Gefährliche Spiele, wir spielen sie jeden Tag aufs neue.
In unserer Phantasie, in unseren Träumen, unseren Gedanken.
Denn wer liebt nicht, und wenn auch im Stillen, das Spiel mit dem Feuer, denn
schließlich ist es ja nicht real, oder?
In meinem Leben gab es neben meiner Familie immer einen großen Platz für das
Übersinnliche und Phantastische und besonders die Gestalt des Vampirs hatte es
mir seit meiner frühesten Jugend angetan.
Mein Mann und meine Kinder stempelten meine Leidenschaft als etwas exzentrisch
ab und machten sich keine größeren Gedanken darüber.
Mein Leben war bisher so verlaufen wie ich es mir niemals vorgestellt hatte und
ich war keineswegs zufrieden damit.
Früh und aus einer Laune heraus hatte ich geheiratet, meinen Job aufgegeben und
zwei Kinder im Laufe von 18 Jahren aufgezogen.
Alles langweilte mich, mein Mann Roger, der nur zur Leidenschaftlichkeit eines
Toastbrotes fähig war, meine Kinder die anfingen ihre eigenen Wege zu gehen,
mein Hausfrauen Dasein und der ewige Klatsch beim monatlichen Friseur Termin.
Niemals hatte ich als Hausfrau enden wollen und doch war es mir so ergangen.
Manchmal verfluchte ich mein Leben, seine Eintönigkeit und seine
Vorhersehbarkeit.
In solchen Momenten flüchtete ich mich zu meinen Geschichten und Büchern die es
verstanden von Liebe und Abenteuer erzählten. Von der Magie der Unsterblichkeit
und dem wilden Wesen der Geschöpfe der Nacht.
Eines Nachts, ich lag alleine in unserem großen Ehebett, mein Mann war wie so
oft auf einer mehrwöchigen Geschäftsreise, fühlte ich mich einsamer denn je und
weinte mich in einen unruhigen Schlaf.
In dieser Nacht, zum ersten mal, holte mich ein Traum ein. Ein merkwürdiger
Traum wirklicher als alles andere was ich zuvor geträumt hatte.
Zuerst war alles schwarz und nur einige goldene Fünkchen tanzten durch die
Dunkelheit vor meinen Augen, wurden dann klarer und nach einiger Zeit stellten
sie sich als züngelnde Flammen von Kerzen heraus.
Kerzen die auf großen goldenen Kandelabern ein Zimmer erhellten das ich nicht
kannte.
Ich selbst befand mich in der Mitte eines großen Himmelbettes das von
durchscheinenden Vorhängen umgeben war.
Warmes Licht drang durch die Vorhänge und ließ dunkle Schatten an den Wänden
tanzen.
Ich spürte den kühlen Stoff des Lakens, auf dem ich lag, so deutlich unter
meinen zitternden Fingern als wäre es kein Traum sonder realer als das Leben
selbst.
Die wenigen Möbel die ich entdecken konnte waren im Stil des 18. Jahrhunderts
gehalten.
Aus massiven dunklen Holz mit Schnitzereien und Zisselierungen. Auch auf ihnen
tanzten die Schatten die das Kaminfeuer warf.
Es roch angenehm nach brennendem Holz und Kiefernnadeln aber noch ein anderer
Duft mischte sich darin, etwas schweres süßliches das ich nicht genau zu
definieren wußte.
Ich empfand weder Angst noch Beklemmung nur reine Neugierde, denn ich wußte ja
das es ein Traum war aus dem ich jederzeit erwachen konnte und der mir diese
Bilder vorgaukelte.
Noch während ich mich umsah schwang die große Flügeltür zu meiner rechten auf
und ich sah, wenn auch undeutlich, eine große dunkle Gestalt in ihrem Türrahmen
stehen.
Dieser Tür hatte ich bisher keine Beachtung geschenkt und nun nahm sie meine
gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch.
Es war zu dunkel um etwas genaueres erkennen zu können und doch glaubte ich
blaue Augen erkennen zu können.
Blaue Augen von einer unglaublichen Intensität, gleich flüssigem Kobalt die mich
fixierten und mich vor Faszination erstarren ließen.
Sie sprühten Funken in meiner Richtung und ich hatte das Gefühl daß die Gestalt,
trotz der Dunkelheit, jede Einzelheit von mir erkennen konnte.
Mit langsamen und geschmeidigen Schritten kam sie auf mich zu und die Tür hinter
ihr schloß sich geräuschlos. Es war ein merkwürdiges Gefühl auf das Geräusch
einer schließenden Tür zu warten, das aber nicht erklang.
„Endlich habe ich dich gefunden...!“
Seine Stimme, denn ich erkannte sie als männlich, jagte mir einen wohligen
Schauer über den Rücken. Ich wünschte mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher
als ihn noch einmal sprechen zu hören.
Noch während meine Gedanken sich mit dem Klang seiner Stimme beschäftigten hatte
er die Entfernung zwischen der Flügeltür und dem Bett, auf dem ich lag,
zurückgelegt und zog die zarten Vorhänge des Baldachins ein wenig zur Seite.
Der durchsichtige Stoff ließ seine Gesichtszüge weich und ein wenig unscharf
wirken.
Seine Augen jedoch überstrahlten alles und stellten den Rest seine Gesichtes in
den Schatten.
„Elaine!“
Es war mehr ein Flüstern als ein gesprochenes Wort und doch hallte es in meinen
Ohren wieder wie ein gewaltiges Donnern. Mein Herz schien bersten zu wollen ob
der Traurigkeit die in diesen zwei Silben lagen.
Ich kannte diesen Namen und doch war er mir fremd.
„So lange habe ich auf dich warten müssen....“
Er zog nun endgültig den Vorhang ,der mich von ihm trennte, beiseite und setzte
sich lautlos auf das weiße Laken ohne dabei seinen Blick von meinen Gesicht
abzuwenden.
Mit kühlen Fingern strich er mir über die Wange und ich konnte für einen Moment
seine schlanken weißen Hände bewundern.
Dann, als seine Haut die meine berührte stürmten Erinnerungen auf mich ein,
Erinnerungen an ihn und an....mich!
Ich sah eine Frau an seiner Seite, in den unterschiedlichsten Situationen,
lachend, weinend, glücklich, und diese Frau glich mir aufs Haar und ich wußte
daß ich es war die ich da in der Erinnerung sah.
Ein Strudel aus Farben, Gerüchen und Empfindungen stürzte auf mich ein und ließ
mich verzweifelt nach Atem ringen. Alle meine Sinne waren bis zum zerreißen
angespannt.
Als ich die Augen wieder öffnete lagen seine Finger sanft auf meinen Lippen und
ich küßte sie verzweifelt, als wäre dies das Einzige was mich wieder klar denken
lassen könnte.
Nun war er es der die Augen schloß und eine einzige Träne rann über seine linke
Wange.
„Es ist so lange her...“ Er sprach ohne die Augen zu öffnen und seine Stimme
drohte unter der Aufwallung seiner unterdrückten Gefühle zu brechen..
„Ich dachte ich würde dich nie wiederfinden. Ich habe dich so vermißt in all den
Jahren. Wird es jetzt wieder wie es einmal war...“
Ich verstand nichts von dem was er sagte und es war mir egal, seine Nähe zählte
in diesem Augenblick und sonst nichts.
Ich wollte die Kühle seiner Haut zu wärmen, die Tränenschleier über seiner Seele
verscheuchen und eins mit ihm werden, mit seiner Seele und seinem Wesen.
Eine kurzen Moment lang schrillte eine Alarmglocke tief in meinem Innern doch
ich schaffte es diese zu ignorieren. Dieses eine mal gewann das Gefühl den Kampf
gegen meinen Verstand auf den ich mich mein Leben lang hatte verlassen können,
der mir aber viele Endtäuschungen beschert hatte.
Als seine Augen erneut in die meinen blickten leuchteten sie dunkel vor
Leidenschaft ein verstecktes Feuer brannte in ihnen das mich zu verzehren
drohte.
Seine Lippen näherten sich den meinen und als sie die meinen berührten schien
ich zu fallen.
Zuerst war es wie ein elektrischer Schlag, der jeden Nerv in helle Aufruhr
versetzte, sich zu einem Sturm ausweitete der in meinem Innern fegte und sich
dann in Wasser verwandelte.
Fließend, gleitend und belebend.
Ich versank in diesem Kuß und ließ mich einfach treiben. Alles war so vertraut,
so bekannt und nicht einen Moment dachte ich daran, daß diese Empfindungen zu
intensiv waren um nur im Traum zu existieren.
Sein Kuß wurde fordernder und als er mich unendlich sanft in die Kissen zurück
drückte begannen seine Hände zärtlich meinen Körper zu erkunden.
Ich fühlte die angenehme Kühle seiner Finger überall gleichzeitig und meine Haut
schien zu brennen an den Stellen an denen er mich berührt hatte..
Meine Hände fuhren durch sein langes hellbraunes Haar und immer wieder fand ich
seine Lippen die mich erneut in einem warmen Strom aus Gefühl treiben ließen.
Dann fühlte ich seinen warmen Atem an meinem Hals, seine Zunge die meine
Halsschlagader entlang fuhr und dann zwei nadelfeine Stiche, die bewirkten das
mein Blut heiß und rasend schnell durch meine Venen gepumpt wurde.
Für einen Moment hatte ich das Gefühl das mein Herz einen Schlag aussetzte und
dieses Gefühl ließ mich nach Luft schnappen, doch so schnell es gekommen war,
war es auch wieder verschwunden.
Nie habe ich etwas sinnlicheres gefühlt, von einer Intensität die mich
schwindeln läßt.
Ich wand mich unter der süßen Schwere seines Körpers und genoß seine kühlen
Lippen, auf meiner erhitzten Haut, die sich von meinem Hals gelöst hatten und
mein ganzes Gesicht mit sanften Küssen bedeckten.
„Endlich wirst du mein sein, ganz und gar mein, ich weiß es!“
Die Szene verblaßte und die Alarmglocke begann erneut zu schrillen... nein es
war nicht die Alarmglocke die ich vorher vernommen hatte, es war das
unnachgiebige Klingeln meines Weckers.
Ich wußte nicht woher ich kam aber es war von weiter weg als jemals zuvor und
ich mußte mich sehr überwinden die Augen zu öffnen, wußte ich doch genau daß
alle Bilder meines Traums sich erschreckt zurückziehen würden, fiele erst einmal
Morgenlicht in meine Pupillen.
Meine Hand tastete über das Laken neben mir, noch immer hatte ich die Augen
geschlossen und insgeheim hoffte ich den kühlen Stoff seidener Laken unter
meinen Fingern zu spüren, doch das kratzige Gefühl von Frotee ließ mich
erschauern und die Augen entgültig öffnen.
Als ich versuchte aufzustehen drohten meine Beine mir den Dienst zu versagen und
ich mußte mich auf den hölzernen Nachtisch zu meiner rechten stützen um nicht
zusammenzusacken.
Ich fühlte mich so lebendig wie nie in meinem Leben zuvor und gleichzeitig auch
so schwach daß ich ernsthaft überlegte mich wieder hinzulegen.
Schnell verwarf ich diese Idee wieder, denn meine Kinder mußten zur Schule und
warteten auf ihr Frühstück.
Wie mechanisch machte ich mich an meine tägliche Arbeit, bereitete das Frühstück
vor und begann das Geschirr des gestrigen Abends zu spülen.
Danach fuhr ich zum Einkaufen, wie jeden zweiten Tag, doch war ich nicht einmal
halbwegs bei der Sache, was zur Folge hatte daß ich die wichtigsten Dinge
vergaß.
Als ich wieder zu Hause war ließ ich mir warmes Wasser in die Badewanne laufen
ein und telefonierte kurz mit Roger, meinem Mann, während das Wasser einlief.
Es war ein warmer Tag und trotzdem fror ich mehr mit jeder Stunde die verging.
Das warme Wasser entspannte meine unterkühlten Muskeln herrlich und meine
Gedanken kehrten zurück zu dem Traum der letzten Nacht.
Alles war so real und so wunderbar, so farbig erhalten in meinem Gedächtnis.
Die Schamesröte stieg mir ins Gesicht als ich daran dachte was ich empfunden
hatte.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit das Haus ein wenig zu entstauben und am
Nachmittag half sie Ihren beiden Kindern ihre kleinen Alltagsprobleme
aufzuarbeiten.
Alles war wie immer, der Alltag hatte mich wieder eingeholt, bis die Nacht
hereinbrach und ich in meine kalten Kissen kroch mit der wagen Hoffnung IHN
wiederzusehen.
Und tatsächlich ich befand mich nach wenigen Minuten wieder in dem dunklen
Zimmer, auf dem großen Bett mit seinen seidenen Laken und den warmen Schatten
des Kaminfeuers an den Wänden.
Doch diesmal lag er zu meiner rechten, auf seine linke Seite gedreht und schien
zu warten bis ich die Augen öffnete. Sein Lächeln wärmte mir das Herz und ich
wollte bei im sein, wie in der Nacht zuvor.
Wieder verlor ich mich in der aufregenden Spirale aus Leidenschaft und Gefühl
die mich zum Himmel empor trug und immer mit diesem zärtlichen Biß an meinem
Hals endete.
Dieser Traum suchte mich viele Nächte, heim und ich muß gestehen daß ich nur
darauf brannte, daß die Sonne am Horizont erlosch und ich zurückkehren konnte in
diese Welt in der ich begehrt wurde wie keine andere Frau auf der Welt und er
das einzige war was ich mir wünschte.
Roger kehrte nach einigen Tagen von seiner Geschäftsreise zurück und fand mich
in einem beängstigenden Zustand vor.
Seite einigen Tagen war ich nicht mehr in der Lage mein bett zu verlassen, meine
Muskeln gehorchten mir nicht mehr und alles fiel mir unsagbar schwer, selbst das
Atmen.
Meine Kinder hatte ich meiner Schwester anvertraut die sich in jeder freien
Minute auch um mich kümmerte.
Mehr als einmal kam mir in den Sinn daß meine Schwäche mit meinen Träumen im
Zusammenhang stehen könnte doch schnell verwarf ich diesen Gedanken wieder, denn
schließlich waren es nur Träume, obwohl selbst ich die zwei wunden Male an
meinem Hals nicht länger ignorieren konnte.
Ich erinnerte mich in meinen Träumen an vergangene Zeiten und nur zu gerne
glaubte ich das dies alles wirklich einmal geschehen war.
Zwei Tage nachdem Roger zurückgekehrt war versank ich in einem unruhigen
Dämmerschlaf aus dem ich nur gelegentlich erwachte und wirre Gedanken mich zum
Weinen brachten.
Einige Ärzte kamen und gingen, ratlos, das Einzige was sie feststellen konnten
war eine leichte Blutarmut gegen die ich einige Medikamente verordnet bekam.
Es war eine Vollmondnacht in der ich das letzte mal in das Zimmer am Kamin
zurückkehrte.
„Elaine, jede Nacht wärmt es mir das Herz dich zu sehen und es bricht wenn du
mich wieder verläßt und ich nicht sicher sein kann daß du wieder hierher
findest.“
Er saß in einem der großen plüschigen Sessel vor dem knisternden Feuer und
starrte auf die glühenden Holzscheite.
Ich trat an ihn heran und sah unendliche Traurigkeit in seinen wunderbaren
Augen.
„Was geschieht hier? Irgend etwas ist anders als sonst!“ fragte ich ihn mit vor
Angst zitternder Stimme.
Ich kniete mich neben ihn und legte meine heiße Stirn sanft auf seine Hand die
auf der Armlehne des Sessels ruhte.
„Heute entscheidet sich alles, mon coeur! Es entscheidet sich ob du für immer
bei mir bleibst oder zurück in die normale Welt gehst. Ich werde dich in
Versuchung führen und vielleicht alles verlieren was mir etwas bedeutet. Du
kannst nicht in beiden Welten auf einmal leben und es liegt nun ganz allein an
dir zu entscheiden zwischen deinem Mann, deinen Kinder und mir!“
Ich fühlte mich wie vor den Kopf geschlagen, denn niemals war es mir nie in den
Sinn gekommen daß er mir irgendwann einmal ein Ultimatum stellen könnte.
Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf herum, die Erinnerungen an das Leben mit
meinen Kindern und Roger, kämpften gegen die Erinnerungen die ich hier gewonnen
hatte.
Meine Vernunft kämpfte mit meinem Gefühl und ich hörte eine Stimme in meinem
Kopf die mir zuflüsterte: „Würdest du alles aufgeben für ihn?“
Ein lautes „Ja“ schrie in meinen Gedanken auf und ich wußte das ich mir niemals
mehr Gedanken über Roger, meine Zukunft oder irgend etwas in der realen Welt
machen mußte.
„Ich bleibe!“
„Bist du dir auch ganz sicher, es gibt Menschen die dich brauchen, deinen Rat,
deine Mütterlichkeit!“
„Du hast mich vor die Wahl gestellt, und vielleicht bin ich ein schwacher Mensch
doch einmal in meinem Leben werde ich der Versuchung nachgeben und nicht meinen
Verstand gewinnen lassen. Roger empfindet seit Jahren nichts mehr für mich und
meine Kinder sind in einem Alter in dem sie ihre eigenen Wege gehen. Ich werde
sie vermissen, sicherlich, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen DICH nie
mehr wiederzusehen.“
Als er mir diesmal in die Augen sah, wußte ich daß wir nun dort beginnen konnten
wo alles vor vielen Jahren einmal geendet hatte.....
Mittlerweile habe ich verstanden daß mein Körper, also nur die bloße Hülle in
der realen Welt in einem Krankenhaus betreut wird.
Von Maschinen künstlich am Leben erhalten und dort wartet daß die letzte Zelle,
das letzte mal alter und stirbt.
Ich, alles was mich ausmacht begann erst hier, bei IHM wirklich zu leben und
nicht einen Augenblick lang bereute ich meine Entscheidung.
von Elisabeth Salzmann