Seit etwa 1000 Jahren führten ihn nun schon seine dunklen Pfade durchs Leben.
Er hat Welten entstehen und durch Kriege untergehen sehen, er hat gesehen, wie
hasserfüllte Menschen einander ermordeten, er sah wie tausende von Menschen
beschuldigt wurden, Hexen zu sein und er hatte sie auf dem Scheiterhaufen
brennen sehen. Die Todesschreie tausender Menschen liegen ihm noch heute in den
Ohren und sein Herz wurde hunderte Male gebrochen, seine Seele zig mal mit Füßen
getreten. Doch nun war es genug. Er konnte all das nicht mehr länger ertragen
und so begab er sich tief unter die Erdoberfläche, um so lange auszuhar-ren, bis
das Leben auf der Oberfläche ihn wieder zu sich holen würde. Wieder störten
Unruhen den Frieden auf Erden, den es wohl nie wirklich gegeben hatte. Die
Staaten bereiteten sich auf den Krieg des Jahrtausends vor. Es war das Jahr 2100
– die Bodenschätze waren bis auf wenige, geheime Lagerstätten völlig
ausgebeutet. Die Luft war verpestet und es waren nur noch 10% der Wälder von vor
100 Jahren übrig. Seuchen breiteten sich auf allen Kontinenten aus und über 2
Drittel der Erdbevölkerung wurden ausgelöscht. Die Überlebenden litten an
Hunger, Krankheit und Geld hatten nur die Politiker, die es für ihre
Kriegsspiele zum Fenster raus warfen.
Ein Wettrüsten mit Atomwaffen schien bald seinen absoluten Höhepunkt zu finden –
in einem alles vernichtenden Militärschlag. Und genauso kam es. Erst schossen
die USA ihre Raketen ab, dann Länder des Nahen Ostens und bald waren es alle.
Das Ganze dauerte 6 Monate – dann gab es niemanden mehr, der hätte schießen
können. Es überlebten kaum mehr als 300 Menschen, versteckt hinter dicken
Betonwänden in Bunkern. Und auch die sollten bald alle jämmerlich verhungern,
ersticken und von Krankheiten geschwächt dahinsiechen. 3 Jahre gingen ins Land
und die Erde war eine einzige Staubwüste ohne jede Lebensform. Fast ohne jede
Lebensform, denn wie es das Schicksal so wollte, erwachte er gerade jetzt aus
seinem Schlaf.
Kein Lärm der Welt vermochte ihn so unbarmherzig aus seinem todesähnlichen
Dasein zu erwecken, wie diese totale Stille. Mit dem allerletzten Atemhauch der
Menschheit öffnete er seine Augen wieder. In seinem Dämmerschlaf hatte er immer
die Stimmen und Gedanken von der Erdoberfläche wahr genommen, doch nun gab es
nichts mehr. Gar nichts. Mit größter Mühe grub er sich den Weg nach obenfrei.
Doch was er dort erblickte war grausamer als jeder Todesschrei: Eine Wüste aus
Staub und Steinen überzog die Erde bis zum Horizont. Der Himmel war schwarz –
doch es war nicht die Nacht, die die Sonne verdrängt hatte. Auch der Himmel war
mit Staub bedeckt. Keine Sonne, kein Mond, kein einziger Stern.
„Neeiin!!!!!“
Schrie er aus voller Kehle und sein Gesicht färbte sich schwarz von Bluttränen,
die in der Dunkelheit ihr Rot verloren. Er fiel auf seine Knie und ließ den
Staub immer wieder durch seine Hände rinnen, als würde er nicht begreifen, dass
das die Realität war. Kurz darauf brach er wimmernd zusammen. Als er wieder zu
sich kam, wusste er nicht, wie lange er schon dort gelegen hatte, doch es müssen
Stunden gewesen sein. Der Wind wirbelte den Staub umher und ein ganzer Sandberg
bedeckte ihn.
Erst jetzt wurde ihm bewusst, was das bedeuten würde: Es gab keine Menschen, das
heißt kein Blut, er würde schwächer und schwächer werden und doch konnte er
nicht sterben, so sehr er sich das jetzt auch wünschte. Das Einzige, was ihn
hätte töten können, Die Sonne und das Feuer, waren für immer von diesem Planeten
verbannt. Er war ein Verdammter, der erst jetzt, auf bitterste Art und Weise,
erfahren hatte, was Verdammung eigentlich heißt.
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