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Leila
Valentine trat auf den Balkon hinaus. Über ihr schimmerten vereinzelte Sterne am
französischen Himmel, fast überstrahlt vom satten Licht des riesigen Vollmonds.
Sie roch den Duft der Frühlingsblumen aus dem Garten unter ihr, aber sie hatte
heute keinen Sinn für diese Schönheiten. Ihr ganzes Sinnen war auf ihr Inneres
gerichtet. Fabrice und Zoé… Sie waren nicht gekommen und das bereitete ihr große
Sorgen. Fabrice hatte versprochen Zoé zu retten. Die vereinbarte neunte Stunde
war verstrichen, ohne dass sie erschienen waren.
Sie ging zurück in den Ballsaal, doch ohne sich weiter aufzuhalten, verließ sie
das Fest. Sie wusste, dass Fabrice böse sein würde, aber sie konnte ihr
Versprechen jetzt nicht länger halten und untätig warten. Sie musste handeln,
ehe es zu spät war.
Entschlossen ging sie nach Hause, wo sie sich umzog. Schwarze Kleidung anstatt
roter, Hosen im Tausch für das ausladende Ballkleid, das für den Ball so
kunstvoll gelockte Haar lieblos zusammengerafft, um es aus dem Weg zu haben. Ihr
Blick fiel auf eine Geige in der Ecke: Zoés Geige, das Instrument ihrer Tochter.
Angst wollte sie umklammern, wenn sie an die schöne, dunkelhaarige 24-jährige
dachte, aber sie wehrte sie entschieden ab. Angst würde sie nur lähmen und
verunsichern. Sie brauchte Entschiedenheit.
Wenig später ging sie raschen Schrittes durch die dunklen Straßen von Paris.
Einige Gaslaternen warfen schwach flackerndes Licht, dem ihre Augen nicht
bedurften. Ihr Ziel war die Bastille, der Ort, an dem sie ihre Tochter
vermutete, und an dem sie Fabrice wusste. Dort angelangt, pochte sie entschieden
gegen das Tor. Ein Guckloch wurde geöffnet.
„Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?“ Der dunkle Umhang und der tief in die
Stirn gezogene Hut verbargen Valentines Gestalt. Mit tiefer Stimme entgegnete
sie: „Ich komme im Auftrag seiner Majestät des Königs, den gefangenen Comte de
la Chevalroy abzuholen.“ Sie hielt ein beschriebenes Pergament ins Blickfeld der
Wache. Der Mann schien einen Augenblick unschlüssig zu sein, dann öffnete er die
Tür einen Spalt. „Gebt mir das Schreiben“ verlangte er.
Aber das Blatt war nur mit sinnlosen Worten gefüllt und Valentine warf sich mit
aller Kraft gegen die schwere Tür, so dass der Wachmann hintüber fiel. Sie
betrat die Festung, zerfetzte dem Mann die Kehle und warf ihn in den Graben, der
das steinerne Bollwerk umgab. Dann streckte sie ihre Sinne soweit aus, wie sie
nur konnte. Wo waren sie? Wo waren Fabrice und Zoé?
Ein schwaches Vibrieren aus den Tiefen und sie folgte ihm zielsicher, nahm
Treppen und folgte Gängen, duckte sich hinter Ecken und verschmolz mit den
Schatten, die sie umgaben, sobald sie ein Geräusch vernahm. Endlos dehnte sich
scheinbar die Zeit und die Entfernung von ihrem Ziel. Dunkler und dunkler wurden
die Wege, die Valentine nahm und mit jedem Schritt stiegen so ihre Chancen. Sie
löschte jede Fackel an den Wänden, so dass Finsternis sie umgab, die nur ihre
Augen zu durchdringen vermochten. Sichere Finsternis, undurchdringlich für die
Menschen. Je deutlicher das vertraute Vibrieren wurde, umso stärker wurde auch
ihr Klang, der Klang des trommelnden Herzschlages, das Rauschen des begehrten
Blutes in ihren Adern. Sie waren da und sie standen zwischen Valentine und ihrem
Ziel. Wie viele waren es?
Eine weitere Ecke, ein weiterer kalter Gang und das Ziel so nahe. Da zerriss ein
Schrei die Stille, markerschütternd, laut, übermenschlich. Zoé! „Sie empfinden
Schmerz.“ Valentine sah in die Richtung und zog sich sofort wieder zurück.
Menschen, aber zu viele für sie allein. Wieder ein Geräusch und erneut dieser
gequälte Schrei grenzenlosen Schmerzes. „Seht nur wie sich die Wunden wie von
Geisterhand wieder schließen! Ob das immer so weitergeht?“ Wieder dieses
Geräusch; jetzt konnte sie es benennen: Der Aufprall eines Peitschenriemens auf
Haut und Fleisch. Und für ihr Ohr noch feinere Geräusche: Das Zerreißen und
Aufplatzen der Haut, fließendes Blut… Der Klang von Schmerz und Qual… Immer
schneller der Takt zwischen Schlag und Stöhnen, Schlag und Schrei, Schlag und
Wimmern, Schlag und verzweifeltem Flehen… Fabrices Stimme das Flehen, Zoés
Stimme die Pein. Minuten, Stunden? Endlos.
Doch irgendwann gingen die Menschen und Valentine wagte sich endlich, am ganzen
Leib zitternd, hervor. Vor dem Kerker klammerte sie sich Halt suchend an die
Gitter. Zoé! War dieses zerfetzte Wesen ihre Zoé? Dann stand Fabrice vor ihr.
„Valentine! Was machst du hier?“ „Ich bin gekommen euch zu retten! Bei allen
Göttern, was haben sie mit ihr getan?!“ Sie schlug entsetzt die Hand vor den
Mund, doch Fabrice ließ nicht zu, dass das Entsetzen die Oberhand gewann. „Hilf
mir! Gemeinsam schaffen wir es!“ Mit vereinten Kräften zerrten sie an den
massiven Stäben aus Eisen und mit leichtem Widerwillen fügten sie sich den
übermenschlichen Kräften. Valentine schlüpfte in das Gefängnis und zog ihren
Umhang aus. Dann hob sie sanft ihre Tochter auf und bettete sie darauf. Zoé
stöhnte vor Schmerz. Zuviel ihrer Haut hatten sie zerfetzt, als dass sie sie
ohne die Hilfe frischen, menschlichen Blutes heilen konnte. Valentine hüllte
ihre Tochter in den schweren Stoff und dann machte sie sich mit Fabrice auf den
Rückweg. Zoé wimmerte in ihren Armen und wenn sie auf ihrer Flucht in dunkle
Nischen glitten, legte Valentine ihre Hand auf ihren mund, um sie zum Schweigen
zu bringen.
Dann endlich wieder der Nachthimmel über ihnen und das Tor in Sichtweite. Laute
Rufe. „Dort! Sie fliehen!“ Doch ihrer unsterblichen Schnelligkeit können die
Menschen nichts entgegen setzen. Die Zugbrücke und dann endlich sind sie zurück
in den Straßen der Stadt.
Fort, nur fort von de Bastille, in dunkle Gassen, in denen sie als Todesengel
nichts zu befürchten haben, ungestört töten können. Fabrice hielt einen Mann auf
und nur wenig später lag er in Zoés Armen, ihre Zähne in seinem Hals versenkt.
Dann lag Zoé einfach nur da und Valentine und Fabrice warteten mit ihr, sahen
zu, wie die geheime Magie unsterblichen Blutes die Spuren der Qual mit sich
fortnahm.
Glücklich fiel Valentine Fabrice in die Arme. „Wir haben es geschafft. Wir haben
Zoé befreit! Ich danke dir!“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, an mir ist es, zu
danken. Du hast uns beide gerettet, Liebste.“
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