| |






 |
|
|

Vampir Geschichten
Kurzgeschichten über die
Nachtwesen |
|
Jenseits der Träume |
|
Leila
Ich ging eine dunkle Straße entlang, die von verlassenen Fabrikgebäuden aus
roten Backsteinen gesäumt war. Rechts von mir trennte mich ein verrosteter Zaun
von einer verlassenen Baustelle. Als ich um die Ecke bog, erblickte ich eine
große Blutlache mitten auf der Straße, um die sich mehrere Gestalten versammelt
hatten. Instinktiv dachte ich an einem Mord. Die Gestalten schienen auf mich
gewartet zu haben, denn als sie mich erblickten, winkten sie mir eilig zu, ich
sollte zu ihnen kommen.
Furchtlos ging ich auf sie zu und sie zeigten auf das Blut auf der Straße und
forderten mich auf davon zu trinken. Ich beugte mich hinunter, um das Blut
aufzulecken. Es schmeckte fremd und metallisch auf meiner Zunge, aber ich fühlte
mich mit jedem Tropfen stärker. Dann legte mir einer von ihnen einen Umhang um.
„Rianna gehört zu mir“, sagte er zu den anderen und legte mir eine Hand auf die
Schulter. „Wir treffen uns heute Abend um 22 Uhr am alten Bahnhof. Dort
besprechen wir alles weitere. Du wirst doch auch kommen, Rianna?“ fragte er
mich. Ich nickte und versprach es. „Auf jeden Fall will ich dabei sein!“
Dring… dring… dring… klingelte mein Wecker und ich erwachte aus meinem seltsamen
Traum. Bevor die letzten Fetzen sich in Nichts auflösten, hatte ich noch Zeit
festzustellen, dass Rianna doch gar nicht mein Name war. Dann war alles bereits
vergessen. Ein wirklich seltsamer Traum! Ein ereignisloser Alltag folgte, an den
ich mich in seiner Routinemäßigkeit auch nicht mehr wirklich erinnere. Ich ging
schon um acht Uhr ins Bett.
Dieses Mal eine Nacht ohne seltsame Träume.
Dring… dring… dring… klingelte mein Wecker. Ich stieg aus dem Bett, zog mich
rasch an und rannte, wie jeden Morgen, nach einem raschen Frühstück im Stehen,
zur U-Bahn. An der Uni quälte ich mich fünf Stunden lang durch Vorlesungen, von
denen eine langweiliger war als die andere, und die nie zu enden schienen. Als
es endlich ein Uhr war, verließ ich erleichtert den Hörsaal und machte mich auf
den Weg nach Hause. Puh, für heute hatte ich es einmal wieder geschafft! Ich aß
ein Stück kalte Pizza vom Vortag, weil die Mikrowelle schon seit Wochen kaputt
war und stellte den Teller auf die Spüle, wo sich das schmutzige Geschirr
langsam türmte.
Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und lernte ein paar Stunden wirklich
konzentriert für eine Prüfung in drei Wochen, dann hatte ich genug. Was ich auch
las, schien nicht mehr in meinen Kopf zu wollen, also machte ich Schluss. Ich
machte meinen PC an und wählte mich ins Internet ein.
In den Chaträumen, die ich für gewöhnlich nutzte, war so früh noch nichts los.
Daher surfte ich etwas ziellos durchs Netz auf der Suche nach etwas
Interessantem. Schließlich fand ich einen Chatraum, in dem außer mir fünf User
angemeldet waren und beschloss dort zu bleiben. Ich loggte mich also mit dem
normalerweise von mir benutzten „Angel“ ein. Abwartend starrte ich auf den
Bildschirm, ob einer von ihnen etwas tippte, worauf es sich lohnte zu antworten.
`Hallo Rianna´ erschien auf dem Bildschirm. Ich wartete. Jetzt musste sich
bestimmt Rianna melden, obwohl Rianna keiner der Nicknames auf der Leiste mit
den eingeloggten Usern war. Vermutlich kannten sich die Chatter schon länger und
auch mit ihren wirklichen Namen. Nichts geschah.
`Hallo Rianna´ Ein zweites Mal. Wieder keine Antwort von Rianna. Doch keiner der
Chatter hatte den Raum verlassen. Warum wollte sie nicht antworten?
`Hallo Rianna! Warum antwortest du nicht?´ Das hätte mich auch mal interessiert
– sonst geschah hier ja wirklich nichts spannendes. Nacheinander verließen vier
Personen beinahe den Chatraum, so dass ich mit einem weiteren User, der sich „Blackbird“
nannte, und der nach Rianna gefragt hatte, allein war. Ich überlegte schon, ob
ich jetzt auch gehen sollte – es würde hier bestimmt nichts Interessantes mehr
zu bequatschen geben – oder einfach noch ein bisschen warten sollte, ob sich
wieder jemand einloggte, als eine neue Nachricht auf dem Bildschirm erschien.
`Rianna, ich sehe, dass du noch da bist!´ Aber es war doch außer mir gar niemand
mehr da! Benutzte Rianna vielleicht so eine Art Geistmodus, dass ich ihren Nick
nicht in der Liste sah?
Ich wartete. Nichts geschah. Blackbird schien auch zu warten. Schließlich tippte
auch ich meine Botschaft ins Netz.
`Warum kann ich Riannas Nick nicht sehen? Benutzt sie einen Geistmodus?´ fragte
ich.
`Endlich antwortest du mir, Rianna´ schrieb Blackbird prompt zurück. Aber außer
meiner Zeile hatte niemand etwas geschrieben.
Vorsichtig hakte ich nach: `Meinst du etwa mich?´ Sofort wieder eine Antwort. Er
tippte wohl sehr schnell. `Natürlich, Rianna, meine ich dich! Warum hast du mich
so lange warten lassen? Warum bist du gestern nicht wie verabredet gekommen?´
Ich hatte keine Ahnung wovon er redete.
`Sorry Blackbird, aber ich glaube du verwechselst hier irgendetwas. Ich trage
den Nick Angel und heiße auch im realen Leben nicht Rianna. Und ich war gestern
weder mit dir, noch mit sonst jemandem verabredet, den ich warten lassen habe´
stellte ich klar. Gespannt wartete ich auf Blackbirds Reaktion.
`Wir wollten uns gestern treffen, alle sechs. Nur du warst nicht da Rianna! Hast
du es denn vergessen?´ War der Kerl etwas begriffsstutzig oder was hatte der für
einen Sprung in der Schüssel. Warum kapierte er nicht endlich, dass ich nicht
Rianna war und keine Ahnung hatte wovon er überhaupt faselte. Ich beschloss erst
einmal abzuwarten. Vielleicht gab er auf, wenn ich nicht mehr auf ihn einging.
`Warum schweigst du, Rianna?´ fragte er dann. `Um 22 Uhr waren wir am alten
Bahnhof verabredet. Es war dir doch so wichtig auch zu kommen. Ich verstehe dich
nicht!´ Der Typ hatte echt ein Rad ab. Er gab nicht auf! Ich und an den alten
Bahnhof gehen? Nachts um zehn? War ich denn lebensmüde? Was da immer für
komische Gestalten rum hingen! Niemals!
`Jetzt hör mir mal zu du Spinner! Scheiß auf den guten Umgangston im Netz, jetzt
rede ich Klartext! Ich hab keine Ahnung, was du wieder für ein kranker Irrer
bist, aber hör endlich auf mich hier zu zutexten und von irgendwelchen
Verabredungen zu faseln! ICH HEISSE NICHT RIANNA!´ tippte ich demonstrativ in
Großbuchstaben. Eigentlich hätte ich einfach den Chatraum verlassen sollen, aber
irgendwie fand ich es auch interessant was geschah.
Blackbirds Antwort folgte prompt. `Warum tust du mir das an, Rianna? Warum
spielst du mit mir, nachdem du gestern schon nicht gekommen bist?! Zwei Stunden
habe ich gewartet! Bis Mitternacht.´
Plötzlich traf es mich wie einen Schlag vor den Kopf. Natürlich waren wir
verabredet gewesen! „Wir treffen uns heute um 22 Uhr am alten Bahnhof. Dort
besprechen wir alles weitere. Du wirst doch auch kommen, Rianna?“ hatte er mich
gefragt. Aber halt… das war doch ein Traum gewesen. Nur ein Traum, den ich
eigentlich schon vergessen hatte. Wie konnte aber Blackbird dann davon wissen?
Langsam wurde mir die Sache unheimlich.
`Woher weißt du von meinem Traum…´ tippte ich unsicher mit zitternden Fingern.
`Es war kein Traum´ stand da plötzlich. `Es war wirklicher als dein Leben als
Studentin an der Uni.´ Woher wusste er, dass ich Studentin war? Hilfe, was
passiert hier?!
`Woher…´ `Spiel mir nichts vor, Rianna. Du erinnerst dich nicht daran, aber du
bist noch jede Nacht zu uns gekommen – du erinnerst dich nur nicht mehr daran
und das ich gut so.´
`Warum?´
`Weil die normalen Menschen sonst durchdrehen würden, wenn du es ihnen erzählen
würdest. Du bist kein Mensch, Rianna. Du wurdest als Vampir geboren und wirst
nach deinem Tod ein Kind der Nacht sein. Aber solange du lebst, kannst du dein
wahres Ich nur in der Nacht in deinen Träumen berühren. Nur dein Geist lebt sein
Vampirdasein in der Dunkelheit.´
`Was erzählst du mir da?´ fragte ich.
`Hast du dich noch nie gewundert, warum du dich im Dunkeln nicht fürchtest,
warum du so gut wie keinen Schlaf brauchst und selten Hunger spürst?´
Ich nickte vor meinem Bildschirm. `ja´ tippte ich dann. `Aberich brauche eben
wenig Schlaf. Nicht jeder braucht 8 Stunden.´
`Du schläfst nur, um dein wahres Ich zu erfahren, um zu lernen, was du als
Mensch darüber lernen kannst. Das Blut, dass du auf deinen Traumreisen trinkst,
nährt dich und ich werde dich zu mir holen, denn… ich liebe dich!´
Es klingelte an der Tür. Ich riss mich vom Bildschirm los und öffnete. Davor
stand ein junger Mann in meinem Alter, der ein geöffnetes Notebook im Arm hielt.
Er stellte es an den Türrahmen, lächelte mich an und umarmte mich. Ich schloss
die Augen und war glücklich in seinen Armen, so dass ich es nicht einmal spürte,
als seine Zähne meine Halsschlagader öffneten.
zurück
Kontakt zum Autor: Wenn Ihr auf den Künstlernamen unter dem Tabellenkopf klickt
(nicht bei allen Geschichten möglich)
|
|
|