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Vampir Geschichten
Kurzgeschichten über die
Nachtwesen |
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Gabriel -
Der Anfang |
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Faye Morgaine
Mein Name ist Gabriel, meinen Nachnamen habe ich schon lange nicht mehr benutzt.
Wir schrieben das Jahr 1935. Wir befanden uns in Berlin. Es war ein Montag. Ich
habe Montage schon immer gehasst.
Meine Eltern und meine zwei Schwestern, beide jünger als ich, haben noch
geschlafen, als sie kamen. Sie brachen die Tür auf und rissen dann zuerst meine
Eltern aus dem Bett, dann meine Schwestern, zumindest denke ich, dass es sich so
zugetragen hat.
Als ich zuhause ankam waren sie schon weg. Das ganze Haus war verwüstet, alles
was auch nur irgenwie von Wert war hatten sie mitgenommen.
Ich fragte mich wie sie überhaupt herausgefunden haben, dass wir Juden waren.
Ich hatte die Nacht mit meinen Kumpels durchzecht, nachdem ich mich mal wieder
mit meinem Vater gestritten hatte. Es ging um das übliche Thema: Warum ich mit
über 20 noch zuhause lebe und immer noch nicht mit dem Studium fertig bin.
Ironischer Weise war das letzte was ich zu ihm sagte bevor ich aus dem Haus
stürmte und die Tür hinter mir zuschlug: "Fahr doch zur Hölle"
Sah so aus als wäre er genau da gelandet.
Schockierenderweise empfand ich ... nichts. Keine Trauer, keine Wut, keine
Verzweiflung. Das mochte vielleicht mit der gehörigen Menge Restalkohol zu tun
haben, den ich immer noch im Blut hatte.
Ich wanderte also planlos durch die Straßen von Berlin. Ich kann mich nicht mehr
erinnen wo ich langgelaufen bin. Alle meine Sinne schienen aufs Niedrigste
reduziert zu sein, ich war vollkommen taub. Ich nahm weder von meiner Umgebung,
geschweige denn von mir selbst etwas wahr. Spürte keinen Hunger, keine
Müdigkeit, bemerkte nicht die Menschen die mich anrempelten, die Autos die mich
beinahe überfuhren.
Den ganzen Tag verbrachte ich in dieser Art Trance, bis ich merkte, dass es
bereits dunkel wurde und ich keinen Schimmer hatte wo genau ich mich befand.
Aber wohin sollte ich auch gehen? Ein zuhause hatte ich ja nicht mehr.
Ich bog in eine schmale Gasse ein und da sah ich sie.
Zu fünft waren sie, in ihren Braunen Uniformen und weiß-rot-schwarzen Armbinden,
sie hatten ein Päarchen umkreist und beschimpften sie als "dreckige Juden". Im
nächsten Moment, das wusste ich, würden sie anfangen auf sie einzuschlagen.
Genau in diesem Augenblick übermannte mich ein heftiger Schwall all der Gefühle
die ich den ganzen Tag über nicht in der Lage gewesen war zu fühlen und ich
projezierte sie alle auf die fünf Männer in der Gasse.
Mit einem Aufschrei stürmmte ich auf die Gruppe zu und fing an wild auf die
uniformierten Männer einzuschlagen. Dank des sogenannten Überraschungseffekts
gelang es mir sogar ein paar Schläge zu landen, aber dem währte nicht lange so.
Für einen Bruchteil einer Sekunde verlor ich meine Konzentration, um zu sehen
wie das Mädchen weinend und stolpernd flüchtete und ihr Freund mir zur Hilfe
eilte.
Genau in diesem Moment gewannen die Männer ihre Fassung wieder und ich bekam so
kräftig eine ins Gesicht, dass ich zu Boden ging. Mein Mund war voller Blut und
als ich es ausspuckte, fiel ein Zahn mit auf das Kopfsteinpflaster. Ich sah ihn
in Zeitlupe auf dem Boden aufprallen und dann auch den jungen Mann der mir zur
Hilfe geeilt war. Unsere Blicke trafen sich, als er zu Boden ging. Er hatte eine
Platzwunde über dem linken Auge und Blut lief ihm über die Wange. Hilflosigkeit.
Verzweiflung. Noch nie zuvor habe ich etwas so tief empfunden. Dann bekam ich
eine heftigen tritt in den Magen und mir wurde schwarz vor Augen.
Ich weiß nicht wie lange sie auf uns einschlugen, bis sie irgendwann von uns
abließen. Dann zogen sie lachend ab, einer von ihnen beugte sich zu mir runter
und sagte: " Das kommt davon wenn man sich mit der SA anlegt!"
Dann spuckte er mir ins Gesicht und lief seinen Kameraden hinterher.
Ich wandte mich mühsam zu meinem Mitstreiter um. Jeder Knochen tat mir weh und
ich fühlte wie mir aus mehreren offenen Wunden Blut lief, aber im Vergleich zu
ihm muss ich harmlos ausgesehen haben.
Da wo einmal das Gesicht gewesen sein musste war nurnoch ein blutverschmierter
Klumpen zu erkennen. Unter unbeschreiblichen Schmerzen schaffte ich es zu ihm
hinüber zu kriechen. Ich hörte, dass er noch sehr schwach atmete. Mühsam hob ich
seinen Kopf in meine Arme, ich hatte das Bedürfnis, für ihn da zu sein, wie ich
es 24 Stunden zuvor für meine Familie hätte sein müssen. Er öffnete seine Augen
langsam einen Spalt breit, sie waren wünderschön azurblau und standen im krassen
Kontrast zu dem Rest seines Gesichts.
"Es tut mir so leid", flüsterte ich, obwohl ich nicht sicher war, bei wem ich
mich eigentlich entschuldigte. Jetzt spürte ich wie mir Tränen über die Wangen
liefen und in meinen Wunden brannten, aber ich beachtet es kaum.
Es kostete ihn viel Kraft zu sprechen und ich musste zu ihm runterbeugen um ihn
zu verstehen.
"Du hast meine Freundin gerettet! Ich danke dir!" presste er unter großen
Anstrengungen hervor.
Danach schweifte sein Blick ab, es war fast so als würde er etwas bestimmtes
sehen, bis sich plötzlich seine Pupillen kurz weiteten und dann sein Blick leer
wurde.
Ich hatte wirklich noch nie so einen Blick gesehen, so ... leer. Das war das
einzige Wort was mir dazu einfiel, obwohl es nicht einmal annähernd beschrieb
was es war; der Blick eines Toten.
Erschöpft ließ ich mich auf den Asphalt fallen. Ich wurde taub für alles um mich
herum, sogar für meinen eigenen Körper. Ich wusste das war das Ende. Mein Ende.
Ich würde heute Nacht hier sterben.
Komischerweise machte mir diese Bewusstsein keine Angst, ich hatte sowieso
nichts mehr wofür es sich zu leben lohnte.
Viel interessanter fand ich es darüber nachzudenken was mich jetzt erwarten
würde. Ich bin zwar Jude, aber nur weil ich in eine jüdische Familie
hineingeboren wurde. Wäre ich in eine buddhitische geboren, wäre ich
wahrscheinlich Buddhist.
Vielleicht würde ich das Bewusstsein verlieren und es wäre einfach alles vorbei,
vielleicht ist die Seele doch nicht unsterblich.
Da fiel mir der Ausdruck in den Augen des Mannes ein, kurz bevor sie so
unbeschreiblich leer wurden, kurz bevor er starb. Er hatte etwas gesehen, wozu
ich nicht im Stande gewesen war zu sehen. Noch nicht.
Mit diesem Überlegungen wurde alles langsam dunkel und ich glaube ich verlor das
Bewusstsein.
Aber ich wachte wieder auf. Ich weiß nicht wie lange ich ohnmächtig war. Aber
ich war nicht im Himmel, oder sonst etwas ähnlichem. Ganz im Gegenteil, ich
befand mich immer noch auf dem kalten Kopfsteinpflaster.
Aber ich war nicht mehr allein. Über mich gebeugt war ein Engel. Es musste
einfach ein Engel sein.
Ihre Haut war weiß wie Schnee, ihre Lippen blutrot und ihr Haar legte sich in
langen goldenen Wellen über ihre Schultern. Es war unmöglich ihr Alter zu
bestimmen, denn es war kein Zeichen der Alterung in ihrem Gesicht zu sehen. Auf
den ersten Blick sah sie aus wie eine junge Frau, aber etwas passte nicht.
Es waren ihre Augen. Sie waren von unbestimmbarer Farbe und unwahrscheinlich
hell, außerdem waren ihre Pupillen trotz der Dunkelheit extrem klein, fast gar
nicht mehr zu erkennen. Aber das war noch nicht das verwunderlichste an ihnen.
Die Augen strahlten so viel Weisheit aus, sie konnten nicht die Augen einer
jungen Frau sein, denn diese Augen, hatten ohne Frage schon viel gesehen.
"Was ... Wer bist du? ... Bist du ein Engel" fragte ich, mit einer Stimme, die
sich seltsam tief und krächzend anhörte, als hätte ich sie noch nie zuvor
benutzt.
"Sch...", sie legte mir einen schlanken, seltsam kalten Finger auf die Lippen.
"Du hast keine Kraft zum fragen stellen, mein armes schwaches Menschlein."
Ihre Stimme war wie ihr Äußeres alterlos. Doch ihr Kichern war das eines kleines
Mädchens.
Ich wagte nicht zu widersprechen und wartete noch einmal diese faszinierende
Stimme zu hören.
"Du stirbst", sagte sie ruhig und strich mir sanft eine Haarsträhne aus dem
Gesicht.
"Wenn ich dir sagen würde, dass ich dich retten könnte, dass ich dir ewiges
Leben schenken könnte", sie nahm meine Hand in ihre beiden kalten Hände.
"Ein ewiges Leben mit mir", sie küsste meine Hand, noch nie hatten mich so
weiche Lippen berührt. "Würde dir das gefallen?"
Als sie lächelte sah ich, dass ihre Eckzähne ungewöhnlich lang waren.
Eine ihrer goldenen Haarsträhnen, die sogar im Dunkeln zu schimmern schienen,
fiel auf mein Gesicht und dufteten so unbeschreiblich schön, dass ich mich
wieder ganz lebendig fühlte.
In diesem Moment wurde mir klar, dass ich noch nicht bereit war zu sterben, ganz
im Gegenteil, ich wollte leben.
Ich war erst 20, ich wollte noch so viel sehen und erleben und diese Frau,
dieser Engel war so bezaubernd, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass mir
in ihrer Gesellschaft etwas schlechtes widerfahren könnte.
"Möchtest du nicht mit mir zusammen sein?" fragte sie gekränkt, fast ein
bisschen beleidigt.
"Doch...", krächzte ich.
"Du bist dir ganz sicher?", aber es war nicht wirklich eine Frage, dennoch
nickte ich schwach.
Was dann geschah war wohl das seltsamste was ich in meinem sterblichen Leben
erleben sollte.
Sie drückte sanft meinen Kopf zur Seite, so das mein Hals freilag, dann beugte
sie sich nach unten und ich spürte zwei sanfte Stiche an meinem Hals.
Alles was danach kam erinnere ich nur als einen Rausch aus angenehmen Schmerz,
Hitze die durch meinen ganzen Körper strömte und eine Erregung, die ich in
diesem Ausmaß noch nie verspürt hatte.
So wurde ich also zum Vampir, aber dies ist erst der Anfang meiner Geschichte...
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