Leila
In einer kühlen regnerischen Nacht im Spätherbst lauerte in meinen Augen die
Jägerin, wollte in dieser Nacht mit ihrer Beute spielen wie eine Katze mit der
Maus. Suchend glitt mein Blick durch die Dunkelheit, aber zunächst kreuzte kein
Mensch meinen Weg, was meinen Unmut nicht gerade besänftigte. Mit ängstlichem
Blick musterte mich eine Katze und verschwand dann rasch um die nächste Ecke.
Seltsamerweise schienen Katzen immer genau zu wissen, dass ich ein dunkles Wesen
war, denn noch jede Katze hatte die Flucht vor mir ergriffen oder mich angstvoll
angefaucht. Ich ignorierte das Tier und setzte meinen Weg fort. Schließlich
erreichte ich belebtere Bereiche der Stadt und traf endlich auf Menschen, die
eilig durch den strömenden Regen hasteten. Aber ich musste mir ein einsames
Opfer suchen in einer Nacht wie dieser, denn ich war nicht gewillt schnell und
unauffällig zu töten. Doch es sollte alles anders kommen.
Mein Umhang war vollkommen durchnässt, auch aus meinem Haar lief Wasser und
meine Schuhe würde ich wohl wegwerfen können, wenn ich wieder zuhause war. Der
dichte Regen fiel in unaufhörlichen Wasserfäden vom Himmel und kleine Sturzbäche
spülten Dreck und Unrat aus den Rinnsteinen der Straßen. Vor mir tauchte ein
Mann auf und ich heftete mich an seine Fersen. In einigem Abstand zu meinem
Opfer ging ich durch die Straßen der nächtlichen Stadt. Ich hatte es trotz
meines Hungers nicht eilig und machte für mich wie so oft ein Spiel daraus,
meinem Opfer erst ein Stück zu folgen und einen kleinen Blick in sein Leben zu
werfen – bis ich es dann beendete.
Der Mann führte mich in eine abgelegene Seitenstraße südlich der Seine, wo er
ein baufällig aussehendes Haus betrat. Da das Haus nur einen einzigen Ein- und
Ausgang hatte, lehnte ich mich auf der gegenüber liegenden Straßenseite
unauffällig in den Schatten einer Hauswand und wartete. Ich stand dort im Regen,
aber ich ließ mich selten von einem einmal gewählten Opfer abbringen und solche
Unterbrechungen meiner Jagd hatten schon manche interessante Überraschung
bereitgehalten und die Nacht zu einem Abenteuer gemacht. Erst über eine Stunde
später erschien mein Opfer wieder auf der Straße, aber es war jetzt in
Begleitung eines anderen Mannes. Ich folgte den beiden weiter, durch Straßen,
die anständige Menschen mieden – und nicht nur zu dieser späten Stunde.
Plötzlich klang Schluchzen an mein Ohr. Auch die beiden Männer vor mir mussten
es trotz des strömenden Regens gehört haben, denn sie waren stehen geblieben.
Die Straße war dunkel und im Regen war selbst für meine Augen kaum etwas zu
erkennen, aber das Schluchzen schien vom Eingang zu einem schmalen Hinterhof zu
kommen. Meine beiden Opfer bewegten sich zielsicher darauf zu.
Das Schluchzen hörte auf und stattdessen hörte ich jetzt einen erschreckten,
angstvollen Aufschrei. »Ja wen haben wir denn da?« konnte ich einen der Männer
hören. Sie zerrten eine schmale, barfüßige Gestalt in einem schmutzigen,
zerlumpten Hemdchen, das wohl einmal weiß gewesen war, auf die Straße. »Hast du
dich verlaufen?« fragten sie die Kleine, aber ihr Tonfall und die Blicke, die
sie sich zuwarfen, zeigten alles andere als Besorgnis. »Non! Bitte, lasst mich
gehen… bitte!« Eine ängstliche Kinderstimme drang an mein Ohr. »Aber, aber …
sollen wir dich nach Hause begleiten?!« Gespannt wartete ich was weiter
geschehen würde – beinahe wie die Zuschauerin bei einem Theater. Doch ich würde
mich auf keinen Fall einmischen, sondern warten bis meine Opfer weitergingen.
Dann blickte ich die kleine, verängstigte Gestalt an. Eine schmale, zerbrechlich
wirkende Gestalt. Lange, blonde Haare, die ihr jetzt vom Regen wirr, dunkel und
nass auf dem Kopf klebten. Blaue Augen, so tiefblau wie das Wasser des Meeres.
Sie wirkte so klein, so zerbrechlich.
Entschlossen ging ich auf die beiden Männer zu. »Ich glaube, Ihr habt sie
gehört!« Meine Stimme blieb freundlich, aber bestimmt. »Die junge Dame möchte
alleine nach Hause gehen!« Die Blicke des Mädchens hingen voller Hoffnung an
mir, wanderten aber angstvoll zu den Männern zurück, als diese in schallendes
Gelächter ausbrachen.
Ich blickte wieder die beiden Männer an. »Sieh zu, dass du von hier
verschwindest!« Mein ursprüngliches Opfer baute sich drohend vor mir auf. Er war
einen Kopf größer als ich. Ich blieb reglos stehen. Mich konnten sie nicht
einschüchtern wie dieses kleine, sterbliche Menschenkind. »Du hättest besser
daran getan, dich nicht in unsere Angelegenheiten einzumischen!« Damit fasste er
mich mit einer Hand an der Hüfte, mit der anderen an Hinterkopf und drückte mir
einen Kuss auf den Mund. Er roch penetrant nach Alkohol und mir wurde beinahe
übel.
Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst! Eine rasche Bewegung und noch ehe der
Mann sich versah, war sein Genick gebrochen. Erst als der schlaffe Körper auf
die Straße sank, begriff sein Freund was eigentlich geschehen war. Doch zu spät.
Ehe das Entsetzen ihn zu einer Reaktion fähig machte, war ich bei ihm und bohrte
gierig meine Zähne in seinen Hals. Warmes Blut floss durch meine Kehle und für
einen Moment vergaß ich alles um mich herum - den Regen, die zwielichtige
Straße, das Mädchen.
Als auch dieser schlaffe Körper auf die Straße sank, fiel mein Blick auf das
noch immer zitternd vor Kälte, Furcht und Schrecken an der Hauswand stehende
Kind. Sie mochte nicht älter als zehn Jahre sein.»Du solltest zusehen, dass du
bei diesem Wetter nach Hause kommst, meine Kleine. Deine Eltern sorgen sich
sicher schon um dich.« Damit wollte ich mich zum Gehen wenden; was ging mich
dieses Menschenkind eigentlich an?
Die kurze Ähnlichkeit mit Kassandra, mehr nicht… Aber das Mädchen schüttelte
langsam den Kopf. »Auf mich wartet niemand. Mein Vater verließ meine Mutter nach
meiner Geburt, und meine Mutter war Dienstmädchen in einer feinen Familie. Als
ich acht Jahre alt war, starb sie an der Pest und seither lebe ich in den
Straßen von Paris« erzählte sie mir in ernstem Ton, als sei das alles das
natürlichste der Welt. Was musste die Kleine auf der Straße schon alles
durchgemacht haben? Ihre Augen blickten immer noch vertrauensvoll auf mich und
irgendwie rührte und verwunderte mich dieser Blick.
»Fürchtest du dich denn nicht vor mir?« Mit ihren großen blauen Augen sah sie
mich überrascht an. »Warum sollte ich mich vor Euch fürchten?« Die offene
Unbefangenheit eines Kindes. »Ihr habt mich gerade vor dem Tod oder schlimmerem
bewahrt! Ich danke Euch!« Ihre Sprache und Gesten waren so fein und schienen
überhaupt nicht zu der zerlumpten Gestalt vor mir zu passen. »Willst du mit mir
kommen?« fragte ich das Mädchen, einer spontanen Regung folgend. Vertrauensvoll
nickte sie und ergriff wie selbstverständlich meine Hand.
Durch den strömenden Regen gingen wir zurück in die Avenue Victoria, wo ich der
Kleinen erst einmal aus ihrer nassen Kleidung half und sie kurzerhand in die
Badewanne steckte. Anschließend machte ich mich mit einem Läusekamm an ihrem
verfilzten Haar zu schaffen und befreite das Mädchen von den lästigen Tierchen.
Dann gab ich ihr etwas Trockenes zum Anziehen – das kleinste, das ich finden
konnte, aber auch das war viel zu groß für sie. Mit einigen Nadeln steckte ich
das Kleid notdürftig hoch. Ich hätte dem Kind gerne etwas zum Essen angeboten,
aber ich hatte natürlich nichts da.
Schließlich setzte ich mich auf das Sofa und das Mädchen neben mich.»Comment
est-ce que tu t’appelles? Wie heißt du, meine Kleine? Wie alt bist du?« »Ich
werde im nächsten Sommer elf und heiße Christine Fouquet. Und du?« fragte sie
vertrauensvoll. Sanft strich ich ihr über das langsam trocknende, glatte Haar
und Christine rollte sich zusammen wie eine Katze. »Ich bin Leila… Schlafe jetzt
ein wenig, Christine.« Sie legte ihren Kopf in meinen Schoß, ich streichelte
gedankenverloren ihr hellblondes Haar und dachte über die Ereignisse dieser
Nacht nach. Vieles hatte ich erwartet, aber geschehen war, womit ich nicht
einmal im Traum gerechnet hätte.
Ich hatte mir einst geschworen, dass niemals ein Sterblicher meine Wohnung
betreten würde - oder sie dann zumindest nicht wieder lebend verlassen - und nun
lag dieses Menschenkind in meinen Armen und schlief friedlich und völlig arglos.
Es war ein spontaner Einfall ohne großes Nachdenken gewesen, als ich beschloss
sie mitzunehmen. Ich musterte ihre feinen Züge. Die Stunden der Nacht verrannen
und Träume formten sich in meinem Kopf. Dieses furchtlose Kind konnte die
Tochter sein, die ich mir immer gewünscht, aber nie gehabt hatte. Sie war ein
sterbliches Mädchen und eine Waise, und wenn sie bei mir blieb, dann konnte ich
sie aufwachsen sehen.
Schon jetzt hatte ich mich in dieses halb verhungerte Bündel in meinen viel zu
großen Kleidern verliebt. Christine konnte meinem Dasein wieder einen Sinn und
eine Aufgabe geben. Sie konnte mir meine Grundsätze der Ehre wieder zurückgeben
und mich dazu zwingen meine sinnlose Blutgier, die nur Zeitvertreib gewesen war
in den letzten Monaten, wieder aufzugeben. Sie konnte mir helfen, meine
Vergangenheit hinter mir zu lassen. Doch ich zweifelte auch. War das wirklich
richtig von mir? Immerhin war ich kein Mensch…
Irgendwann in jener kalten, letzten Stunde vor dem Morgen erwachte das Kind
wieder. Einen Moment lang sah sie sich furchtsam um und schien nicht gleich zu
wissen wo sie war. Die arme Kleine… war ihr der Anblick der schmutzigen Straßen
Paris’ schon so vertraut? »Hast du gut geschlafen, meine Kleine?« Sie nickte und
lächelte mich an.
Ich starrte aus dem Fenster, wo der Himmel von nächtlichem schwarzblau zum
schmutzigen grau eines Regentages wechselte. »Ich muss dich jetzt verlassen,
Christine. Jetzt muss ich ein wenig schlafen. …Hier hast du etwas Geld. Kauf dir
etwas zu Essen. Und morgen Abend werden wir dir etwas Passendes zum Anziehen
kaufen. In Ordnung, meine Kleine?« Sie nickte. »Und schlaf noch ein wenig. Es
wird eine lange Nacht werden morgen.« Sie setzte sich auf und ich ging in mein
Schlafzimmer und verriegelte die Tür hinter mir.
zurück