Es war bereits spät abends, als Selina ihr kleines Appartement betrat. Fast
schon mechanisch ging sie auf ihr Fenster zu. Bevor sich es sich zum tausendsten
Male auf ihren Fenstersims gemütlich machte, zog sie ihr kleines warmes Jäckchen
über. Sie wusste, es kann eine laue, jedoch kühle Nacht werden. Sie kannte all
die kleinen Frühlingstücken. Jedes laue Lüftchen, jedes noch so kleine Geräusch,
saß sie doch fast Abend für Abend auf ihren Fenstersims. Allein.
Selina entfloh vor einigen Jahren ihren grausigen Alltag in der Kleinstadt in
der sie aufwuchs. Sie glaubte in die große weite Welt zu müssen, denn nur dort
kann sie all ihren Kummer und Leid vergessen. Sie gab sich ihren neuen
Namen-Selina-und glaubte erlebtes nun endlich entrinnen zu können. Fort von all
ihren Gedanken, Ängsten und Schmerzen.
Selina wuchs bei ihren Vater auf, ein Trinker. Nicht das es nicht genug gewesen
wäre, hatte sie zudem noch 2 weitere, ältere Brüder. Und dank der Erziehung
ihres Vaters, waren auch die Brüder nicht sehr viel anders. Jedenfalls hatte sie
niemanden, auf den sie hätte zählen können. So musste sie Tag für Tag die
Demütigungen ihrer "Liebsten" ertragen. Sie wurde geschlagen, körperlich, mit
Worten und geistig. Sie war ein nichts und dieses wurde ihr immer wieder nur
allzu klar gemacht.
Eines abends kam Selina heim, ihr Vater wartete bereits mal wieder angetrunken.
Und obwohl sie für ihn etwas erledigen musste, ging er auf sie los. Es war das
erste Mal in ihren noch so jungen Leben, als sie das Gefühl des Hasses erlebte.
Das erste Mal in denen Gedanken eine Rolle spielte, wie sie sich für immer
befreien könnte. in dieser einzigen kurzen Sekunde umgab sie mehr Angst als sie
je hätte spüren können. Noch in der selben Nacht verschwand sie. Obwohl sie
immer in ständiger Angst lebte war sie dennoch das erste mal frei.
Doch tief in ihrer Seele war sie eine Gefangene ihrer selbst. Denn wenn auch sie
sich immer und immer wieder selbst einzureden vermochte jemand anderes zu sein,
war sie doch immer noch das selbe junge Mädchen-gefangene der Angst. Selina
selbst spürte nicht mal die Tränen, wie sie langsam und fast zärtlich über ihren
zarten Gesicht liefen. Selina hatte große braune Augen, sie wirkten fast wie ein
kleines ängstliches Rehlein.
Ihre langen dunklen Locken umspielten frech ihr Gesicht, und doch sah man in
ihren Augen nur die tiefe Verletzlichkeit. Die große Einsamkeit. Seit Selina in
die Stadt gezogen war, war sie noch immer allein. Ohne Freunde, ohne jemanden
der sie liebte oder den sie hätte lieben können. Selina kannte diese Gefühl noch
nicht mal, und dennoch sehnte sie sich so sehr danach, dass es sie fast zeriss.
Selina sah in die Ferne und bemerkte deshalb auch nicht den jungen Mann
gegenüber. Wie er Nacht für Nacht zu ihr herüber schaute. Er war groß und
muskulös, doch seine kleinen dunklen Augen verrieten eine tiefe Sehnsucht. Die
raspelkurzen Haare standen ihn gut, besonders zur dunklen Kleidung. Der
sinnliche Mund verriet, welch Zärtlichkeit in ihn steckte. Tom konnte Selinas
Schmerz fühlen.
Er wollte bei ihr sein, sie in seinem Armen halten, sie beschützen, doch wie
sollte er sie ansprechen? Das änderte sich jäh einige Abende später. Wie immer
saß Selina auf ihren Fenster. Es war das erste Mal, als spürte sie jemandes
Anwesenheit. Doch als sie sich umschaute konnte sie niemanden erblicken. Nur
spüren. Sie hatte plötzlich ein wohliges warmes, fast zärtliches Gefühl in sich
und konnte sich zugleich nicht erklären warum.
Dann plötzlich klopfte es leise an der Tür. Das wohlige Gefühl entschwand der
panischen Angst. Panisch rannte Selina zur Feuerleiter herüber. Das Klopfen
wurde immer intensiver. Selina wusste, nun ist es vorbei. Er ist da und wird sie
töten. Tom sah alles von der anderen Seite. Er spürte ihre Angst. Wollte ihr
beistehen. Mit einem großen Sprung landete Tom bei Selina auf der Feuerleiter.
Selina hatte keine Zeit darüber nachzudenken, wie er den Sprung schaffen konnte,
oder vor ihm angst zu haben. Die Gefahr vor der Tür war größer. Mit einem knall
flog die Tür auf.
Er stand da. Selinas Vater stand nun vor ihr. Nicht nur angetrunken, sondern mit
einer Waffe in der Hand. Noch bevor Tom reagieren konnte drückte ihr Vater ab.
Er traf Selina mitten in die Brust. Ein Schuss auf Tom, doch nichts geschah. Tom
lief zum Vater, 1, 2, 3 Kugeln durchbohrten ihn, doch nichts geschah. Tom nahm
ihn im Schwitzkasten, er wollte ihn töten, doch sein Blick fiel auf Selina die
reglos am Boden lag. Der Vater verschwand, Tom konnte sich darum später kümmern.
Er ging zu Selina, nahm sie in den Arm. Er sah das Blut ihren Mundwinkel entlang
rinnen.
Selina öffnete die Augen. Sie wusste gleich ist alles vorbei, und doch sah sie
in Toms dunkle und so zärtliche Augen. Ein Flüstern... Tom strich zärtlich über
Selinas Wange, spürte wie die Tränen anfingen zu brennen. Er konnte nicht
weinen, durfte es nicht... wie kann das sein. Er wusste er liebte sie. Wie er zu
Lebzeiten nie jemanden mehr geliebt hatte. Sie versuchte ein Lächeln, sie
flüsterte Tom zu, wenn ihr Leben auf Erden dazu bestimmt war nur eine Sekunde in
seinen Augen sehen zu können, um all die Liebe spüren zu dürfen, dann dankte sie
Gott dafür. GOTT, nein Gott war es sicher nicht der ihr noch helfen konnte.
Er wusste er durfte es nicht, doch bevor sie ihren letzten Lebenshauch
ausatmete, musste er es tun. Nur so konnten sie ihr gemeinsames Glück doch noch
finden. Selina spürte noch für eine winzige Sekunde den stechenden Schmerz von
zwei kleinen spitzen Gegenständen in ihren Hals. Als sie wieder zu sich kam, saß
Tom neben ihr und hielt ihre Hand. Selina lächelte, das erste mal in ihren Leben
fühlte sie Glück.
Das Glück zu lieben, das Glück der Freiheit, das Glück geliebt zu werden. Selina
wusste nun ist sie frei. Sie kann lieben, leben und und geliebt werden. Ohne
darüber zu reden wusste sie, sie war nun in einer anderen Welt. Zwar auf Erden,
aber es herrschte eine andere Dimension. Sie wusste, sie war ein Wesen der
Nacht.
Doch Selina war nun auch das glücklichste Wesen der Nacht. Zärtlich verschmolzen
Selina und Tom in einem innigen Kuss ineinander. Sie spürte die weichen zarten
Lippen, so wie er die Ihren. Als zwei liebende Geschöpfe der Nacht entflohen sie
in die Dunkelheit... auf den Weg in eine kleine Stadt...!