Langsam ging Jean zwischen den dicht stehenden und hoch gewachsenen Bäumen
entlang, ohne jedoch auch nur das leiseste Geräusch von sich zu geben. Zwar wäre
ein knackender Ast unter den schwarzen Stiefeln oder auch nur ein schwerer
Atemzug nichts wirklich Auffälliges gewesen, jedoch war es wohl die Gewohnheit,
welche ihn zu solch umsichtiger Vorgehensweise trieb. Denn er war nicht alleine
hier. Jenes Wesen, welches er verfolgte, schien sich ebenso alle Mühe zu geben
keinen Laut von sich zu geben. Ein belustigtes Grinsen schien über sein Gesicht
zu gleiten.
Warum glaubten die Menschen nur immer ihn abhängen zu können, nur weil sie sich
ruhig verhielten? Schon allein ihr vor Angst rasender Herzschlag, der einsetze
sobald sie begriffen das sie nicht allein im "dunklen" Wald waren, verriet sie
und wenn er das doch nun wirklich einmal überhören sollte, war da immer noch
ihre plumpe Art sich zu bewegen.
In seinen Ohren ein ziemlicher Lärm. Fast so unauffällig wie ein, mit
Sirenengeheul durch die Straßen einer verlassenen Stadt brausendes, Polizeiauto.
Geduldig folgte er seinem Opfer weiter, dass sich nun schon fast panisch durch
die Büsche schlug. Jean wunderte sich immer wieder wie einfach es hier in diesem
kleinen Waldstückchen zwischen Stadt und Kirmesplatz war leichte Beute
aufzuspüren und noch dazu meist einzelne Personen.
Ein wahrer Glücksfall, dass er gerade vor ein paar Wochen hier sein Lager
aufgeschlagen hatte.
Mit leicht federnden Schritten, nicht zu unterscheiden von dem leisen Säuseln
des Windes strich er weiter durchs Unterholz und näherte sich langsam aber
stetig jenem schlagenden Herzen. Gedanken darüber zu machen was er tat und warum
hatte er schon lange aufgegeben. Jean gehörte nicht zu jenen seiner Art, die
ewig über ihr Schicksal haderten.
Im Gegenteil. Ihm gefiel dieses Gefühl von Macht, wenn es auch sehr trügerisch
war. Sich mit Schwächeren zu messen war nicht gerade die große Herausforderung.
Erst recht nicht mit den doch so schwachen Menschen, deren Rasse er selbst
einmal angehört hatte.
Mit einem angedeuteten Kopfschütteln verscheuchte er die weit entfernten
Erinnerungen und widmete sich wieder seinem eigentlichen Anliegen.
Ohne dass der Mann es bemerkt hatte, oder auch haben könnte, war Jean in großem
Bogen um ihn herum gegangen. Langsam verließ er nun die Schatten und trat hinaus
auf den schmalen Waldweg, welcher zumindest durch ein wenig blasses Mondlicht,
das den Kampf gegen das dichte Laub der Baumkronen gewonnen hatte, erhellt
wurde. Einen Moment lauschte er hinein in das Rauschen der Blätter. Es würde
noch ein paar Minuten dauern bis sein Opfer hier sein würde. Mit einer
geschmeidigen Bewegung setzte Jean zum Sprung an und landete auf einem der
niedrigen Äste einer alten Eiche.
Keuchend rannte Markus durch den fast vollkommen dunklen Waldabschnitt, der den
Kirmesplatz von der Hauptstraße trennt. Es konnte nicht mehr lange dauern. Schon
bald mussten die ersten Lichter der Straßenlaternen zu sehen sein. Doch das
beruhigte den jungen Mann nicht wirklich. Jemand folgte ihm und das schon seit
er das bunte Treiben der Kirmes verlassen hatte. Nicht das Markus ein besonders
ängstlicher Mensch war. Nein das war er ganz sicher nicht. Aber irgendwie hatte
sich mit der Dunkelheit auch eine nie gekannte Furcht in ihm ausgebreitet. Und
gerade das er niemanden sah oder hörte ließ die Panik in ihm noch mehr
ansteigen.
Mittlerweile war er vollkommen außer Atem, seine Lunge brannte und das Stechen
in den Rippen wurde auch immer eindringlicher.
Dabei hatte der Abend so gut angefangen. Er hatte mit Freunden ein Bier nach dem
anderen getrunken und auch mehr als einmal mit recht hübschen Mädchen geflirtet.
Wieso hatte er bloß das Angebot nicht angenommen mit den anderen im Auto
mitzufahren? Um ehrlich zu sein wusste er den Grund gar nicht mehr.
Völlig atemlos musste er schließlich doch kurz verschnaufen. Hustend hielt
Markus im Laufen inne und musste erst einmal nach Luft schnappen. Daher bemerkte
er auch nicht die dunkle Gestalt, welche sich kaum 3 Meter vor ihm zu Boden
gleiten ließ.
Erst als der Druck in seinen Lungen langsam nachließ schaffte es Markus wieder
aufzublicken und fuhr erschrocken zusammen. Seine Augen entdeckten nun einen
schlanken, ganz in schwarz gekleideten Mann, der offensichtlich vollkommen
gelassen zusah, wie Markus gegen die Erschöpfung ankämpfte. War er etwa vor
diesem komischen Kerl geflohen?
Nein das konnte gar nicht sein. Wer oder was auch immer ihn verfolgte, wobei
Markus sich gar nicht mehr so sicher war, dass er sich nicht doch alles nur
eingebildet hatte und vielleicht doch nur der Alkohol an seinen
Wahnvorstellungen schuld war, hätte er inzwischen mit Sicherheit abgehängt.
Zudem sah sein Gegenüber auch nicht wirklich gefährlich, sondern eher
schadenfroh aus, wenn er auch nicht gerade hilfsbereit zu seien schien.
„Könnten Sie mir vielleicht sagen weshalb Sie mich so anstarren? Haben Sie noch
nie jemanden gesehen der sich von einem Dauerlauf erholen muss?“ wandte er sich
also, doch ein wenig pampiger als beabsichtigt, an den Fremden.
„Erstens: Ja das könnte ich und zweitens: Doch Sie sind nicht der erste Mensch
den ich so sehe“
Ein leicht amüsiertes Lächeln umspielte die Lippen des Fremden.
Genervt ließ Markus die Augen prüfend über seinen Gegenüber gleiten. Er mochte
es nicht auf den Arm genommen zu werden und schon gar nicht in solch einer
Situation.
„Gut. Dann gehen Sie mir gefälligst aus dem Weg. Ich habe es eilig.“
Leichte Besorgnis schwang in seiner Stimme mit. Erst jetzt fiel Markus wieder
der Grund seiner Erschöpfung ein und er warf kurz einen Blick auf den Weg hinter
sich.
Seelenruhig stand Jean, mit dem Rücken leicht an den Stamm der Eiche gelehnt,
vor dem jungen Mann und beobachtete belustigt wie dieser wieder versuchte neue
Kräfte zu sammeln.
„Na wer wird denn gleich so unfreundlich sein. Schließlich war es Ihre
Entscheidung gewesen vor mir zu flüchten, nichtwahr?“
Ein freches Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er die Verwunderung und
auch plötzlich wieder aufkeimende Angst des jungen Mannes bemerkte.
„Aber ich denke nun ist es genug der sportlichen Betätigung, finden Sie nicht
auch? Ich zumindest habe jetzt Hunger“
Während er sprach ging er langsam auf seinen Gegenüber zu und entblößte dabei
die spitzen Eckzähne, welche er bisher sorgsam verborgen hatte.
„Sie…Sie sind ja verrückt“ Panik loderte in den Augen des Mannes auf und für
einen Moment schien er seine Erschöpfung zu vergessen, drehte sich nach links
und stürzte durch die dichten Sträucher am Wegrand.
Kopfschüttelnd sah Jean ihm nach. Er hatte keine Lust auf eine erneute Hetzjagd,
setzte sich aber dennoch in Bewegung und hatte sein Opfer schon nach wenigen
Schritten eingeholt. Eine Hand griff in die Jacke des Flüchtenden und brachte
diesen notgedrungen zum stehen.
„Nun ist aber wirklich Schluss“
Mit einem Ruck zog Jean ihn zu sich und rammte ihm ohne zu Zögern seine Zähne in
den Hals. Sofort schoss ihm das warme, pulsierende Blut in den Mund.
Nun war der Vampir nicht mehr zu bremsen. Immer mehr des roten Saftes saugte er
aus dem weichen Fleisch des Mannes und genoss besonders den leicht alkoholischen
Beigeschmack. Den Schrei und die Gegenwehr seines Opfers bemerkte er kaum, zu
sehr war er im Blutrausch gefangen.
Alles begann langsam vor Markus Augen zu verschwimmen.
Er fühlte nur noch diesen heftigen Schmerz im Hals und konnte kaum noch atmen.
Was sollte das nur? Bisher hatte er immer geglaubt Vampire wären nur verrückte
Einfälle irgendwelcher Schriftsteller gewesen. Doch die Anwesenheit dieses
Fremden und der Schwindel verursachende Sog an seinem Hals, ließ ihn Zweifeln.
Langsam schien auch seine Kraft nachzulassen und er näherte sich immer weiter
der Grenze zur Bewusstlosigkeit. Noch schaffte es Markus dagegen anzukämpfen,
doch wie lange noch?
Seine Beine gaben unter ihm nach und obwohl der Vampir ihn hielt hatte er das
Gefühl immer tiefer zu fallen. Daher bemerkte er auch nicht wie er langsam
wirklich zu Boden glitt. Nur die trüben Augen erfassten noch einmal die dunkle
Gestalt des Fremden über ihm.
„Wer…wer bist du?“
Es war mehr ein Röcheln, als wirkliche Worte, das er noch zustande brachte.
Doch noch bevor er eine Antwort erhalten konnte, spürte er wie ihn die
Bewusstlosigkeit einholte.
Markus Augen schlossen sich wieder. Doch diesmal für immer.
Nachdenklich sah Jean zu dem toten Mann hinab und wandte sich dann langsam zum
gehen.
„Ich bin ein Traum….nur ein böser Traum“
Mit diesen Worten verschwand er wieder in den Schatten der Nacht.
Schweißgebadet fuhr Markus hoch und wäre beinahe aus dem Bett gefallen. Ein paar
Sekunden kämpfte er auch wirklich um sein Gleichgewicht, ließ sich aber dann
rücklings in die weichen Kissen fallen und blinzelte stirnrunzelnd ins warme
Sonnenlicht, das durch die Gardinen drang.
Es war wirklich nur ein Alptraum gewesen. Erleichtert atmete er auf und wischte
sich mit einer Hand den Schweiß von Gesicht und Hals.
Beinahe hätte Markus laut aufgeschrieen, als die Hand in sein Blickfeld kam.
Sie war rot, rot von Blut…
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