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Janne M. Eckhoff
Weit in der Ferne war das Rauschen des Wassers zu hören. Sonst war alles ganz
still. Der Duft von frisch gemähtem Gras lag in der Luft, er kam von den wiesen
außerhalb der Stadt.
Der helle Schein des Mondes fiel auf die Ruinen von Hochhäusern und
Mietskasernen. Er gab ihnen ein gespenstisches Leuchten. Über all dem schwebte
die düstere Atmosphäre des Todes. Seit vor zehn Jahren alle Bewohner dieser
Stadt an einer eigenartigen Seuche gestorben waren, hatte niemand mehr den Ort
betreten, denn man sagte er wäre Verflucht.
Nun, vielleicht stimmte es sogar, doch das hatte Hillary nicht von einem Besuch
abgehalten. Hillary war 29, eine Frau in den Besten Jahren, und
Landschaftsarchitektin. Sie hatte während ihres Studiums von der alten Stadt
gehört und hatte es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese furcht erregende
Betonlandschaft in eine grüne Oase zu verwandeln.
Die Erlaubnis dafür hatte sie bereits erhalten, doch nur mit einhergehenden
Warnungen von Seiten aller Kollegen und Angehörigen. Diese hatte sie allerdings
gekonnt ignoriert. Sie fürchtete sich nicht und an Flüche und der Gleichen hatte
sie noch nie geglaubt.
So kam sie also in jenem Sommer in einen der Nachbarorte und mietete sich in
einem hotel ein, von dem aus man die Stadt sehen konnte. Als sie angekommen war,
war es schon dunkel und sie fühlte sich von ihrer Reise sehr ermüdet. Deshalb
ging sie auch sofort auf ihr Zimmer. Sie öffnete das Fenster und sah lange
hinaus. Etwas zog sie in seinen Bann. Ihr war auf einmal furcht bar warm und
gleichzeitig stellten sich die feinen Haare auf ihren Armen auf. Sie spürte
feste Blicke auf sich ruhen, die scheinbar von der alten Stadt ausgingen und
sah, wie dicker Nebel über die Felder kroch. Plötzlich war Hillary von
Nebelschwaden umhüllt. Sie lasteten wie Blei auf ihr und schienen sie
buchstäblich zu ersticken. Sie schlug um sich, doch ihre Bewegungen waren träge
und schwächten ihren Körper nur zusätzlich.
Krampfhaft versuchte Hillary den Lichtschalter an der Wand zu erreichen, aber
sie kam nicht vorwärts. Sie war im Nebel gefangen. Dann sah sie zum ersten mal
die Gesichter. Sie schienen komplett aus Nebel zu bestehen und sie hatten alle
den selben, verzweifelten Ausdruck. Es waren so viele, jeden alters und
Geschlechts und sie alle waren ruhelose Seelen, die nach dem Frieden suchten.
Das konnte Hillary an ihren Blicken erkennen. Starr, hilflos und flehen, die
Münder zu stummen Schreien verzerrt.
Hillary erwachte laut schreiend auf dem Boden ihres Hotelzimmers. Ihre Kleidung
klebte an ihrem Körper und das Fenster stand noch immer weit offen. Wie spät es
wohl sein mochte? Die Sonne stand schon hoch am Himmel und das geschäftige
Treiben der Straßen war deutlich zu vernehmen.
Hillary stand auf. Jedes Gelenk ihres Körpers schmerzte und ihr Kopf dröhnte. So
schlich sie in gekrümmter Haltung ins Bad.
Vor lauter Entsetzen wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen als sie in den
Spiegel sah. Das war doch nicht etwa sie, dieses blasse, ausgezehrte Mädchen mit
den dunklen Augenringen? Hatte dieser Traum sie so verunstaltet? Von ihren
Sommersprossen war nichts mehr zu entdecken und auch der seidene Glanz ihrer
schwarzen Haare und das lebhafte Schimmern ihrer braunen Augen waren einfach
verschwunden.
Nachdem Hillary sich ein wenig vom Schock erholt, geduscht und sich umgezogen
hatte, machte sie sich auf den weg in die alte Stadt. Selbst am hellen Tage
wirkte die Stadt mehr als bedrohlich, doch sie war ja schließlich nicht zum Spaß
hier.
Mit Hilfe von alten Stadtplänen und Gebäudeskizzen begann sie erste entwürfe für
ihr Projekt zu zeichnen. Aber wirklich bei der Sache war sie nicht und die Sonne
blendete sehr unangenehm. So brach sie ihre Arbeit schon nach wenigen stunden
wieder ab und machte einen kleinen Rundgang. Sie kam dabei in ein Villenviertel
mit großen alten Bauwerken. Hillary fand es viel zu schade, diese Gebäude
niederreißen zu lassen und dachte sich, dass eine Sanierung vielleicht sinnvoll
wäre. Mit ein paar Rosenranken an der Fassade würden sie bestimmt ein schönes
Bild abgeben.
Genau in diesem Moment bemerkte sie das milchige Schimmern hinter einem der
Fenster und erkannte bei genauerem hinsehen eines der Gesichter aus ihrem Traum.
Ohne weiter darüber nachzudenken stieß sie die alte Tür des Hauses auf und lief
den Flur entlang. Im Zimmer in dem sich das besagte Fenster befand, standen
viele alte Möbel im altamerikanischen Landhausstil. Aus diesem Zimmer führte
eine Treppe nach unten, vermutlich in den Keller des Hauses. Kurz flackerte das
unheimliche Leuchten auf der Treppe auf und ein schweres Seufzen ging durch den
Raum. Hillary zuckte zusammen. War das wirklich ihr Name gewesen den sie zu
vernehmen glaubte? Ein Hilferuf?
Schon auf der Treppe schlug ihr der süßliche Geruch von Verwesung in die Nase
und je tiefer sie hinunter ging, umso stärker wurde es. Unten angekommen rang
sie nach Luft. Sie schwitzte und zitterte am ganzen Körper vor lauter Angst,
doch sie wusste, dass es nicht mehr zurück ging.
Auf einmal schien ihr all das so unendlich vertraut. Das Zittern verschwand und
ein Lächeln entspannte Hillarys Gesichtszüge. Sie ging zielstrebig auf eine der
Kellertüren zu und öffnete sie.
Schön das du endlich wieder da bist., Sagte jemand als Hillary den Großen
Kellerraum betrat.
Ja, wirklich. Wir haben dich alle so sehr vermisst in den letzten zehn
Jahren!, Meinte eine andere der schwarzen Gestallten, die um Hillary herum
standen. Hat der Plan funktioniert? Einwandfrei!, Entgegnete Hillary und
lächelte, wenn ich nicht zurückkehre werden sie Suchtrupps schicken.
Und dann werden wir noch viel mächtiger werden., Sagte ein großer Mann der
etwas abseits stand, dann werden wir unseren Blutdurst endlich stillen können!
Das hast du sehr gut gemacht, meine schöne. Er ging auf Hillary zu und kniete
sich vor ihr hin. Du hattest mir damals etwas versprochen, weißt du noch,
Fragte Hillary mit erwartungsvollem Blick, unsere Abmachung lautete
folgendermaßen: ich besorge euch Nahrung und ihr nehmt mich dafür in euren Kreis
auf. Ich war damals noch sehr jung aber ich erinnere mich nun wieder an alles.
Der Mann lächelte und entblößte dabei seine langen, scharfen Eckzähne. Dann weißt
du auch, warum du eine von uns sein wolltest, Fragte er. Natürlich, wie könnte
ich es jemals vergessen, wo ich doch nur dir allein gehöre, Nun sank auch
Hillary auf die Knie und umschlang den hageren Vampir mit den schwarzroten Haaren. Dann ist es besiegelt. Von heute an wirst du bis in alle Ewigkeit meine
Geliebte sein und mit mir die Nacht durchstreifen., Sagte der Vampir und öffnete
den Mund. Hillary spürte einen kurzen Stich, wie von einer Nadel und versank
dann in einem Gefühlsrausch.
Ich liebe dich! Hauchte sie. Hier war ihre Heimat, genau hier. In dieser Stadt,
die nur von Vampiren bewohnt war.
Dafür, dass Hillary glücklich werden konnte, ließen in den darauffolgenden
Jahren mehr als 50 Menschen ihr Blut. Nur für eine liebeshungrige kleine Seele.
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