Sie saß wie jede Nacht am Fenster und starrte sehnsüchtig in die Ferne. Die
schwarze Nacht, die ihr einst so viel bedeutet hatte und ihr heute doch nichts
mehr sagte, lag schwer wie die Ewigkeit vor ihr. Keine der dunklen Schönheiten
nahm sie noch wahr und der Gesang der Kinder der Nacht vermochte auch schon
lange kein Lächeln mehr auf ihre bleichen Lippen zu zaubern. Die warme Brise der
Sommernacht ließ sie frösteln und so zogen die dünnen, weißen Finger die einst
so farbenfrohe Blütenstola, die nun grau wie ihr ganzes Leben war, fester um den
ausgemergelten Körper. Wann nur würde diese lange Nacht, die so schwarz wie ihr
Innerstes war, enden?
Mit geschlossenen Augen kehrte sie in die Vergangenheit zurück, als sie jung und
begehrt war und Lachen ihr Dasein erfüllte. War sie schlank gewesen oder mit
üppigen Kurven ausgestattet? Ihre Locken... waren sie nicht rot gewesen? Sie
wusste es nicht mehr, zu viele Jahrhunderte waren ins Land gezogen und hatten
die
Erinnerung getilgt. Doch sie wusste noch, dass sie das Leben einst geliebt
hatte.
Was nur war geschehen? Es waren vielleicht einfach zu viele Jahrhunderte
gewesen,
die sie erlebt hatte und so war mit jedem neuen Jahrzehnt etwas mehr von ihrer
Energie, dem Glück und Lachen verschwunden.
Lange hatte es gedauert, bis sie
selbst merkte, dass sie welkte, wie eine Blume ohne Wasser. Äußerlich noch immer
von anbetungswürdiger Schönheit war sie doch innerlich unmerklich gealtert. All
jene Sterbliche, die um ihre Gunst buhlten, sich mit ihrer Gesellschaft schmück-
ten... sie hatten nicht erkannt, dass ihre gebrochene Seele schon lange am
Krück-
stock ging!
Des Daseins müde, hatte sie sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückge-
zogen, immer häufiger dem lebensspendenden Saft der Sterblichen entsagt, begon-
nen vor sich hinzuvegetieren, und so war auch ihr Äußeres alt geworden, wie ihr
einsames Herz. Finanzielle Ressourcen besaß sie schon lange nicht mehr und von
ihrem Adelstitel konnte sie auch nicht darben, denn dieses Land besaß schon zu
viele verarmte Blaublütler.
Zuletzt war sie mit jedem Tag schwächter geworden, hatte die Jagd nach dem Le-
benssaft völlig aufgegeben und sich nur noch Nacht für Nacht in ihren Sessel am
Fenster geschleppt, um mit blicklos werdenden Augen in das seelenlose Schwarz zu
starren. Heute jedoch war etwas anders, denn heute spürte sie, dass sie nicht
noch einmal die Kraft haben würde, sich zu erheben und in ihren Sarg zur Ruhe zu
betten.
Als am Morgen die Sonne einem roten Feuerball gleich am Himmel emporstieg, atme-
te sie tief die 1. Morgenluft ein und das Lächeln kehrte nach so langer Zeit auf
ihre fahlen Lippen zurück. Während der warme Morgenwind ihren zu Staub zerfal-
lenden Körper zum Fenster hinaus und über das Land wehte, lag das glückliche
Lachen der lebenslustigen Gräfin von einst in der Luft!