Etwas kaltes, hartes klebte an meinem zitternden Körper.
Besser gesagt, lag ich auf einem Boden. Ich richtete mich langsam auf und fuhr
mit meiner Hand über einen etwas feuchten, glitschigen Steinboden.
Eine wärmende Flüssigkeit rann über sie und ich vermutete, dass meine Hand
blutete.
Ich öffnete meine Augen. Zumindest glaubte ich sie seien geöffnet, denn es war
stockfinster in dem Raum. Als ich aufstehen wollte, durchzuckte mich ein
brennender Schmerz, und ich fiel beinahe wieder zu Boden. Doch dann schaffte ich
es irgendwie mich auf zwei Beinen zu halten und meinen verstauchten Fuß nicht
weiter zu belasten.
Da ich nichts sah, irrte ich in der Dunkelheit ängstlich herum.
Ein eisiger Windstoß erfasste mich und ich bibberte von neuem. Ich hinkte auf
den Luftzug zu und stieß gegen eine Wand, aus glattem Stein mit einem großem
Loch.
Hoffnung stieg in mir auf, sie erlosch aber augenblicklich, als ich ein dickes
Eisengitter in dem ‚Fenster’ berührte.
Ich hatte keine Ahnung wo ich war und konnte mich nur noch schwach daran
erinnern, dass vier, in schwarzen Umhängen verhüllten, Gestallten schnell auf
mich zu kamen und mir mit einem groben, schweren Holzkeil eins überzogen.
Hämmernde Kopfschmerzen plagten mich, dennoch wollte ich meine Umgebung
erkunden. Ich stieß auf einen rechteckigen Holztisch, der mit kunstvoll
geschnitzten Füßen versehen war und einen dazu passenden Stuhl, mit einem sehr
weichen seidigen Sitzpolster. Außer einem leeren, klapprigen und verstaubten
Schrank und ein paar alten Möbeln, schien das, das Einzige zu sein was in diesem
Zimmer so stand.
Ich ging durch den Raum und erfasste eine riesige Holztüre mit einem eisernen
Schloss. Sie war verschlossen. Die Klinke quietschte leise, als ich sie herunter
drückte. Plötzlich wurde der Raum hell erleuchtet. Nun sah ich über mir einen
prunkvollen Kronleuchter mit lichterlohen roten, heruntergebrannten Kerzen. Die
Diamanten die den Kronleuchter schmückten blinkten und erstrahlten in dem warmen
Kerzenlicht. Das Zimmer, das vorher so verlassen und trist wirkte, war jetzt in
ein angenehmes, nicht zu grelles Licht getaucht. Sogar der übelriechende Geruch
von dem leichten Schimmel an der Decke war den Strahlen des Feuers gewichen und
durch ein blütenfrischen, feinen Duft ersetzt worden, was ich für sehr komisch
hielt.
Ich hatte eine unangenehme Vorahnung auf das Kommenden.
Da hörte ich auch schon die vielen Schritte, die eine Treppe hinunterstapften.
Vermutlich würden Menschen kommen um mich zu befreien, doch ich schrak zurück,
als die Tür mit einem lauten Knarren geöffnet wurde und ich abermals die
vermummten Personen sah. Das ganze Zimmer kam mir nun klein und bedrückend vor.
Ich versuchte in eine Ecke zu rennen, aber ich wurde von spinnenartigen, dürren
Händen erfasst. Ein Angstschauer jagte über meinen Rücken. Die kalten Arme
zerrten mich nun die brüchige Treppe hinauf. Panik. Ich trat und schlug um mich,
doch diese Wesen reagierten nicht im geringsten.
Als sie mich am Treppenabsatz abstellten, sah ich einen jungen, gut aussehenden
Mann in einem eleganten Anzug, indessen Brustasche eine rote Rose steckte.
Die weiße Weste schimmerte etwas in dem düsteren Treppenhaus.
„Ihr müsst sie nur noch fertig machen.“, sagte er sanft. Ich wusste nicht genau
wie das gemeint war...
Meine Entführer schafften mich in ein Zimmer mit einer hohen Decke, auch hier
hing ein Kronleuchter. Die Einrichtung war komfortabeler: Ein frisch pullirrer
Mahagonitisch, ein Stuhl mit einer reich verzierten Rückenlehne, ein Samtbett,
ebenfalls aus Mahagoni, mit roter Seide bespannt und weißen Spitzenrüschen. Es
hatte hohe Bettpfosten und hatte etwas Majestätisches. Neben dem Doppelbett
stand ein schickes Tischlein aus Glas. Die Fenster des Zimmers waren mit dicken,
dunkelroten Vorhängen verdeckt.
Ein großer Wandspiegel, mit einem versilberten Rand, hing an der Wand neben dem
Bett. Daneben, rechts und links, standen zwei rote Kerzen in ihren goldenen
Haltern.
Ich wurde aufgefordert mich auf das Bett zu setzten und zwei meiner vier Wächter
verschwanden. Sie kehrten jedoch sofort wieder zurück. In den Händen des ersten
Mannes lag ein schwarzes Abendkleid. Es war für meinen Geschmack etwas zu tief
ausgeschnitten und hatte dünne Träger. Das Kleid besaß einen Schlitz bis hinauf
zu meinem Oberschenkel und war sehr elegant. Der Zweite brachte dazu passende
Stöckelschuhe, ein Paar rubinrote Ohrringe und eine Halskette die mein Dekultee
schmücken sollte. Die Beiden breiteten das Abendkleid und den Schmuck auf dem
Bett aus.
Die Wächter verließen nun das Zimmer und gleich darauf betraten drei Frauen den
Raum. „Wir werden dir beim Ankleiden helfen.“, sagte die Rothaarige.
„Was wird hier gespielt?“ wollte ich von ihnen wissen.
„Dein Hochzeit wird vorbereitet, was sonst?“ antwortete eine blonde Frau mit
einem roten Spitzenkleid.
„Ich soll ...was?! Ich heirate niemanden! Ihr könnt mich zu nichts zwingen!“
rief ich verwirrt. Ist das irgendeine Sekte? Wer zum Teufel sind diese Männer
und Frauen nur? Die Dritte eine schwarzhaarige Frau machte rasch einen Schritt
auf mich zu:
„Und ob wir dich zwingen können.“, zischte sie bedrohlich.
Ihre Augen funkelten wild. Langsam kreisten mich die drei Frauen ein.
Ich konnte nichts tun, nichts sagen,...stand einfach nur fassungslos da und ...
fühlte mich so .. so leer. Mir schwindelte....
Die Rothaarige packte mir ihrer eiskalten Hand an meinen Hals. Fast zärtlich
flüsterte sie in mein Ohr: „Schlaf meine Liebe. Wir haben mir dir noch viel
vor...“
Meine Lieder waren unerträglich schwer geworden und dann wurde es vor meinen
Augen schwarz. Ich spürte, dass meine Beine mich nicht mehr zu tragen vermochten
und sank schließlich auf dem Parkettboden vor den Dreien zusammen.
Ich erwachte auf dem Samtbett. Statt der verwaschenen Jeans und dem T-Shirt,
trug ich jetzt das schwarze Abendkleid. Der junge Mann, den vorhin sah, streckte
mir nun charmant lächelnd seine warme Hand entgegen. Ich ergriff sie zögerlich.
Er hatte dunkelbraunes Haar, es war modisch kurzgeschnitten.
Überraschend schloss er mich in seinen muskulösen Armen ein. Man sah zwar keine
Muskeln in dem Anzug, aber ich spürte sie, als ich seine breiten Schultern
berührte. Ich war immer noch unsicher.
„Mein Name ist Michael und wer bist du?“ fragte Michael und sah mir mit seinen
geheimnisvoll glitzernden, grünen Augen in die meinen.
„Ich heiße Flora.“, antwortete ich leise. Michael lächelte mich strahlend an.
Seine Gesichtszüge waren warmherzig und sanft –nicht wie der Frauen oder Männer,
so scharf und doch nichtsagend.
„Bist du bereit?“ fragte er mich behutsam.
Ich wusste nicht warum, aber ich glaubte ich hörte mich „Ja.“ sagen.
Er grinste wieder, aber dieses Mal konnte ich lange, schneeweiße Fangzähne
sehen.
Nun wusste ich was hier vor sich ging und mir wurde mulmig zu mute.
Doch das alles zählte jetzt nicht mehr, denn ich spürte einen kurzen Einstich
seiner Eckzähne in meinem Hals. Alle Schmerzen waren wie weggeweht. Ein
angenehmes Kribbeln durchströmte meinen Körper.
Ich schwelgte in dem Duft seines leichten Armaniparfüms.
Trotz allem versuchte ich mich zu Wehr zu setzten, doch ich hörte seine Stimme
in meinem Kopf sagen: „Es hat keinen Zweck sich zu sträuben. Willst du uns etwa
die schöne Hochzeit vermiesen? So schlimm kann ich doch nicht sein.“
Meine Sinne schwanden dahin und ich sank noch tiefer in seine Arme.
Michael trug mich auf das große Bett und legte sich zu mir.
Er stützte sich mit seinem Ellenbogen von der Matratze ab und schenkte mir ein
kleines Lächeln, als ich noch einmal die Augen aufschlug.
„Ich beiße doch nicht...“
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