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Vampir Geschichten
Kurzgeschichten über die
Nachtwesen |
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Durst |
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Pringle
Tief versenkte ich mich in ihm. Ich konnte den pulsierenden Fluss des Blutes um
meine Zähne spülen fühlen. Es rann über meine Lippen, über seinen Hals, und doch
wollte ich nichts verschwenden. Jeder Tropfen würde mich länger am Leben halten.
Wenige Augenblicke mehr der Freiheit, in der ich der Grausamkeit meines Daseins
entrinnen konnte. Ich hasste es, ich liebte es. Und doch wollte ich es nicht. Im
Grunde spürte ich das. Doch wenn der Durst immer stärker wurde, immer
dringlicher, und wenn der Druck mich zu zerquetschen drohte, dann wusste ich,
ich konnte nicht anders. In diesen wenigen Sekunden tat ich es gerne, wollte es
wieder tun und konnte es kaum erwarten. Gierig. Und er? Vor wenigen Sekunden
noch überlegen grinsend, nun ein Häufchen Elend. Überraschung wurde zu
Verwirrung. Verwirrung wandelte sich in Schock. Starr; er wehrte sich nicht. Nie
hatten sie das. Immer bekam ich das was ich wollte. Ich war mir nur nicht sicher
ob es das war was ich wollte. Unbefriedigt sank ich zurück. Sein Körper entglitt
meinen Händen. Achtlos ließ ich ihn liegen. Es machte keinen Unterschied wo man
ihn finden würde. Nur langsam ließen meine Zähne meiner Zunge wieder genug
Spielraum, um mir über die Lippen zu lecken. Köstlich. Widerlich. Etwas in mir
begehrte auf. Lange war es her, dass mir einer nicht gereicht hatte, doch kaum
hatte der Durst nun gestillt werden können. Bereits in den frühen Morgenstunden,
wenn sich die Straßen noch nicht mit Leben gefüllt hatten, würde ich vergehen;
würde ich nicht mehr im Stande sein mein nächstes Mahl zu bezirzen. Seufzend
kehrte ich der Szene den Rücken und ging um die Ecke wieder in mein Revier
zurück. Kein Hinweis darauf, was geschehen war. Entgegen meiner üblichen
Vorgehensweise ließ ich die Tür zu meiner linken außer Acht. Ich wollte kein
weiteres Mal endlose Blicke austauschen, mich lasziv bewegen und ihm schüchtern
folgen, wenn er einen kleinen Spaziergang vorschlug. Es war anstrengend, es war
zuviel in Momenten wie diesem. Ich überquerte die Straße und bog in den kleinen
Park ein. Man konnte hier immer mit einem einsamen Spaziergänger rechnen,
welcher die Ruhe inmitten dieser großen Stadt genoss. Ich lauerte. Es
widerstrebte mir.
Er schlenderte über die Wiese. Jung, attraktiv, schade drum. Schulterzuckend
erwartete ich ihn am nächsten Baum. Überrascht musterte er mich, ich sah ihm an
wie er angestrengt nachdachte, ob ich schon vorher hier gestanden hatte. Ein
müdes Lächeln durchzuckte unbemerkt meine noch blutroten Lippen. Ein
vorübergehendes Ende der Qualen war alles was ich anstrebte. Entschuldigungen
erfand ich schon lange nicht mehr. Es war wie es war, auch wenn ich die meiste
Zeit meine Entscheidung bereute. Sie schien mir das Richtige… damals. Ich sah es
als Erlösung. Doch anstatt endlich aufzustehen, mich von den Knien zu erheben,
wurde ich noch tiefer auf den Boden getreten. Staub auf meinen Lippen.
Mein Gegenüber schien genau wie er. Vertrauen erweckend. Würde er mir nun das
gleiche erzählen wie es damals der Mann im Wald getan hatte, ich würde ihm
wieder glauben. Ich würde ihm glauben, dass ich mich stark fühlen würde, würde
ihm glauben, dass ich alles vergessen würde. Ein schüchternes Lächeln; er
lächelte zurück. Bevor er überhaupt den Mund geöffnet hatte, wusste ich seine
Frage, wusste, dass auch dieser Mann keine Antwort erhalten würde. Wie so viele
zuvor. Mein Finger lag auf seinen Lippen, bevor er sich einer Bewegung gewahr
werden konnte. Langsam beugte ich mich zu ihm. Eine Bewegung, die mich erlösen
würde; quälen würde. Ein Kreislauf ohne Ende. Er blieb ruhig, folgte mir nur mit
seinen Augen. Es schien mir hypnotisierend. Statt auf den so delikat
freigelegten Hals, trafen meine Lippen auf seine. Er schien kaum überrascht.
Weniger als ich selbst. Abrupt zog ich mich zurück, sah meine Chance auf einige
ruhige Tage schwinden. Er schien durch mich hindurchzublicken, oder in mich
hinein? Ein weiterer Kuss… er hatte es tatsächlich gewagt; schien sich der
Gefahr nicht bewusst. So weich. Ein wahrer Genuss. Eine wahre Schande. Doch in
diesen Momenten kümmerte mich dies nicht. Ich fühlte, wie sie sich unter meinen
Lippen wölbten. Sachte, jeden Zweifel verdrängend. Sein Hals. Seine Stimme hielt
mich zurück.
„Erinnere dich.“
Er hatte verwirrt sein sollen… gleich. Nicht ich… jetzt. Das war der Plan. Wie
immer. Doch nun war alles anders. Seine Augen, hypnotisierend. Sein Kuss, mir
bekannt. Ich hatte vergessen. Ich erinnerte mich. Kaum ein paar Monate
verstrichen. Ich merkte mir keine Gesichter. Zu viele. Er war anders. Vom ersten
Augenblick an, bei unserer ersten Begegnung. Ich hatte vergessen. Und ich hatte
nicht vergessen.
„Jeremy...“
Ich hatte ihn gehen lassen. War geflohen. Zu große Schmerzen rief er hervor.
Seine Augen, seine Lippen. Noch nie hatte ich etwas nicht zu Ende gebracht. Bis
vor ein paar Monaten. Er war anders. Und doch war es unmöglich. Nie war ich
weiter gegangen als die Männer zu küssen. Und dies nur im Notfall, wenn der
Durst zu groß, und ihr Alkoholpegel noch zu niedrig gewesen war. Doch Jeremy…
ich war geflohen. Danach. Als er mich gesehen hatte, wie ich wirklich war. Und
ich hatte vergessen wollen. Es war unmöglich, und wir beide hatten es gewusst.
Ich hatte es nicht tun können.
Nun war es sein Finger auf meinen Lippen. Er hatte sich verändert. Ein letzter
Kuss. Ich spürte es. Entsetzen. Was hatte er getan? Lächelnd entblößte er seine
Zähne; vor drei Monaten den meinen noch so unähnlich. Eine unüberwindbare
Barriere; das was mich hatte fliehen lassen. Was hatte er getan? Leuchtend im
Mondlicht, blitzten zwei lange Eckzähne zwischen den Blutroten Lippen hervor. Er
hatte mich gesucht, und mein Durst war gestillt.
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