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AEsahaettr
Amily rannte durch den tief
verschneiten Wald. Ihr keuchender Atem hinterließ kleine weiße Dampfwölkchen in
der klaren Luft. Immer wieder warf sie gehetzte Blicke über die Schulter nach
hinten. Schon mehrere Male war sie auf diese Weise gestolpert und in den tiefen
Schnee gefallen. Doch immer wieder hatte sie sich aufgerappelt und war
weitergelaufen.
Sie fürchtete sich davor, nicht wieder aufstehen zu können, und somit ihren
Verfolgern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Sie wusste weder, was
sie in diesen Wald verschlagen hatte, noch, wer ihre Verfolger waren. Das
einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass sie Angst hatte.
Plötzlich hörte sie, zuerst weit hinter sich, doch dann immer näher kommend, das
Geheul der Wölfe. Angstvoll warf sie einen Blick über die Schulter. Dabei
verhedderte sie sich in einem Dornengestrüpp und fiel der Länge nach hin. Sie
verschluckte eine Handvoll Schnee, riss sich ihre Kleidung an den Dornen auf.
Ein scharfer Schmerz bohrte sich durch ihr linkes Bein und ließ sie vor Schreck
und Schmerz aufschreien. Ihre rechte Hand schnellte von selbst nach hinten und
fühlte ihr Bein hinunter, bis sie unterhalb des Knies etwas Spitzes ertastete.
Als Amily ihre Hand vor ihre Augen hielt, konnte sie Blut erkennen.
Das Heulen ertönte wieder, nun war es ganz nahe. Amily stemmte sich nach oben -
und wäre beinahe abermals gestürzt. Ein scharfer Schmerz durchbohrte ihr Bein
wie eine Klinge. Wimmernd warf das Mädchen einen Blick über die Schulter.
Durch den einsetzenden Schneefall erkannte sie dunkle, schemenhafte Umrisse, die
immer näher kamen. Die Wölfe! Immer noch folgten sie ihr. Lange würde Amily
ihnen nicht mehr entkommen können.
Mit dem Mut der Verzweiflung humpelte sie weiter durch den immer dichter
fallenden Schnee, auf ein Wunder hoffend, was das einzige war, das ihr jetzt
noch helfen konnte. Nach etwa hundert Schritten konnte sie nicht weiter.
Dunkles Blut lief ihr Bein hinab und tropfte in den weißen Schnee, wo es eine
gut sichtbare Spur hinterließ. Doch die Wölfe brauchten nicht einmal das, um ihr
folgen zu können. Der Geruch des Blutes reichte, um Amily aufzuspüren.
Schon fast am Ende ihrer Kräfte warf Amily einen Blick nach vorne durch die
dicht stehenden Bäume – und meinte, zwischen ihnen Licht schimmern zu sehen.
Dieses Licht gab ihrem Körper noch einmal die Kraft, sich hochzustemmen und ihm
entgegenzustolpern. Sie hatte es beinahe erreicht, als vor ihr wie aus dem
Nichts eine graue Mauer mit einem verschlossenen Tor auftauchte.
Mit einem leisen Aufschrei warf Amily sich gegen das Tor und begann, mit ihren
inzwischen tauben Händen gegen das robuste Holz zu hämmern. Doch niemand kam, um
ihr zu öffnen.
Ihre Beine gaben nach; Amily rutschte am Tor entlang nach unten und blieb im
Schnee sitzen. Aus den Augenwinkeln gewahrte sie fünf Wölfe, die langsam näher
kamen und sie aus hungrigen Augen beobachteten.
Die Kälte kroch unter Amily’s Kleidern hindurch und verursachte eine Gänsehaut.
Fröstelnd versuchte sie, sich hochzustemmen, um vielleicht doch den hungrigen
Wölfen zu entkommen, doch sie konnte ich nicht mehr bewegen.
Die Wölfe hinter ihr begannen zu knurren und leise zu jaulen. Einer von ihnen,
ein besonders großes, fast nachtschwarzes Tier, trennte sich von den anderen und
stellte sich kurz vor Amily auf. Das Mädchen konnte den heißen Atem des Tieres
spüren, und schloss entsetzt die Augen, als sie sah, dass der Wolf zum Sprung
ansetzt. Sie hätte nie gedacht, auf diese Weise sterben zu müssen.
Ein Hauch kalter Luft streifte ihren Nacken. Entsetzt duckte Amily sich noch
etwas tiefer in den Schnee – und blickte erstaunt auf, als sie ein schrilles
Jaulen vernahm. Der schwarze Wolf war in einen verbitterten Kampf mit einem
anderen Wolf verwickelt. Doch dieser unterschied sich in sämtlichen Punkten von
seinem Gegner.
Der Schwarze war unterernährt; der harte Winter hatte ihm das Fett von den
Knochen gesogen und sein Fell struppig und farblos werden lassen. Dagegen war
sein Gegner beinahe so etwas wie eine Erscheinung: ein riesiges, ganz und gar
weißes Tier mit glänzendem Fell und kräftigen Läufen und Zähnen.
Der Kampf war fürchterlich anzusehen. Der Schwarze und seine Kumpanen kämpften
zusammen gegen den weißen Gegner, der ihnen jedoch an Ausdauer und Kraft weit
überlegen war, obwohl er allein gegen fünf kämpfte. Schon nach wenigen Minuten
lagen drei der Wölfe tot am Boden, ein weiterer kroch schwer verletzt aus der
Zielrichtung in Richtung Bäume davon.
Allein der Schwarze kämpfte noch weiter, doch auch er sollte dem weißen Wolf
unterlegen sein. Der sprang, mit einem einzigen Satz, dem schwarzen an die Kehle
und biss zu. Sein Gegner bäumte sich unter schrillem Jaulen auf – und brach tot
zusammen.
Amily lag mittlerweile im Schnee. Ihr Bein schmerzte fürchterlich, und der
Schnee hatte sich dort, wo der Unterschenkel lag, rot gefärbt. Das Mädchen
konnte nicht mehr klar sehen; schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, die
langsam größer wurden.
Ein Schatten verdunkelte kurz den Himmel. Amily meinte, den weißen Wolf zu
sehen, der mit einem Satz über sie drüber flog und aus ihrem Gesichtsfeld
verschwand, doch sicher war sie sich nicht.
Die schwarzen Punkte wurden immer größer. Amily wusste, dass das mit dem
Blutverlust zu tun hatte, doch sie konnte nichts tun, um die Blutung zu stoppen.
Noch einmal versuchte sie, die Hand zu ihrem Bein auszustrecken, aber sie war zu
schwach. Einen Moment war ihr, als sähe sie einen länglichen Schatten, der sich
über sie beugte.
Amily meinte, eine Hand in einem schwarzen Handschuh zu fühlen, die ihr leicht
über das Gesicht strich. Doch sie war nicht sicher; ihre Gedankengänge waren
verschwommen, sie sah nichts mehr und auf ihren Ohren schien Watte zu liegen,
die jedes Geräusch verschluckte.
Plötzlich schoss ein brennender Schmerz durch ihr verletztes Bein, als steche
jemand mit einer glühenden Nadel in ihr verwundetes Fleisch. Amily schrie auf,
und versuchte, die Hand wegzustoßen, die sich um ihre Schulter geschlossen hatte
und sie festhielt. Mit letzter Kraft bäumte das Mädchen sich auf – und stürzte
in ein schwarzes Loch, das sie verschluckte und ihre gepeinigten Schreie
erstickte.
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Ein Gefühl von Wärme weckte
Amily. Mit geschlossenen Augen tastete sie über die weiche Unterlage, auf der
sie lag, bis sie an einer Seite eine Kante fühlte. Vorsichtig zog sie ihre Hände
wieder an den Körper und öffnete die Augen.
Sie lag in einem Doppelbett mit weißem Laken und weißen Kissen. Das Zimmer war
nicht sehr groß, dafür aber mit allen wichtigen Dingen ausgestattet. Rechts von
der Tür, die sich gegenüber dem Bett befand, war ein Fenster in die Wand
eingelassen worden. Vor dem Bett stand eine hölzerne Truhe.
Die Wände des Zimmers waren weiß verputzt; alles hier wirkte sauber und
ordentlich. Amily richtete sich vorsichtig auf, um aus dem Fenster zu sehen.
Dabei fiel ihr ein sauber angelegter Verband an ihrem linken Bein auf.
Jemand hatte ihre Wunde verbunden, und den spitzen Gegenstand, was immer es auch
gewesen war, entfernt. Schwach erinnerte sie sich an den Schmerz, den sie
verspürt hatte, bevor sie draußen vor dem Tor ohnmächtig geworden war.
Vor ihrem Fenster, zum Greifen nahe, erhoben sich mächtige Bergspitzen gen
Himmel. Fünf an der Zahl waren es; von drei konnte Amily die Spitzen nicht
sehen. Doch mussten sie ziemlich hoch sein, denn auf ihnen lag Schnee.
Sachte ließ die Siebzehnjährige sich wieder in das Kissen sinken. Abermals
senkte sich Müdigkeit über ihren Geist. Sie schloss die Augen, drehte sich auf
die Seite und kuschelte sich tief in die Decke. Bereits wenige Minuten später
war sie eingeschlafen.
In der Nacht wurde sie durch ein leises Scharren und einer sanften Bewegung auf
ihrer Wange geweckt. Mit geschlossenen Augen lag Amily da, und überlegte, was
sie tun sollte. Doch die Person, der die Hand gehörte, schien keinerlei böse
Absichten zu hegen.
Eine längere Zeit strich die Hand weiter über ihre Wange und ihre Stirn, dann
wurde sie weggezogen. Wieder ertönte das leise Scharren, sowie leise Schritte
auf Teppich. Die Person ging um das Bett herum, und setzte sich auf der anderen
Seite an das Fußende.
Amily zuckte leicht zusammen, als die Bettdecke an ihrem linken Bein vorsichtig
beiseite gezogen wurde. Doch nach einigen Sekunden begriff sie, dass die Person,
die sie aufgrund der Dunkelheit nicht sehen konnte, obwohl sie nahe am Fenster
saß, nur nach ihrem Verband sah.
Ihr Helfer musste ihr Zucken gespürt haben, denn er legte ihr vorsichtig eine
Hand auf das Bein, bevor er die Bettdecke wieder darüber zog. Amily überlegte,
ob die Person das Zimmer jetzt verlassen würde.
Doch das war nicht der Fall. Im Gegenteil; der Fremde blieb an ihrem Bett
sitzen. Amily hatte das unbestimmte Gefühl, dass er sie beobachtete. Doch sie
fühlte sich nicht unwohl, im Gegenteil. Amily hatte das Gefühl, behütet und auf
merkwürdige Art beschützt zu sein.
Mit diesem Gedanken schlief sie wieder ein. Die Gestalt an ihrem Bett blieb
bewegungslos sitzen, etwa eine halbe Stunde lang. Als die Atemzüge des Mädchens
leise und gleichmäßig waren, erhob er sich leise und ging neben dem Gesicht der
Siebzehnjährigen auf die Knie.
Lange betrachtete der Mann das schlafende Mädchen, strich ihr mit seiner
behandschuhten Hand über das Gesicht und über das blonde Haar. Als er sie so
betrachtete, stieg eine nie zuvor gekannte Sehnsucht in ihm auf. Konnte sie es
sein? Hatte das Schicksal endlich ein Einsehen; sollte das diejenige sein, auf
die er so lange gewartet hatte?
Sachte beugte er sich schließlich vor und berührte ihre Stirn und den Ansatz
ihres Haares mit den Lippen. Dann stand er auf und verließ geräuschlos das
Zimmer.
Als Amily erwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war. Doch als sie
sich im Bett aufsetzte, und den Verband an ihrem Bein sah, fiel ihr wieder ein,
was vergangenen Abend geschehen war.
Sie stand auf und stützte sich dabei mit einer Hand am Bettpfosten ab. Ihr
linkes Bein konnte noch nicht vollständig belastet werden, da es wie verrückt
zitterte, sobald sie ihr Körpergewicht auf die linke Hälfte ihres Körpers
verlagerte,
Ein wenig hinkend ging Amily am Bett entlang und stützte sich dabei an den
Bettpfosten ab. Nachdem sie zum Fußende gekommen war, ließ sie sich erschöpft
auf dem weißen, flauschigen Teppich nieder und nahm die Kiste näher in
Augenschein, die ein paar Schritte neben ihr stand.
Es handelte sich um eine aus dunklem Holz, mit allerlei Verzierungen um den
Deckel und die Seiten geschmückte und mit eisernen Beschlägen besetzte Truhe.
Neugierig hob Amily den Deckel an und lehnte ihn gegen das Bett. Dann beugte sie
sich vor und lugte in die Truhe.
Kleider lagen darin, sorgsam aufgestapelt, sowie Schreibzeug, Federkiele und
Tinte, einige Bücher. Ganz obenauf lag ein Brief.
Neugierig nahm Amily ihn heraus und öffnete ihn. Erstaunt überflog sie die
Zeilen, die ein ihr Unbekannter an sie gerichtet hatte.
Ich hoffe, es geht dir besser. Als ich dich vor zwei Tagen an meinem Schlosstor
gefunden habe, warst du am Ende deiner Kräfte. Nachdem ich dich herein trug,
hast du lange geschlafen.
Wenn du Hunger verspüren solltest, geh aus dem Zimmer, in dem du dich gerade
befindest, und den Gang hinunter. Am Ende ist eine Tür. Wenn du sie öffnest,
kommst du in das Speisezimmer. Du wirst alles bereit finden.
Falls du Lust nach Gesellschaft verspüren solltest, findest du mich in der
Bibliothek. Das Zimmer befindet sich ebenfalls auf dem Gang, es ist die linke
Tür. Ich werde dort auf dich warten. Wenn die Schmerzen in deinem Bein zu
schlimm sind, musst du nicht kommen.
Amily legte den Brief beiseite und starrte aus dem Fenster. Sie erinnerte sich
nur allzu deutlich an die letzte Nacht. An die Person an ihrem Bett, an die
Fürsorge, die ihr der Unbekannte entgegen gebracht hatte.
Entschlossen blickte Amily an sich herunter. Verärgert und ein wenig erschrocken
stellte sie fest, dass ihre Kleider, die sie bei der Verfolgung der Wölfe
angehabt hatte, zerrissen und verdreckt waren.
Ob die Kleidung, die in der Kiste lag, ihr passen würde? Unentschlossen griff
Amily nach der obersten Schicht und staunte, als sie plötzlich ein Kleid aus
weißem Stoff in der Hand hielt. Es war kostbar gearbeitet: an den Ärmeln waren
gestickte Muster eingenäht, und um die Tallie verlief ein dünner Gürtel mit
Rankenmuster.
Ein wenig unschlüssig betrachtete die junge Frau das Kleid. Sie musste etwas
anderes anziehen, wenn sie sich mit ihrem Retter unterhalten wollte. Unmöglich
konnte sie das anlassen, was sie gerade trug. Doch das Kleid sah kostbar aus.
Bestimmt war es nicht für sie bestimmt.
Sorgsam legte sie das Kleid wieder zusammen und verstaute es in der Kiste. Dann
suchte sich Amily eine weiße Bluse und einen, ebenfalls weißen, knöchellangen
Rock heraus. Schuhe gab es keine; doch Amily, durch das Laufen im Wald an Boden
gewöhnt, verzichtete gern darauf.
Nachdem sie sich umgezogen hatte, öffnete sie die Tür ihres Zimmers und trat auf
den Gang hinaus. Der Gang, in dem sie sich befand, war mit dunklem Holz
vertäfelt. Der Boden war mit einem, ebenfalls dunklem, Teppich ausgelegt.
Amily ging den Gang entlang bis zum Ende des Ganges. Wie in dem Brief
beschrieben, war dort eine Tür aus Eschenholz. Die junge Frau öffnete sie und
fand sich in einem länglichen Zimmer mit einer Tafel und mehreren Stühlen
wieder.
Auf der Tafel standen ein Gedeck, sowie ein Brotkorb und eine Platte mit Wurst
und Käse. In einem offenen Kamin an der einen Seite prasselte ein Feuer. Als
Amily so zur Tafel sah, bemerkte sie, dass sie hungrig war. Rasch setzte sie
sich hin und verbrachte die nächsten Minuten damit, sich satt zu essen.
Nach dem Frühstück stellte Amily den Stuhl zurück und ging wieder auf den Gang
hinaus. Sie sah den Gang hinunter. Rechts von ihr war eine Tür aus hellem Holz,
die wohl in die Bibliothek führte. Auf der linken Gangseite waren zwei Türen;
die hintere war die ihres Zimmers, wohin die vordere führte, wusste die junge
Frau nicht.
Plötzlich überkam Amily ein seltsamer Drang, herauszufinden, wer ihr Gastgeber
war. So steuerte sie auf die Bibliothek zu. Als sie den Raum betrat, stockte ihr
unwillkürlich der Atem. Das, was sie hier sah, überstieg selbst ihre kühnsten
Träume.
An den Wänden in dem großen Raum waren hohe Bücherregale angebracht, in denen
Tausende von Werken standen. Die Wand rechts war freigelassen worden; dort war
ein großes Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte und die ganze Wand
ausfüllte. Vom Fenster aus hatte man einen weiten Blick über den Wald, der sich
von hier aus weit in das Landesinnere erstreckte.
„Die Aussicht ist wunderbar, nicht wahr?“, ertönte eine Stimme von vorne. Amily
zuckte leicht zusammen; sie hatte vergessen, dass sie sich nicht allein hier
befand. Rasch wandte sie den Kopf, um zu sehen, wer sie angesprochen hatte.
An der hinteren Wand des Raumes war in einer breiten Lücke zwischen den Regalen
ein Kamin in die Wand gemauert worden. Helle Flammen knisterten darin. Links von
ihm stand ein Mann. Mit freundlichem Gesichtsausdruck sah er zu Amily hinüber.
Die Siebzehnjährige nickte. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.
Irgendetwas war an diesem Mann, was ihr die Möglichkeit nahm, einen klaren
Gedanken zu fassen. Sie betrachtete ihn vorsichtig.
Er hatte kurze, braune Haare, schmale Gesichtszüge und einen normalen Körperbau.
Seine Kleidung war einfach; schwarze Hosen und Stiefel, und ein weißes Hemd aus
reinem Stoff. Er winkte Amily, näher zu kommen.
Die Siebzehnjährige ging auf den Mann zu, der sich umgewandt und in einen Sessel
gesetzt hatte, der vor dem Kamin stand. Ein paar Schritte vor dem Kamin blieb
Amily stehen. Der Mann schien ihre Unsicherheit zu bemerken, denn er drehte ihr
sein Gesicht zu und bedeutete ihr freundlich, in dem anderen Sessel Platz zu
nehmen, der dem seinen gegenüber stand.
Amily setzte sich und blickte den Mann neugierig an. Dieser erwiderte ihren
Blick freundlich und offen. Amily schätzte ihn auf zweiundzwanzig Jahre. Doch
dann war ihr, als sei es unmöglich, sein wahres Alter zu schätzen.
„Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht“, sagte der Mann leise. Amily
sah ihn ein wenig erstaunt an, doch ihr Gegenüber lächelte nur leicht. Amily
fiel auf, dass sich seine Lippen nur ein wenig verzogen, sodass man seine Zähne
nicht sehen konnte.
„Du hast lange geschlafen.“
Der Satz kam Amily bekannt vor. Nach einigen Sekunden fiel ihr ein, dass der
Satz auch in dem Brief gestanden hatte, den sie in der Truhe gefunden hatte.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte sie. Wieder lächelte der Mann sein
seltsames Lächeln.
„Beinahe vierundzwanzig Stunden. Du warst sehr erschöpft durch deine Flucht
durch den Wald, und durch den Blutverlust. Ich bin froh, dass es dir wieder
besser geht. Eine Weile sah es gar nicht gut um dich aus.“
Hat er deshalb an deinem Bett gesessen und dich beobachtet?, schoss es Amily
durch den Kopf. Doch sie sprach es nicht aus. Vielleicht deshalb, weil sie sich
vor der Antwort fürchtete.
„Wo bin ich hier?“, fragte sie stattdessen. Diese Frage war neben der, ob der
Mann an ihrem Bett gesessen hatte, um ihren Schlaf zu überwachen, die
wichtigste, die Amily einfiel. Sie wusste von keinem Ort in der Umgebung ihres
Dorfes, wo Menschen lebten. Wo mochte sie sich hier nur befinden?
„Du bist auf meinem Schloss im Dunkelwald, etwa vierzig Meilen vom nächsten Dorf
entfernt.“
Das Flackern der Kerze war die einzige Lichtquelle im Zimmer. Amily saß aufrecht
in ihrem Bett, hatte die Bettdecke über ihre Knie gelegt und beobachtete das
winzige Licht auf ihrem Nachttisch. Ab und zu flackerte das Licht nervös auf und
ab, was daran lag, dass Amily das Fenster ein wenig geöffnet hatte, um frische
Luft hereinzulassen.
Die junge Frau konnte nicht schlafen. Zu viele Gedanken schwirrten ihr durch den
Kopf. Viele Dinge, über die sie nachdenken musste. Zum einen der Gedanke, dass
sie sich im Dunkelwald befinden sollte.
Schon als kleines Mädchen war ihr und den anderen Kinder ihres Dorfes
beigebracht worden, dass der Dunkelwald kein Ort war, den man leichtsinnig
betreten konnte. Er war weit und verwinkelt; die Bäume standen dicht, und ließen
das Sonnenlicht nur an einigen wenigen Stellen hindurch, der Rest lag immer im
Dunkeln.
Wilde Tiere lebten hier; Wölfe, Bären und Schakale; Vögel wie Falken, Bussarde
und Adler suchten hier ihre Beute. Und noch andere Wesen, deren Namen selbst die
Alten in ihrem Heim am wärmenden Feuer nicht aussprachen.
Ein lang gezogenes Heulen ertönte von draußen. Amily zuckte zusammen. Angstvoll
saß sie in ihrem Bett und blickte mit weit aufgerissenen Augen zum Fenster. Das
Heulen klang nahe; seit der Nacht draußen in der Kälte fürchtete sie sich vor
diesen Tieren.
Nach einigen Sekunden verstummte das Heulen. Die Siebzehnjährige entspannte sich
und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Rückseite des Bettes. Im Grunde war es
albern, dass sie sich fürchtete. Sie befand sich in Sicherheit; auf dem Schloss
eines Mannes, der auf Amily eine seltsame Art der Sicherheit ausübte.
Und damit wären sie bei dem zweiten Problem. Der seltsame Fremde, der hier
draußen allein in einem Schloss lebte, von dem sie nicht einmal den Namen
kannte, oder jemals zuvor von ihm gehört hatte.
Auf eine Amily nicht erklärbare Weise faszinierte er sie, ohne dass sie sagen
konnte, worin diese Faszination bestand. Vielleicht würde er es herausfinden,
wenn sie ihn eine längere Zeit lang beobachtete.
Ohne, dass sie es im Grunde wollte, hatte Amily sich auf eine längere Zeitspanne
eingestellt, die sie im Schloss verbringen würde. Den Grund lieferte ihr ein
Blick aus dem Fenster: es schneite stark, und das seit mehreren Stunden. Nicht
mehr lange, und alles würde unter eine dicken Schicht begraben liegen.
Da sie nicht genau wusste, wo im Dunkelwald sie sich befand, würde die Suche
nach einem Rückweg nur noch beschwerlicher werden. Womöglich verlief sie sich
dann endgültig, und müsste Hungers sterben. Nein; es war besser, hier zu
bleiben, und zu warten, bis der Weg wieder begehbar, und so der Weg in ihr Dorf
wieder frei war.
Als das Heulen diesmal ertönte, war sie nicht vorbereitet. Es klang so nah, dass
sie das Gefühl hatte, der Wolf stände genau unter ihrem Fenster und heule zu ihr
empor. Zitternd vor Angst verkroch sie sich unter der Bettdecke und schloss die
Augen.
Die Hand kam vollkommen unerwartet. Sanft strich sie über Amily’s Rücken; dabei
sprach der Mann mit leiser Stimme beruhigend auf sie ein. Er schien sich neben
ihren Körper auf das Bett gesetzt zu haben, denn die junge Frau konnte durch die
Decke hindurch eines seiner Beine spüren.
Ganz plötzlich wurde Amily von der Angst überschwemmt; ihr Denken war vollkommen
ausgeschaltet, da war nichts mehr in ihr, außer dem Drang, sich zu verstecken.
Mit einem Schluchzen warf sie sich herum und verbarg ihr Gesicht an der Brust
des neben ihr sitzenden Mannes.
Wäre Amily bei klarem Verstand gewesen, hätte sie wohl erwartet, dass ihr
Gastgeber sie von sich stoßen und mit ihr schimpfen würde. Doch beides traf
nicht ein. Im Gegenteil.
Der Mann legte vorsichtig seine Arme um das verschreckte Mädchen und begann, sie
sanft hin und her zu wiegen. Dabei sprach er mit leiser, tröstender Stimme auf
sie ein.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Amily. Die Wölfe können dir nichts antun.
Hier, bei mir, kann dir nichts geschehen.“
Dann, mit sehnsüchtiger Stimme und noch leiser als zuvor: „Bleibe bei mir, Amily.
Hier wird dein neues Zuhause sein. Ich werde dich behüten wie ein Vater, werde
dich umsorgen wie ein Bruder, und dich lieben wie ein Ehemann. Erwidere die
Zuneigung, die ich dir entgegenbringe, dann werden wir beide zusammen sein in
aller Ewigkeit.“
Amily saß wie erstarrt, und wagte kaum zu atmen. Nach einer kleinen Weile legte
der Mann sie vorsichtig wieder auf ihr Kissen zurück und deckte sie zu. Dann
stand er auf und stellte sich an das Fenster.
Dort blieb er reglos stehen, Amily beobachtete ihn, solange, bis ihre
Augenlieder schwer wurden, und sie in einen tiefen Schlaf hinab sank.
Doch selbst in ihren Träumen wurde sie nicht von ihren Ängsten verschont. Das
Heulen klang näher und war diesmal noch lauter als zuvor. Amily jedoch hatte
keine Furcht mehr vor den Wölfen. Sie stand auf und trat an das Fenster, um
herunter zu sehen.
Trotz des immer noch heftigen Schneefalls konnte sie unter sich längliche,
schwarze Schatten erkennen, die reglos standen und zu ihr hinaufsahen. Amily
meinte, kleine, rote Augen zu sehen, die den Schnee durchbohrten und sie sahen,
wie sie hier stand.
Amily zuckte zurück. Mit einer raschen Geste schloss sie das Fenster und wich
zum Bett. Immer größer wurde ihre Angst vor den Wölfen, die zwar weit unter,
dennoch nahe an ihrem Zimmer waren. Sie konnten ihr hier nichts tun, aber
dennoch…
Rasch wandte sie sich um und öffnete die Tür. Barfuss ging sie durch die Gänge,
bis sie zu der Bibliothek kam. Leise öffnete sie die Tür und schlüpfte durch den
Spalt, den sie sofort wieder schloss. Mit dem Rücken lehnte sie sich gegen das
Holz und atmete tief durch.
Erst jetzt bemerkte sie, dass sie in der Bluse und dem knöchellangen Rock, was
sie immer noch trug, leicht zitterte. Dazu bebten ihr die Beine, sodass sie kaum
noch stehen konnte. Taumelnd stieß sie sich von der Tür ab und ging langsam auf
den Kamin zu, der kalt und voller weißer Asche war.
In der Mitte des Raumes stolperte sie, und fiel zu Boden. Wieder ertönte das
Heulen der Wölfe, diesmal unter dem Fenster der Bibliothek. Amily zuckte
abermals zusammen, und versuchte wieder aufzustehen, doch ihre Beine wollten sie
nicht tragen.
Eine Hand legte sich unter ihre Arme und zog sie auf die Füße. Halb ging Amily,
halb wurde sie getragen, auf die Sessel zu, die vor dem nun entfachten Kamin
standen. Sanft wurde die Siebzehnjährige in einen davon hineingesetzt und mit
einer Decke aus Wolle zugedeckt.
Der Mann setzte sich neben den Sessel auf den Boden mit dem Rücken zum Feuer,
und beobachtete Amily, die wieder in Schlaf versunken war. Die Decke fiel über
ihre Beine herab, und rutschte immer weiter nach vorne, bis die Schwerkraft sie
auf den Boden zog.
Vorsichtig nahm der Mann die Decke auf, und machte Anstalten, sie Amily wieder
umzulegen. Dann jedoch überlegte er es sich anders. Er hob die junge Frau hoch
und trug sie auf seinen Armen durch die Gänge wieder in ihr Zimmer. Dort legte
er sie auf ihr Bett und deckte sie sorgfältig zu.
Wieder ertönte das Geheul der Wölfe. Amily stöhnte im Schlaf leise auf und
klammerte sich an die Hand des Mannes, der ihr beruhigend über das Gesicht
gestrichen hatte. Dieser erkannte, dass er Amily in dieser Nacht nicht alleine
lassen konnte. So ließ er seine Hand da, wo sie war, und legte sich vorsichtig
neben das Mädchen auf das Bett.
Amily schien zu spüren, dass ihr jemand nahe war. Ihr Atem ging ruhiger, und
langsam entspannten sich ihre Gesichtszüge. Vorsichtig zog der Mann seine Hand
aus der ihren. Zu seinem Erstaunen leistete sie keinen Widerstand; als sie
jedoch seine Hand nicht mehr spürte, zuckten ihre Hände tastend an seinem Hemd
entlang und legten sich um seinen Hals.
Mit einem leisen Seufzer ließ der Mann es geschehen; ihm selbst war die
Berührung ihrer bloßen Haut auf der seinen nicht unangenehm, im Gegenteil. Wenn
er seinen Kopf ein wenig herunterbeugte, konnte er ihr Haar unter seinem Mund
spüren; langsam atmete er ihren Geruch ein, der leicht nach Flieder duftete.
Als er seinen Kopf wieder hob, hob sie den ihren ebenfalls an, wie als wenn
beide durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden wären. Der Mann konnte
in ihr Gesicht sehen, das jetzt, im Schlaf, ruhig und nicht länger verschreckt
aussah.
Wie er sie so ansah, begann sich in seiner Brust etwas zu regen, was lange im
Verborgenen geblieben war. Zuletzt hatte er es verspürt, als er in der ersten
Nacht an ihrem Bett niedergekniet und sie angesehen hatte. Er war ihrem Gesicht
so nahe wie damals; auch heute betrachtete er es mit einer gewissen Sehnsucht.
Ihre Nasenflügel bebten bei jedem Atemzug leicht; ihre Lippen, rot wie eine
erblühte Rose, waren geschlossen. Ihre Augen schienen sich hinter den Lidern
leicht zu bewegen. Träumte sie etwa; einen Traum, der nur für sie bestimmt war?
Wie unter Zwang senkte der Mann seinen Mund auf Amily’s Stirn und küsste sie.
Ein leiser Ton des Erstaunens drang über den Mund der jungen Frau. Im Schlaf
glitten ihre Hände über den Hals des Mannes zurück auf sein weißes Hemd. Dort
verweilten sie, auf dem Herzen, das begonnen hatte, schneller zu schlagen.
Leicht öffneten sich ihre Lippen, während Amily im Schlaf einen Namen flüsterte:
„Benjamin.“
Der Mann zuckte leicht zusammen, dann jedoch begann er zu lächeln. Das war der
Beweis, auf den er so lange, so viele Jahre, gewartet hatte. Dies war die Frau,
die ihm helfen konnte, seine ewige Einsamkeit zu überwinden. Mit einer
Gewissheit, dass es richtig war, was er tat, senkte er sein Gesicht und berührte
ihre Lippen mit den seinen.
Es war ein langer, zärtlicher Kuss. Amily erwachte nicht, und als Benjamin
seinen Mund von dem ihren nahm, legte sie ihren Kopf auf das Kissen zurück und
fiel endgültig in die Welt des Traumes hinab.
Amily erwachte und schüttelte leicht den Kopf. Sie hatte einen verwirrenden und
seltsamen Traum gehabt. Sie erhob sich und bemerke, dass sie in Bluse und Rock
geschlafen hatte.
Nachdem sie sich gewaschen und sich die Haare gebürstet hatte, ging Amily in das
Speisezimmer, in dem, wie am vorigen Tag, das Essen bereits für sie bereit
stand. Danach begab sie sich in die Bibliothek.
Sie war allein. Das Knistern einiger, kleiner Flammen war das einzige Geräusch
im Raum. Nach einem langen Blick auf die großen Bücherregale ging Amily durch
das Zimmer zu dem Kamin.
Neben diesem stand ein Korb, in dem gespaltenes Holz lag. Amily griff nach einem
Scheit und legte ihn in die immer kleiner werdenden Flammen, die sofort
begannen, sich gierig in das trockene Holz zu fressen.
Eine Weile sah Amily dem zu, dann erhob sie sich und ging zu einem der Regale.
Dort ließ sie ihren Blick über die verschiedenen Buchtitel gleiten. Einer der
Titel hielt ihr Auge fest. Der Buchrücken war schwarz, und in blutroten Lettern
stand darauf geschrieben: Vampyr.
Amily zog das Buch aus dem Regal und kehrte zum Kamin zurück, wo sie sich in
einen Sessel setzte und das Buch aufschlug. Sie war erstaunt, als sie sah, dass
der Text mit der Hand geschrieben worden war.
Von allen Geschöpfen, die auf dieser Welt wandeln, ist der Vampir (auch Vampyr
genannt) die schrecklichste und wohl auch bemitleidenswerteste Kreatur. Durch
den Biss eines anderen Vampirs dazu verurteilt, auf ewig zu leben, das Blut der
Lebenden zu trinken, und niemals wieder den Schlaf finden zu können, wandelt der
Vampir durch diese Welt, unerkannt zwischen den Menschen, zu einem Leben in
ewiger Einsamkeit verdammt.
Das Leben eines Vampirs wird durch die Einsamkeit bestimmt. Allein wandelt er
durch die Jahrhunderte, ohne jemals einen Gefährten zu haben, der seine
Einsamkeit mit ihm teilt. Die Menschen fürchten ihn, da er ihnen unheimlich ist,
und sie um ihr Leben fürchten. Sie sind der Meinung, dass der Vampir, sobald
seinen Lippen das erste Mal Blut schmecken, dazu verflucht sind, nichts mehr zu
fühlen.
Doch diese Ansicht ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall: wenn das Blut
des ersten Opfers des Vampirs über dessen Lippen fließt, empfindet er, anders
als die Menschen, Gefühle wie Hass, Trauer, Wut oder Liebe noch intensiver, als
dass die Menschen es sich je vorstellen können.
Das Gefühl, beobachtet zu werden, brachte Amily dazu, den Blick zu heben. In dem
Sessel ihr gegenüber saß ihr Gastgeber, und sah sie schweigend an. In seinen
Augen lag ein Blick, den die Siebzehnjährige nicht zu deuten vermochte.
Mit einem Mal fiel Amily ihr Traum ein, der seltsam, doch zugleich so real
gewesen war. Fast meinte sie, wieder die Lippen, die weich und zugleich
forschend gewesen waren, zu spüren, die auf den ihren lagen, und zu ihrem Hals
hinunterwanderten…
Mit einem leichten Schütteln des Kopfes verscheuchte sie die Bilder, die in
ihrem Kopf gewesen waren. Es war ein Traum gewesen, nichts weiter. Doch da war
noch etwas. Sie hob den Kopf und sah den Mann – nein. Sie hob den Kopf und sah
Benjamin an.
„Benjamin“, flüsterte sie, den Namen kostend wie eine Speise. Der Mann sah sie
weiterhin an, doch nun lag in seinen Augen ein seltsames Funkeln der Freude.
„Dein Name ist Benjamin“, sagte Amily abermals. Der Mann nickte, zugleich wurde
das Funkeln stärker. Er schien sich etwas zu erfreuen, was Amily nicht erkannte.
„Aber das ist unmöglich“, flüsterte die junge Frau. „Es war doch nur ein Traum.
Oder etwa nicht?“, fragte sie dann, mit leiser Furcht in der Stimme. Sie wusste
nicht, was sie tun konnte, wenn es kein Traum gewesen war. Ihr Verstand sträubte
sich dagegen, die Konsequenzen einzusehen.
Benjamin antwortete nicht. Er saß nur da und sah sie mit seinen Augen an, die,
wie Amily erkannte, dunkelbraun waren. Nach einiger Zeit wanderten seine Augen
zu dem Buch, das Amily immer noch in den Händen hielt.
Eine kaum merkliche Veränderung ging in ihm vor. Etwas wie Wachsamkeit trat in
seinen Blick, und er betrachtete die Siebzehnjährige vor sich mit neuem
Interesse. Mehrere Minuten sah er sie so an, dann erhob er sich und wandte sich
dem Kamin zu.
Amily erhob sich ebenfalls. Dabei fiel ihr Blick auf die Ecke zwischen dem
Sessel, in dem sie gesessen hatte, und dem Kamin. Was sie dort sah, veranlasste
sie dazu, einen raschen und zugleich verängstigten Blick zu Benjamin zu werfen.
Der bemerkte es nicht. Er stand mit dem Rücken zu den Sesseln, die Hände hatte
er auf das Kaminssims gelegt. So stand er da und starrte in die Flammen.
Leise, um ihn nicht in seinen Gedanken zu stören, ging Amily rückwärts auf die
Tür zu, den Blick immer noch verängstigt auf ihren Gastgeber gerichtet. Als sie
die Tür erreicht hatte, die auf den Gang führte, drehte sie sich um und rannte
auf ihr Zimmer.
Dort warf sie sich auf ihr Bett und versuchte verzweifelt, einen klaren Kopf zu
bewahren. Doch das war geradezu unmöglich nachdem, was sie gesehen hatte. Amily
wusste nun, dass ihr Traum kein Traum, sondern Realität gewesen war. Der Beweis
dazu war die braune Wolldecke, die neben dem Sessel auf dem Boden gelegen hatte.
Benjamin hörte, dass Amily die Bibliothek verließ. Erst, als er ihre Schritte
auf dem Gang nicht mehr hörte, drehte er sich um und griff nach dem Buch, das
Amily auf dem Sessel liegen gelassen hatte.
Die Seite war noch aufgeschlagen. Langsam las Benjamin die Sätze in der Schrift,
die seine eigene war, dann seufzte er leise. Er stellte das Buch wieder in das
Bücherregal zurück, dann überlegte er, was er jetzt tun sollte.
Er beschloss, zu Amily zu gehen, und ihr die Wahrheit zu sagen, auch wenn das
das Ende bedeuten konnte. Doch sie sollte selbst und aus freiem Willem
entscheiden, was sie wollte. Langsam wandte er sich um und ging zur Tür, die auf
den Gang und zu Amily’s Zimmer führte.
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Leises Klopfen brachte Amily
dazu, den Kopf zu heben. Sie wusste, wer vor der Tür stand, und darauf wartete,
eingelassen zu werden. Nach einer Minute öffnete sich die Tür, und Benjamin
betrat das Zimmer.
Als er Amily’s Blick bemerkte, sah er sie fragend an. Diese nickte leicht und
lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie sah zu, wie Benjamin die Tür
hinter sich schloss und sich dem Bett näherte. Doch dann hielt er inne.
Vielleicht hatte er Amily’s Blick bemerkt, vielleicht wollte er ihr auch nicht
zu nahe treten. Anstatt sich auf das Bett zu setzten, ließ er sich auf der Truhe
nieder.
Die Siebzehnjährige betrachtete ihn. Auf seinem Gesicht konnte sie eine leise
Traurigkeit erkennen. Was mochte ihn bewegen, dass er mit diesem Ausdruck in den
Augen zu ihr kam?
„Ich möchte mit dir sprechen. Gewisse Dinge müssen erzählt werden, damit du
entscheiden kannst, was richtig für dich ist“, sagte Benjamin. Amily staunte.
Seine Stimme klang so weich und bittend, dass es sie wieder an die letzt Nacht
erinnerte.
„Was möchtest du mir sagen? Ich verspreche, dass ich zuhören werde, was du sagen
möchtest.“ Amily war selbst ein wenig verblüfft über ihren Mut. Doch innerlich
wusste sie, dass es richtig war, Benjamin anzuhören, was immer er auch zu sagen
hatte.
Benjamin nickte leicht. Als er anfing zu sprechen, sah er der Siebzehnjährigen
fest in die Augen.
„Ich habe kein Recht, es dir weiterhin zu verheimlichen. Ich werde dir meine
Geschichte erzählen – nicht alles, nur das, was du wissen musst. Danach steht es
dir frei, zu entscheiden, was du tust. Ich werde dich in deiner Entscheidung
nicht aufhalten.“
Er schwieg eine Weile, dann holte er tief Luft und begann mit derselben Stimme
wie letzte Nacht zu erzählen.
„In der Nacht, als ich dich vor meinem Schloss fand, war mir, als verändere sich
mein gesamtes Leben. Nachdem die Wölfe tot oder verjagt waren, und ich dich dort
im Schnee liegen sah, bleich von dem Blutverlust und halb erfroren, schwor ich
mir, dich am Leben zu erhalten, und dich nicht sterben zu lassen.
So trug ich dich herein, stillte deine Blutung und wickelte dich in warme
Decken, um dich vor dem Fieber zu bewahren. In der nächsten Nacht kam ich
abermals zu dir, um nach dem Verband zu sehen, und um dich zu betrachten.
Vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich zu dir kam, um dich im Schlaf zu
betrachten“, meinte Benjamin. Er nickte.
„Die Frage ist berechtigt. Und ich werde sie dir gerne beantworten, damit du
verstehst. Es war derselbe Grund, aus dem ich in der letzten Nacht in der
Bibliothek war, dich dort fand und in dein Zimmer zurücktrug. Es war derselbe
Grund, aus dem ich mich neben dich legte, und dich küsste.“
Amily zuckte zusammen. Soeben war der letzte Funken Hoffnung, die letzte Nacht
könnte doch nur ein wirrer Traum gewesen sein, in ihr erloschen. Sie wusste
nicht, wie sie reagieren sollte. Sie hatte geschlafen, und zugleich seine Hand,
seine Lippen gespürt, als sei sie wach gewesen.
Benjamin sah, wie verwirrt sie war. Er erhob sich und ging neben dem Bett auf
die Knie.
„Erinnerst du dich an die Wölfe?“, fragte er. Amily nickte. Nach einiger Zeit
wurde ihr klar, was er damit sagen wollte. Immer, wenn sie die Wölfe gehört
hatte, war er bei ihr gewesen, um sie zu trösten. Warum hatte er das getan?
Warum hatte er so großen Wert darauf gelegt, sie zu trösten?
Die Antwort kam schnell: um ihr nahe zu sein. Wieder meinte Amily, seine Lippen
an ihrem Hals zu spüren.
Benjamin sah, wie sie kurz schauderte. Er musste sich überwinden, ihr alles zu
erzählen. Doch das hatte er versprochen, außerdem wollte er, dass sie die
Wahrheit wusste.
„Amily“, sagte er. Die junge Frau sah ihn an. Benjamin schluckte. Es war so
schwer, das zu sagen, was er sagen wollte. Er fürchtete, dass sie ihn dann
genauso fürchteten würde wie jeder andere, der von den Geschichten des
Dunkelwaldes wusste.
„Amily“, sagte er noch einmal, diesmal mit leiser, traurig klingender Stimme.
„Es gibt so viele Unterschiede zwischen uns. Die Menschen unten in deinem Dorf
fürchten mich, und das mit Recht. Seit vier Jahren bin ich nun nicht mehr aus
diesem Wald herausgekommen, und doch haben sie alle Angst vor mir.
Ich bin nicht wie ihr Menschen. Während ihr nachts in eure Häuser geht und euch
schlafen legt, wandere ich durch die Gänge dieses Schlosses, unfähig, mich
niederzulegen und die Augen zu schließen. Seit beinahe zweihundert Jahren habe
ich nicht mehr geschlafen.
Ich bin verflucht, keine feste Nahrung zu mir zu nehmen; des Nachts schleiche
ich mich im Wald an Tiere heran und trinke ihr Blut, denn das ist das Einzige,
was mich am Leben erhält. Doch immer, wenn ich das warme, rote Blut auf meinen
Lippen spüre, überkommt mich Mitleid mit dem Wesen, das sterben musste, damit
ich leben kann.
Verflucht bin ich, ewig durch diesen Wald zu wandern, denn ich kann nicht
sterben, oder durch menschliche Hand getötet werden. Bei Sonnenlicht werden
meine Bewegungen langsamer und meine Wachsamkeit lässt nach, doch die Strahlen
töten mich nicht, wie es eure Geschichten sagen.
Eure Geschichtenerzähler haben mir auch einen Namen gegeben. Vampir nennen sie
mich, und verfluchen mich in dem Glauben, ich würde Menschen töten, ihre Kinder
rauben und ihr Vieh reißen. Deshalb verstecke ich mich hier oben, alleingelassen
von der Welt und vor ihr verborgen.“
Benjamin wandte seinen Blick von Amily ab und blickte auf seine Hände. Er wollte
sie nicht verunsichern, indem er sie ansah. Sie hatte nun eine Entscheidung zu
treffen. Entweder sie ließ sich von den Geschichten, die sie gehört hatte,
abschrecken, und verließ das Schloss und damit ihn.
Oder sie blieb. Doch das glaubte Benjamin nicht. Trauer überwältigte ihn, als er
daran dachte, dass er bald wieder allein sein würde. Doch er blieb still und sah
weiterhin auf seine Hände. Es war ihre eigene Entscheidung.
Amily saß ganz still da und blickte auf Benjamin, der mit gebeugtem Rücken dasaß
und so unendlich traurig und alleingelassen aussah. Die Geschichte, die er ihr
erzählt hatte, war so grauenhaft und unglaubwürdig gewesen, dass es sehr schwer
fiel, sie zu glauben.
Doch wenn es stimmte und Benjamin ein Vampir war, befand Amily sich in Gefahr.
Sie wusste, was Vampire mit ihren Opfern taten; sie saugten sie aus bis auf den
letzten Tropfen Blut, den sie im Körper hatten.
Doch nichts dergleichen hatte Benjamin getan. Im Gegenteil; er hatte sie vor dem
sicheren Tode bewahrt, und sie bei sich aufgenommen. Sprach das nicht für ihn?
Nachdenklich sah sie aus dem Fenster.
Immer noch fiel der Schnee dicht. Amily glaubte nicht, dass sie vor der
Schneeschmelze im Frühjahr sich zu ihrem Dorf durchkämpfen konnte, selbst, wenn
draußen keine hungrigen Wölfe wären.
Entschlossen beugte Amily sich vor und legte ihre Hand auf Benjamins Unterarm.
Erstaunt drehte er den Kopf in ihre Richtung. Auf seinem Gesicht lag ein Funke
Hoffnung.
„Ich bleibe bei dir“, sagte Amily leise, aber mit fester Stimme. „Zumindest bis
zur Schneeschmelze.“
Ein Lächeln legte sich auf Benjamins Gesicht. Er sah Amily mit seinen braunen
Augen dankbar an und legte seine Hand auf die ihre. Er hatte ihre Worte gehört;
die Schneeschmelze war noch weit. Bis dahin konnte viel geschehen.
Den ganzen Abend, und auch die Nacht über, blieb Benjamin bei Amily. Geduldig
beantwortete er ihre Fragen über das Leben als Vampir und über sein Leben, das
seit über zweihundert Jahren andauerte.
Erst gegen Morgen, als die ersten Streifen am Horizont den baldigen
Sonnenaufgang ankündigten, legte Amily sich auf dem Kissen zurück und schlief
ein. Benjamin blieb an ihrem Bett sitzen und wachte über ihren Schlaf.
Ein paar Stunden später wachte Amily auf und sah Benjamin so an ihrem Bett
sitzen, wie er gesessen, als sie eingeschlafen war. Er schien sich nicht einmal
bewegt zu haben. Im Schein der Sonnenstrahlen sah die Siebzehnjährige ihn an.
Sie meinte nun zum ersten Mal eine seltsame Art von Müdigkeit auf seinen Zügen
zu sehen. Es war nicht die Müdigkeit, die jemanden überkommt, der einige Stunden
zu wenig geschlafen, oder dem der Schlaf geraubt wurde; es war eine Müdigkeit,
die die zwei Jahrhunderte einschloss, in denen der Mann seine Augen nicht
geschlossen, seinen Gliedern keine Ruhe gegönnt hatte.
Benjamin lächelte, als er bemerkte, dass Amily wach war. Er nickte ihr kurz zu,
dann verließ er diskret das Zimmer, damit sie sich umziehen konnte. Diesmal fiel
Amily’s Wahl nach längerem Überlegen auf das weiße Kleid, das sie schon das
erste Mal so bewunderte hatte.
Sie begab sich in das Speisezimmer, wo sie Benjamin antraf, der an der Tafel
saß. Der Vampir leistete ihr beim Frühstück Gesellschaft, ohne selbst etwas
anzurühren. Nach dem Essen gingen die beiden zusammen in die Bibliothek.
Während Amily sich in einen der Sessel setzte, ging Benjamin zu einem der Regale
und kam kurz darauf mit dem schwarzen Buch zurück, in dem Amily über Vampire
gelesen war. Er legte es der jungen Frau in den Schoß, und setzte sich ihr dann
gegenüber.
„Schlag es auf“, sagte er. Amily zögerte.
„Es ist kein gewöhnliches Buch“, sagte sie zögernd. Der Vampir nickte.
„Du hast Recht. Es ist mein Notizbuch, in dem ich in den zweihundert Jahren
alles über Vampire aufgeschrieben habe, was ich gelernt habe. Ich möchte, dass
du es liest, um mich zu verstehen, um zu verstehen, was es heißt, ein Vampir zu
sein.“
Nach längerem Zögern öffnete Amily das Buch und griff nach der ersten Seite. Die
Sätze, die sie bereits gelesen hatte, sprangen ihr entgegen. Danach ging der
Text noch weiter. Amily las:
Doch diese Ansicht ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall: wenn das Blut
des ersten Opfers des Vampirs über dessen Lippen fließt, empfindet er, anders
als die Menschen, Gefühle wie Hass, Trauer, Wut oder Liebe noch intensiver, als
dass die Menschen es sich je vorstellen können.
Das wird dem Vampir zum Verhängnis. Sollte er jemals einen Menschen finden, der
ihn versteht, ihn respektiert, so, wie er ist, und der lernt, ihn zu lieben, ist
der Vampir zwar in der Lage, diese Liebe zu erwidern, doch ist das Opfer, was er
bringen muss, groß.
Der Vampir ist zeugungsunfähig. Einem Mann, der zum Vampir wurde, wird der
Kinderwunsch auf ewig verwehrt bleiben, selbst wenn er eine Frau findet, die ihn
trotz seiner andersartigen Natur lieben lernt. Auch ist die Gefahr groß, dass
die Frau, sollte sie ein Mensch, und nicht ebenfalls ein Vampir sein, durch das
Ungestüm des Mannes stirbt, da dem Mann, und somit dem Vampir, der Wille und die
Kraft, aufzuhören, beinahe immer verwehrt wird.
Und wenn dieser Fall eintritt, dass der Vampir in seinem Ungestüm die Frau, die
er liebt, und die ihm vertraut, tötet, fällt der Schatten über ihm zusammen, und
er versinkt in Melancholie, so schwer, dass er vergessen kann, Nahrung zu sich
zu nehmen. In dem Fall stirbt der Vampir eines langen, qualvollen Todes.
Hier endeten die Eintragungen. Amily klappte das Buch zu und legte es vorsichtig
beiseite. Dann beobachtete sie Benjamin. Er sah sie mit seinen braunen Augen
lange an. Traurigkeit sprach daraus, doch gleichzeitig auch Hoffnung.
„Es muss furchtbar sein, jemanden zu lieben, wenn man genau weiß, dass man diese
Liebe niemals verwirklichen kann, immer in der Gefahr, seine Liebste
versehentlich zu töten“, sagte Amily leise. Sie empfand unendliches Mitleid mit
Benjamin.
Der nickte langsam. „Das war mit einer der Gründe, warum ich mich hier versteckt
habe. Um niemals der Versuchung zu unterliegen, eine Frau zu treffen, die mich
lieben lernen könnte. Ich könnte es nicht ertragen, das einzige Wesen, was mich
versteht und liebt, in ungewollter Absicht zu töten.“
Nach einer Weile stand er auf und setzte sich vor dem Kaminrost auf den Boden.
Er starrte in die Flammen und schwieg. Auch Amily schwieg. Sie wusste nicht, was
sie tun sollte. Sie wusste nicht, wie sie das, was sie in den Tagen ihres
Aufenthalts hier erlebt hatte, verstehen sollte.
Sie wusste nun, dass Vampire Liebe empfinden, und auch geben konnten.
Gleichzeitig hatte sie gerade gelesen, dass es leichtsinnig, ja, geradezu
gefährlich war, sich auf eine Liebschaft mit einem Vampir einzulassen. Es konnte
den Tod bedeuten.
Doch auf der anderen Seite war Benjamin. Ein Vampir, der sich in den vergangenen
Tagen um sie gekümmert hatte, ohne sie auch nur zu berühren – sah man von der
letzten Nacht einmal ab.
Aber selbst, als sie schlafend und somit wehrlos in seinen Armen gelegen hatte,
war ihm nicht der Gedanke gekommen, sie zu beißen und ihr Blut zu saugen. Im
Gegenteil; er hatte sie vor den Wölfen, ihrer Angst geschützt, und er hatte sie
geküsst.
Niemals zuvor war sie von einem Mann so geküsst worden. Der Einzige, der sie
einmal geküsst hatte, war ihr Vater gewesen, bevor er sich in den Dunkelwald
begeben hatte, um Wölfe zu jagen. Er war nie wieder zurückgekommen.
Natürlich hatte sie mit ihren siebzehn Jahren in ihrem Dorf den einen oder
anderen Verehrer gehabt, doch bis jetzt war sie noch nicht versprochen, war ihr
Herz noch nicht vergeben. Sie hatte auf den Richtigen warten wollen.
Lange betrachtete sie Benjamin. Der schien ihren Blick nicht zu spüren, oder
zumindest nicht erwidern zu wollen. Das Knistern der Flammen und das leise
Rauschen des Windes draußen waren für lange Zeit die einzigen Geräusche in der
Bibliothek.
Amily versuchte, einen Zusammenhang zwischen Benjamin und dem, was sie gelesen
hatte, zu finden. Sie war sich sicher, dass ihr Gastgeber ihr sein Notizbuch
nicht ohne Grund oder einen Hintergrundgedanken gegeben hatte. Doch was für ein
Gedanke?
Sie kam nicht darauf. Vorsichtig ging sie neben Benjamin auf die Knie und sah
ihn an. Der Feuerschein spiegelte sich auf seinem Gesicht und erzeugte einen
flackernden Schemen der Gesichtskonturen. Es war seltsam bizarr, doch Amily
fürchtete sich nicht länger vor dem Vampir.
Die Furcht war in dem Augenblick verschwunden, wo sie in Benjamins Notizbuch
gelesen hatte. Sie war sich sicher, dass er ihr nichts tun würde. Er hätte sie
verletzten, ja, sogar töten können, wenn er es gewollt hätte; ihre Verletzung
und der Blutverlust in den ersten Tagen hätte sie wehrlos gemacht. Doch er hatte
es nicht getan.
Stattdessen hatte er ihr sein dunkles Geheimnis anvertraut, in der Hoffnung, sie
würde ihn verstehen und nicht fürchten wie alle anderen. Das war eingetreten.
Amily fürchtete sich nicht vor diesem Mann, der kein Mensch war. Sie hatte
Mitleid mit ihm, der auf ewig allein sein musste, ohne jemanden zu haben, der
ihn liebte.
Amily berührte leicht eine von Benjamins Händen, die auf seinem Bein lag. Dabei
dachte sie an verschiedene Dinge: an ihre eigenen Erfahrungen, das es bis zur
Schneeschmelze noch eine lange Zeit war; an die Worte des Vampirs, er könne es
nicht ertragen, die Frau, die er liebe, aus Versehen zu töten; an das, was sie
in seinem Notizbuch gelesen hatte.
Der Vampir sah auf Amily’s Hand hinab und blickte dann auf, genau in die Augen
der Siebzehnjährigen. Diese spürte, wie Benjamin seine Hand auf die ihre legte,
und mit der anderen über ihr Gesicht strich. Wieder funkelten seine Augen.
„Ich kann nicht von dir verlangen, dass du bei mir bleibst. Warscheinlich
fürchtest du mich; dann wäre es besser, du würdest das Schloss mit der
Schneeschmelze verlassen, um dich nicht selbst unglücklich zu machen.“
Benjamins Stimme war leise, als er das sagte. Er wagte nicht, noch mehr zu
sagen, aus Angst, seine Stimme möge versagen, und Amily so zeigen, wie
verzweifelt ihn das machen würde. Er musste stark sein, um sie in ihrer
Entscheidung nicht zu bedrängen.
Amily spürte, dass Benjamin ihr mit diesen Worten Aufschub mit ihrer Antwort
gewährte. Sie solle sich alles genau überlegen, bevor sie ihr Urteil spräche.
Doch die junge Frau musste nicht mehr überlegen. Ihre Entscheidung war längst
gefallen. Vorsichtig nahm sie ihre Hand nach oben, und umfasste damit die des
Vampirs, die immer noch auf ihrer Wange lag.
Mit leiser, jedoch deutlicher Stimme sagte sie: „Ich fürchte nicht, was du bist.
Ich fürchte, dich zu verlassen, und so vielleicht Schuld an deinem Tod zu sein.
So will ich bei dir bleiben, bis die Schneeschmelze vorüber ist. Was dann
geschehen mag, liegt noch im Dunkeln.“
Sie konnte die Dankbarkeit sehen, die in Benjamins Augen lag, als er ihre Worte
hörte. Es schien, als wolle er etwas sagen, doch dann strich er ihr nur sanft
mit seiner Hand über das Gesicht.
Amily merkte, dass ihr Herz schneller zu schlagen begann. Sie versuchte zu
begreifen, was da mit ihr geschah. War das das Gefühl, von dem ihre Mutter ihr
so viele Male erzählt hatte; war das die Liebe, was sie spürte? Konnte es sein,
dass sie Benjamin, einen Vampir, liebte?
Er konnte ihr bestimmt sagen, was ihre Gefühle bedeuteten. So nahm Amily all
ihren Mut zusammen und fragte, indem sie Benjamin genau in die Augen sah: „Ich
weiß nicht, was in mir vorgeht. Mein Herz schlägt so fest in meiner Brust, dass
es wehtun muss; doch ich spüre den Schmerz nicht.
Immer, wenn ich dich ansehe, und du mit mir sprichst, beginne ich innerlich zu
zittern; als ich gestern Abend in deinem Notizbuch las, und du mich anschautest,
da…“, hier begannen ihre Lippen leicht zu zittern, „da habe ich deinen Kuss
gespürt, den du mir in der Nacht gabst.
Du sagtest mir, dass es gefährlich, sogar töricht ist, einen Vampir zu lieben.
Und doch, doch glaube ich, dass ich dich…“
Amily konnte nicht zu Ende sprechen. Plötzlich war Benjamin ihr so nahe, dass
sie genau in seine Augen sah. Erst, als er vorsichtig einen Arm um sie legte und
sie an sich zog, bemerkte Amily, dass er sie küsste.
Nachdem sie ihren ersten Schreck überwunden hatte, ließ die Siebzehnjährige sich
fallen. Sie schloss ihre Augen und legte, wie bei seinem ersten Kuss, die Arme
um seinen Hals. Das Gefühl, einen Mann zu küssen, war neuartig für sie;
gleichzeitig wunderschön.
Es war ein langer Kuss, in dem Amily meinte, Benjamins Sehnsucht und Schmerz
fühlen zu können. Als er sich vorsichtig aus ihrer Umarmung löste, wollte sie
ihn fragen; wollte wissen, warum er seiner Sehnsucht nicht nachgab.
Doch gerade, als sie zum Sprechen ansetzte, legte Benjamin ihr einen Finger auf
die Lippen und gebot ihr so zu schweigen. Auf ihren fragenden Blick schüttelte
er nur den Kopf und wandte sein Gesicht dem Feuer zu.
Sprachlos blickte Amily ihn an. Sie verstand nicht, wollte nicht verstehen,
warum er sich wieder zurückgezogen hatte. War nicht er es gewesen, der sie
geküsst hatte? Was versuchte er vor ihr zu verbergen, was war es, was sie nicht
wissen durfte?
Sie blickte in Benjamins Gesicht und versuchte, die Antwort darin zu finden.
Verzweifelt bemerkte sie, dass sein Blick kalt und abweisend war. Was hatte sie
getan? Wie hatte sie jemals annehmen können, ein Vampir sei in der Lage zu
lieben?
Tränen rannen über Amily’s Gesicht und fielen auf den Boden, ihr Kleid und auf
die Hand des Vampirs, die neben seinem Knie lag. Er bewegte sich nicht, als das
Nass seine Haut berührte, doch in seinem Gesicht zuckte es.
Benjamin erschrak, als er merkte, dass Amily weinte. Das hatte er nicht gewollt.
Verdammt, warum war es nur so schwer, sich zu erklären? Wie gerne hätte er das
getan, doch er wusste die Worte nicht. Zweihundert Jahre der Einsamkeit, und nun
konnte er das Mädchen, das er liebte, die junge Frau, die sie war, nicht
festhalten.
Ein leises Rascheln neben ihm ließ sein Herz beinahe still stehen. Er wollte
sich erheben, ihr nachgehen und ihr sagen, was sie ihm bedeutete, dass sie so
viel mehr für ihn war als nur ein sterbliches Wesen. Doch er konnte sich nicht
bewegen.
Benjamin schloss die Augen und horchte auf ihre Bewegungen, die sich immer mehr
entfernten. Sie ging auf ihr Zimmer zurück. Langsam öffnetet er seine Augen
wieder und sah auf seine Hand hinab, auf die die Träne gefallen war.
Eine Weile betrachtete er sie, dann hob er die Hand vorsichtig an, und saugte
das winzige Stück salzigen Wassers mit den Lippen auf. Er meinte kurz, wieder
ihre Augen zu sehen, blau wie das Meer, und den Ausdruck des Staunens auf ihrem
Gesicht, als sie seinen Kuss gespürt hatte…
Nein! Er durfte nicht daran denken. Es zerriss ihm das Herz, denn er wusste,
dass sie ihn verlassen würde, weil sie ihn fürchtete. Sie hatte immer Angst vor
ihm verspürt, auch wenn sie sich einredete, sie verloren zu haben, nachdem sie
in seinen Aufzeichnungen gelesen hatte.
Benjamin wusste es besser. Er hatte ihre Angst gespürt, selbst bei seinem Kuss
war sie anwesend gewesen, wenn auch verdrängt von Staunen und dem Wunsch, ihre
Liebe zu ihm erwidert zu sehen. Beinahe wäre ihr der Wunsch erfüllt worden.
Ein Schaudern überlief ihn, wenn er daran dachte, was geschehen wäre, wenn er
sich nicht zusammengerissen und den Kuss aufgelöst hätte. Doch das konnte Amily
nicht wissen. Obwohl sie in seinen Aufzeichnungen gelesen hatte, glaubte sie den
Worten nicht.
Langsam erhob Benjamin sich und ging mit schweren Schritten aus der Bibliothek
auf den Gang hinaus. Als er das Schlossportal öffnete, sah er, dass es immer
noch schneite. Seltsamerweise erfüllte ihn der Schnee, nicht wie sonst, mit
einem gewissen Glücksgefühl, nicht gesehen werden zu können.
Einen Moment lang erwachte der Gedanke in ihm, nicht auf die Jagd zu gehen; das
Portal wieder zu schließen und in der Bibliothek zu sitzen, bis es vorbei wäre.
Doch er tat es nicht; auch wenn er von allem Schmerz befreit wäre, wäre der
Preis des langsamen Todes zu grausam, um ihn zu zahlen.
So trat er in den tosenden Schneefall hinaus und schloss das Portal hinter sich.
Dann sah er zum Himmel. Die Sonne war verschwunden, der Himmel war finster. Kurz
meinte er, hinter Amily’s Fenster etwas zu sehen, doch er war nicht sicher. Dann
wandte er allem den Rücken und ging in den Wald hinein.
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Selbstvergessen stand Amily
vor einem kleinen Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild. Benjamin hatte ihr
den Spiegel, der an einem Nagel an der Wand hing, geschenkt, als er kurz nach
ihrem Rückzug aus der Bibliothek zu ihr ins Zimmer gekommen war. Er hatte sich
für sein Verhalten ihr gegenüber entschuldigt und sie mit leiser, kaum hörbarer
Stimme gebeten, sich nicht länger vor ihm zu fürchten.
Seitdem waren drei Wochen vergangen, und in diesen Wochen hatte sich sowohl der
Vampir als auch Amily verändert.
Benjamin hatte der jungen Frau ihre Frage, ob das, was sie für ihn empfand,
Liebe war, nicht beantwortet, doch mittlerweile glaubte Amily die Antwort auch
so zu kennen. Immer, wenn sie miteinander sprachen, konnte sie Freude in
Benjamins Augen sehen – und noch etwas anderes.
Ein kühler Lufthauch strich über ihre offenen Haare und ihre nackte Haut am
Nacken, und ohne, dass Amily sich umdrehen musste, wusste sie, dass Benjamin ihr
Zimmer betreten hatte. Als sie in den Spiegel sah, konnte sie die offene Tür
sehen, die, wie von Geisterhand, wieder geschlossen wurde.
Es war Benjamin, der die Tür wieder schloss. Amily wusste es, auch wenn sie ihn
im Spiegel nicht sehen konnte. Das hatte einen Grund: Vampire besaßen kein
Spiegelbild. Das erste Mal, wie er so in ihr Zimmer gekommen war, und sie ihn
nicht im Spiegel gesehen hatte, war Amily noch erschrocken gewesen, doch sie
hatte sich schnell daran gewöhnt.
Eine Sache, an die sie sich nicht gewöhnt hatte, war seine Zärtlichkeit.
Als sie sich umwandte, saß Benjamin auf der Kante ihres Bettes und sah sie an.
Stundenlang konnte er, so schien es Amily wenigstens, dasitzen und sie einfach
nur ansehen. Seltsamerweise fühlte sie sich nicht unwohl oder gar bedroht dabei,
sondern geborgen und auf eine seltsame Art angezogen.
Amily strich sich das Haar aus den Augen, dann setzte sie sich neben Benjamin.
Der Vampir lächelte, hob die Hand und ließ seine Fingerspitzen sachte über das
Gesicht der jungen Frau streichen. Amily schloss die Augen und ließ es
geschehen. Sie wusste, dass es zwecklos war, sich gegen ihre Gefühle zu wehren.
Benjamin fuhr fort, ihr über das Gesicht zu streichen, vorsichtig, sodass es
sich anfühlte, als strichen keine Finger, sondern Federn über ihre Wangen,
Augenlieder und Lippen. Mit der anderen Hand bog er ihren Kopf ein wenig, und
legte ihn auf seine Schulter.
Amily genoss das Gefühl der Nähe, das Benjamin ihr so gab. Ohne die Augen zu
öffnen saß sie da und genoss die Zuneigung, die er ihr entgegen brachte. Die
Angst vor dem Vampir hatte sie vollständig verloren.
Langsam öffnete sie die Augen und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick mit einer
Sanftheit, dass es ihr durch Mark und Bein ging. Gleichzeitig fand sie seine
unausgesproche Frage darin.
Amily hob ihren Kopf an – und spürte gleichzeitig mit Benjamins Mund seine
Hände, die über ihr Gesicht hinunter zu ihren Schultern strichen. Dort blieben
sie liegen, während Benjamin sie weiter küsste, lange Küsse, die er ihr auf den
Mund und die Stirn gab.
Lange verweilten sie so, bis Amily begann, Benjamins Küsse, wenn auch ein wenig
zaghaft, zu erwidern. Es war nicht länger die Angst vor ihm, die sie so
vorsichtig machte, sondern die Angst davor, was sie tat. Noch nie war sie von
einem Mann so geliebt worden. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.
Benjamin bemerkte das. Innerlich versuchte er sich dazu zu zwingen, aufzuhören,
den Kuss aufzulösen. Denn er wusste, was mit ihm geschehen konnte, was mit Amily
geschehen würde, wenn er sich nicht beherrschte.
Beinahe hätte er es geschafft. Doch als er den Kuss auflöste, blickte er
geradewegs in Amily’s Augen, die so blau wie das Meer waren. Und etwas in diesen
Augen war es, was Benjamin dazu zwang, sie wieder zu küssen, auch wenn sein
Verstand, sein Herz dagegen protestierten.
Den Drang, den er spürte, erschreckte ihn; wusste er doch, dass es der Vampir in
ihm war, der nach Blut dürstete, nach Amily’s Blut. Und dass dieses Monstrum in
ihm, war es einmal geweckt, erst Ruhe gab, wenn er seine Gier gestillt hatte.
Benjamin sah die Siebzehnjährige so nahe vor sich; er umarmte und zog sie eng an
sich – als wenn er sie dadurch würde schützen können. Er war ein Narr! Allein
durch diese Bewegung hatte er sie in Gefahr gebracht. Er wusste, dass sie sich
nicht wehren würde.
Überwältigt von den Gefühlen, die durch sein Bewusstsein zogen, schloss er die
Augen. Liebe zu Amily, Verlangen nach ihrem Blut, und die Furcht, sie zu töten;
das war nur wenig von dem, was ihn innerhalb weniger Sekunden von all den
Empfindungen erreichte.
Ein Geruch strömte zu ihm, der ihn alles andere vergessen ließ. Langsam folgte
er dem Duft mit der Nase, bis sein Mund auf Amily’s Haar stieß. Vorsichtig ließ
er seine Lippen abwärts gleiten, über ihre Wange, ihren Mund streifend, bis er
an ihren Hals gelangte. Dort verweilte er, sein Herz bebend vor Verlangen und
Angst.
Amily verspürte den Mund des Vampirs an ihrem Hals nicht; ihre Aufmerksamkeit
war auf seine Hände gerichtet, die immer noch über ihre Schultern und ihre Arme
strichen, über das Kleid, was ihre Arme bedeckte, jedoch nicht mehr ihre
Schultern.
Plötzlich war da ein Schmerz, der schneidender und schlimmer war als alles, was
die junge Frau je in ihrem Leben verspürt hatte. Sie wollte schreien, doch ihre
Stimme schien verschwunden. Sie brachte keinen Ton heraus, nur ein leises
Wimmern.
Dieser Laut drang durch den dichten Nebel, der sich um Benjamins Bewusstsein
gelegt hatte. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was er da tat. Sein Herz pochte
immer schneller in seiner Brust, denn er bekam keine Luft mehr.
Der Kampf war furchtbar. Seine Lungen verlangten nach Luft, doch dazu müsste er
schlucken, müsste das Blut, Amily’s Blut, das seine Lippen benetzte, trinken.
Und das war es, wogegen er sich mit aller Macht wehrte. Er wusste: würde er nur
einen Tropfen des Blutes in seinem Hals schmecken, wäre er dazu verdammt, immer
weiter zu trinken, und das wäre Amily’s Tod.
Alle seine Muskeln spannten sich an, als Benjamin, immer noch mit geschlossenen
Augen, zuerst in Gedanken, begann, sich von Amily loszureißen. Er durchlebte
Höllenqualen. Die Atemnot wurde immer schlimmer, ließ dunkle und helle Punkte
vor seinen Augen tanzen.
Der Vampir war einer Ohnmacht nahe, als er sich mit einem Schrei vom Körper der
Siebzehnjährigen löste. Sein Kopf schnellte zurück, seine Lippen voll Blut,
ihrem Blut; in seinen Augen stand unendlicher Schmerz.
Amily wurde durch die Kraft seiner Arme zurück auf das Bett geschleudert. Sie
fiel auf den Rücken, wimmernd, und presste sich eine Hand an ihren Hals, von wo
der unerträgliche Schmerz kam, der glühende Pfeile durch ihren Körper sendete.
Mit brennenden Augen sah sie zu Benjamin, der schwer atmend auf der Bettkante
saß und immer noch gegen den Drag in ihm kämpfte, sich abermals auf das Mädchen
zu stürzen. Seine Kehle schien aus Flammen, seine Lippen aus glühenden Kohlen zu
bestehen.
Wie hypnotisiert starrte der Vampir auf die Hand des Mädchens, die sich auf
ihren Hals presste. Zwischen den Fingern lief ein dünner Blutsfaden hindurch und
tropfte auf das Bettlaken. Wieder regte sich der Dämon in ihm, doch bevor er
Macht über sein Handeln erreichen konnte, erhob Benjamin sich und verließ, ohne
Amily noch einen Blick zuzuwerfen, das Zimmer.
Der Schmerz ließ nur langsam nach. Nach mehreren Stunden, so kam es Amily vor,
konnte sie sich endlich erheben und zu dem Spiegel taumeln. Was sie dort sah,
ließ sie beinahe ohnmächtig werden.
Ihre linke Halshälfte war blutbefleckt; der rote Saft rann ihre Kehle hinab und
tropfte auf das Kleid und ihre nackte Schulter. Trotz des vielen Blutes meinte
Amily, an ihrem Hals, genau über der Halsschlagader, zwei winzige Punkte zu
sehen.
Plötzlich kam Amily die Erkenntnis; es traf sie wie ein Keulenschlag. Benjamin
hatte sie gebissen und ihr Blut getrunken!
Fassungslos starrte sie in den Spiegel und hob ihre Hand an die Wunde. Blut
klebte an ihren Fingern, als sie sich diese vor die Augen hielt. Ein Schluchzen
entstieg ihrer Kehle. Tränen traten in ihre Augen, und verschlechterten ihre
Sicht.
Amily tastete sich zurück zu ihrem Bett, warf sich bäuchlings darauf und verbarg
das Gesicht in den Armen. Dann weinte sie. In diesem Moment wünschte sie sich,
sie wäre in der Nacht vor dem Schlosstor gestorben.
Was nur hatte Benjamin ihr da angetan? Hatte sie sich die ganze Zeit über
getäuscht; liebte er sie gar nicht? Hatte er es die ganze Zeit über nur auf ihr
Blut abgesehen? Hatte er sie deswegen vor den Wölfen gerettet?
Alles Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Und der, der ihr die Fragen
beantworten konnte… Benjamin! Allein, als sie an ihn dachte, fing Amily wieder
an zu weinen. War sie von ihm betrogen worden?
Ihr Herz meinte, bei diesem Gedanken zu brechen. Endlich, nach so vielen Jahren,
nach dem Verschwinden ihres Vaters, hatte sie jemanden gefunden, bei dem sie
sich geborgen und sicher fühlte; der ihr das Gefühl gab, begehrt zu werden.
Lange Zeit war sie der Ansicht gewesen, dass Benjamin ihre Gefühle teilte.
Das Blut an ihren Hals, sein schmerzhafter Biss… Hatte er sie wirklich töten
wollen? Oder konnte es sein, dass sie alles falsch interpretierte, dass Benjamin
gar nicht vorgehabt hatte, sie zu töten, sondern…
Ich könnte es nicht ertragen, das einzige Wesen, was mich versteht und liebt, in
ungewollter Absicht zu töten.
Benjamins Worte. Was, wenn er gar nicht vorgehabt hatte, sie zu töten, sondern
sie zu gleichfalls in einen Vampir zu verwandeln? Amily’s Herz zitterte bei dem
Gedanken. Sie glaubte nicht, dass sie das wollte. Sie liebte Benjamin, trotz
seiner andersartigen Natur, aber sein dunkles Schicksal zu teilen, ewig zu
leben…
Irgendwann schlief sie ein, die Trauer stand der Siebzehnjährigen immer noch im
Gesicht geschrieben. Der Schlaf hatte sich ihrer gänzlich ermächtigt, als die
Tür leise geöffnet wurde. Benjamin kam herein, leise, um Amily nicht zu wecken.
Lange Zeit stand er da und betrachtete sie. Selbst im Schlaf sah sie wunderschön
aus. Ihre blonden, offenen Haare fielen über ihre Schultern und bedeckten ihr
Gesicht. Benjamin ging neben ihrem Bett auf die Knie und strich ihr vorsichtig
mit der Hand über ihre Wangen.
Dabei bemerkte er die Tränen, die noch an ihrer Haut hafteten. Er wusste, warum
sie geweint hatte. Er wusste um ihre Qual, und konnte sie doch nicht ungeschehen
machen. Benjamin strich ihr Gesicht hinab zu ihrem Hals. Sachte drehte er den
Kopf des Mädchens zur Seite und legte ihre Bissmale frei.
Mit seinen Fingerspitzen strich er über die zwei winzigen Punkte. Amily war
gekennzeichnet, für den Rest ihres Lebens. Das hatte er nicht gewollt. Er hatte
sich nicht beherrschen können, und somit ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Das
durfte nie wieder geschehen.
Benjamin wusste, es wäre das Beste, wenn Amily mit der einsetzenden
Schneeschmelze wieder nach Hause zurückkehrte. Das war der einzige Weg, um zu
verhindern, was beinahe diese Nacht geschehen wäre.
Doch nur bei dem Gedanken daran, dass er Amily auf diese Weise verlieren würde,
zog sich sein Herz vor Schmerz zusammen. Der Vampir wusste, dass dieser Weg das
Beste wäre; er wusste aber auch, dass er Amily’s Rückkehr zu ihrer Mutter nicht
überleben würde. Er würde sterben, wie jemand, dem das Herz aus der Brust
gezogen würde.
Wie gerne hätte er Amily all das, was er in den Stunden, in denen er an ihrem
Bett saß, dachte, gesagt, damit sie ihn verstünde und bei ihm bliebe. Doch er
wusste, dass er niemals auch nur ein Wort erzählen würde.
Er würde schweigen, und warscheinlich damit seine Einsamkeit besiegeln. Denn
nachdem, was geschehen war, würde Amily ihn abermals fürchten, nicht wegen
seiner Andersartigkeit; wegen der Angst, die in ihrer Brust sitzen und an ihr
nagen würde, wenn er sich ihr näherte.
Benjamin erhob sich und ging in Richtung Tür, überlegte es sich dann jedoch
anders. Er ließ sich neben der Tür auf den Boden sinken, mit dem Rücken an der
Wand, und starrte aus dem Fenster.
Lange saß er so da, wie lange, wusste er nicht, und dachte über seine Einsamkeit
nach. Ein Wimmern schreckte ihn aus seinen Überlegungen. Die Sonne war noch
nicht aufgegangen, doch kündete ein schmaler Streifen ihren Aufgang an. Ein
zweites Wimmern und ein leiser Schrei holten Benjamin auf seine Füße und an
Amily’s Bett.
Die Siebzehnjährige warf sich unruhig hin und her, immer wieder kamen in
unregelmäßigen Abständen leise Schreie über ihre Lippen. Ihre Augenlieder
zuckten, ihre Arme und Beine bewegten sich unter der Decke, wie von Fäden
gezogen, krampfhaft hin und her.
Benjamin wusste, dass sie träumte. Hilflos stand er neben dem Bett und sah auf
das Mädchen hinab, das immer unruhiger wurde. Er wusste nicht, was er tun
sollte. Weckte er sie, lief er Gefahr, dass sie vor ihm zurückschreckte. Tat er
nichts und ließ sie weiterschlafen, konnte sie aus dem Bett fallen und sich am
Kopf verletzten, wenn sie zu hart auf dem Boden aufschlug.
Amily wurde immer unruhiger. Sie rief jemandem beim Namen, warscheinlich ihre
Mutter, und dabei wurde ihre Stimme so hoch, dass es Benjamin durch Mark und
Bein ging. Plötzlich bäumte ihr Körper sich auf und neigte sich gleichzeitig
gefährlich zur Seite. Ohne zu überlegen, was er tat, griff Benjamin zu.
Er fasste die junge Frau an den Schultern und drückte sie auf das Bett zurück.
Dort hielt er sie fest, als weitere Krämpfe ihre Glieder zucken ließ, und sprach
mit beruhigender Stimme auf sie ein. Der Vampir wusste, dass Amily ihn nicht
verstehen konnte, doch seine Stimme würde – das hoffte er zumindest – sie wieder
zu Bewusstsein bringen.
Nach und nach beruhigte der Körper der Siebzehnjährigen sich. Die Krämpfe ließen
nach und ihre Glieder legten sich wieder ruhig auf das Laken. Behutsam bettete
Benjamin Amily’s Kopf, den er sachte festgehalten hatte, wieder auf das Kissen
zurück, und deckte sie sorgfältig zu.
Amily’s Atem ging wieder ruhig und gleichmäßig. Als er sicher war, dass das
Mädchen wirklich schlief, verließ Benjamin nach einem letzten Blick auf ihr
schlafendes Gesicht das Zimmer.
Er begab sich in die Bibliothek, wo er sich in einen der Sessel setzte und den
Kopf an die gepolsterte Stütze lehnte. So sitzend, schloss er die Augen und
versuchte, seinen Geist von allem zu befreien.
Vampire konnten nicht schlafen, doch wenn sie an nichts dachten, konnten sie
sich, wenn auch nur für kurze Zeit, in eine Art Dämmerzustand versetzten. Das
ersetzte den Schlaf nicht, doch auch so konnten sie sich ausruhen und ihren Kopf
von überflüssigem leeren.
So ruhte Benjamin eine Zeitlang, bis die Sonne aufging. Die ersten Strahlen
fielen über die Spitzen des Berges und sandten glühende Strahlen in die
Bibliothek. Einer der Strahlen fiel auf das Gesicht des Vampirs, und weckte ihn
so auf.
Rasch hob er die Hand, um seine Augen vor dem hellen Licht zu schützen, dann
erhob er sich. Er wandte sich dem Kamin zu, in dem noch die Asche der
vergangenen Nacht lag. Gedankenverloren blickte er auf das Häufchen grauen
Staubs, als er seinen Namen hörte.
„Benjamin!“
Der Vampir hob den Kopf, dann drehte er sich um. Hinter ihm war niemand. Aber er
hatte doch…
„Benjamin! Hilf mir!“
Da war sie wieder. Amily’s Stimme. Benjamin ging schnellen Schrittes aus der
Bibliothek hinaus; auf dem Flur begann er zu rennen. Mit einem Stoß öffnete er
die Zimmertür und trat mit zwei Schritten an das Bett.
Amily saß aufrecht, die Bettdecke war auf den Boden gefallen. Einen Moment
dachte Benjamin, sie würde ihn ansehen, doch dann sah er, dass Amily’s Augen
geschlossen waren. Sie schlief immer noch, doch gleichzeitig schien sie wach.
Der Vampir trat an das Bett und streckte vorsichtig seine Hand nach ihr aus. Er
wollte sie nicht erschrecken, sie nur beruhigen und aus ihren Träumen
hervorholen. Benjamin setzte sich auf die Bettkante und berührte Amily sachte an
der Schulter. In dem Moment, wo seine Hand sich auf ihre Schulter legte, wachte
sie auf.
Amily sah sich um, einen erstaunten und zugleich verängstigten Ausdruck in den
Augen. Als sie Benjamin sah, wurde der Blick flehend. Sie griff nach seiner
Hand, die noch auf ihrer Schulter lag und hielt sie so fest, dass Benjamin kurz
zusammenzuckte.
„Hilf mir!“, flüsterte sie. „Hilf mir, Benjamin!“ Dann begann sie zu weinen.
Benjamin zögerte keine Sekunde. Er rutschte noch ein Stück auf das Bett, um
nicht aus Versehen hinterrücks herunterzufallen, und zog Amily sanft an sich.
Ihren Kopf barg er an seiner Schulter, ihren zuckenden Körper, der von ihren
Schluchzern geschüttelt wurde, nahm er in seine Arme.
Die Tränen liefen aus Amily’s geschlossenen Augen und tropften auf das weiße
Hemd des Vampirs, während die Siebzehnjährige die Lippen aufeinander presste, um
nicht mehr zu schluchzen. Mit ihren Händen drückte sie gegen Benjamins Brust,
als versuche sie, zu dem ruhig schlagenden Herzen zu gelangen.
Doch auch das Schlagen des Herzens in seiner Brust ließ Amily den Schrecken
nicht vergessen, den sie gesehen hatte. Die Bilder waren so real gewesen, dass
sie jeden Moment befürchtete, Benjamin könne leblos zusammenbrechen.
Bei diesem Gedanken schlang Amily die Arme um den Hals des Vampirs,
entschlossen, ihn nicht loszulassen, und so vor dem Tod zu beschützen.
Benjamin bemerkte die Angst, die Amily hatte. Behutsam versuchte er, sich aus
ihrem Klammergriff zu befreien, doch ihr Griff war zu fest. Nach mehreren
vergeblichen Versuchen legte er dem Mädchen eine Hand auf den Rücken und griff
mit der anderen Hand nach den ihren.
„Amily“, sagte er leise, doch bestimmt. „Amily, du kannst mich loslassen. Ich
kann dir nicht helfen, wenn du mich festhältst.“
Langsam löste sich der Griff der Siebzehnjährigen. Sachte griff Benjamin nach
ihren Händen und nestelte sie von seinem Hemd los, das sie wieder umklammert
hatte, als fürchte sie, er werde sich in Luft auflösen, wenn sie keinen
Hautkontakt zu ihm mehr habe.
Benjamin legte eine Hand unter ihr Kinn und hob es vorsichtig an, bis er ihr in
die Augen sehen konnte. Angst blickte ihm entgegen, Angst und pure Verzweiflung.
„Wobei soll ich dir helfen, Amily?“, fragte der Vampir. „Sag es mir.“
„Du darfst nicht fortgehen.“ Die Stimme des Mädchens war so leise, dass Benjamin
sich anstrengen musste, um sie zu verstehen. „Bitte, geh nicht fort.“
„Ich gehe nicht fort, Amily. Ich bleibe hier, bei dir“, versuchte der Vampir sie
zu beruhigen, doch Amily schien die Bedeutung seiner Worte, oder die Worte
selbst, nicht zu verstehen. Sie legte den Kopf an seine Brust und begann
abermals, leise Tränen zu weinen.
„Geh nicht fort, Benjamin. Verlass mich nicht“, flüsterte Amily immer wieder an
seiner Schulter. Erst nach mehrmaligem Zureden und unter Zuhilfenahme seiner
Hände, mit denen Benjamin über ihren Rücken und ihr Gesicht strich, erzählte
Amily stockend, wovor sie sich fürchtete.
„Ich war unten in der Bibliothek, und da…, da habe ich dich gesehen, wie du…“
Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht wieder an Benjamins Schulter, doch der
Vampir hob ihren Kopf abermals hoch, um ihr in die Augen zu sehen.
„Was hast du gesehen?“
Amily liefen Tränen über die Wangen. Ihre Brust hob und senkte sich heftig unter
dem Nachthemd, was sie trug; es sah aus, als bekäme sie keine Luft mehr.
Schließlich würgte sie hervor: „Ich sah dich unten in der Bibliothek liegen,
kalt und bleich. Du warst tot!“
Die letzten Worte gingen fast in Schluchzern unter. Amily warf sich nach vorne,
an Benjamins Brust. Der verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten auf das
Bett. So lag er da, wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte, und hielt
Amily fest, die in seinen Armen lag und weinte.
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Benjamin stand an Amily’s
Zimmerfenster und starrte in das Schneegestöber. Letzte Nacht hatte es abermals
begonnen zu schneien, und bereits jetzt, acht Stunden später, lag der Schnee
wieder so hoch wie vor der Zeit der Schneeschmelze. Und das hieß, dass der Weg
in Amily’s Dorf wieder versperrt war. Benjamin jedoch wusste, dass es lange
dauern konnte, bis die junge Frau wieder nach Hause zurückkehren konnte.
Er drehte sich um und trat an das Bett, in dem sie lag. Amily schlief; ihr
Gesicht war blass, und auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißperlen. Als Benjamin
die winzigen Perlen von ihrer Stirn wischte, merkte er, wie heiß sie war.
Sorge spiegelte sich in seinem Gesicht. Das Fieber, was sie in der Nacht, in der
sie den Traum von seinem Tod hatte, bekommen hatte, war immer noch nicht
zurückgegangen. Und der Vampir wusste nicht mehr, was er tun konnte, um es zu
lindern.
Er hatte alles versucht: heiße und kalte Tücher, die er ihr um die Waden gelegt
hatte, nasse Tücher, die ihre Stirn kühlten; er hatte Amily in Decken
eingewickelt, in der Hoffnung, sie würde das Fieber ausschwitzen…
Keiner seiner Versuche war erfolgreich gewesen. Immer, wenn er voller Freude
gewesen war, dass die Temperatur des Mädchens um einige Grad zurückgegangen war,
waren sie über Nacht weiter gestiegen, und am Tag danach war sie noch kränker
gewesen.
Das Schlimmste aber waren Amily’s Fieberträume, die sie jede Nacht bekam, und
die dem Mädchen alle Kraft aussaugten. Benjamin, der gegen diese Träume machtlos
war, konnte nichts anderes tun, als bei ihr zu sitzen und sie festzuhalten, wenn
der Schrecken allzu schlimm wurde.
Doch immer, wenn Amily des Nachts schreiend und fiebernd erwachte, und den Namen
ihrer Eltern rief; wenn Benjamin sie umarmte, leise mit ihr sprach, ihr sagte,
alles sei gut und sie solle weiterschlafen, immer schnitt sich etwas in das Herz
des Vampirs, wenn Amily ihren Vater oder ihre Mutter rief und sie um Hilfe
anflehte.
Da war ein Gedanke, der sich in Benjamins Gedanken geschlichen hatte wie ein
tödliches Gift; die Gewissheit, dass Amily nicht wieder gesund werden würde. Das
Fieber zehrte an ihrer Kraft. Ihr Körper war stark genug, sich zu wehren, doch
tat er es nicht. Der Grund war ihre Einsamkeit.
Sie vermisste ihre Eltern. Und er, Benjamin, stand vor einer so schweren
Entscheidung, dass es ihm das Herz zerreißen wollte. Er konnte Amily’s Mutter
oder Vater hierher auf sein Schloss holen, und darauf hoffen, dass ihre
Anwesenheit Amily dazu brachte, gesund zu werden.
Doch das würde auch ihre Entscheidung besiegeln. Sie würde ihn mit verlassen,
und damit sein Herz endgültig brechen. Doch es gab auch einen anderen Weg.
Benjamin konnte Amily hier behalten, und sie allein weiterpflegen. Aber sein
Herz, sein Verstand sagte ihm, dass die Siebzehnjährige dann sterben würde.
Noch einmal sah der Vampir auf Amily hinab. Wie sie dalag, so blass und still,
versetzte Benjamin in eine so große Traurigkeit, dass eine Träne über seine
Wange rollte und auf ihre heiße Stirn fiel.
Mit einem Mal fasste er seinen Entschluss. Benjamin beugte sich vor und küsste
Amily auf die fieberheiße Stirn und auf den Mund. Nachdem er sie noch einmal
richtig zugedeckt hatte, verließ er das Zimmer und schloss die Tür leise hinter
sich. Mit schnellen Schritten ging er den Gang hinunter bis zum Schlossportal.
Das öffnete er und starrte in das Schneegestöber. Eisiger Wind wehte herein und
blies durch sein kurzes Haar und seine Kleider. Doch er spürte die Kälte nicht.
Er dachte nur an Amily, die in ihrem Zimmer lag, und deren einzige Hoffnung das
war, was er nun tun würde. Benjamin trat hinaus in den heraufziehenden Sturm und
zog das Portal hinter sich zu.
Der Schäferhund, der vor dem Haus angebunden war, schlug in dem Moment an, in
dem Frank den Wasserkessel auf das Feuer setzte. Stirnrunzelnd blickte der
achtunddreißigjährige aus dem Fenster. Welches Wesen würde es wagen, bei einem
solchen Sturm einen Fuß vor die Tür zu setzen?
Ein Klopfen riss ihn aus seiner Trance. Er hastete zur Tür. Wer immer dort
draußen stand, niemand sollte bei diesem Wetter lange warten müssen. Der Hund
heulte immer noch. Frank öffnete die Tür.
Vor ihm stand ein Mann in einer schwarzen Hose, schwarzen Stiefeln und einem
weißem Hemd. Er hatte sich einen schwarzen Reiseumhang um die Schultern
geworfen, zum Schutz gegen die Kälte. Er nickte, als Frank ihn ansah.
„Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Benjamin. Ich habe Auskünfte für
Sie über den Aufenthaltsort ihrer Tochter Amily.“
Frank blieb beinahe das Herz stehen, als er den Namen seiner Tochter hörte.
Hinter ihm vernahm er einen leisen Aufschrei, der von seiner Frau Lisa kam.
„Bitte, kommen Sie doch herein und erzählen Sie. Wie geht es Amily? Wo ist sie
jetzt?“
Frank trat zur Seite, um Benjamin einzulassen, doch der schüttelte den Kopf und
trat einen Schritt zurück.
„Ich muss Sie bitten, sofort mit mir zu kommen. Amily ist krank. Sie verlangt
nach Ihnen.“
Frank überlegte nicht lange. Er schlüpfte in seine pelzgefütterten Stiefel, warf
sich seinen wärmsten Mantel über und streifte warme Fäustlinge über. Nachdem er
Lisa erklärt hatte, wohin er ging, trat er zusammen mit Benjamin in den Sturm
hinaus.
Als Frank sah, dass Benjamin seine Schritte in Richtung Wald lenkte, zögerte er.
Er wusste, welche Gefahren im Dunkelwald lauerten. Er selbst war gerade erst mit
knapper Not den Fängen des finsteren Waldes entkommen, der ihn mehrere Jahre
lang hatte herumirren lassen.
Der Vampir bemerkte das Zögern. Er drehte sich um und sagte mit beinahe
beschwörender Stimme: „Bitte, das ist der einzige Weg, der Sie zu Ihrer Tochter
führt. Sie ist bei mir auf dem Schloss in Sicherheit, aber das Fieber ist hoch.
Besiegen Sie Ihre Angst, tun Sie es für Amily!“
Frank nickte und folgte dem Vampir in den Schatten der mächtigen Bäume.
Stundenlang, so schien es Amily’s Vater, kämpften die beiden sich durch den
teilweise wadenhohen Schnee vorwärts. Einmal meinte Frank, vor sich längliche
Schatten zu sehen. Wölfe, dachte er panisch.
Doch die Tiere näherten sich nicht, und bald darauf tauchte vor ihm aus dem
Sturm, so plötzlich wie hingezaubert, ein verschlossenes Portal und graue Mauern
vor ihm auf. Benjamin schloss auf und ging voran, durch die Gänge, an dem
Speisezimmer und der Bibliothek vorbei, bis er zu dem Zimmer kam, in dem Amily
lag.
„Hier ist es“, sagte er über die Schulter. „Hier ist Ihre Tochter.“
Frank ging an ihm vorbei, und öffnete die Zimmertür. Mit einem Schrei sprang er
neben das Bett und fasste nach der Hand seiner Tochter. „Amily!“
Benjamin stand in der geöffneten Tür und sah zu, wie der Vater seine Tochter mit
Freudentränen in den Augen ansah. Dann fasste er ihr an die Stirn, und sein
Gesicht verdüsterte sich.
„Wie lange währt das Fieber schon?“, fragte er mit leiser Stimme.
„Acht Tage“, antwortete Benjamin. „Ich habe alles versucht, es zu senken, aber
es hat nicht geholfen. Ich hoffe, jetzt wird es besser, da Sie da sind.“
Frank nickte. „Ich dachte, ich hätte sie verloren. Vor einem Monat kam ich nach
Hause und erfuhr von meiner Frau, dass meine Tochter, mein einziges Kind, im
Dunkelwald verschollen sei. Können Sie sich mein Entsetzen, meine Angst
vorstellen? Oh Gott, meine Amily! Ich kann gar nicht glauben, dass ich sie
wieder habe!“
„Es liegt alles bereit, was Sie brauchen“, sagte Benjamin, und wies mit einer
Hand auf die Truhe. Dann wandte er sich um und ging davon. In der Bibliothek
setzte er sich in einen der Sessel und starrte in die Flammen, die er wieder
entfacht hatte. Er hatte alles getan, was er konnte. Jetzt hieß es warten.
Als er aus seinem Dämmerzustand erwachte, war die Sonne dabei, wieder hinter dem
Horizont zu verschwinden. In dem Sessel ihm gegenüber saß Frank und hielt seine
Hände über die wärmenden Flammen. Benjamin hatte vergessen, dass Menschen Kälte
empfinden konnten.
„Wie geht es Amily?“, fragte er. Frank drehte den Kopf, und sah ihn an. Nach
einer Weile hellte sich sein Gesicht auf.
„Besser. Das Fieber ist zurückgegangen. Es war, als genese sie allein durch
meine Anwesenheit. Sie ist auch kurz aufgewacht, doch jetzt schläft sie wieder.“
Benjamin nickte. Es war genauso gewesen, wie er gedacht hatte. Es war die
Sehnsucht nach ihren Eltern, sie sie so schwach gegen das Fieber gemacht hatte.
Er war froh, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand.
Doch gleichzeitig begann die Angst sein Herz zusammenzupressen. Wenn Amily
gesund war, würde sie dann mit ihrem Vater fortgehen, und ihn allein lassen?
Würde sie sich an ihren Traum erinnern, und ihn richtig zu deuten wissen?
Benjamin wagte kaum zu hoffen.
„Darf ich zu ihr?“, fragte er leise. Frank war erstaunt, nickte aber. Benjamin
erhob sich und ging mit schnellen Schritten zu Amily’s Zimmer. Die
Siebzehnjährige war wach. Sie lächelte, als sie Benjamin sah. Sie war immer noch
blass, doch das Fieber war aus ihren Augen verschwunden.
„Ich danke dir, dass du meinen Vater hergeholt hast, Benjamin“, sagte Amily. Der
Vampir nickte, antwortete aber nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Dass sie
nicht fortgehen durfte, ihn nicht allein zurücklassen sollte?
Amily bemerkte, dass mit ihm was nicht stimmte. Sie versuchte, sich zu erheben,
um zu ihm zu gehen, doch sie war noch zu schwach. Benjamin sah ihren
vergeblichen Aufstehversuchen zu, dann kam er zu ihr und setzte sich auf die
Bettkante.
Amily griff nach seiner Hand und ergriff sie. Se bemerkte das kaum merkliche
Zucken, als sich seine Hand um die des Vampirs legte, sah den Schmerz und die
Trauer in seinem Gesicht.
„Ich muss mit dir sprechen, Benjamin“, sagte Amily leise. Einen Moment schien
es, als habe er sie nicht verstanden, doch dann nickte der Vampir. Der Ausdruck
der Trauer in seinem Gesicht wurde stärker.
Benjamin wusste, was Amily ihr sagen würde. Einen schrecklichen Moment lang
wünschte er, er hätte sie in jener schicksalhaften Nacht den Wölfen überlassen;
dann wäre sein Herz noch heil, hätte keine Risse und würde nicht jeden Moment
drohen, zu zerspringen.
„Mein Vater hat mich gebeten, mit ihm zu meiner Mutter zurückzukehren“, sagte
Amily. „Ich war zu lange von zu Hause fort. Man dachte, ich sei tot. Ich würde
meiner Mutter diesen Schmerz gerne nehmen. Aber dazu muss ich mit meinem Vater
gehen.“
Benjamin zwang sich, den Kopf zu heben, als er merkte, dass Amily auf seine
Antwort wartete. Er schaffte es sogar, leicht zu lächeln.
„Du musst tun, was du für richtig hältst“, sagte er leise. „Wenn du mit deinem
Vater gehst, kann ich dich nicht aufhalten.“
Rasch senkte er den Kopf wieder, damit Amily sein Gesicht nicht sah. Er wusste,
dass sein Gesichtsausdruck ihn verraten würde. Doch Amily legte, wie er vor
wenigen Tagen, ihre Hand unter sein Kinn und hob so seinen Kopf an.
„Komm mit mir“, sagte sie leise. „Ich rede mit meinem Vater. Er wird nicht
dagegen sein. Und wir können zusammen bleiben.“
Benjamin schüttelte den Kopf.
„Nein, Amily. Hast du vergessen, dass die Menschen mich fürchten? Ich würde
nicht geduldet werden in deinem Dorf. Und wenn dein Vater erfährt, was ich bin,
wird er mich fortjagen. Nein, Amily: ich gehöre nicht in deine Welt. Ich bin
nicht wie ihr.“
Amily sah den Vampir verzweifelt an.
„Dann bleibe ich bei dir. Ich sage meinem Vater, dass ich dich nicht verlassen
kann. Er wird es verstehen, ich weiß es…“
Benjamin stoppte den Redefluss, indem er der Siebzehnjährigen sanft einen Finger
auf die Lippen legte. Wie weh es tat! Wenn Amily bei ihm bliebe, hätte er sein
Ziel erreicht; seine Einsamkeit wäre endlich überwunden, sein Warten hätte ein
Ende…
Doch er durfte sich nicht von seinen Gefühlen mitreißen lassen. Er wusste, was
geschehen würde, wenn Amily bei ihm blieb. Irgendwann würde er den Dämon in ihm
nicht länger beherrschen können, und dann wäre das Mädchen verloren.
„Amily.“ Oh, warum war es nur so schwer, das zu sagen, was man dachte. Zaghaft
strich Benjamin dem Mädchen über das Gesicht. Nach kurzem Zögern zog er sie an
sich, und sie barg ihr Gesicht an seinem Hals.
Benjamin konnte den Duft ihres Haares riechen, doch er durfte sich jetzt nicht
ablenken. Zu viel stand auf dem Spiel, sowohl für Amily als auch für ihn.
„Amily, du musst mit deinem Vater nach Hause zurückgehen. Glaub mir, es ist das
Beste so. Ich kann es dir nicht erklären; glaub mir, ich würde es so gerne, doch
es geht nicht. Du musst gehen, und ich muss hier bleiben. Die Menschen in deinem
Dorf würden mich nicht dulden; und wenn sie herausfänden, was ich bin, würden
sie mich jagen.
Ich möchte dir diesen Schmerz ersparen. Amily, hör mir zu“, Benjamins Stimme
wurde schneller; er vernahm Schritte, die sich näherten. Frank, der gekommen
war, um seine Tochter zu holen!
„Wenn dein Vater da ist, möchte ich, dass du aufstehst, und mit ihm gehst. Dreh
dich nicht um, und blick nicht zurück. Und wenn du aus dem Wald kommst, möchte
ich, dass du mich vergisst.“
Oh, wie sie weinte! Wie sehr sie sich an ihn klammerte, als sie die Stimme ihres
Vaters hörte, der ihren Namen rief. Benjamin löste sich aus der Umarmung und
nahm Amily’s Gesicht in seine Hände. So sah er sie lange stumm an.
Amily blickte den Mann vor sich so flehend an, dass es Benjamin das Herz
zerschnitt. Doch er blieb eisern. Sachte wischte er ihr die Tränen von den
Wangen und küsste sie kurz auf die Stirn, bevor er aufstand und sie mit sich
zog.
Frank nahm seine Tochter entgegen, gab Benjamin die Hand und sagte: „Ich danke
Ihnen für Ihre Hilfe!“
„Bedanken Sie sich bei Amily“, erwiderte der Vampir.
Frank betrat den Flur, Amily im Arm mit sich führend, die immer noch stumme
Tränen weinte. Benjamin folgte ihnen, mit einigen Metern Abstand. Mit jedem
Schritt, den Amily in Richtung Portal machte, öffnete sich die Wunde in seinem
Herzen ein Stück weiter. Doch er sagte nichts, ging nur stumm dem Portal, und
somit seinem Tod entgegen.
Das Portal wurde von Frank geöffnet. Wind schlug Amily entgegen, und winzige
Schneeflocken. Nun warf sie, entgegen Benjamins Verbot, doch einen Blick über
die Schulter.
Wie sie den Vampir sah, erwachte in ihrem Herzen so großes Mitleid, dass sie
leise aufstöhnte. Zu ihrem Vater gewandt, sagte sie mit leiser Stimme: „Ich
möchte mich noch von Benjamin verabschieden. Ich komme gleich nach.“
Sie sah noch, wie ihr Vater das Portal hinter sich zuzog, dann drehte sie sich
um und rannte zurück zu Benjamin, der just in dem Moment in die Knie sank und
eine Hand auf sein Herz presste.
„Benjamin!“
Sie rief seinen Namen, ging neben ihm auf den Boden und umfasste ihn so fest sie
konnte. Blind vor Tränen sah sie ihn an und küsste ihn. Der Vampir ließ es
geschehen, saß einfach auf dem Boden, die Hand gegen sein brechendes Herz
gepresst, und hieß seinen Tod mit den Lippen willkommen.
Eine Ewigkeit schien vergangen, als Amily sich von dem Vampir löste und ihn mit
Tränen in den Augen ansah. Sie legte ihre Hände auf seine Wangen und lehnte ihre
Stirn an seine. So verharrte sie lange, bevor sie den Mund öffnete und die Worte
aussprach, die sie noch nie zuvor einem Mann gesagt hatte und nie wieder einem
Mann sagen würde.
„Ich liebe dich, Benjamin. Ich liebe dich.“
Benjamin saß stumm da und blickte Amily an. In seinen Augen lagen Tränen. Nach
mehreren Minuten, die sich für ihn zu Stunden ausdehnten, erhob sich Amily
langsam und ging rückwärts in Richtung Portal.
Benjamin streckte die Hand nach ihr aus, und berührte noch einmal ihre Hände.
Dann war sie fort. Mit den Lippen formte der Vampir Worte, die er dann, leise,
in den leeren Raum sprach.
„Amily, ich liebe dich.“
Als die Worte verklungen waren, stieß Benjamin einen Schrei aus und stürzte zu
Boden. Seine Hand krallte sich in seine Haut, wo sein Herz immer schneller
schlug, der Schmerz immer schlimmer wurde, bis der Vampir meinte, verrückt zu
werden – dann war es vorbei.
Amily, die sich zusammen mit ihrem Vater einen Weg aus dem Dunkelwald suchte,
blieb plötzlich wie erstarrt stehen und starrte ins Leere. Frank drehte sich um,
und griff nach ihrer Hand, als sie auf Zuruf nicht reagierte.
Später, einige Jahre danach, als Amily verheiratet war und in der nächsten Stadt
lebte, ging Frank manchmal durch den Wald zurück zu der Stelle, die er jedes Mal
wie durch Zauberei fand.
Dort stand er still und lauschte auf das Rascheln der Bäume. Und manchmal, wenn
er sehr genau hinhörte, meinte er, durch das Rascheln die Stimme seiner Tochter
zu hören, die einen Namen flüsterte.
Benjamin.
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