Es war eine lange Ballnacht gewesen. Michelle hatte sich, wie immer, köstlich
amüsiert.
Mit den sterblichen Männern am Hofe des Sonnenkönigs getanzt und sich an einem
von ihnen gütlich getan. Sie liebte die Pariser Ballsaison.
Doch nun nahte der Morgen und sie schritt in ihrem roten, ausladenden Ballkleid
auf den Kellerabgang zu.
Ihr Unterschlupf befand sich in einem unbenutzten Kellergewölbe unter einem
bewohnten Haus. Es war sehr unsicher so nahe bei den Menschen zu leben, aber
unter dem ganzen Gerümpel dort unten, fiel ihre Schlafkiste nicht weiter auf.
Vergnügt schritt sie die steinernen Stufen hinab, summte ein wenig vor sich hin
und betrat den schmalen Gang, der zu ihrem Raum führte.
Als sie die knarrende Holztür öffnete und in die Dunkelheit trat, packten sie
plötzlich unzählige Hände und zerrten sie zu Boden. Michelle wehrte sich sofort
und konnte die Angreifer teilweise abschütteln. Doch schnell wurde sie erneut
gepackt. Es waren fünf sterbliche Männer, die sie versuchten mit aller Kraft am
Boden zu halten.
Normalerweise hätte Michelle sie lässig von sich geschleudert, aber sie war in
den Morgenstunden schwächer als sonst und je näher der Sonnenaufgang kam, desto
kraftloser wurde sie.
An jedes ihrer Glieder hängte sich ein Mann mit vollem Körpergewicht, um sie auf
die Erde zu pressen und der Fünfte stieß ihr einen langen Pfahl durch den
Oberkörper. Das frisch verspeiste Blut spritzte ihm ins Gesicht und floss
ungehindert aus der Wunde. Michelle fauchte, kratzte, aber ihre zunehmende
Schwäche war nicht mehr aufzuhalten. Mit dem austretenden Blut, verlor sie immer
mehr von ihren Kräften. Der Sterbliche rammte ihr den Pfahl noch tiefer hinein,
bis er sie an den Boden nagelte. Dann drückte er ihr ein Kreuz auf die Stirn und
sagte irgendwelche Gebete. Dieser Aberglaube bewirkte zwar nichts bei ihr, aber
dafür der Blutverlust, umso mehr.
Bald fühlten sich Michelles Arme und Beine, wie Blei an und die Männer glaubten,
ihre Beschwörungen taten ihre Wirkung.
Allmählich erkannte die Unsterbliche ihre auswegslose Situation und sie rief in
Gedanken nach ihrem Gefährten. Sie hoffte, er könne sie hören. Immerhin war er
um einiges älter als sie und konnte somit dem Tageslicht länger standhalten.
Immer wieder schickte sie ihren stummen Ruf hinaus, während einer der Männer ein
Messer zog und begann ihr Kleid aufzuschneiden und ihr vom Körper zu reißen.
Michelle wusste, was ihr bevorstand. Sie wollten sie von der Sonne verbrennen
lassen. Ihr Ruf nach ihrem Gefährten wurde verzweifelter:<< Bitte komm,
Liebster. Beeil dich! Sie wollen mich vernichten.>>
Sie konnte sich kaum noch bewegen. Das Morgengrauen lähmte sie.
Als sie nackt und schwach war, zogen sie den Pfahl aus ihr heraus und schleiften
sie den Gang entlang, über die Steintreppe, ins Freie. Der raue Stein schürfte
ihre Haut auf und ihr Kopf schlug einige Male an die Stufen, aber das
verursachte ihr keine Schmerzen. Nur das schwache Morgenlicht brannte bereits
leicht auf ihrer Haut. Nun war ihre Gegenwehr nur noch die einer schwachen,
menschlichen Frau.
Draußen hing der Morgendunst über dem Gras und die Halme fühlten sich kühl und
nass an ihrem Leib an. Die Sterblichen trieben vier Holzpflöcke in die Erde an
die sie gekettet wurde. Wehrlos, mit gestreckten Armen und Beinen lag sie da und
inzwischen hatte sie die Hoffnung auf ihre Rettung aufgegeben.
Tränen stiegen ihr in ihre schmerzenden Augen und sie flehte zum ersten Mal um
Gnade. Ansonsten würde sie das niemals tun, aber sie war panisch und
verzweifelt. Die Sonne nahte und sie hatte furchtbare Angst vor diesen Qualen.
„ Bitte, lasst mich gehen. Ich gebe euch Geld, meinen Schmuck, alles.“
Einer von ihnen schlug ihr daraufhin ins Gesicht:“ Schweig, du Teufelskreatur!
Wir lassen uns nicht vom Bösen verführen. Gleich wirst du vor deinen Meister
treten.“
Das Brennen an ihrem Körper verstärkte sich, jedoch war die Sonne noch hinter
dem Horizont.
<< Mein Liebling, wo bist du nur? Warum hörst du mich nicht?>>
Michelle begann zu schluchzen. Sie wollte ihre Unsterblichkeit nicht opfern.
Sie ärgerte sich über ihre Sorglosigkeit den Menschen gegenüber. Sie dachte
immer, sie sei erhaben gegen sie, aber diese Männer wussten über Wesen wie sie
Bescheid und hatten ihren schwachen Moment ausgenutzt.
Genau wie ihre Glieder, wurden auch ihre Sinne am Morgen schwerfälliger.
Normalerweise hätte sie den Puls hören müssen und den menschlichen Geruch
wahrnehmen. Aber so hatte sie nichts bemerkt.
Die Hitze nahm zu und Michelle versuchte den Schmerz zu ignorieren. Sie biss die
Zähne zusammen, um nicht zu stöhnen, aber als die ersten Sonnenstrahlen ihre
Haut trafen, konnte sie nur noch schreien.
Die Vampirjäger hatten sich die Ohren verstopft, weil sie um die Stimmgewalt der
Vampire wussten und es ihnen so nicht das Trommelfell zerriss.
Ihre Schreie wurden schriller, sie sah das gleißende Licht, alles schmerzte
fürchterlich und irgendwann setzte ihr Verstand aus. Sie bekam nicht mehr genau
mit, was geschah und irgendwann wurde es dunkel um sie. Wie wenn sie ohnmächtig
werden würde und die Qualen waren für immer vorbei.