warf einen Blick auf das goldene
Schild unter dem Bild, auf dem in schwarzen Lettern der Name Graf Wilhelm stand.
„Ja, das bin ich. Aber nenn mich einfach Will, ich mag meinen vollen Namen
nicht. Dieses Schloss ist schon seit Jahrhunderten im Besitz meiner Familie.
Offiziell lebe ich als mein eigener Ururenkel weiter, obwohl ich bereits 290
Jahre alt bin...“, antwortete Will lachend und deutete dann auf die gewundene
Treppe vor ihnen.
Malina hielt weiter fest seine Hand und blickte sich neugierig in dem Schloss
um. Die Einrichtung war altmodisch, nur dann und wann verlor sich ein neueres
Mobiliar in der sonstigen Antiquitätensammlung. Allein das, was sie während
ihres Weges die Treppe hinunter und durch eine riesige Halle zu dem Portal zu
sehen bekam, bewies ihr, dass es sich wirklich um ein großes Schloss handeln
musste. Allerdings fragte sie sich, wie es möglich war, dass sie es bisher noch
nie gesehen hatte.
Sie lebte in einer kleineren Stadt, war hier aufgewachsen und kannte sich selbst
in den Nebenstraßen bestens aus. Als Will das Portal öffnete, wurde ihr bewusst,
warum sie von diesem Schloss noch nie etwas gehört hatte. Es befand sich
inmitten eines dichten und riesig erscheinenden Waldes.
„Das ist der Wald etwas abseits der Stadt, in der du gelebt hast. Man hat zwar
einen weiten Weg in die Stadt, aber man lebt hier ruhig und für sich. Auch, wenn
es manchmal sehr einsam ist.“, sagte Will erklärend und deutete dann nach
draußen.
Malina folgte ihm nickend, blieb allerdings stehen, als auch Will wieder stehen
blieb.
Er warf ihr einen seltsamen Blick zu und legte seinen Arm um ihre Taille, um sie
fest an sich zu ziehen.
Noch bevor sie die Gelegenheit nutzen und ihn fragen konnte, was er vorhatte,
befand sie sich bereits in der Luft, langsam auf dem Weg nach oben und
anschließend in Richtung der Stadt, deren wenige Lichter sie am Horizont
entdecken konnte.
Sie presste sich erschrocken gegen Will und starrte beunruhigt auf die hohen
Baumwipfel, ehe sie sich langsam an das Fliegen gewöhnte, und sich nun
interessiert die Welt unter ihnen betrachtete.
„Wir können Fliegen?“, fragte sie schließlich und blickte Will an, der sie
scheinbar die ganze Zeit beobachtet hatte und nun beinahe beschämt
zusammenzuckte.
„Ja. Aber man braucht einige Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, um diese
Fähigkeit zu erlernen.“
Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück – was gerade einmal wenige
Minuten waren.
Sie landeten auf eben jener Straße, auf der Will sie vor zwei Tagen gefunden
hatte. Es dauerte mindestens noch eine weitere halbe Stunde und endlose Straßen,
ehe sie ein junges Pärchen vor sich entdeckten.
Will erklärte ihr, wie sie sich schnell und unsichtbar in den Schatten bewegen
konnte und wie sie ihre Fähigkeiten einsetzen konnte, um mit den Menschen zu
spielen und sie dazu zu bringen, nicht zu schreien.
„Es ist wie eine hypnotische Wirkung. Du musst ihnen tief in die Augen blicken
und dich dann langsam auf sie zu bewegen. So bekommen sie nicht einmal mehr mit,
was mit ihnen geschieht. Am besten nimmst du die Halsschlagader, die Haut ist
dort dünner. Deine Eckzähne wachsen von alleine, wenn du auf der Jagd bist.“,
beendete er und Malina nickte nachdenklich.
Sie folgten dem Pärchen währenddessen in großem Abstand und warteten, bis sie
sich verabschiedeten und jeder einen anderen Weg nahm.
Will bedeutete ihr, zunächst dem Mann zu folgen und den Abstand zu ihm langsam
zu verkürzen. Er wollte ihr zeigen, wie es ging, bevor sie es selbst bei der
Frau versuchen konnte.
Als sie nah genug an dem Mann waren und er in eine unbeleuchtete Seitenstraße
bog, trennte Will sich von ihr und schien mit den Schatten zu verschmelzen. Im
nächsten Augenblick stand er bereits direkt vor dem Mann, der erschrocken stehen
blieb und den jungen Mann anstarrte.
Malina beobachtete mit größer werdendem Interesse und einem tiefen Verlangen,
das sie noch nie zuvor gespürt hatte, wie Will den Mann in seinen Bann zog,
schließlich auf ihn zutrat und seine Zähne in den Hals des Mannes rammte.
Sie trat langsam auf Will und sein Opfer zu und als sie die beiden schließlich
erreichte, lag der Mann tot am Boden und Will leckte die restlichen Blutstropfen
von seinen Lippen.
„So. Jetzt versuchst du es.“, sagte er mit einem Zwickern und einem breiten
Lächeln, bei dem Malina seine Zähne sehen und beobachten konnte, wie die
Eckzähne jetzt, wo er seinen Hunger gestillt hatte, langsam zurückgingen.
Sie nahmen den anderen Weg, den die Frau gegangen war und erreichten sie nur
einige Minuten später. Sie lief langsam und beobachtete ihre Umgebung genau, als
würde sie spüren, dass etwas passieren würde.
Während Will zurückblieb, huschte Malina auf die Frau zu und war selbst
überrascht, wie schnell sie war. Bereits im nächsten Augenblick tauchte sie
direkt aus den Schatten vor ihr auf und starrte sie an, so, wie Will es ihr
erklärt hatte.
Es schien tatsächlich zu funktionieren, denn das Erschrecken in den Augen der
Frau ließ langsam nach und sie stand ruhig und beinahe schon leblos wie eine
Puppe vor ihr.
Malina trat auf sie zu, drückte ihren Kopf zur Seite und rammte ihren
plötzlichen spitzen Zähne in den Hals der Frau. Beinahe sofort spüre sie das
warme, süßliche Blut und trank gierig, bis die Frau tot zusammenbrach.
Will stand neben ihr und blickte sie zufrieden an, dann beugte er plötzlich
seinen Kopf zu ihr hinunter und leckte das restliche Blut von ihrem Mund, dass
bis zu ihrem Kinn verschmiert war. Dann küsste er sie und während ihre Lippen
fest aufeinander waren, schien eine unglaubliche Wäre und Zufriedenheit in
Malina zu explodieren. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als hätte sie endlich die
verwandte Seele ihrer eigenen gefunden, die sie ihr Leben lang gesucht hatte.
Malina blieb bei Will, dem Vampir, den sie liebte. Tagsüber schliefen sie fest
aneinander gekuschelt, in der Nacht jagten sie gemeinsam.
So vergingen einige Wochen, in denen Malina sich so glücklich wie nie zuvor
fühlte, ehe sie in einer Nacht direkt nach der Jagd plötzlich ein seltsames
Gefühl registrierte. Als sie Will darauf ansprach, verdunkelte sich sein Gesicht
und er bedeutete ihr, dem Gefühl zu folgen.
„Das Gefühl bedeutet, dass dein Schöpfer in der Nähe ist. Du kannst ihn immer
finden, denn du bist auf ewig mit ihm verbunden. Jedoch hat er einen fatalen
Fehler begangen. Auch wir müssen uns an Gesetze halten. Unsere Gesetze sind
vielleicht hart, aber gerecht und sie dienen dem Schutz von uns allen.“,
erklärte er mit beruhigenden Worten und drückte ihre Hand so fest, dass es
schien, als wolle er sie nie mehr loslassen.
„Welches Gesetz hat er missachtet?“, fragte sie neugierig. Will hatte ihr viel
von den Gesetzen erzählt und sie darauf hingewiesen, sie immer zu befolgen.
Niemals durfte ein Mensch von ihrer Existenz erfahren, es sei denn, er würde
direkt danach verwandelt werden. Man durfte sich keinem zeigen und seine Opfer
nur dann wählen, wenn sie auch alleine waren. Das waren die wichtigsten Gesetze
und Malina achtete sehr genau darauf, sie auch zu beachten. Schließlich konnte
sie sich vorstellen, was es bedeuten würde, würden die Menschen von ihnen
erfahren. Sie wären nirgendwo mehr sicher sein und die Jagd würde zunehmend
unmöglich werden.
„Er hat dich verwandelt. Und dich allein gelassen. Wenn wir einen Menschen
verwandeln, dann sind wir für ihn verantwortlich. Wir müssen ihn führen, lehren
und beschützen, bis er selbst überleben kann. Er hat dich einfach
zurückgelassen, du wusstest nicht, was du warst, was passiert ist und du wärest
zweifellos gestorben, wenn dich nicht vorher gar ein Mensch gefunden und so von
uns erfahren hätte. Die Gesetze sind da sehr konsequent, weißt du? Wenn einer
der unsrigen so ein wichtiges Gesetz missachtet, dann muss er sterben. Der
Vampir, der von diesem Übertreten des Gesetzes weiß, ist dafür verantwortlich,
den Schuldigen aus dem Verkehr zu ziehen. Und das tun wir jetzt.“, antwortete
Will und lächelte sie warm an.
Es fiel Malina nicht schwer, dem Gefühl zu folgen. Je näher sie ihrem Schöpfer
kam, desto intensiver wurde es und als sie schließlich in eine der Nebenstraßen
bogen, sahen sie ihn.
Er beugte sich gerade über sein Opfer und saugte das letzte Blut aus der älteren
Frau. Will bedeutete ihr, zurück zu bleiben und trat schließlich auf den Vampir
zu, als sich dieser erhob und ihn fragend ansah.
„Du hast unsere Gesetze missachtet.“, sagte Will knapp und mit versteinertem
Gesicht. Selbst seine Stimme klang hart und kalt.
„Was? Nein, das habe ich nicht.“, beteuerte er, ehe sein Blick auf Malina fiel,
die ihn aus der Ferne wütend anfunkelte.
„Und was ist mit ihr?“, hakte Will nach, als er registrierte, dass der Vampir
vor ihm Malinas Anwesenheit bemerkt hatte.
„Ach, die Kleine! Was soll mit ihr sein?“
„Du hast sie verwandelt und zurückgelassen.“
„Ich wollte sie nicht verwandeln, aber die blöde Schlampe hat mich einfach in
die Hand gebissen, als ich ihr den Mund zuhalten wollte!“, antwortete der Vampir
aufgebracht und knurrte wütend.
„Dann wäre es dennoch deine Aufgabe gewesen, bei ihr zu bleiben und sie
einzuleiten. Du hast sie einfach ihrem Schicksal überlassen! Du kennst unsere
Gesetze – und die Strafen!“, antwortete Will nun ebenfalls wütend und trat einen
Schritt auf den Vampir zu. Dieser wirkte plötzlich erschrocken, versuchte sich
stammelnd rauszureden und überlegte es sich letztlich anders.
Er griff so unerwartet an, dass Will Mühe hatte, seinem Hieb mit seinen langen
Krallen auszuweichen. Statt seinem Bauch erwischte er nur den schwarzen Stoff
von Wills langem Umhang.
Malina spürte plötzlich eine wachsende Unruhe und eine große Sorge um Will. Was,
wenn der andere Vampir stärker war als er? Nervös trat sie von einem aufs andere
Bein und beobachtete den wilden Kampf der beiden Vampire, die wie Raubtiere
versuchten, ihre Krallen oder Zähne in dem Fleisch des anderen zu versenken.
Will schlug nach einem vorgetäuschten Hieb mit der Linken mit der rechten Klaue
zu und erwischte den Vampir in der Seite. Beinahe augenblicklich färbte sich
dessen Kleidung rot und dunkles Blut tropfte zu Boden.
Mit einem wütenden Knurren stürzte er vor und versetze Will einen tiefen,
blutenden Kratzer im Gesicht.
Dennoch, obwohl Will bei dem einen oder anderen Hieb einsteckten musste und
bereits drei tiefe Kratzer an Bauch und Oberschenkel davongetragen hatte, schien
sich der Kampf langsam zum Ende zu bewegen. Der andere Vampir war wesentlich
schlimmer verletzt und unter seinen Füßen bildete sich eine zunehmend größer
werdende Blutlache. Sein linker Arm war so zerfetzt, das er ihn nicht mehr
benutzen konnte und sein verletztes rechtes Bein gab immer öfter unter der Last
seines Körpergewichtes nach.
Schließlich versetzte Will ihm einen heftigen Stoß vor die Brust, der ihn zurück
taumeln und zu Boden fallen ließ. Erschöpft und am Ende seiner Kräfte blieb er
liegen und blickte Will mit leerem Blick an.
„Bring es hinter dich.“, krächzte er und wartete darauf, dass Will ihn tötete.
Will trat auf ihn zu und zog das kurze silberne Schwert aus der Scheide des
anderen Vampirs erhob die scharfe und blitzende Klinge und schlug zu. Der Kopf
des Vampirs rollte noch ein kleiner Stück und blieb dann mit dem Gesicht auf dem
Boden liegen.
Er steckte das Schwert ein und trat mit einem sanften Lächeln, jedoch leicht
humpelnd und gebeugt dastehend auf Malina zu. Sie lächelte beruhigt und umarmte
ihn.
„Mein Retter!“, hauchte sie, küsste Wills, von einem heftigen Faustschlag
aufgeplatzte, Lippen und drehte sich mit ihm um, ohne noch einen Blich auf den
Leichnam ihres Schöpfers zu werfen. Den Rest würde die Sonne in knapp einer
Stunde erledigen. Sie wusste, dass dann nichts von dem Vampir übrig bleiben
würde, nicht einmal der Staub.
Will umfasste sie fest an der Taille und erhob sich mit ihr in die Luft, um quer
über die Stadt und den halben Wald vor dem baldigen Morgengrauen nach Hause zu
fliegen.
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