Elisabetha
Die Gedanken kamen und gingen, trieben an Ihr vorbei wie Blätter im kühlen
Herbstwind.
Der Felsen auf dem sie saß war kalt unter ihr, doch sie ignorierte die Kälte die
langsam in ihre Glieder kroch.
Viel zu sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt.
Gedanken an ihr vergangenes Leben, welches nun schon viele Jahrhunderte währte.
Ihr braunes Haar hing ihr wirr in die Stirn, ein schwarzes T-Shirt, Jeans und
ein langer brauner Ledermantel waren alles was sie trug.
Seit langem hatte sie keinen Wert mehr auf ihr Äußeres gelegt.
Sie, die mehr gesehen hatte als ein Mensch es je hätte tun können, sie die so
viele getötet und gerettet hatte, war es leid wie ein geschmückter Pfau durch
die Welt zu laufen.
Früher war das anders gewesen! Ja, aber dieses Früher lag schon weit zurück.
Sie dachte an den Tod, den sie schon seit ewigen Zeiten überwunden hatte, der
ihr aber in ihrer Einsamkeit oft der liebste Gesprächspartner gewesen war.
Und sehr oft war sie einsam gewesen.
Er war eine Lichtgestalt, schöner und strahlender als alle Engel Gottes zusammen
und sie liebte ihn. Genau so wie er sie liebte.
„Tebesh....“
Es gab kein gütigeres Wesen als ihn.
Ja, sie, die die Stärke der Jahrhunderte in sich vereinigte sehnte sich danach
zu verlöschen.
Nichts reizte sie mehr, nichts erfüllte sie mit Freude.
Alle die ihr wichtig gewesen waren, waren schon längst gegangen, mit ihm, dem
Bruder des Schlafes.
Sie wünschte sich, es ihnen gleich tun zu können, die Augen zu schließen und das
quälende Bewusstsein für immer auszuschalten.
Schon lange quälte sie die Angst vor der Zukunft. Dieser Planet zerfiel und
starb, sehr langsam aber er starb. Sie spürte es in jeder ihrer Fasern, von
Sekunde zu Sekunde mehr.
Lange würde dieser Stern nicht mehr strahlen.
Es hatte schon einen Sinn dass die Menschen mit dieser einzigartigen Fähigkeit
der Sterblichkeit ausgestattet waren.
Die Ewigkeit machte ihr Angst, nicht zum ersten mal.
Wenn die Welt eines Tages entgültig sterben würde, dann würde sie vom Wahnsinn
getrieben untergehen!
Welch ein furchtbarer Gedanke.
Sie spürte die Anwesenheit des Todes bevor sie ihn sah.
„Tebesh, mein Freund, du kommt zu mir? Wieder nur im meine leeren Stunden zu
füllen?
Nimm mich doch mit dir!“
„Das kann ich nicht und dass weißt du auch, meine Liebe! Ich sagte dir von
Anfang an, dass die Unsterblichkeit mehr Fluch als Segen ist.“
„Das habe ich schon seit langem begriffen. Aber ich war damals nicht bereit von
dieser Welt zu gehen, ohne all ihre Wunder gesehen zu haben. Ich wollte nicht
gehen ohne meine Spuren auf diesem Planeten hinterlassen zu haben. Ich habe
alles getan was ich je tun wollte und noch mehr.
Ich war reich, ich war arm, ich war berühmt und unbekannt. Und dies alles
zugleich.
Jede Gesellschaftsschicht ist mir bekannt, jedes Volk, die unterschiedlichsten
Charaktere der Menschen, die sich irgendwann immer wiederholen. Was soll ich
jetzt werden, was soll mich reizen? Aber damals war ich wirklich nicht bereit zu
gehen! Verstehst du das?“
„Aber natürlich, wer wenn nicht ich?“
Sie lächelte, das Gesicht dem Sternenhimmel zugewandt.
Warum besuchst du mich so oft? Viele andere wünschen Deine Gegenwart, genau wie
ich, doch du übersiehst sie!“
„Sie können warten, denn sie wissen dass ich zu ihnen kommen werde wenn die Zeit
es verlangt.
Du, Sera, bist die Letzte Deiner Art und schon damals, als du mich
herausfordertest begann ich dich zu lieben. Deine Art war immer so erfrischend
im Gegensatz zu den anderen Unsterblichen. Dunkel und Licht, beides finde ich zu
gleichen Teilen in deinem Wesen wieder!“
„Aber was nutzt es mir? Ich bin so müde geworden. Müde von der ewigen Jagd, müde
von der neuen Zeit die mich zwingt mich immer wieder neu anzupassen. Alles hat
sich verändert, kein Körnchen ist mehr von der Zeit geblieben in der ich noch
unbekümmert als Kind spielte. Ich sehe keinen Weg mehr vor mir, keinen Pfad und
auch du weigerst dich mir zu helfen.!“
„Du weißt dass ich das nicht kann!“ Er setzte sich neben sie und strich ihr
sanft eine wirre Haarsträhne aus der Stirn.
„Was ist wenn diese Welt endgültig stirbt? Was wird dann aus mir! Ich habe Angst
vor dem was kommt. Eine Angst die ich früher niemals gehabt habe. Jeder Weg
stand mir offen, keine Tür war vor mir verschlossen, nichts war unmöglich. Ich
hatte die Ewigkeit. Und genau diese Ewigkeit, diese niemals endende Existenz,
macht mir jetzt Angst. Soviel habe ich schon verloren, Menschen und Vampire die
mir etwas bedeuteten. Sie alle sind früher oder später mit dir gegangen oder in
ihr Verderben gestürzt.
Ich verabschiedete sie, ließ sie ziehen und blieb immer allein zurück. Doch was
wird aus mir. Ich kann nicht einfach aufgeben obwohl ich mir nichts sehnlicher
wünsche.“
„Mich wird es immer geben. Zu jeder Zeit und an jedem Ort. Ich überdauerte schon
so viele Welten und Zeiten, wie du sie dir im Traum nicht ausmalen könntest. Der
Tod überlagert die Zeit, teilt sie und beendet sie für alle Geschöpfe an einem
gewissen Punkt. Es gibt keinen Himmel und keine Hölle in dem Sinne wie die
Menschen sich beides vorstellen, aber es gibt Engel und Teufel und sie
existieren so dicht nebeneinander dass es unmöglich wäre sie zu trennen. Sie
vereinen Gutes wie Böses in sich. Du wärst weder Engel noch Teufel, du bist ein
Geschöpf dass sich von allen anderen abhebt, mir am ähnlichsten. Deshalb suche
ich dich so oft auf!“
„Ich weiß dass ich dir glauben kann, und doch hilft es mir nicht aus meiner
Melancholie heraus. Gib mir eine Aufgabe für die es sich wieder lohnt zu
existieren.“
„Weißt du, meine Arbeit ist mühsam und auch ich war es oft leid sie zu tun, aber
ich kann mein Amt nicht einfach niederlegen, denn dies würde das Ende von allem
bedeuten. Davon abgesehen kann ich dies auch nicht. Und auch du solltest dir
deiner Aufgabe bewusst sein.“
„Und welche ist meine Aufgabe? Sag es mir, ich erkenne sie nicht!“
Wieder starrte sie hinaus in den dunklen Himmel und eine blutige Träne rann über
ihre bleiche Wange.
„Wie lange glaubst du dass deine Spezies auf dieser Erde wandelt, seit Urzeiten.
Geschaffen von den alten Göttern um die Träume und Ängste der Menschen mit
Bildern auszuschmücken. Ihr seid göttlichen Ursprungs, doch keiner dieser Götter
dachte dass ihr mit Eurer Bestimmung unzufrieden sein würdet. Sie bedachten
nicht daß sie Euch zuviel Menschlichkeit mitgaben um sie die Menschheit zu
hassen und zuviel Macht um mit Ihnen zusammen zu leben. Ihr wart dazu verdammt
Außenseiter zu sein. Gefürchtet, geächtet und gehasst. Du bist die Letzte Deiner
Art, mit dir würden unzählige ungeträumte Träume, Phantasien, Hoffnungen und
Inspirationen ausgelöscht werden. Ab und an brauchen die Menschen Dinge die sie
nicht Verstehen, über die sie grübeln können, um das natürliche Gespür für das
Übernatürliche nicht zu verlieren.“
„Aber es ist so einsam hier. Wie kann ich das noch etliche Jahre oder
Jahrhunderte überstehen. Und noch einmal frage ich dich, was wird aus mir wenn
dieser Planet stirbt?“
„Du bist nicht einsam, ich werde Dich nie verlassen. Und wenn das Ende dieser
Welt gekommen ist werde ich dich mit mir nehmen, in eine andere Welt und du
wirst mein schweres Los gemeinsam mit mir tragen, doch bis dahin laß die
Menschen das Glauben was sie glauben wollen.“
Sie lehnte sich an seine Schulter und sog tief den kühlen Wind ein, der
plötzlich zu wehen begonnen hatte.
„Wir sind für die Menschen lebendig gewordene Geschichten, das personifizierte
Böse und Schöne. Reinheit und Sünde in einer Gestalt, alles was Menschen jemals
begehren zu sein.
Wir sind frei, wild und mächtig. Nicht untergeordnet wie es die Menschen immer
sein werden.
Ich werde weitergehen auch ohne Ziel vor Augen! Habe ich das nicht immer getan?“
„So kenne ich Dich, Sera. Wie leer wäre meine Existenz ohne Dich!“
Sanft küsste er sie aufs Haar und verschwand.
Alleine blieb sie in der Dunkelheit zurück, doch neues Verständnis flackerte in
ihrem Blick als sie aufstand und sich anschickte zu gehen.
Sie war weiter gekommen als viele Ihrer Artgenossen und sie würde es noch weiter
schaffen, sie war nicht allein, dessen war sie sich wieder bewusst.
Die Gedanken vieler sterblicher Seelen kreisten andauernd um Geschöpfe wie sie,
schöpften aus diesen Gedanken Kraft, Zuversicht und Inspiration.
Ja, es war Zeit nach Hause zu gehen und wiedereinmal von vorne zu beginnen....
von Elisabeth Salzmann
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