Laetitia
Ein weiteres Dorf. All die Städte, all die Dörfer, die er durchsucht hat, lagen
ihm glasklar im Gedächtnis. Das wievielte war es denn? Bei tausend hatte er
aufgehört zu zählen. Der Mond verließ in dieser Nacht seine Sichelform, um der
Nacht in kürze seine volle Pracht zu zeigen. Es war eine klare doch kalte Nacht,
wenige Tage vor Weihnachten des Jahres 1450. So streifte er durch die dunkle
Gasse und sah durch die Fenster in die Gesichter der friedlich schlafenden
Menschen. An einem Fenster jedoch blieb er stehen. Ein junges Mädchen lag dort
mit wachen Augen in ihrem Bett und starrte an die Decke ihrer Stube. Dieser
Blick. Er fesselte ihn. Ihre tiefen blauen Augen strahlten etwas aus, etwas dass
er noch nie zuvor gesehen hat. Verloren in diesem Moment betrachtete er sie
Minuten lang, doch konnte er nicht mehr bestimmen, ob er nun Sekunden, Stunden
oder gar Jahrzehnte lang dastand. Aus seinen Gedanken dadurch geweckt, da ihr
Blick sank, schüttelte er sich, so als hätte sie ihn angefallen und er müsse
sich nun von ihr befreien.
Doch es half nicht, ihr Bann ließ ihn nicht los. Da lächelte sie, schloss ihre
Augen und drehe sich zur Seite, so dass er sie noch besser sehen konnte. Zum
ersten Mal in seinem Dasein lächelte auch er. Er hatte sie gefunden. Doch er
wollte sie nicht in dieser Nacht zu seiner Gefährtin machen. Dazu war er zu
verwirrt und durch die lange Reise geschwächt. So sah er sich weiter im Dorf um
und suchte nach dem ärmlichsten Haus, da er nicht auffallen wollte, und klopfte
energisch an die Tür. Nach einiger Zeit öffnete sie sich und eine im
Schlafgewand gekleidete ältere Dame stand vor dem inzwischen zitternden Fremden.
Obwohl sie sich wegen der nächtlichen Störung beschweren wollte, bat sie ihn ins
Haus, da sie ihn nicht der Kälte schutzlos überlassen wollte.
Kaum ward die Tür hinter ihm geschlossen packte er sie und biss ihr in den Hals.
Noch ehe sie schreien konnte, war sie schon zu schwach und das Leben verließ
sie. Obwohl sie keinen Laut von sich gegeben hatte, betrat ihr Gemahl den
Eingangsbereich mit den Worten: „Mein Engel, was ist denn…“ Da sah er den
Leichnam seiner Gemahlin am Boden liegen und den Eindringling mit seinem
blutverschmierten Mund. „Sch! Sie war kein Engel, nur eine alte naive
Schmiedesfrau. Doch ich habe ein Engel gefunden. Den einzigen Engel auf dieser
Welt. Nach etlichen Jahren habe ich sie endlich gefunden.“ Der Schock, in dem
aus dem Schlaf gerissenen Mann, saß tief und Tränen liefen an seinem Gesicht
hinunter. „Oh, habt keine Angst, guter Mann. Ihr werdet ihr sehr bald näher
sein, als je zuvor.“ So biss er auch ihn nur mit dem einzigen Unterschied, dass
er sein Leben willig von sich gab.
Im Keller des Hauses wollte er es sich gemütlich machen und den Rest der Nacht,
sowie den Tag über zu schlafen, doch er konnte es nicht. Etwas raubte ihm den
Schlaf. Er konnte nur noch an dieses Mädchen denken, an ihre Augen, ihr Lächeln,
ihre Jugend… So kam es, dass die Sonne aufging und wieder unterging und er nicht
eine Sekunde schlafen konnte. Am späten Abend verließ er das Haus und begab sich
zu der Türe des Hauses indem er das Mädchen gesehen hatte und klopfte an. „Guten
Abend, werter Herr, verzeiht mein Auftreten zu solch später Stunde, doch bin ich
ein Reisender und suche nach einem Schlafgemach für diese kalte Nacht.“ Der
Vater des Mädchens stand vor ihm, lächelte nickend und bat ihn in das Haus.
Während er seinen Mantel ablegte, betrat das Mädchen die gute Stube, schritt
neugierig zu dem Fremdling und machte einen Knicks. „Laetitia ist mein Name,
sehr erfreut Fremder, wer seid ihr?“ „Laetitia! Stell nicht so viele Fragen!“
„Nein, ist schon gut…“ Mit einem Lächeln ergriff er die Hand des Mädchens und
küsste sie, obwohl es ihm schwer fiel der Versuchung, sie zu beißen, zu
widerstehen. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite und mein Name ist in dieser
Sprache unaussprechlich.“ Laetitia war von den Worten des schönen Fremden
fasziniert und konnte ihren Blick nicht mehr von ihm wenden, so wie er seinen
Blick nicht mehr von ihr wenden konnte.
Diese Blicke unterbrechen zu wollen, ergriff der Vater wieder das Wort: „Ihr
müsst völlig ausgehungert und verdurstet sein. Wir sind zwar ein armes Haus,
doch kommt, wir werden schon etwas für euch finden.“ „Habt Dank.“ Verbeugend
folgte er dem Vater in die Küche, wo des Mädchens Mutter stand. So lernte er die
Eltern kennen und speiste und trank gut. Ein Gästezimmer, gewiss, besaßen sie
nicht, doch durfte er auf einer Decke in der Stube schlafen. Nach einigen
Stunden vergewisserte er sich, dass auch alle schliefen und so begab er sich in
das Elternschlafzimmer. In seinem Rausch um Laetitia fiel er beide an und saugte
sie fast gänzlich aus. Frisch gestärkt lief er in den Flur und öffnete
vorsichtig die Tür zu Laetitias Zimmer. Da lag sie in ihrem Bette schlafend.
Langsam näherte er sich ihr und strich behutsam über ihre langen blonden Haare.
„Gleich gehörst du mir.“ Mit diesen Worten biss er ihr leidenschaftlich in den
Hals und trank langsam und genüsslich das junge, unschuldige Blut, sodass
Laetitia aufwachte und sich in ihren Schmerzen wand. „Was tut ihr da, Fremder?“
Er ließ von ihr ab.
Geschwächt aber noch bei Bewusstsein lag sie in ihrem Bett und sah sich des
Todes nahe, doch der Fremde ließ auf mysteriöse Art einen seiner Fingernägel
wachsen und schnitt sich damit die Pulsader seines rechten Armes auf. Auf den
ersten Blick schien es Laetitia so, als verspüre er keinen Schmerz, doch als sie
sein Gesicht genauer musterte, erkannte sie einen Ausdruck des Genusses in
seinem Gesicht. Sein Blut tropfte ihm aus dem Arm und er führte ihn über
Laetitias Mund. „Trink. Trink, auf das du stark und mächtig wirst, meine
Laetitia.“ Ihr blieb nicht anderes übrig, als von dem Blute zu trinken, auch
wenn sie es nicht verstand. Sie fühlte eine seltsame Regung in ihr. Ihr Körper
schien zu brennen und entsprechend schmerzte er auch und gleichzeitig sah sie
grausame verschwommene Bilder vom Tod und Hass.
Doch nach kurzer Zeit erloschen Bilder und Flammen und sie spürte nichts mehr.
„Bin ich tot?“ „Nein, Laetitia, ihr seid weit davon entfernt.“ „Wie meint ihr
das?“ „Ihr seid unsterblich, so wie ich es bin. Ihr seid meine unsterbliche
Fürstin.“ „Wer seid ihr?“ „Ich bin der Fürst der Finsternis, geboren als das
Ergebnis der Unzucht eines Himmelswächter und einer Menschenfrau, verdammt dazu
um Leid übers Land zu bringen und um grausam zu sein, wo immer ich es kann.“
„Mutter, Vater!“ Laetitia schreckte auf und rannte in das Zimmer ihrer Eltern,
wo sie verschreckt stehen blieb. Der dunkle Fürst folge ihr langsam, blieb dicht
hinter ihr stehen und strich ihr über die Schultern. „Es musste sein. Das ist
der Preis, den wir für unsere Unsterblichkeit zu zahlen haben.“ Sie wandte sich
von ihm ab und sprach voller Abneigung und Ekel: „Nein! Bleibt mir fern! Ich
hasse euch! Ich will euch nie wieder sehen, verschwindet!“
Der Fürst glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. Was hatte sie da gesagt?
„Laetitia…“ Doch sie verließ das Haus und rannte durch das Dorf. Er blieb noch
einen Moment in seinem Schock und begab sich dann wieder in das Haus seiner
ersten Opfer dieses Dorfes. Nun hatte er sie gefunden. Die einzige auf der Welt,
die ihm würdig genug war und er liebte sie über alles, doch sie hasste ihn.
Schmerz hatte der Fürst nie spüren müssen, nun aber krümmte er sich vor
Schmerzen. Er war ratlos und verzweifelt, was sollte er nur tun? Sein Leben
hatte ohne seine Fürstin keinen Sinn mehr, so entschloss er sich sein Leben zu
nehmen. Im Haus des Schmids fand er viele Schwerter und Dolche, doch keine, die
ihm gefährlich hätten werden können. So strich er durch das Dorf und sammelte
alles aus Silber, was er finden konnte um sich ein Dolch zu schmieden.
Laetitia rannte und rannte, quer durch das Dorf, durch enge Gassen zwischen
Häuser, sie lief und lief, bis es langsam hell wurde. Auf einmal spürte sie
wieder die Flammen, nur dass sie diesmal tatsächlich zu brennen schien. Die
Flammen des Feuers konnte sie nicht sehen, doch den Qualm, der ihre Haut von
sich gab, sah sie sehr wohl. Sie stand direkt vor einem der Häuser und schlug
die Tür auf um Hilfe zu finden, doch sie konnte das Haus nicht betreten. Eine
unsichtbare Mauer versperrte ihr den Weg ins Haus. Der Bewohner, ein alter
Freund Laetitias Familie, wurde von dem energischen öffnen der Tür wach und
begab sich zum Eingang. „Laetitia, was ist denn los, komm doch rein.“ Wie durch
Geisterhand verschwand die unsichtbare Mauer und Laetitia trat ein. Ihre
Brandwunden heilten sich von selbst innerhalb weniger Sekunden und ihre
Schmerzen erloschen abermals. Zuerst wollte Laetitia ihre Geschichte erzählen,
doch dann überkam sie ein unbändiges Verlangen.
Sie öffnete ihren Mund und knurrte ihren Wohltäter an. Dieser erschrak durch den
Anblick ihrer seltsam verzogenen Zähne und wollte wegrennen, doch sie hielt ihn
fest, biss ihn und trank. „Mädchen, was tust du nur?“ Als sie diese Worte hörte,
wurde sie aus ihrem Rausch geweckt und schreckte zurück. Was hatte sie nur
getan? Doch es war zu spät, denn der Dorfbewohner lag bereits im Sterben.
Heulend rannte sie in das dunkelste Zimmer des Hauses und legte sich auf den
Boden, wo sie einschlief. Doch ihr Schlaf war keineswegs friedlich, denn sie
träumte von dem Fürsten.
„Laetitia, lasst diese Welt hinter euch. Schaut, was ich euch zeigen, was ich
euch bieten kann. Ihr könnt nicht ändern, was ich aus euch gemacht habe. Ohne
mich wandelt ihr alleine durch die Nacht und werdet spüren, dass euch etwas
fehlt, egal was ihr tut. Ihr wisst, wovon ich spreche, nicht wahr? Ihr spürt es
bereits. Gewiss, ich habe euch viel Leid und Schmerz gezeigt, doch seht ihr die
Schönheit der Nacht nicht? Wir brauchen kein Licht, erfreut euch an der Nacht,
Laetitia. Mein Herz schmerzt, ihr habt euch in ihn hinein gebrannt. Kommt und
erlöst mich von meinem Schmerz.“
Der Fürst verschwand und ihr Vater erschien vor ihren träumenden Augen.
„Was hast du nur getan? Meine Tochter, oh Tochter, halte dich fern von dem
Bösen. Erfreue dich an dem Licht, geh hinaus und blicke in die Sonne, so wirst
du wieder das Gute finden und wir werden uns wieder sehen.“
Als sie aufwachte ward es wieder Nacht und der Mond strahlte in all seiner
Pracht. Sie verließ das Haus und lief durch das Dorf. Als sie an dem Elternhaus
vorbeilief, sah sie ihren Schatten an der Fassade. Ihr Haar wehte im Wind. Sie
war fasziniert von dem Schatten. Es zeigte den Schatten einer jungen Frau. Es
war der Schatten ihres alten selbst. Nun wusste sie, das war alles, was ihr aus
ihrem bisherigen Leben geblieben war, ein dunkler Schatten. In ihrem Kopf
wüteten die Bilder der Grausamkeit, in ihrer Seele war nur noch Platz für Hass,
ihr Körper verlangte nach Blut und in ihrem Herz war immer noch das Bild des
geheimnisvollen Fremden, der nach Rast und Ruhe in ihrem Haus suchte.
Es war vollbracht. Nun öffnete der Fürst die Fensterläden eines der Fenster und
er erblickte den Vollmond. Doch eine weitere Quelle des Lichts erleuchtete
plötzlich den Raum. Der Schein des Mondes fiel auf den wundervoll verzierten und
brandneuen Silberdolch und reflektierte den Schein. Jahrhunderte nun konnte den
Fürsten nichts erschüttern, doch nun hielt der den Dolch fest in beiden Händen
und zielte auf sein Herz, bereit zuzustoßen als die Tür aufgestoßen wurde und
Laetitia eintrat. „Ich möchte mich rächen!“ Vor dem bleichen Mädchen auf die
Knie fallend reichte er ihr den Dolch. „So soll es geschehen.“ Laetitia ergriff
den Dolch, schüttelte aber den Kopf. „Nicht vor euch, mein Geliebter, vor den
Menschen, die mir nie die Dunkelheit, den Rausch und das Böse gezeigt haben und
dennoch all dies in sich verborgen hielten.“ Da weinte der Fürst eine blutrote
Träne. „Steht auf und lasst uns Schrecken und Grauen als Fürst und Fürstin der
Finsternis auf der Welt verbreiten.“
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