Das ist wieder so ein Abend, der das Ende des Tages ankündigt, er wird nahtlos
in eine dunkle Nacht übergehen.
Er steht am großen Fenster seiner Wohnung unter dem Dach des alten Hauses und
blickt auf die bereits einsetzende Dämmerung nieder, die die Stadt langsam
einhüllt, die Umrisse der Häuser unscharf werden lässt und erste vereinzelte
Lichter vorwitzig versuchen das Grau zu durchdringen.
Die Hektik des Tages ist im Verklingen, die Stille beginnt sich auszudehnen.
Hier heroben, über den Dächern der Stadt sind die Geräusche ohnehin nur gedämpft
zu hören.
Gedanken überschlagen sich, man hat eigentlich gar keinen Einfluss darauf.
Bilder ziehen vorbei, Erinnerung an Gerüche werden wach. Betörende Gerüche,
schwer, den Geist einschläfernd, die Sinne schärfend. Bilder aus längst
vergangener Zeit, Jahrhunderte gleiten vorbei wie ein langer Zug mit Abteilen.
Jedes Abteil ist besetzt mit fremden, manchmal jedoch auch bekannten Gestalten,
bleichen Gesichtern.
Man wird es müde, all diese Wesen im Gedächtnis zu behalten. Nur manchmal
verbleiben Eindrücke und Erinnerungen, oft ganz tief ins Innerste verbannt, als
Schuldgefühle bestehen. Ihre Verzweiflungsschreie verhallend in der
Unendlichkeit und werden doch hin und wieder im Unterbewusstsein wahrgenommen.
Sein Blick ruht auf den Dächern der Stadt, die für ihn zur Heimat geworden sind.
Es gibt noch viele Seelen hier, denen man sich nähern kann, ihre Eignung zum
kurzzeitig gemeinsamen Weg testen kann. Ihr Blut rettet seine Existenz, hält ihn
am Leben, oder wie man das nennen soll, das ihn weiter treibt, das ihn atmen und
suchen lässt. Es ist eher ein Existieren in einer Art Zwischenwelt ohne
sichtbare Grenzen.
Durch die geöffneten Flügel des Fensters dringt etwas kühlere Nachtluft herein.
Er schlingt das rechte Ende des Umhanges um die Schulter und gleitet lautlos in
die Nacht hinaus.
Unendlich lange hat er nun sein Heim nur nachts verlassen. Er streicht in der
Dunkelheit durch die breiten Straßen, engen Gassen und überquert Plätze, sucht
und findet seine Opfer.
Als er aus dem dunklen Park gegenüber heraustritt, unterscheidet er sich kaum
von den vorbei eilenden Menschen. Er wird kaum beachtet, kaum wahrgenommen.
Gegenüber ist die Brücke, die über den Fluss führt, sie verliert sich im Nebel.
Man sieht nur bis ungefähr zur Mitte, dann ist die Sicht eingeschränkt. Diese
Novembernacht verschluckt auch die Geräusche der darüber gleitenden Autos, die
Lichter treffen auf die Nebelwand, tauchen ein und verschwinden.
Er drückt sich an das Geländer und verschmilzt mit einem Pfeiler, der hoch
hinauf reicht und in der Folge dann im dunklen Wasser der Fluten verschwindet.
Die Lichter spiegeln sich darin und scheinen sich zu bewegen.
Er richtet seine Sinne in die Dunkelheit, horcht auf Geräusche und Bewegungen
und sein Atem stockt. Genau vor ihm, einige Meter vorne, muss sich jemand
ebenfalls an das Geländer lehnen. Er kann die Erregung spüren, die Unruhe
pflanzt sich bis zu ihm fort.
Nun löst er sich aus dem Schatten und bewegt sich lautlos aber schnell vorwärts.
Ungefähr in der Mitte der Brücke sieht er sie. Sie lehnt mit dem Kopf auf ihrem
linken Arm aufgestützt, am Mittelpfeiler und ihr rechter Arm umklammert das
Geländer. Sie weint so heftig, dass er es hören kann.
Lautlos arbeitete er sich bis zu diesem Mittelpfeiler vor und steht nun an ihrer
Seite.
Sie beugt sich vor und macht Anstalten, sich auf das Brückengelände zu setzen.
Mit einem Schritt nach vor, hält er sie an der Taille fest.
„Nein, Sie springen nicht!“ Er sagt es laut und fest und zieht sie vom Geländer
weg.
„Lassen sie mich, ich will nicht mehr leben!“
„Sie würden es bereuen, es gibt Nichts, was Leben ersetzt!“
Er schließt einen Moment seine Augen, wer weiß das besser als er selbst!?
Sie lehnt nun an der Innenseite des Mittelpfeilers und Tränen rinnen über ihr
Gesicht.
Nun hat er endlich die Gelegenheit sie genauer zu betrachten.
Ihr schmales Gesicht wird umrahmt von dunklem Haar, das wie ein Helm an ihrem
Kopf anliegt. Stirnfransen reichen fast bis zu den Bögen der Augenbrauen, die
einen wunderbaren Schwung haben und ihre großen, ebenfalls dunkle Augen, noch
zusätzlich betonen.
Ihr voller Mund ist geöffnet und ihre Lippen zucken, während ihre Zunge langsam
hin und her fährt. Sie sah so jung und hilflos aus!
Ja, ein hilfloses Mädchen, das war genau das, was er heute Nacht braucht.
„Lehnen Sie sich an mich, das tut Ihnen sicher gut. Vielleicht kann ich dafür
sorgen, dass Sie nie mehr weinen!“
Sie kann die Zweideutigkeit dieses Satzes nicht verstehen, doch irgend etwas
drängt sie, sein Angebot anzunehmen.
Ihr Kopf ruht nun auf seine Brust, leicht seitwärts geneigt und die feine Linie
ihres weißen Halses liegt frei vor ihm. Er schließt die Augen, die Vorstellung
mit seinen Lippen darüber zu streichen, zu verweilen, überwältigt ihn.
Er legt seinen Arm um sie und gleichzeitig hüllt er sie in seinen Umhang ein.
Sie schluchzt zwar noch weiter, doch er spürt, wie sich der Krampf langsam löst
und es ein befreites Weinen wird.
Langsam beginnt er schrittweise, mit ihr ihm Arm, die Brücke zu verlassen. Die
Autos, die auf der Fahrbahn vorbei gleiten hüllen sie manchmal in helleres
Licht. Die Lenker vermeinen ein Liebespaar zu sehen, eng umschlungen,
weltvergessen dahin gehen.
Er führt sie langsam in den dunklen Park, dort wo einige Bänke stehen und die
Beleuchtung nicht sehr effizient ist. Er zieht sie zu sich herunter, als er
Platz nimmt. Sie löst sich aus seinen Armen und lehnt sich leicht zurück. Nun
erst kann sie ihren Begleiter voll ins Gesicht sehen.
Sie sieht ein schmales, blasses Gesicht mit großen dunklen Augen, die in ihrer
Tiefe zu brennen schienen.
Plötzlich steigt Angst in ihr auf und sie will aufstehen, doch sein linker Arm,
der sie unter ihrer sich hebenden und senkenden Brust sanft, aber nachdrücklich
niederdrückt. , lässt das nicht zu. Der sie umhüllende Umhang tut den Rest und
eigentlich ist sie von ihm gefangen, wie in einem Seidenkokon.
Er spürt in der Wärme des Umhanges, der sie beide einhüllt, wie sie am ganzen
Körper zittert. Er weiß, dass sie durch den dünnen Stoff ihres Kleides seine
Erregung spüren muss. Die weiße Schulter, die aus der verrutschten Bluse hervor
leuchtet, raubt ihm fast den Verstand.
Ihr Schluchzen hat aufgehört, die letzte Träne findet ihren Weg über ihre Wange.
Sein Gesicht kommt immer näher, sein Mund ist leicht geöffnet. Seine weißen
Zähne schimmern in der Dunkelheit.
„Vergessen Sie ihn, wenn er Ihnen diesen Schmerz zufügt, dann ist er ihre Liebe
nicht wert. Kommen Sie mit mir mit, ich zeige Ihnen die Welt, wir verschreiben
uns dem Wind und reisen mit den Wolken über die Kontinente zu fernen Meeren. Ich
verspreche dir ewige Jugend, Kraft und Macht über die Menschen! Möchtest du das
mit mir teilen?“
Sie kann ihre Augen nicht aus den seinen lösen, es erscheint ihr erstrebenswert
mit ihm in seine Welt einzutauchen. Sie hat keine Ahnung und keine Vorstellung
was sie erwartet, doch ist sie bereit, es zu erfahren.
Sie nickt einige Male hintereinander und drückt sich unwillkürlich wieder fester
an ihn. Sie kam sich so verloren, so einsam vor. Doch plötzlich nun ist eine
starke Mauer da, an die sie sich anlehnen kann, der Gemeinsamkeit verspricht.
Im letzten Satz ist er in das vertraute DU gefallen doch sie merkt es kaum. Sie
hört fasziniert seiner Stimme zu, seinen Schilderungen über die Zukunft und
schließt die Augen. Sie kann den Triumph in seinen Augen nicht sehen, die Gier
und das Verlangen nach ihr und ihrem Blute.
Sie spürt kaum, wie sich seine Zähne langsam in ihren Hals bohren, es ist nur
ein kleiner Schmerz. Doch sie spürt, wie sich eine unglaubliche Müdigkeit und
Leichtigkeit in ihrem Körper ausbreitet und verliert fast das Bewusstsein. Er
hebt ihr leichte Gestalt auf, lässt sie umhüllt von dem schweren schwarzen
Mantel in seinen Armen liegen und erhebt sich mühelos und schwebt mit ihr,
seinem neuen Opfer, über die dunklen Spitzen der Bäume des Parks bis zu dem
großen offenen Fenster seiner Dachgeschoßwohnung. Denn am Horizont zeigt sich
schon vorsichtig der junge Tag und die ersten Sonnenstrahlen haben die Kuppel
der Kirche gegenüber erreicht.
Der tiefe todesähnliche Schlaf, der sie nun beide umfängt führt in eine Welt,
die nur ihresgleichen betreten können.