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Vampir Geschichten

Kurzgeschichten über die Nachtwesen

Notre-Dame

 

Leila




In manchen Nächten ließ ich die Jägerin in mir ganz frei – und meine Opfer waren Menschen und manchmal… nun ja… taten sie mir fast leid, denn ihr Tod war dann nicht schnell und schmerzlos, sondern ich spielte genüsslich mit ihnen wie eine Katze mit den Mäusen. Ich wollte dann die Furcht und das Entsetzen in ihren Augen sehen.


Gemütlich schlenderte ich über die Pont Notre-Dame auf die Île de la Cité und auf Notre Dame zu. Die gotische Kathedrale ist ungefähr 43 Fuß lang, knapp 16 Fuß breit und gegen 11 ½ Fuß hoch – oder vielleicht sollte ich doch besser Meter angeben, wie es heutzutage einfach gebräuchlicher ist (obwohl ich mit Angaben in Fuß und Schritt immer noch besser zurechtkomme): 130m lang, 48m breit und 35m hoch. Angeblich soll Platz für 9.000 Menschen sein, obwohl ich mir das nur schwer vorstellen konnte, damals, 1666, kamen ohnehin nicht mehr so viele Menschen dorthin, denn die Kathedrale verfiel in den 320 Jahren seit ihrer Erbauung mehr und mehr.


Ich kam oft hier auf den Place du Parvis. Ich war gerne hier. Ein paar verspätete Nachtschwärmer waren ebenfalls noch unterwegs, aber ich beachtete sie kaum. Ich war in diesem Moment nicht auf der Jagd – das kam später. Ich betrat lieber die Kathedrale und sah mir wie jedes Mal zuerst das große Rundfenster auf der Südseite an. Ich liebte es, wenn das Mondlicht durch das bunte Glas fiel und konnte so nur ahnen wie wunderschön sie wohl im Sonnenlicht aussehen mussten. Dann setzte ich meinen Rundgang in gewohnter Weise fort; es war beinahe schon so etwas wie Routine für mich geworden. Anschließend ließ ich mich in einer der Bankreihen nieder, verwundert wie ich so ruhig sein konnte. Ich war hungrig! Eine gefährlich explosive Mischung aus Ruhe und der ungezügelten, animalischen Seite der Jägerin.


Ein dicker Priester trat aus einer kleinen hölzernen Seitentür in den hohen Hauptraum der Kirche. Aus den Augenwinkeln folgte ich seinen Bewegungen, als er das Altartuch wechselte, die herunter gebrannten Kerzen fortnahm und neue Kerzen aufstellte und ein verwelktes Blumengesteck wegräumte. In der schlichten braunen Kutte wirkte er älter als er eigentlich war, doch er musste wohl wirklich bereits ein alter Mann sein. Als er mich in der Kirchenbank sitzen sah, den Kopf gesenkt, kam er langsam mit schlurfenden Schritten auf mich zu. »Darf ich mich eine Weile zu Euch setzen, meine Tochter? Ich muss mich einen Moment ausruhen. Ich werde langsam zu alt für diese nächtlichen Kirchgänge. Was führt Euch zu so später Stunde noch in die Kirche?« Ich blickte zu dem Priester auf. Meine Augen sahen ihn unschuldig an, aber unsichtbar dahinter blitzte mein Jagdinstinkt auf. »Ich komme manchmal gerne so spät hier nach Notre-Dame.

 

In der Stille und Dunkelheit fühle ich mich lebendiger als am Tage.« Ich freute mich über die Zweideutigkeit meiner Antwort. Der Priester nickte. »Ich weiß, was Ihr meint, Madame. Auch ich kann Gott in der Nacht besser hören« antwortete er. Als ob ich je etwas mit Gott zu tun gehabt hätte! Nicht einmal als Sterbliche!


Ich begann mit meinen Spiel. »Ich habe gebetet.« Der Priester machte ein erschrockenes Gesicht. »Ich habe Euch doch hoffentlich nicht im Gebet gestört?!« »Aber nein. Ich habe um einen Mann für diese Nacht gebeten.« Der Priester verstand natürlich nur die Seite der zweideutigen Worte, die er verstehen wollte und konnte. Er bekreuzigte sich rasch. »Aber mein liebes Kind, Ihr könnt doch Gott nicht um die Erfüllung Eurer Sünden bitten!« Ich hatte den Priester schockiert und genau das war mein Ziel gewesen. »Aber warum, Vater, sollte ich Gott denn nicht darum bitten?« fragte ich so unschuldig wie es mir möglich war. »Sind wir nicht alle von unseren Eltern im Bett gezeugt worden?« Der Priester fühlte sich sichtlich unwohl bei diesem Gespräch; er begann zu schwitzen und bekreuzigte sich abermals. »Mein liebes Kind, Ihr versündigt Euch mit solchen Gedanken. Es ist gotteslästerlich eine solche Bitte ins Gebet einzuschließen. Ihr solltet morgen in der Frühe zur Beichte gehen, um Eure Seele zu reinigen.«
Ein Lächeln umspielte meine Lippen. »Dafür werde ich morgen leider keine Zeit haben« antwortete ich. »Wer zu so später Stunde noch wach ist, muss am Tage schlafen« erklärte ich dann. Der alte Priester schien nicht so recht zu wissen wie er diese Unterhaltung fortsetzen sollte. Er schwieg eine Moment lang nachdenklich. »Wisst Ihr, mein Kind, kommt doch einfach morgen Nachmittag zu mir. Ihr findet mich um diese Zeit hier in der Kathedrale und so will ich Euch die Beichte abnehmen und mit Euch über den Glauben sprechen. Denn ich sehe doch, dass Ihr im Grunde eine gute, gläubige Christin seid, die leider Gottes des Nachts ihren sündigen Fantasien zuviel Freiheit lässt. Am Tage sieht alles ganz anders aus.« Er lächelte gütig und ich lächelte ebenfalls.


Es war ein dunkles, kaltes Lächeln, das meine Eckzähne entblößte. Schrecken stand ins Gesicht des Priesters geschrieben und das bereitete mir unglaubliche Genugtuung und Genuss. »Was für ein Geschöpf des Teufels seid Ihr?« Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Ich lachte laut auf, was in der riesigen Kathedrale mehr als gespenstisch klang. Ich genoss diesen Klangeffekt und lachte nur noch lauter und es war Musik in meinen Ohren. Der Priester wich einige Schritte zurück. Ich folgte ihm. »Ihr Menschen seid doch alle gleich! Warum soll für alles der Teufel verantwortlich sein? Könnt Ihr als Priester mir das vielleicht erklären?« Aber er schnappte nur nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und nestelte nervös und hastig an seinem Gewand. Schließlich zog er an einer Kette ein Kreuz hervor. Er atmete laut und angestrengt. »Weiche Ausgeburt des Teufels!« Mit der einen Hand hielt er mir das Kreuz entgegen, mit der anderen bekreuzigte er sich immer wieder. »Gott wird dich vernichten, Kreatur der Hölle!« Wieder entlockte er mir damit ein lautes, dreckiges Lachen voll Triumph und Hohn. »Aber…« Er schien seine Sprache wieder gefunden zu haben. »…was auch immer Ihr seid, Ihr müsst vor dem Kreuz weichen!« Seine Stimme klang schrill und er blickte verständnislos und halb wahnsinnig vor Angst auf das Kreuz in seiner Hand, das so wirkungslos blieb, dann auf mich und wieder auf das Kreuz. »Aber ich stehe immer noch hier – wie Ihr seht, Priester! Euer Gott scheint wenig Interesse an mir zu haben und Euer Kreuz hilft Euch scheinbar wenig!« Ich ließ eine entschuldigende Geste folgen. Er stammelte unverständliche Worte und stimmte dann irgendein Gebet auf lateinisch an.


Ich wurde diesen einfältigen Priester langsam müde. Ich trat entschlossen auf ihn zu und der Priester stolperte ängstlich rückwärts. Aber ich war natürlich schneller und während der Priester verzweifelt seinen Gott anflehte, schlug ich ihm meine Zähne in die Halsschlagader.
Süßes Blut berührte meine Zunge – nicht das beste, das ich je gekostet hatte, aber für einen alten Priester war es in Ordnung und das Spiel, das ich mit meinem Opfer gespielt hatte, entschädigte mich dafür allemal. Ich liebe dieses Spiel! Ihre entsetzten Blicke und ihre Furcht, die man förmlich riechen kann! Ah wie langweilig wäre das Leben ohne die Menschen!
Ich verließ Notre Dame und begab mich über die Pont Notre-Dame wieder ans Nordufer der Themse.



 

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