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Vampir Geschichten
Kurzgeschichten über die
Nachtwesen |
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Der Rat des Blutes |
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Michael Schindler
Der große Rat der Vampire hat gesprochen. Ein endgültiges Urteil ist gefallen.
Heute war ich an der Rechtssprechung nicht beteiligt. Ich saß auf der
Anklagebank. Sie werfen mir ein schweres Verbrechen vor. Die Existenz von
Vampiren, besonders die des Vampirrates, darf keinem Menschen bekannt sein.
Der Rat ist die älteste Vampirinstanz. Seine Urteile sind bei allen Untoten
gefürchtet. Seine Gesetze betreffen alle. Auch, wenn sie es nicht wollen. Ich
bin das letzte Mitglied, das seit der Gründung dabei war. Alle anderen Gründer
sind auf seltsame Weise gestorben. Mord im Machtstreben ist unter Vampiren
genauso vertreten, wie unter Menschen.
Ich war zu unvorsichtig gewesen. Ich gab mich der Öffentlichkeit preis.
Der Rat kennt keine Gnade, auch nicht für jemanden, wie mich, der ihm schon
hunderte Jahre treu diente.
Aber ich bereue nichts und das sollen sie wissen.
Einst war ich wie die anderen Ratsmitglieder. Kalt und unbarmherzig. Aber ich
wurde verändert.
Es war eine stürmische Nacht vor 7 Jahren, als ich sie zum ersten Mal sah. Es
fiel so starker Regen vom Himmel, dass kein Mensch sich nach draußen getraut
hätte. Ich saß mit meinem Schirm auf einer Bank im Stadtpark. Die Straßenlaterne
neben mir war defekt und flackerte irritierend. Der nächtliche Schauer gab mir
das Gefühl lebendig zu sein. Vor allem kurz nach dem Trinken.
Plötzlich lief sie an mir vorbei. Durchnässt und erschöpft hielt das Mädchen
ihre Hände schützend vors Gesicht und versuchte gegen den Sturm anzukommen. Sie
war etwa 18 Jahre alt. Genau habe ich das nie erfahren, ebenso wenig, wie ihren
Namen. Ein flüchtiger Blick auf sie zeigte mir eine Schönheit, wie ich sie nur
selten zuvor gesehen hatte. Von ihr angezogen bin ich ihr hinterher gelaufen und
bot ihr eine Begleitung nach hause an. Ein warmes Lächeln breitete sich über
ihre Lippen aus.
„Vielen vielen Dank. Durch diesen Sturm schaffe ich es bestimmt nicht allein.“
Dieses freundliche Lächeln verzauberte mich. Jahrhunderte hatte ich keinen
Kontakt zu Anderen. Das einzige, was ich kannte war die Kälte des Rates und die
Grausamkeit seiner Urteile. Der Hammer fiel und Blut floss. Wenn es sein musste
in Strömen.
Ich fragte mich, warum ich so lange den Kontakt vermieden hatte. Dann fiel es
mir wie Schuppen von den Augen. Die Ratsgesetze erlaubten nur zum Trinken an die
Öffentlichkeit zu gehen.
Es dauerte nur eine Viertelstunde, bis wir ihr Haus erreichten. Sie hatte sich
dicht an mich gedrängt, so dass wir beide Platz unter meinem Schirm fanden.
Ununterbrochen redete das Mädchen mit mir. Sie fragte auch dreimal, ob sie
zuviel plauderte, manchmal fiele ihr das nicht auf und sie würde ewig
weiterplappern.
Es machte mir nichts aus. Ich fühlte mich geborgen.
Bei ihr zu Hause angekommen fragte sie mich, ob ich noch mit ihr einen Tee
trinken wollte. Leider musste ich ablehnen, ich habe noch nie Tee getrunken.
Doch noch die ganze Nacht hatte ich dieses seltsame Gefühl im Bauch. Konnte das
Glück sein? Ich wusste es nicht.
Ab diesem Zeitpunkt fing mein eigentliches Leben an. Jede Nacht machte das
Mädchen einen Spaziergang und ich folgte ihr unentdeckt. Ihr Anblick ließ mich
all die Schrecken der Ratsversammlungen vergessen. Leider war es unmöglich
auszutreten. Austritt bedeutete Verrat und Verrat bedeutete Tod. So wäre der
Hammer erneut gefallen.
Ich hatte durch das Mädchen etwas erkannt. Es füllte mein Leben nicht aus,
ständig mit den Anderen in einem Saal zu sitzen und mit eiserner Hand über das
Schicksal von Missetätern zu richten und jede Nacht mir im Stillen ein Opfer für
meinen Durst zu suchen. Man konnte es nicht übersehen, auch an meinen Händen
klebte Blut.
Es ging so noch sieben Jahre lang. Ich war bei ihr jede Nacht. Vor drei Tagen
jedoch passierte das Unglück. Das Mädchen lief, wie immer durch den Park. Ich
war ihr auf den Fersen.
Plötzlich sprang ein Unbekannter aus den Büschen auf sie zu. Er versuchte sie zu
überwältigen und das schien ihm zu gelingen. Das Mädchen schrie um Hilfe. Es
waren auch einige Menschen in der Nähe. Das Geschehen war höchstens 70 Meter
vom, auch bei Nacht gut besuchten, Parkzentrum entfernt. Aber Keiner von ihnen
griff ein. Alle standen sie da und gafften aus der Entfernung. Der Unbekannte
fing an dem Mädchen die Kleider vom Leib zu reißen. Sie schrie immer noch. Ich
konnte ihre Angst und ihren Schmerz fast selbst fühlen. Wenn das so
weitergegangen wäre, hätte er sie missbraucht und wahrscheinlich getötet. Vor
den Augen von vielen Zeugen, die nur zusehen wollten, aber nicht handeln. Nicht
einer dachte daran, die Polizei zu rufen. Ich konnte die Menschen noch nie ganz
verstehen.
Jetzt war die Zeit für mich gekommen. Sie hatte mich so viel gelehrt.
Ich kam aus meinem Versteck. Der Unbekannte hatte sie bereits auf den Boden
gedrängt und lag über ihr. Ich riss ihn mit Gewalt von dem Mädchen herunter und
hielt ihn hoch, so dass ich in seine widerlichen Augen sehen konnte. Er blickte
schockiert und ängstlich drein. Ich beugte mich vor und flüsterte ihm zu.
„Das Urteil lautet: Tod!“
Für einen kurzen Augenblick war die Kälte in mich zurückgekehrt. Ich war wieder
der Richter und der Vollstrecker. Nun konnte ich die bittere Wahrheit spüren.
Jahrhunderte der Grausamkeit haben mich geprägt. Nichts kann das Rückgängig
machen. Auch nicht Liebe.
Ich hielt den Unbekannten höher und nahm all meine Kraft zusammen. Einmal
Richter, immer Richter. Ich warf das Schwein so weit ich konnte von mir. Etwa 20
Meter entfernt kam er auf dem Boden auf. Ein Knacken verriet seinen Genickbruch.
Das war es für mich. Kein Mensch kann einen anderen so weit werfen. So viele
Zeugen haben es gesehen.
Ich blickte noch einmal zu dem Mädchen. Sie lag auf dem Boden. Die Hände
schützend vors Gesicht haltend. Sie wimmerte.
„Bitte tun sie mir nichts. Ich flehe sie an.“
Das Mädchen kannte mein Gesicht nicht mehr. Sie fürchtete mich sogar.
Am nächsten Tag berichteten die Medien von einem mordenden Monster. Das
Vampirversteckspiel war gefährlich aus dem Gleichgewicht gebracht.
Jetzt sitze ich gefesselt im dunklen Keller des Ratshauses. Jede Sekunde könnte
mein Henker kommen. Sieben Jahre lang belog ich mich selbst. Ich bin ein kalter
Mörder. Nichts kann meine Vergangenheit ungeschehen machen. Mein Platz ist im
Kreis der Vampire. Meine Aufgabe ist es täglich brutale Urteile zu fällen.
Zumindest war das so. Jetzt gibt es keinen Platz mehr für mich und keine
Aufgabe.
Die Tür geht auf und mein Henker betritt den Kerker. Von außen dringt schwaches
Licht in den Kerker, in dem die riesige Axt, die er über seiner Schulter trägt,
glänzt. Der Hammer ist gefallen und diesmal wird mein Kopf rollen.
Von Michael Schindler
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