Die Abenddämmerung lag über der Stadt. Rot und golden in den Farben des Herbstes
glühte der Himmel und verkündete das Sterben des Tages.
Die Menschen zogen an ihm vorbei wie bunte Schatten, er nahm sie gar nicht
richtig wahr.
Was er allerdings wahrnahm war die Stadt um ihn herum.
Er war mit ihr verwachsen, seit 800 langen Jahren hatte er sie nur drei mal für
einen längeren Zeitraum verlassen.
Die Stadt um ihn herum lebte, blühte in ihren schönsten Farben, egal zu welcher
Jahres, egal zu welcher Tageszeit. Bis tief in die Nacht liefen Menschen durch
die Straßen, lachten, sahen sich die Auslagen der Geschäfte an, aßen zu Abend,
gingen in die Oper oder ins Theater
Die Jahre waren durch sie hindurch gezogen und hatten ihre Spuren hinterlassen,
ohne allerdings die alten Spuren zu verwischen oder gar gänzlich auszumerzen.
Oft wünschte er sich, nur halb so lebendig zu sein wie diese Stadt. Und doch
schloss diese Stadt den Tod in ihre Arme, sog ihn auf und gewährte im Raum sich
zu entfalten.
In Grüften toter Kaiser und Kaiserinnen, die am Tage geöffnet waren um Scharen
von Touristen an den Toten vorbeizuschleusen.
Auf den unzähligen Friedhöfen, deren alte Schönheit erhalten wurde um sich an
ihr zu erfreuen.
In den unterirdischen Katakomben der Stadt, in denen Zahllose Knochen von den
Pestopfern ihrer Zeit erzählten. Diese Stadt war seine Stadt, Wien!
Doch an diesem Abend hatte er keine Zeit sich weiter mit der Schönheit seiner
Stadt zu befassen. Er war auf dem Weg ins Krankenhaus, wie an fast jedem Abend
des letzen Jahres.
Nur heute war es anders, er fühlte es, fühlte es seit er an diesem Abend erwacht
war.
Er wußte, er würde Zarah heute das letzte mal besuchen, sollte sie sich wieder
gegen ihn entscheiden.
Die großen Türen des Krankenhauses schwangen vor ihm auf und sofort schlug ihm
der Geruch, nach Chemikalien, Desinfektionsmitteln, Krankheit und Tod entgegen
und löste den Geruch von gebrannten Maroni ab der eine auf den Wiener Straßen
überall verfolgte.
Er haßte Krankenhäuser, das grelle Weiß, die Leidenden und Kranken, er gehört
einfach nicht hierher, denn er hatte über Krankheit und Tod triumphiert. Doch
für sie würde er überall hingehen.
Keiner nahm ihn wahr als er sich den Weg in das dritte Stockwerk bahnte. Seit
zwei Tagen lag sie nicht mehr auf der Intensiv Station, was in ihrem Fall aber
kein gutes Zeichen bedeutete.
Die Ärzte hatten sie aufgegeben und wollten ihr nun das Sterben so angenehm wie
möglich gestalten. Sie war in ein kleines Zimmer verlegt worden an dessen linker
Wand sich ein großes Fenster befand. Von dort aus konnte man einen Teil der
Stadt überblicken.
Viele Gerätschaften standen um sie herum und die Beatmungsmaschine pumpte
unaufhörlich Luft durch ihre Nase in ihre schwachen Lungen.
Als er die Tür leise hinter sich schloß drehte sie ihrem Kopf langsam in seine
Richtung. Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen.
„Julius, wie schön daß du da bist. Ich hatte gehofft dich noch einmal zu sehen
und mir gewünscht daß du bei mir bist wenn...“ Ein starker Hustenanfall
schüttelte sie.
Innerhalb einer Sekunde war er bei ihr und hielt ihre Hand.
„Es ist alles gut. Ich bin da. Ich werde immer für dich da sein, bis in alle
Ewigkeit, wenn du nur willst.“
Sie wandte den Blick von ihm ab.
„Du weißt daß ich nicht annehmen kann was du mir anbietest. Ich könnte nicht so
leben. Die Ewige Dunkelheit, das Töten...nein, ich könnte so nicht leben.“
Tränen schossen in ihre Augen während er sie schmerzlich ansah.
„Ich wünschte nur, ich hätte noch ein klein wenig mehr Zeit um sie mit dir zu
verbringen. Nur ein wenig, und nicht hier in diesem kalten, sterilen Raum.“
Ein erneuter Hustenanfall schüttelte sie und ihre Hand verkrampfte sich in der
seinen.
Nun spürte Julius die Anwesenheit des Todes. Er drehte sich in Richtung des
Fensters und sah dort seine anmutige Gestalt stehen. „Tebosh, leider kann ich
nicht sagen daß ich mich freue dich zu sehen.
Mit einer entschuldigenden Geste breitete der Tod seine Hände aus. Sein Gesicht
zeugte von Verständnis.
„Es tut mir leid, Julius, aber ich kann keine Ausnahme machen. Ihre Zeit ist
gekommen, ihre Leiden bringen ihr Leben zum erlöschen. Du könntest sie nur
retten indem du sie mit dir nimmst.“
„Aber das will sie nicht!“ verzweifelt sah er ihn an.
„Ich weiß!“ Die Stimme des Todes klang warm und verständnisvoll.
„Gib mir noch diese Nacht mit ihr, ich werde sie am Morgen gehen lassen, ich
verspreche es.“
„Julius, was ist da am Fenster?“ Schnell drehte Julius sich zur ihr um.
Er hatte vergessen daß Zarah den Tod weder sehen noch hören konnte.
„Es ist nichts!“ Er blickte zurück zu Tebosh.
Dieser nickte ihm leicht zu. „Diese eine Nacht, ja ich schenke sie euch.“
Julius wandte sich ab und wußte das der Tod verschwunden war.
„Zarah, wenn ich dir verspreche, dich nicht zu dem zu machen was ich bin, aber
dich dennoch so sehr zu kräftigen daß du diese Nacht mit mir, frei von Schmerzen
verbringen könntest, würdest du einwilligen?“
„Ja, denn ich vertraue dir. Du würdest nichts gegen meinen Willen tun, oder?“
„Niemals!“ Er löste sacht seine Hand aus der ihren.
Mit dem Daumennagel seiner rechten Hand ritzte er sich eine Ader an seinem
linken Handgelenk an, so daß ein dünner roter Faden seinen Arm entlang rann.
Ohne jegliche Regung zu zeigen sah Zarah im zu.
„Du mußt das jetzt trinken, mein Engel und dann zeige ich dir meine Stadt, eine
ganze Nacht lang, nur du und ich und kein Schmerz wird dich diese Nacht
einholen.“
Noch einen Moment lang sah sie ihn mit erstauntem Blick an, dann zog sie mit
zittrigen Fingern sein Handgelenk an ihren Mund. Ein warmes Gefühl durchströmte
ihn, ein Wärme, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlt hatte. Menschliche
Wärme. Nach wenigen Minuten entzog er ihr sein Handgelenk und sah ihr liebevoll
in die Augen.
„Und jetzt,“ er küßte ihre Finger. „Befrei dich von diesen Maschinen und zieh
dir etwas an. Die Nacht und die Stadt warten auf uns.“
Nachdem sie schnell in eine blaue Jeans und einen roten Pulli geschlüpft war
öffnete Julius ein Fenster und bot Zarah seine Hand.
„Aus dem Fenster?“
„Ich glaube die Angestellten des Krankenhauses fänden es ein wenig befremdlich
wenn eine Sterbenden quicklebendig auf ihrem Flur erschien. Meinst du nicht?“
Mit einem Lächeln nickte sie und ergriff seine Hand. Er zog sie an sich, genoß
einen Augenblick lang ihren Duft und hob sie dann auf seine Arme.
Durch die Kraft seiner Gedanken erhob er sich in warme Abendluft und ließ das
Krankenhaus tief unter sich. Zarah stieß einen kleinen Schrei aus, als sie in
die Tiefe sah.
„Wohin soll ich dich Tragen, Engel?“
„Es ist ganz egal, zeig mir deine Stadt.“
Ein kleines Stückchen Grün erschien unter ihnen und inmitten dieses Grüns
berührten Julius’ Füße wieder den Boden. Sanft stellte er Zarah auf die Füße und
staunend sah sie sich um.
Sie befanden sich inmitten eines alten Schloßparks, nicht so groß wie der des
Schönbrunner Schlosses, doch ebenso schön. Weite Rasenflächen die immer wieder
durch wunderschön bepflanzte Blumenbeete unterbrochen wurden, umsäumt von
Kieselsteinwegen und steinernen Sphinxen die als Zeugen alter Zeit wachten.
Unzählige bunte Flutlichtstrahler erhellten den Garten und das große Gebäude das
am oberen Ende dieses Parks in den Nachthimmel emporragte.
Es war ein kleines Schloß daß heute eine immer wechselnde Galerie beherbergte.
In zahllosen Fenstern brannte Licht und so konnte man den Eindruck gewinnen man
sei in der Zeit zurückgereist und dort drinnen würde ein rauschender Ball
stattfinden.
„ Es ist schön hier, wo sind wir?“
Mitten im Herzen der Stadt, es ist das Obere Belvedere was du dort vor dir
siehst, wenn du dich umdrehst, dort unten, das etwas unscheinbarere Gebäude ist
das untere Belvedere.
Dahinter erstreckt sich die restliche Stadt, der Stephansdom, die Karlskirche,
das Riesenrad, einfach alles. Vor vielen Jahrzehnten lebte ich einmal in diesem
Schloß und seitdem suche ich es regelmäßig auf. Es gibt mir ein kleinwenig das
Gefühl von Heimat.“
„Julius, wie alt genau bist du!“
„Das willst du gar nicht wissen!“ er lächelte sie verschmitzt an und strich ihr
zärtlich über die Wange.
Dann nahm er sie an die Hand und zog sie durch den Garten.
Er erzählte ihr die Geschichten der verschiedenen griechischen Figuren und
Brunnen die im Garten aufgestellt waren, sie lauschte im und schloß ab und an
die Augen, um einen Windhauch zu genießen der ihr durchs Haar strich. Über ihnen
waren mittlerweile unzählige von Sternen aufgegangen die die Nacht erhellten.
„Hast du dich sattgesehen? Denn nun führe ich dich an einen weitern Ort dieser
Stadt den ich sehr schätze.“
Erneut hob er sie auf seine Arme und diesmal war sein Ziel die Wiener Hofburg.
Obwohl es schon spät war, waren noch einige Menschen auf den Straßen unterwegs.
Sie schwatzten, lachten und genossen die Wärme der Nacht. Julius führte sie um
das Gebäude herum, durch den kleinen Park an seiner rechten Seite, unter den
Torbögen hindurch, durch die am Tage viele Fiaker fuhren und unzählige Touristen
liefen.
„Warst du jemals in der Hofburg, Zarah?“
„Nur einmal kurz, wir wurden von einer Führerin hindurchgeschleust, die
keinerlei Sinn für ihre Führung hatte.“
„Nun dann wollen wir das aber schnell ändern.“
Mit einem kurzen Blick fixierte Julius das Schloß der Tür und widerstandslos
schnappte es zurück.
„Aber wir können doch nicht....“ setzte Zarah zu protestieren an.
„Warum nicht!“
Sanft aber bestimmend zog er sie am Handgelenk ins Innere. Sie schlenderten
durch alle Räume, auch durch die die für Touristen nicht begehbar waren. Er
zeigte ihr die Geheimgänge die bisher niemand je entdeckt hatte, erzählte ihr
Geschichten von den Mitgliedern des Kaiserhauses und ließ die Vergangenheit in
ihrem Geiste neu aufleben. Die Hofburg war nicht das Letzte was er ihr in dieser
Nacht zeigte, er führte sie durch die Wiener Oper, die Kapuzinergruft und die
heimlichen Gäßchen mit ihren alten Laternen die Wien diesen unveränderten Charme
verliehen.
Er führte sie quer durch die Ganze Stadt, mit ihren alten und neuen Teilen, dort
wo Gegenwart und Vergangenheit untrennbar miteinander verknüpft waren.
Glaspaläste und alte Herrenhäuser, Parks, Grünanlagen und die Plätze an denen
sich das moderne Nachtleben abspielte. Discotheken und Bars.
Die Zeit verging und schmerzlich merkte Julius jede Minute die verrann und er
sehnte sich danach die Zeit anhalten zu können.
„Eins hast du mir noch nicht gezeigt!“
„Was denn?“
„Den Stephansdom. Natürlich kenne ich ihn, aber du siehst ihn sicher mit anderen
Augen!“
„Aber natürlich“ platzte es aus ihm heraus. „Ich habe geholfen ihn zu erbauen.“
Vielsagend lächelte er, während sie ihn mit großen dunklen Augen ansah.
„Es sind nur einige Straßen komm, ich zeige dir den Dom. Warst du schon einmal
oben, auf der Aussichtsplattform?“
„Eigentlich habe ich schreckliche Höhenangst, aber nachdem was mir heute schon
alles wiederfahren ist, spielt das keine Rolle mehr!“
Endlich standen sie vor dem großen, prächtigen Gebäude. Der Große Turm starrte
ihnen schwarz entgegen während das Mittelschiff frisch gereinigt und weiß im
hellen Scheinwerferlicht erstrahlte.
„Der Dom ist nie verschlossen ,egal zu welcher Tageszeit. Doch ich will mit dir
nach oben, die Stadt in ihrer ganzen nächtlichen Pracht bewundern. Höher hinaus
als Touristen es dürfen, hinauf in den obersten Turm.“
Wieder hob er sie auf seine Arme, ewig wollte er sie so halten, und trug sie
nach oben, weit über die Dächer und die Menschen, den Sternen entgegen. Als er
sie abgesetzt hatte trat Zarah dicht an den Rand der Plattform die von einem
Metallgeländer eingesäumt wurde und schaute über Wien.
„Die Lichter sind wunderschön, nicht!“ Julius legte beide Hände auf ihre
Schultern.
„Die Lichter der Stadt und die Lichter über uns, ja sie sind wunderschön.“
Millionen kleiner Lichtpunkte tanzten in ihren dunklen Augen und spiegelten sich
darin, sein geliebtes Wien, eingefangen in ihren Augen.
„Ich kann mich gar nicht satt sehen daran, ich komme sehr oft hierher, wenn ich
nachdenken muß oder wenn ich gänzlich allein sein will, und bisher war niemand,
weder Mensch, noch Vampir mit mir hier oben.“
Sie nahm seine Arme und legte sie um ihre Taille. „Siehst du, dort hinten färbt
sich der Himmel schon hell. Die Nacht ist fast vorüber. Auf Dunkel folgt immer
Licht, das eine besteht nicht ohne das andere.
Ich könnte nicht leben ohne das Licht des Tages, auch wenn ich dich hätte. Ich
danke dir für diese Nacht und für alles was du für mich getan hast und tun
würdest.“
Er drehte sie zu sich herum, so daß er ihr direkt in die Augen sehen konnte.
„Es ist noch nicht zu spät, das weißt du!“
Leicht legte sie ihm einen Finger auf die Lippen. „Doch das ist es!“
Sie küßte ihn und Julius ließ sich auf diesem Gefühl treiben. So sagte sie ihm
mehr als Worte es jemals gekonnt hätten. Es dauerte viel zu kurz an.
Julius merkte wie Zarah sich in seinen Armen verkrampfte. Der Schmerz hatte sie
eingeholt!
Er stützte sie und kniete sich mit ihr auf den steinernen Boden der Plattform.
„Diese Nacht war mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Sag, glaubst du an ein
Leben nach dem Tod?“
„Früher tat ich es einmal, bevor ich zu dem wurde was ich heute bin. Ich denke
für die Menschen gibt es ein Leben nach dem Tod, in welcher Form auch immer.“
„Die Sterne fangen an zu verblassen, aber die Lichter der Stadt strahlen
unvermindert. Ich liebe Deine Stadt und...“ sie hustete, ihre Stimme schien zu
brechen und Julius war nicht mehr im Stande seine Tränen zurückzuhalten.
Dunkelrote Tropfen fielen auf den grauen Stein und versickerten in den
steinernen Ritzen.
„...ich liebe Dich!“ Es war nur noch ein Flüstern, kaum zu vernehmen, dann sank
ihr Kopf kraftlos an seine Schulter und die Lichter in ihren Augen erstarben.
Sie war fort und Julius spürte die Hand des Todes auf seiner Schulter.
„Laß sie gehen!“ mehr sagte er nicht.
von Elisabeth Salzmann