Tanja Maier
Sie trat auf die Straße in den Regen und zog sich die Kapuze ihres Mantels über
den Kopf. Nun regnete es schon das vierte Mal in dieser Woche, dabei war es erst
Freitag und schon Mai. Was für ein ungastliches Wetter! Sie ging die Straße
entlang, wobei sie immer wieder größeren Pfützen ausweichen musste. Nur wenige
Minuten später erreichte sie den nahen Park. Sie warf einen Blick auf die Uhr
und beschleunigte ihre Schritte.
Kurz nach acht Uhr abends betrat sie die Halle des Hotels und ging zur
Empfangstheke. Der Portier telefonierte und sie wartete ungeduldig. Endlich
bemerkte er die Frau. „Was kann ich für Sie tun?“ „Ich möchte zu…“ Ein kurzer
Blick auf den Zettel in ihrer Hand. „…Richard Gray. Welches Zimmer hat er?“ Der
Portier blätterte in dem Buch hinter seiner Theke. „Zimmer Nr. 231. Soll ich Sie
ankündigen?“ Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Nicht nötig. Er weiß, dass
ich komme.“ Der Portier nickte. „Nehmen Sie den Aufzug. 2. Stock.“ „Danke.“ Sie
ging zum Aufzug und fuhr nach oben.
Dann stand sie vor dem Zimmer, an dessen Tür in goldenen Ziffern die Nummer 231
prangte. Sie atmete tief durch, aber sie fasste dadurch dennoch nicht genug Mut
um zu klopfen. Unentschlossen stand sie auf dem langen Gang der Hoteletage.
Erst beim dritten Versuch ließ sie die Hand nicht mehr sinken, sonder klopfte.
„Ja?“ kam es von drinnen. „Mr. Gray? Hier ist Catelyn Tornson“ sprach sie gegen
die hölzerne Tür. Eine Kette wurde zurückgeschoben und die Tür öffnete sich.
„Hallo Ms. Tornson“ grüßte ein braunhaariger Mann mit einem Lächeln. Die blonde
Norwegerin streckte ihm die Hand entgegen. „Hallo, ich bin Catelyn.“ „Richard.
Bitte kommen Sie doch herein“ bat er sie. „Hatten Sie einen guten Flug hierher?“
erkundigte sich Richard, als er ihr gegenüber saß. „Ja, den hatte ich, aber ich
bin schon eine ganze Woche hier. Ich wollte noch ein paar Tage Urlaub machen. So
schnell komme ich nicht wieder nach London.“ Er nickte mit bedauerndem Blick.
„Da haben sie nicht gerade das beste Wetter erwischt, Catelyn.“ „Ja, leider.“
Sie musterte ihren Gegenüber genauer. Fast genauso hatte sie sich Richard
vorgestellt, als sie seine Stimme am Telefon gehört hatte. Nur etwas älter.
Seine langen dunklen Haare waren zu einem lässigen Pferdeschwanz gebunden und
seine grauen Augen sahen sie jetzt ebenfalls neugierig an. Ein attraktiver Mann
um die dreißig mit einem äußerst faszinierenden Blick. „Ich habe nicht gedacht,
dass Sie so jung sind, Richard“ sagte sie. „Verzeihung, nicht dass ich sagen
wollte…“ Er winkte rasch ab. „Nein, nein. Das ist schon in Ordnung. Ich werde
öfter für älter gehalten, als ich eigentlich bin“ sagte er. „Es ist auch
wirklich ungewöhnlich… Ich meine… bei Ihrem Erfolgen…“ entgegnete Catelyn. „Das
ist doch nicht der Rede wert“ murmelte er etwas verlegen. Sie nickte. „Immerhin
haben Sie bereits an die hundert Bücher veröffentlicht und in Ihrem letzten
Interview sagten Sie, Sie hätten noch das ein oder andere in der Schublade“
bemerkte sie.
Catelyn arbeitete für die norwegische Zeitung `Dagbladet´ und der Autor,
den sie interviewen sollte, war wirklich etwas Außergewöhnliches. Er schrieb
umfangreiche Romane mit einer unglaublichen Liebe zum historischen Detail; sie
spielten ausnahmslos im 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Die Geschwindigkeit,
mit der sie erschienen, grenzte fast an Hexerei. „Wie machen Sie das?“ wollte
sie ehrlich beeindruckt wissen.
Richard verschränkte die Finger. „Das Schreiben fiel mir schon immer leicht“
bekannte er. „Es ist für mich nichts Besonderes.“ Die junge Frau zückte jetzt
ihr Notizbuch. „Aber wie schaffen sie es rein zeitlich so viele Bücher im Jahr
zu schreiben? Ihr Tag hat auch nur 24 Stunden“ sagte sie lächelnd. „Und oft
kommt es mir vor, als wären es viel weniger“ gab er zurück. Dann blickte er zum
Fenster. Er schwieg so lange, dass Catelyn sich schon fragte, ob er sie
vergessen hatte. „Wissen Sie Catelyn, ich kann Ihnen nicht erklären, wie ich all
die Bücher geschrieben habe. Selbst wenn ich es versuchte, Sie würden es
höchstwahrscheinlich nicht verstehen“ sagte er.
Richard erhob sich unvermittelt. Seine Augen ruhten auf ihr und Catelyn kam sich
vor, als sähe er damit in ihre Seele. „Wollen wir unser Interview nicht morgen
fortsetzen und ich zeige Ihnen noch ein wenig London?“ fragte er. „Es hat
aufgehört zu regnen.“ Catelyn sah aus dem Fenster. Wirklich schien der strömende
Regen nachgelassen zu haben. „Ja, gerne“ antwortete sie und fühlte sich mit
einem Mal beschwingt und fröhlich. Ich spaziere nur mit diesem Richard ein wenig
durch London, mahnte sie sich. Aber sie hatte die ganze Zeit gespürt, dass ihr
Gesprächspartner sie übers normale Maß hinaus beeindruckte und faszinierte.
Wenig später gingen sie durch die nächtlichen Straßen in den Park, den Catelyn
zuvor in aller Eile durchquert hatte. Der zuvor vom Regen in graue Schleier
gehüllte See spiegelte jetzt, da die Wolken aufgerissen waren, das Mondlicht.
„Wie still es hier ist“ bemerkte die blonde Frau. So etwas war sie nicht
gewohnt. Zuhause in Helsinki wohnte sie an einer belebten Verkehrsstraße, an der
nie Ruhe einkehrte. „Aber auch London ist eine Großstadt“ entgegnete Richard,
als wisse er von ihren Gedanken. „Wir sind hier nur weit genug abseits.“
„Wie lange arbeiten Sie schon für die Zeitung?“ wollte er dann wissen. Sie
rechnete kurz. „Schon fast sieben Jahre. Mir kommt es manchmal wie eine Ewigkeit
vor.“ „Ich schreibe auch schon eine Ewigkeit“ sagte Richard.
Catelyn blieb stehen. „Richard, darf ich Sie etwas fragen?“ Er nickte.
„Natürlich. Sind Sie nicht deswegen aus Norwegen gekommen? Um mich auszufragen?“
Sie lächelte kurz, wurde dann aber wieder ernst. „Wie kommt es, dass Sie mir ein
Interview gewährt haben?“ wollte sie wissen. „Ich habe mich vor meiner Abreise
gründlich informiert. Die Journalisten rennen Ihnen sozusagen die Bude ein und
alle wollen ein Interview von Ihnen. Aber vor mir haben Sie jeden abgewiesen. Es
gibt im Internet sogar schon Diskussionen, ob es Sie wirklich gibt, oder ob
Richard Gray nur ein Phantom ist, oder ein Pseudonym. Sie schreiben so viele
schöne Bücher, Bestseller um Bestseller, aber sich selbst verstecken Sie.“ Sie
sah ihn fragend und verständnislos an.
„Ich liebe es zu schreiben und mich dabei in die alten Zeiten zurückzuträumen.
Aber ich will nicht in der Öffentlichkeit stehen. Das Schlimmste, was ich mir
vorstellen kann, ist großer Rummel um meine Person. In dieser Hinsicht bin ich
vielleicht… ein wenig lichtscheu“ erklärte er. „Ja, irgendwie kann ich Sie
verstehen. Ich bin auch eher eine Einzelgängerin und mag keine großen
Menschenmassen. Als erfolgreicher Autor hätten Sie sicher keine ruhige Minute
mehr, wenn Sie nicht so konsequent Ihre Privatsphäre fordern würden. Aber Sie
haben meine Frage nicht beantwortet“ hakte sie nach. Richard seufzte. „Sie
können ganz schön hartnäckig sein, Catelyn. Sie wollen also unbedingt wissen,
warum ich gerade Ihnen ein Interview gewährt habe.“ Sie nickte. „Also gut, aber
es ist eine lange Geschichte. Wir sollten ins Hotel zurückgehen.“
Als sie wieder im Hotelzimmer saßen, wollte Catelyn ihr Notizbuch hervorholen,
aber Richard griff nach ihrer Hand. „Bitte hören Sie mir nur zu, Catelyn.“ Er
sah sie eindringlich an. Und obwohl die Journalistin in ihr nur selten zum
Schweigen gebracht werden konnte, nickte sie und überkreuzte bequem die Beine.
„Sie sind jetzt 25 Jahre alt“ begann Richard. „Sie sind Norwegerin, aber Ihre
Mutter war Engländerin.“ Die junge Frau kam nicht umhin zu staunen. „Alison
Tornson war ihr Name, nachdem Sie Ihren Vater geheiratet hatte. Sie starb, als
Sie noch ein kleines Kind waren.“ Catelyn sah ihn verblüfft an. „Sie sind gut
über mich informiert. Tun Sie das…“ Als ihr Blick auf Richards Gesicht fiel,
schwieg sie. „Wissen Sie ihren Mädchennamen?“ Catelyn schüttelte den Kopf. Ihr
Vater war nur kurz nach ihrer Mutter gestorben. Sie hatte niemanden gehabt, den
sie hätte fragen können. „Sie sind nach dem Tod ihres Vaters in einem Waisenhaus
aufgewachsen“ fuhr Richard fort, als hätte er die letzte Frage überhaupt nicht
gestellt. „Sie haben ein Internat besucht und schließlich an der Universität in
Helsinki Journalistik studiert, richtig?“ „Ja, aber woher wissen Sie das alles?“
fragte sie.
„Haben Sie sich nie gefragt, wer einem mittellosen Waisenkind das alles bezahlt
hat?“ Catelyn widersprach. „Ich war keineswegs ein mittelloses Waisenkind. Meine
Eltern waren reich und haben mir mehr als genug für eine solche Ausbildung
hinterlassen.“ Richard sah sie belustigt an und Catelyn wurde jetzt wütend. „Was
erlauben Sie sich überhaupt in meiner Vergangenheit herumzuschnüffeln?! Das geht
Sie nichts an! Ich bin hier, um Sie zu interviewen und wenn Sie das nicht
wollen, dann werde ich wieder gehen.“ Sie griff nach ihrer Tasche, erhob sich
und stürmte zur Tür. Richard blieb ruhig sitzen. „Der Mädchenname Ihrer Mutter
war Gray“ sagte er.
Catelyn blieb wie elektrisiert stehen. Langsam drehte sie sich um. „Gray?“
hauchte sie. „Ihr Mädchenname war Gray? Woher wissen Sie das?“ Sie stutzte.
„Moment… Gray? War sie mit Ihnen verwandt?“ fragte sie ungläubig. Richard
blickte sie gleichmütig an und Catelyn kehrte zum Sessel zurück und setzte sich.
„Was wissen Sie, Richard?“ fragte die junge Frau. „Werden Sie mir jetzt
zuhören?“ Catelyn nickte. „Es mag für Ihre Ohren unglaublich klingen, was ich
Ihnen zu sagen habe.“ Er lehnte sich zurück. „Man hat Ihnen also erzählt, Ihre
Eltern wären reich gewesen… Auch keine schlechte Geschichte, obwohl ich anfangs
den reichen Erbonkel vorgeschlagen habe“ bemerkte er. „Ich verstehe nicht…“
„Aber letztlich wäre beides eine Lüge gewesen. Also ist es vermutlich egal, was
man Ihnen erzählt hat, Catelyn. Ihr Vater war ein mittelloser Künstler und Ihre
Mutter Schneiderin. Wie hätten sie es zu Reichtum bringen können?“ „Bitte
Richard, kommen Sie zur Sache. Ich wusste nicht, was meine Eltern von Beruf
waren. Aber wer hat dann meine Ausbildung bezahlt?“ Sie griff sich an den Kopf
und sah dann Richard an.
„Ich war es, der deine Ausbildung bezahlt hat, Catelyn. Für meine Urenkelin war
mir nichts zu teuer.“ Catelyn wollte etwas erwidern, aber Richard fuhr fort.
„Deine Mutter Alison war meine Enkelin, die Tochter meines Sohnes George.“ „Wer
sind Sie?“ fragte sie eindringlich. „Ich bin dein Urgroßvater, Catelyn, und ein
Vampir…“ Die blonde Frau fiel fast vom Sessel bei diesen Worten. „Ein… Vampir?“
echote sie.
Richard nickte. „Ich wurde vor über achtzig Jahren zu einem Vampir, nur ein Jahr
nachdem dein Großvater geboren war“ erzählte er seiner ungläubigen Zuhörerin.
„Jetzt war es an der Zeit, dass du es erfährst, liebste Catelyn. So lange konnte
ich nur aus der Ferne über dich wachen. Als du mich um ein Interview gebeten
hast, habe ich sofort zugesagt. Das war die ideale Gelegenheit, dich endlich aus
der Nähe zu sehen und dir zu erzählen, wer du bist: die Urenkelin eines
Vampirs.“
Catelyn verlängerte ihren Urlaub und verbrachte noch viele Wochen bei Richard,
dem Vampir, dessen Blut in ihren Adern floss, und der ihr die lange vermisste
Familie zurückgab.
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