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Vampir Geschichten

Kurzgeschichten über die Nachtwesen

Opferblut

 

Michael Schindler


„Nein, bitte. Tu mir nichts.“
„Hör auf zu flehen, kleine Dame. Das ist erbärmlich.“
„Ich will nicht sterben, bitte. Ich tue alles.“
„Was könntest du schon für mich tun? Wer es wagt mich zu stören, wird mir gehören“
„Ich bringe dir Andere, die meinen Platz einnehmen können.“
„Was sagst du da?“
„Ich werde dir fünf Leute bringen, wenn du mich freilässt. Ich schwöre.“
„Das hört sich interessant an, Menschenmädchen. Sehr interessant.“


Christine wachte schweißgebadet auf. Dieser Traum ließ ihre Seele nicht los. Dieser schreckliche Mann und seine bösartige Stimme. Aber Christine wusste nur zu gut, dass es kein Traum war. Vor fünf Tagen bezog sie endlich ihre eigene Wohnung. Weg vom Dorf und den Eltern und ab in die Großstadt. Das Erste was sie in ihrer Wohnung fand, war ein seltsames altes Buch. Der Vormieter musste es vergessen haben. Mittlerweile wusste Christine, dass das Buch mit Absicht zurückgelassen worden war. Neugierig hatte sie darin gelesen. Es war eine Sammlung aus Beschwörungsformeln, zum Herbeirufen, von so ziemlich allem, was in die Kategorie Böse fällt.
Es war nur eine Trinklaune damals. Christine kam betrunken nach hause. Sie hatte bis in den Morgen auf ihr neues Appartement gesoffen. Es war reiner Übermut. Sie nahm das Buch und sprach eine der Formeln aus.
Dann kam er zu ihr. Sein Körper sah aus, wie frisch exhumiert. Seine Kleider waren nur alte Lumpen und seine Eckzähne waren schärfer und spitzer, als jedes Messer. Das Drama nahm seinen Lauf. Der Preis für die Unverfrorenheit ihn zu rufen, sollte für jeden hoch ausfallen, der es wagte. Aber Christine hatte so große Furcht, dass sie bereit war, andere Menschen, für ihren Fehler bluten zu lassen. Das beschworene Wesen nahm schließlich ihr Angebot an.

„Bringe mir innerhalb der nächsten Tage die fünf Opfer, so werde ich dich verschonen. Solltest du versuchen mich zu hintergehen, wird mein Fluch dich treffen und du wirst bis in alle Ewigkeit unendliche Qualen leiden.
Es ist noch zu früh dir meinen Namen zu verraten. Bis du bereit bist, sprich mich mit Ischa an. Jetzt geh und bringe mir meine Opfer. Ich warte hier in diesem Raum auf ihr Blut.“

Christine betrat einen kleinen Pub. Vier Opfer waren schon gebracht. Heute musste das Fünfte kommen, dann würde sie frei sein. Man konnte ihr zwar ansehen, dass sie die letzten Nächte auf der Couch geschlafen hatte, ihr Schlafzimmer wagte sie nicht zu betreten, denn Ischa wartete da, es sollte jedoch nicht zu schwer sein irgendeinen Kerl mit nach hause zu nehmen.
Christine setzte sich an einen freien Tisch. Es dauerte nicht lange, bis ein junger Mann sie fragte, ob er sich zu ihr gesellen könnte.
„Entschuldigung, ist noch ein Platz frei neben dir?“
„Sicher doch. Setz dich ruhig hin.“
„Es macht dir hoffentlich nichts aus, wenn ich dir einen Drink spendiere.“
„Natürlich nicht.“

Noch lange saßen die Beiden zusammen. Der junge Mann, sein Name war Thorsten, erzählte ihr viel von sich. Christine hatte noch nie vorher jemanden kennen gelernt, der so offen war.
Er sprach mit ihr über seine freiwillige Arbeitsstelle. Am Wochenende ging er nämlich immer zum Kindergarten, in dem sein jüngerer Bruder war und verbrachte dort etwas Zeit mit den Kleinen. Zwischen ihm und seinen Bruder waren 13 Jahre Unterschied und der Kleine schien, den Erzählungen nach, richtig an ihm zu hängen. Vor allem nach der Scheidung der Eltern, die für jedes kleine Kind eine schwere Zeit darstellte. Nach einiger Zeit schaute Thorsten auf seine Uhr.
„Es war ein schöner Abend mit dir. Aber ich muss jetzt gehen. Man wartet zu hause auf mich.“
„Komm doch noch kurz auf einen Kaffee mir zu mir.“
„Warum nicht? Dafür habe ich noch genug Zeit.“

Kaum waren sie bei Christine angekommen, bestaunte Thorsten die Wohnung.
„Du hast es echt schön hier.“
„Danke. Ich werde mal schnell die zwei Kaffee fertigmachen.“
Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Irgendwas warnte sie. Etwas war anders mit Thorsten. Sie spürte starke Zweifel, aber die Angst vorm eigenen Tod war zu stark.
„Warte doch so lange im Schlafzimmer, da ist es am gemütlichsten. Es ist gerade hinter der Tür.“
Das ließ sich Thorsten nicht zweimal sagen. Für ein gut aussehendes Mädchen wie Christine, konnte er auch einmal etwas zu spät nach hause kommen. Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer und ging hindurch.
„Ganz schön dunkel hier. Wo ist denn der Lichtschalter?“
Die Tür schnappte hinter ihm zu. Für wenige Sekunden waren entsetzte Schrei zu hören, doch dann trat die Stille ein.
Christine sank auf die Knie und fing bitterlich zu weinen an. Was hatte sie nur getan .Thorsten war anders, als die vier betrunkenen Idioten, die vor ihm geopfert wurden. Niemand war je so nett und freundlich zu ihr gewesen. Erstmals wurde ihr das Ausmaß ihrer Tat bewusst.
Was würde der kleine Bruder sagen, wenn er erfährt, dass Thorsten nie wieder mit ihm spielen wird? Was würde aus seiner Familie werden?
Christine erkannte nun die Wahrheit. Sie war ein Mörder. Fünf Menschen sind durch ihre Hand gestorben. Keiner von ihnen hatte etwas mit ihr zu tun, aber sie mussten für einen Fehler bezahlen, den ein Anderer begangen hatte. Es war ungerecht.
Die Schlafzimmertür ging auf und Ischa trat heraus. Sein Aussehen hatte sich komplett verändert. Das Blut hatte seine Ursprungsgestalt zurückgebracht. Er sah nun nicht mehr aus wie eine Leiche, sonder wie ein gut aussehender junger Mann. Er blickte Christine an.

„Ich kann es deinem Gesicht ansehen, dass du heute endlich gelernt hast.“
Sie schluchzte
„Du hast was du willst, jetzt lass mich in Ruhe.“
„Der letzte war ein guter Fang. Ich konnte sein Leben vor mir sehen, als ich an seinen Adern saugte. Bist du dir sicher, dass er dieses Schicksal verdient hatte.“
„Nein! Er hatte es nicht verdient. Ich gebe es zu. Meine Angst war zu groß.“
„Du hast alle diese fünf Männer verraten. Dein Angebot vor ein paar Tagen war sehr interessant und verlockend für mich. Ich musste wissen, ob du es schaffst. Eigentlich hatte ich sogar daran gezweifelt, aber du hast es trotzdem geschafft. Respekt.“
„Wer bist du?“
„Ich bin auch ein Verräter. Vor langer Zeit habe ich jemanden verraten, der mir sehr nahe stand. Mein Schicksal ist eine Strafe Gottes. Er hat mich verdammt, als Blutsauger zu leben und alle zu töten, die mich rufen. Du warst die erste Ausnahme, denn du bist einzigartig. Fünf tote, unschuldige Menschen, die dir nie etwas getan haben. Nur damit du nicht für deinen Fehler bluten musst. Das hätte selbst ich früher nicht geschafft. Aber nur eine verratene Person war Grund genug für Gott mich zu verfluchen. Er gönnte mir meinen wohlverdienten Tod nicht. Doch in ein paar Jahren werde ich nun sterben. Mein Fluch ist aufgelöst, denn ich habe einen Nachfolger gefunden. Und zwar in dir. Erfreue dich an der Qual des ewigen Lebens. Ich werde noch etwas leben und dann endlich meine Ruhe finden. Ich habe dir versprochen dich nicht zu töten. Im Endeffekt hast du dich selbst gerichtet.“
„Wie ist dein richtiger Name?“
„Judas Ischariot.“
 

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