Keron Longbow
Herbstlicher Morgennebel lag gleich einem milchigen Schleier auf den Feldern der
Grafschaft Tyrn. Zwischen den Gräsern schimmerten tausende taubeladene
Spinnennetze, bereit für die Beute, die arglos ihren Flug beginnen würde, sobald
das Sonnenlicht den Kampf mit den trüben Schlieren gewinnen würde. Dazwischen
hüpfte eine Schar Krähen suchend umher und durchbrach die Stille mit ihrem
heißeren Geschrei. Die milden Nächte des Sommers gehörten bereits der
Vergangenheit an, und daher war die morgendliche ungemütliche Kälte nicht
ungewöhnlich.
Missmutig zog der Graf den schwarzen Mantel enger um seine Schultern und gab
seinem grauen Wallach energisch die Sporen.
Vor etwas mehr als einer Woche war er von der westlichen Grenze des Königreiches
zurückgekehrt. Dank der fortwährenden Streitigkeiten mit den Herzögen des
kaiserlichen Bundes um das Goldene Tal, hatte er fast den ganzen Sommer in den
Feldlagern des Königs verbringen müssen. Nach unzähligen größeren und kleineren
Gefechten, die Moral und Ressourcen allmählich erschöpft hatten, war es keiner
Seite gelungen einen entscheidenden Vorteil zu erringen. Notgedrungen hatte man
sich letztendlich auf einen unbefriedigenden Waffenstillstand einigen müssen.
Einen Winter lang waren dadurch sicherlich keine größeren Unruhen zu erwarten.
Doch wenn die Frühjahrshochwasser sich zurückgezogen hatten, würden sich die
Schlachtreihen mit großer Sicherheit erneut formieren. Und zweifellos würde der
König wiederum seine Dienste einfordern, befürchtete der Graf von Tyrn. Der
Teufel sollte ihn holen. Selbst wenn das Goldene Tal einst an das Königreich
fallen sollte, würde das ihm, dessen Grafschaft so weit im Osten lag, keinerlei
Nutzen bringen. Stattdessen kostete es ihn nur fortwährend Material und
Soldaten, wenn nicht sogar das eigene Leben. Außerdem pflegten tote Bauernsöhne
keine Steuern zu zahlen.
Aber im Moment bereiteten ihm noch andere Dinge einigen Verdruss. Seit dem
ersten Tag seiner Rückkehr, hatte er von seinem Weib energisch die Erfüllung der
ehelichen Pflichten eingefordert. Mit mehr oder weniger bescheidenem Erfolg.
Doch nun war er endlich ihrer wechselhaften Launen überdrüssig geworden.
Wohlmöglich hatte er einen ihrer heimlichen Liebhaber vergrault, und sie ließ
ihn ihren Ärger darüber spüren. Die gelegentlichen Eskapaden seines Weibes
machten ihm im Allgemeinen zwar wenig aus, doch seine Ehre musste natürlich
gewahrt bleiben. Sollte er daher jemals einen dieser Bastarde auf frischer Tat
erwischen, würde dieser sich alsbald seiner Männlichkeit beraubt an einem
kräftigen Ast baumelnd wieder finden.
Wenn er allerdings ehrlich war, kam es ihm nicht ganz ungelegen, an diesem
Morgen auf dem Rücken seines Pferdes zu sitzen und in Begleitung eines Dutzend
seiner Soldaten gräflichen Pflichten nachzugehen.
Seit einigen Tagen hatte es wiederholt Meldungen über verschwundene Ziegen,
aufgebrochene Lagerhäuser und getötete Hunde im Dorf Dorhany gegeben. Des
weiteren war auf der Handelsstraße durch die Nordwälder ein Fuhrmann samt Weib
und Ware spurlos verschwunden. Das legte den Verdacht nahe, dass wieder einmal
eine Räuberbande seine Grafschaft unsicher machte. Die Rückkehr des Herrn auf
seine Burg hatte sich wohl noch nicht überall herum gesprochen. Oder aber man
hatte vergessen, wie er mit räuberischem Gesindel zu verfahren pflegte.
Wie auch immer, gegen eine gute Jagd hatte er selten etwas einzuwenden. Dabei
war es ihm schlichtweg egal, ob es sich bei der Beute um Mensch oder Tier
handelte. Eine willkommene Abwechslung bot es ihm allemal. Und wenn es ihm
gefiel, würde zwischendurch die ein oder andere Tochter des Dorfes ein wenig
Kurzweil bieten.
Gegen Mittag hatte die Sonne die letzten Nebelschwaden endlich vertrieben,
sodass der Graf seinen Mantel nicht mehr länger auf seinen stattlichen Schultern
benötigte. Es war nun angenehm warm, und die frühherbstliche Landschaft
präsentierte stolz die ersten roten und goldenen Farben. Ein Maler hätte daran
sicherlich seine wahre Freude gehabt. Der Graf hingegen kaum, denn das Lager der
Räuber im Wald, welches einer seiner Kundschafter am vorherigen Tag entdeckt
hatte, war längst verlassen.
Es wäre auch irgendwie zu einfach gewesen, dachte Garon von Tyrn. Wie es aussah,
stand ihnen eine lange zermürbende Jagd bevor. Allerdings legte er keinen großen
Wert darauf, bis zum Anbruch der Nacht zu warten, in der vagen Hoffnung, dass
die Bande im Schutze der Dunkelheit zurückkehren würde. Geduld war eben nicht
gerade eine seiner großen Stärken. Er zog es stattdessen eher vor eine kurze
Rast einzulegen, um auf das Eintreffen der Spürhunde zu warten. Mit ein wenig
Glück hatten diese rasch eine Fährte aufgenommen und die elenden Halunken bis
zum Abend aufgespürt. Dann würden sie schon merken, dass der Herr wieder im Land
war. An geeigneten Bäumen mangelte es jedenfalls nicht.
Doch der Graf von Tyrn sollte enttäuscht werden. Am späten Nachmittag hatten die
Hunde an den Ufern des Tan schließlich die Spuren verloren, und auch die
zurückgelassenen Wachen im vermeintlichen Lager der Räuber wussten nichts
erfolgversprechendes zu berichten. Zudem trug die nun aufziehende Wolkenfront
kaum zur Besserung der fürstlichen Laune bei, da sie einen unangenehmen Rückweg
im Regen versprach.
Aber noch war der Graf keinesfalls bereit, den Tag mit einem Misserfolg zu Ende
gehen zu lassen.
Die Sonne berührte bereits den Horizont, und bald würde der noch nicht ganz
komplette Vollmond über den Feldern aufgehen, als Garon von Tyrn mit seinen
Reitern das Dorf Dorhany erreichte. Immerhin hatten der Regen sie weitgehend
verschont und war rasch nach Westen abgezogen, so dass des Fürsten aufkeimende
Fleischeslust nicht durch klamme Kleidung verdorben wurde.
Es war keineswegs das erste Mal, dass er sich an diesem Ort zur Jagd nach einer
ganz besonderen Beute einfand, und kaum einem hübschem Mädchen, das die Kindheit
hinter sich gelassen hatte, war es bisher vergönnt gewesen, dem fürstlichen
Trieb zu entgehen.
Nach Monaten des häuslichen Friedens mussten nun so manche unglücklichen Eltern
wieder einmal um die Unschuld ihrer Töchter fürchten, auch wenn diese
zugegebenermaßen nur noch sehr vereinzelt vorhanden war. Und da sich der Fürst
mit seinen 45 Lenzen einer noch weitgehend ungebrochenen Manneskraft erfreute,
würden seine Untertanen unter seiner Lust wohl auch weiterhin leiden müssen.
Doch als hätten die Dörfler mit einem der berüchtigten Besuche ihres wenig
beliebten Herren gerechnet, schienen sie sich alle in den trügerischen Schutz
ihrer strohgedeckten Hütten verkrochen zu haben. Somit wurde Garon von Tyrn
lediglich das klägliche Kläffen zweier Straßenköter als Willkommensgruß zuteil.
Das würde ihnen auch nichts nutzen, dachte der Graf verächtlich und ließ grimmig
seine Blicke über die meist einfachen Holzhütten schweifen. Sie wussten genau,
dass er das Recht dazu hatte. So wie er ganz genau wusste, was er suchte und wo
er es finden würde.
In aller Ruhe lenkte er deshalb sein Pferd zum Hause von Barn dem Schmied.
Wie bedauerlich, dachte er, dass die hübschere seiner beiden Nichten ein so
tragisches Ende erlitten hatte. Doch ihre jüngere Schwester war ebenfalls nicht
zu verachten. Wenn sie nur annähernd so ungezähmt sein würde, dann...
Nur zu gut erinnerte er sich an den erregenden Duft von unverfälschter junger
Weiblichkeit, vermischt mit dem Geruch von würzigem Holzkohlenrauch und frischem
Heu. Vielleicht setzte sie ihm denselben stürmischen Widerstand entgegen. Das
wäre so ganz nach seinem Geschmack. Je heftiger, desto besser.
Der Graf zügelte ungeduldig sein Pferd, während seine Soldaten sich im Halbkreis
um das Holzhaus gruppierten. Zum einen sollten sie jedwede Störung von außen
fernhalten, zum anderen etwaigen Widerstand aufgebrachter Familienmitglieder
brechen.
Für gewöhnlich zog Garon von Tyrn es vor, die mehr oder weniger glückliche
Auserwählte in seine nahegelegene Jagdhütte zu entführen, denn dort konnte er
sicher sein, nicht bei seinem Vergnügen gestört zu werden. Doch in Anbetracht
der fortgeschritten Stunde und dem Umstand, dass er heute bereits genug Zeit auf
dem Rücken eines Pferdes verbracht hatte, beschloss er, den Dienst einer seiner
weiblichen Untertanen an Ort und Stelle einzufordern.
Noch immer ärgerte ihn die erfolglose Verbrecherjagd. Aber nun würde er seinen
Willen endlich bekommen. Seiner Sache Sicher, stieg er von seinem grauen Hengst
und marschierte selbstgefällig auf die hölzerne Tür zu. Dort angekommen schlug
er sogleich mit seiner behandschuhten Faust und grob gegen die stabilen Bretter.
„Öffnet eurem Herrn“, befahl er unmissverständlich.
Von innen war indes kein Laut zu hören. Er wartete jedoch kaum länger als zwei
Atemzüge und schlug erneut voller Ungeduld zu. Bevor er allerdings daran denken
konnte, die Tür von seinen Soldaten eintreten zu lassen, bewegte sie sich
schließlich doch quietschend in den eisernen Angeln und gab den Blick auf das
bärtige Gesicht des Dorfschmiedes frei.
Eine Spur von Angst zeichnete sich in seinem ernsten Gesicht ab. Ahnte er doch,
welche unheilvolle Absicht den Grafen zu seinem Haus führte, und für einen
kurzen Moment schienen Zorn und Widerstand in seine Augen aufzublitzen. Aufgrund
seiner harten Arbeit verfügte er, trotz seiner bereits über fünfzig Jahren, über
breite Schultern und kräftige Arme, die ihn zweifellos dazu befähigt hätten, den
Grafen kurzerhand den Zutritt zu verwehren. Doch angesichts der unanfechtbaren
Autorität und der Anwesenheit bewaffneter Soldaten, wäre es fatal gewesen,
Widerstand zu leisten. Demzufolge senkte er resigniert sein Haupt und trat einen
Schritt zurück, obwohl er ahnte, welchem Unglück seine Familie nun anheim fallen
würde.
Der Graf war wieder einmal auf der Suche nach jungem Fleisch, und dabei konnte
er es nur auf seine Nichte abgesehen haben.
Wie gerne hätte er ihr dies nun erspart. Nach dem Tod seines Bruders und dessen
Frau hatte er sie aufgenommen und wie eine eigene Tochter lieb gewonnen. Das
arme Kind. Sie hatte bereits mehr erlitten, als für einen so jungen Menschen gut
war, denn neben ihren Eltern, betrauerte sie auch den grausamen Tod ihrer
älteren Schwester. Und der Graf war alles andere als unschuldig daran. Kannte er
denn kein Erbarmen? Reichte es nicht, dass er ihre Schwester durch sein
ruchloses Treiben bereits in den Tod getrieben hatte? Der Himmel mochte ihn
verfluchen.
Ohne Gruß und mit geballter Faust musste er nun zusehen, wie seine Gnaden
achtlos an ihm vorbeischritt, während sein Weib sich vor Schreck in die Hand
biss, um nicht gequält aufzustöhnen.
Den Grafen kümmerte das kaum. Er hatte nur noch einen Blick für die junge Frau,
die ängstlich auf einem schlichten Holzbett kauerte.
Ohne seine gierigen Augen von ihr abzuwenden bemerkte er spöttisch: „Schmied,
vielleicht begibst du dich besser für eine Weile ins Wirtshaus. Trink dort auf
die Gesundheit deines Herrn. Du bist hier nicht länger von Nöten. - Und nimm
gefälligst dein Weib mit.“
„Nein“, flüsterte das Mädchen entsetzt. „Lasst mich nicht alleine!“
Der Schmied zögerte.
„Worauf wartet ihr. Legt ihr Wert darauf von meinen Wachen begleitet zu werden?
Eure hübsche Nichte wird schon nicht sonderlich zu Schaden kommen. Sie sollte
sich gar glücklich schätzen, ihrem Herrn zu Dienste zu sein. Vermutlich gefällt
es ihr sogar“, höhnte der Graf. „Und nun lasst uns alleine. - Wachen!“
Die unverhohlene Drohung und das Klirren der Waffen vor dem Haus verfehlten ihre
Wirkung nicht. Wie geprügelte Hunde schlichen Benta und seine Gemahlin in
ohnmächtiger Verzweiflung von dannen und überließen ihre Nichte der Gnade des
wahrlich ungnädigen Grafen.
Bedächtig und sich seiner Sache nun gewiss, verriegelte Garon von Tyrn die Tür.
Dann näherte er sich lüstern grinsend seinem Opfer.
„Schätze dich glücklich mein hübsches Kind, denn nun kannst du deinem Herrn
einen schlechten Tag doch noch versüßen.“
Es krachte dumpf, als Ylana in aufsteigender Panik zurück wich und heftig mit
den Schultern gegen die Bretterwand stieß. Dadurch fiel eine Kerze von einem
Bord in ihr Bett. Zum Glück verlosch sie zischend, bevor sie die Laken in Brand
setzen konnte.
Garon von Tyrn schnaubte lediglich amüsiert und genoss sichtlich seine
Vorfreude. Indessen keuchte Ylana vor Angst und Ekel. Der Gedanke, sich diesem
Monster in Menschengestalt hinzugeben, erschien ihr unerträglich. Noch zu frisch
war die Erinnerung an das Schicksal ihrer geliebten Schwester. Auch sie hatte
Bekanntschaft mit des Grafen Vorlieben machen müssen. Gar dreimal war sie zu
seinem Opfer geworden. Diese Demütigung hatte sie nie verwinden können und sich
schließlich aus lauter Scham im Fluss ertränkt.
Das Leben hatte es bisher nicht gut mit ihrer Familie gemeint, und es schien nun
damit fortzufahren.
Ohne zu zögern, begann der Graf nun seine Gürtelschnalle zu öffnen.
„Möchtest du dich nicht auch entkleiden? Du willst mir deine hübschen Brüste
doch sicher nicht vorenthalten?“ Raunte er süffisant. „Oh, vielleicht ist es dir
ja lieber wenn ich das übernehme. Den Gefallen werde ich dir gerne tun.“
Doch Ylana war wie gelähmt. Stumm krallte sie ihre Finger in die wollene Decke,
die sie wie zum Schutz gegen das bevorstehende Unheil um sich geschlungen hatte.
Aber was blieb ihr letztendlich anderes übrig, als sich ihrem Schicksal
hinzugeben. Hatten nicht schon viele andere vor ihr das gleiche erdulden müssen.
Warum nicht einfach die Augen schließen und versuchen jedes Empfinden
auszublenden, bis es irgendwann vorüber war. Auf diese Weise schien es
wenigstens ihre Freundin Simia überstanden zu haben.
„So, du zierst dich. Wie reizvoll. Ganz wie deine Schwester. - Und das gleiche
goldene Haar. Sie hat mir eine Menge Vergnügen bereitet. Schade nur, dass sie so
töricht war. Ich hoffe, du besitzt etwas mehr Verstand.“
Urplötzlich zuckte sie wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Glühende Wut
mischte sich unter ihre Angst. Wie konnte er so etwas sagen? Nur seinetwegen war
Mara schließlich gestorben. Diese Bestie. Und der Zorn brandete wie eine
mächtige Flutwelle heran, spülte ihre Angst hinweg und breitete sich bis in die
letzte Faser ihres Körpers aus. Derart aufgebracht schlug Ylana die Decke zur
Seite und funkelte den Grafen aus braunen Augen erzürnt an, entschlossen
vehement Widerstand zu leisten.
„Ah, schon viel besser“, grinste der Graf anzüglich, der gerade dabei war sich
seiner Hose zu entledigen.
Die Nichte des Schmieds bebte indessen vor Wut, als sie merkte, dass ihr
Peiniger sich über sie lustig machte. Hätte sie doch nur die Kraft ihres Onkels,
dann könnte sie ihn einfach packen und...
Doch da stand er plötzlich vor ihr, mit all seiner aufgerichteten Mannespracht.
Ohne lange zu fackeln machte er einen Schritt auf sie zu und griff nach ihrer
Bluse. Wenn er seine Fleischeslust befriedigte, wollte er auch Fleisch sehen.
Besonders wenn es so frisch und zart war wie in diesem Fall.
Ylana begann unwillkürlich zu zittern, als die Angst wie ein Blitzschlag
zurückkehrte. Der kurze Augenblick der Entschlossenheit löste sich kurzerhand in
Wohlgefallen auf, und jeglicher Mut drohte sie zu verlassen. Der Allmächtige
stehe ihr bei, dachte sie. Doch in einem letzten Akt der Verzweiflung, schlug
sie plötzlich die Hand ihres Peinigers zur Seite und warf sich seitwärts aus dem
Bett.
Mehr belustigt als zornig knurrte der Graf, als er überrascht ins Leere griff:
„Du magst es also auf die harte Art. Nun gut. Ich werde dich schon zureiten,
kleine wilde Stute.“
Aber Ylana dachte in diesem Moment nur noch an eines: Flucht. Ungeachtet der
Folgen, die das unweigerlich nachziehen würde
Ohne den nächsten Vorstoß des Grafen abzuwarten, fuhr sie herum und sprang auf
die Beine. Doch der erregte Landesherr war kaum langsamer und griff nach ihrer
Hüfte, um sie zu Boden zu werfen. Als er allerdings den entscheidenden Schritt
nach vorne machte, übersah er irgendwie seine achtlos abgelegte Hose. Während er
mit dem rechten Fuß auf ein Hosenbein trat, verfing sich sein linker im
Hosenbund. Jetzt rächte sich seine rasche Bewegung.
Vom eigenen Schwung getrieben geriet er ins Straucheln und stürzte dadurch eher
unbeholfen vorwärts. Dabei fuhren seine Finger zwar noch grob über Ylanas
Schenkel, vermochten sie jedoch nicht festzuhalten.
Jetzt oder nie, dachte das Mädchen voller Panik. Sie fasste den am nächsten
stehenden Schemel und warf ihn dem Grafen kurzerhand entgegen. Dieser wurde von
dem zweckentfremdeten Möbelstück hart an Kopf und Schulter getroffen, was ihn
vor Schmerz und Wut aufschreien ließ.
Ylana kümmerte sich nicht darum. Zu ihrem Glück lag die Tür, die zur
Schmiedewerkstatt ihres Onkels führte, genau hinter ihr. Ohne weiter
nachzudenken fuhr sie herum und eilte durch den vorläufig rettenden Ausgang,
während Garon von Tyrn fluchend noch immer mit seinem edlen Beinkleid kämpfte.
Unterdessen eilte das Mädchen völlig kopflos durch die dunkle Schmiede. Dabei
schlug sie versehentlich mit dem Bein an den schweren eisernen Amboss, denn die
stets vorhandene Glut reichte bei weitem nicht aus, ihren Fluchtweg zu erhellen.
Ein wilder Schmerz durchfuhr ihren Oberschenkel für einen Moment so heftig, dass
sie beinahe zu Boden gegangen wäre. Nichtsdestoweniger erreichte sie keuchend
die Hintertür, bevor der erzürnte Graf endlich die Verfolgung aufnehmen konnte.
Das düstere blaue Zwielicht der hereinbrechenden Nacht umfing Ylana. Wohin nur?
Dachte sie verzweifelt. Auf jeden Fall weg, einfach nur weg. Tränen der Angst
verschleierten ihre Augen, als sie ziellos davon stürzte.
Inzwischen hatten auch die Wachen vor dem Haus bemerkt, dass die Angelegenheit
nicht so zu verlaufen schien, wie ihr Herr das erwartet hatte. Daher drangen
zwei der Soldaten ins Haus ein, während die übrigen das Gebäude nun vollständig
umzingelten. Allerdings geschah dies einen winzigen Augenblick zu spät, denn
Ylana war gerade hastig zwischen den Bretterstapeln der benachbarten
Tischlerwerkstatt verschwunden.
So schnell ihre bloßen Füße sie tragen konnten, rannte das Mädchen weiter, ohne
auf die zahlreichen spitzen Steine und Holzreste zu achten, die sich immer
wieder schmerzhaft in ihre Fußsohlen bohrten. Die Dunkelheit kam ihr insoweit
zugute, da sie sich hier viel besser auskannte als ihre Verfolger.
Aber bislang hatte sie sich nicht entscheiden können, wohin sie sich denn nun
wenden sollte. Vielleicht doch zur Schenke, wo Onkel Benta und Tante Ruwena
warteten? Aber wie sollten sie ihr schon helfen? Hatten sie sie nicht auch
vorhin einfach im Stich gelassen? Sie waren gegangen, einfach gegangen.
Während sie noch gehetzt mit ihrer Unschlüssigkeit rang, näherten sich bereits
polternd schwere, nagelbeschlagene Stiefel. Zweifellos würde man ihr den Weg ins
Wirtshaus abschneiden. Das nahm ihr nun zumindest eine Entscheidung ab. Und da
ihr nichts Besseres in den Sinn kam, rannte sie einfach weiter, die Rufe der
Soldaten und die bellenden Befehle des wütenden Grafen im Nacken.
Ylana war davon überzeugt, dass dieser sie kurzerhand umbringen würde, falls er
sie in seine widerlichen Finger bekäme. Erste Zweifel keimten in ihr. Vielleicht
hätte sie besser nicht fliehen und stattdessen doch einfach den Dingen ihren
Lauf lassen sollen. - Oh Gott was sollte sie nur tun?
Da nahm sie plötzlich einen Schatten in der Dunkelheit wahr, und ein vertrautes
Schnauben entfachte einen Hauch von Hoffnung in ihr. Nur wenige Schritte vor ihr
stand Lissa, die Stute des Dorfvorstehers. Sein ganzer Stolz. Ein ungewöhnlich
prächtiges Pferd für einen Mann seines dennoch bescheidenen Standes.
Das Tier scheute nicht, als Ylana kurzerhand den Verschlag öffnete und nach den
Zügeln griff, denn schließlich waren die beiden einander recht vertraut.
Sie war noch ein kleines Kind gewesen als ihre Eltern gestorben waren. Hancon,
der Dorfvorsteher, hatte Mitleid mit den beiden Schwestern gehabt und ihnen
daher erlaubt, sich um das Fohlen zu kümmern. Nachdem die Stute schließlich alt
genug gewesen war, hatten sie das Tier sogar von Zeit zu Zeit reiten dürfen.
Deshalb zögerte Ylana auch nicht, sich kurzerhand auf den blanken Rücken des
Tieres zu schwingen. Auf einen Sattel würde sie allerdings verzichten müssen,
sonst wurde sie sicher entdeckt, noch bevor ihr die Flucht gelang. Doch es war
ohnehin nicht das erste Mal, dass sie das Pferd ohne Sattel ritt.
„Lass mich nicht im Stich“, flüsterte sie dem stolzen Tier ins Ohr, dann stieß
sie ihm energisch die Schenkel in die Seite.
Tief über den Hals der Stute gebeugt, galoppierte Ylana wenig später in
südlicher Richtung aus dem Dorf, ohne zu wissen, ob sie je wieder hierhin würde
zurückkehren können.
Die hektischen Rufe der Soldaten verrieten ihr allerdings, dass ihre Flucht zu
Pferde inzwischen bemerkt worden war. Nun konnte sie lediglich hoffen, genügend
Distanz zu ihren Verfolgern zu schaffen, damit diese in der Dunkelheit ihre Spur
verlieren würden. Denn ohne jeden Zweifel würde der Graf und seine Männer mit
allen Mitteln versuchen ihrer habhaft zu werden.
Wie oft in dieser Jahreszeit war es mit Einbruch der Nacht deutlich kühler
geworden, aber Ylana schien die Kälte trotz ihres dünnen Leinenkleides kaum
wahrzunehmen. Sie hatte genug damit zu tun, sich so gut es eben ging auf dem
Rücken des Pferdes zu halten, während die Hufe der Stute in gestrecktem Galopp
über den Fuhrweg trommelten.
An der Flussbrücke bog sie dann in Richtung Wald ab, denn sie fürchtete, dass
ihr bleiches Gewand im hellen Mondlicht auf den Feldern nur allzu gut aus der
Ferne entdeckt werden konnte.
Auch wenn sie ihre Verfolger noch nicht auszumachen vermochte, so atmete sie
aber dennoch für einen Moment auf, als ein schützendes Blätterdach sich über ihr
ausbreitete.
Inzwischen war die Nacht entgültig hereingebrochen, und sie musste notgedrungen
ihre Geschwindigkeit verringern, um in der Finsternis nicht vom Weg abzukommen.
Dabei war ihr gar nicht wohl bei dem Gedanken, alleine durch den dunklen Wald zu
reiten. Aber es schien ihr immer noch besser, als dem unbändigen Zorn des
grausamen Grafen ausgeliefert zu sein. Sie hoffte nur, dass auch ihre Jäger
davon ausgingen, sie würde den Wald eher meiden.
Indessen drang sie immer weiter in den Forst ein. Der Weg wurde allmählich
schmäler und der Untergrund zunehmend holpriger. Die Vegetation hatte an diesem
Ort längst begonnen, sich verloren gegangenen Boden zurück zu erobern. Immer
öfter streiften unsichtbare Zweige Gesicht und Schultern der Reiterin, bis sie
schließlich gezwungen war, die Stute nur noch Schritt gehen zu lassen.
Inzwischen war Ylana mehrmals abgebogen, in der Hoffnung, die Verfolger zu
verwirren. Allerdings fiel es ihr dadurch selbst zunehmend schwerer, die
Orientierung nicht zu verlieren. Ohnehin konnte sie gerade noch erahnen, in
welche Himmelsrichtung sie sich bewegte.
Dennoch schien ihr nichts anderes übrig zu bleiben, als ihre Flucht weiter
fortzusetzen, selbst wenn sie sich letztendlich völlig verirren sollte.
Die Nacht war still. Kaum ein Windhauch brachte die Zweige in den Wipfeln zum
Rascheln. Nur ein einziges Geräusch vermochte sie außer dem Hufschlag und dem
gelegentlichen Schnauben ihres Pferdes zu vernehmen. Es war ein rasches
rhythmisches Klopfen Das ängstliche Schlagen ihres eigenen Herzens.
Ihr war so elend zumute. Immer wieder wischte sie sich salzige Tränen aus den
Augenwinkeln. Warum hatte ihr das Schicksal nur so übel Mitgespielt? Noch vor
wenigen Stunden war die Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen und nun?
Nun war sie auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft. Völlig auf sich alleine
gestellt, hilflos, ohne zu wissen, wie es weiter gehen sollte.
Mittlerweile fror Ylana am ganzen Leib, und ihre Gedanken begannen sich im
Kreise zu drehen, auf der Suche nach einem Weg aus dieser schier ausweglosen
Situation. Aber selbst wenn ihre Flucht gelingen würde. Was hielt das Schicksal
dann noch für sie bereit? Im Augenblick war sie kaum in der Lage sich
vorzustellen, dass alles schließlich ein gutes Ende nehmen würde.
Sie wusste bald nicht mehr, wie lange sie inzwischen dahingetrottet war. Der
Mond war inzwischen ein ganzes Stück weiter gewandert, und immer wieder musste
sie die Stute mit leichtem Nachdruck und guten Worten auffordern weiterzugehen.
Anscheinend fühlte sich das Tier zunehmend unwohler, je weiter es sich von
seinem Heimatstall entfernte.
Plötzlich hörte sie ferne Geräusche. Unvermittelt hielt sie an um besser
lauschen zu können. Es war als würde ihr Herzschlag aussetzen, so arg fuhr ihr
der Schrecken in die Glieder. Hundegebell, da gab es keinen Zweifel. Der Graf
hatte seine Hundemeute auf ihre Spur gehetzt. Jede Hoffnung schien so rasch aus
ihr zu weichen, wie die Luft aus ihren Lungen, denn so viel wusste auch sie:
Hatten die ausdauernde Bluthunde die Witterung der Beute erst einmal
aufgenommen, gab es kaum mehr ein Entrinnen.
Dennoch war Ylana nicht bereit, so einfach aufgeben. Was blieb ihr auch sonst
übrig. Obwohl es in der Finsternis äußerst riskant war, trieb sie die Stute
erneut zum Galopp an. Dabei war es ihr fast gleichgültig wohin das Pferd nun
rannte. Zweifellos hatte es ebenfalls die Hunde bemerkt und schien daher von
ganz alleine möglichst viel Distanz zwischen sich und der hetzende Meute bringen
zu wollen.
Nach einigen kurzen Augenblicken schien sie ganz vom Weg abgekommen zu sein. Vor
Kälte zitternd und zunehmend erschöpft, klammerte Ylana sich weit vornüber
gebeugt an die Zügel. Trotzdem peitschten ihr immer wieder Zweige ins Gesicht.
Der Wald war allerdings etwas lichter geworden, sodass kein dichtes Unterholz
ihr Vorankommen erschwerte. Zudem half nun das immer öfter bis zum Boden
durchdringende fahle Mondlicht ein wenig bei der Orientierung. Trotzdem konnte
es nur allzu leicht geschehen, dass die Stute versehentlich in ein verborgenes
Loch trat, ins Straucheln geriet und sich dabei sogar ein Bein brach. Daher ließ
Ylana das Tier notgedrungen wieder langsam traben, obwohl ihr alles andere als
Wohl dabei war, denn das Gebell der Verfolger hallte noch immer beängstigend
durch die Nacht. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde sie sicher bald eingeholt
werden, befürchtete sie. Und das wohl kaum zu Unrecht. Denn bereits wenige
Minuten später war das Gekläffe der Meute merklich näher gekommen, und selbst
die anfeuernden Rufe der Reiter waren nun deutlich zu vernehmen.
Die Situation wurde nun immer hoffnungsloser. Nur mit Mühe lenkte Ylana die
Stute einen kleinen Abhang hinunter und wäre dabei fast noch von ihrem Rücken
gestürzt. Doch dann fand sie sich plötzlich auf einem schmalen Weg wieder. Noch
einmal spornte sie das Tier zu einem verzweifelten Galopp an. Könnte Lissa sich
doch nur einem Adler gleich in die Lüfte erheben, dachte das Mädchen
verzweifelt.
Immerhin rannte die Stute nun, als ginge es um ihr eigenes Leben. Schon bald war
das edle Fell feucht vom Schweiß, und Ylana fürchtete erneut den Halt zu
verlieren. Lange würde sie sich ohnehin nicht mehr halten können, denn der Ritt
zehrte zunehmend an ihren Kräften. Wenn sie nur wüsste wohin sie sich wenden
sollte. Gab es hier überhaupt einen Ort der Schutz versprach? Und falls doch,
wie sollte sie diesen bloß finden? Ylana kam nicht umhin sich einzugestehen,
dass ihre Lage mehr und mehr aussichtslos erschien. Warum dann nicht besser
aufgeben? Sie hatte ohnehin nicht mehr die geringste Ahnung, wo sie sich befand.
.
Als würde sie die Bedenken ihrer Reiterin teilen wurde die Stute plötzlich
unruhig. Sie verfiel in einen nervösen Trab und warf ihren Kopf widerspenstig
hin und her. Hatte das Tier etwa auch die Sinnlosigkeit der Flucht begriffen,
oder war es einfach zu erschöpft, um noch weiter zu rennen? Doch dann stand die
Stute unvermittelt Still. Die empfindlichen Ohren nach vorne gerichtet, zitterte
sie am ganzen Leib.
Als Ylana sie energisch mit den Schenkeln aufforderte weiter zu gehen, blähte
sie ihre Nüstern und schnaubte ängstlich. Egal was das Mädchen nun versuchte,
das Pferd war nicht mehr vorwärts zu bewegen und tänzelte allenfalls nervös zur
Seite.
„Lissa, lauf weiter“, flehte Ylana. Doch die Stute wurde dadurch nur noch
unruhiger. Schließlich begann sie sich sogar unter Ylanas Drängen aufzubäumen.
Auch wenn sie seit ihrer Kindheit immer wieder einmal auf Lissas Rücken gesessen
hatte, so war sie doch längst keine erfahrene Reiterin. Demzufolge gelang es ihr
mit einem Mal nicht mehr, das nun ungewohnt bockige Pferd unter Kontrolle zu
bringen.
Die Stute stieg wiehernd hoch, drehte sich im Kreis, stieg erneut auf die
Hinterhand, bis es um Ylana geschehen war. Als ihre kraftlosen Hände die Zügel
nicht länger halten konnten, verlor sie gleichzeitig Balance und Halt.
Vergeblich glitten ihre Finger über das schweißnasse Fell des Pferdes, was sie
unweigerlich mit einem spitzen Aufschrei zu Boden stürzen ließ.
Zu ihrem Glück bremsten zumindest dichte Kräuter und Moospolster ihren Fall,
sodass sie kaum mehr als ein paar unbedeutende Schrammen und blaue Flecke
davontrug.
Unvermittelt von ihrer Last befreit, fuhr die Stute herum. Fast hätten ihre Hufe
dabei Ylanas Kopf getroffen, die sich im letzten Moment gerade noch reflexartig
zur Seite ducken konnte. Doch das Pferd kannte in seiner Angst instinktiv nur
noch eines: So schnell wie möglich weit weg von diesem Ort.
Da halfen auch Ylanas verzweifelte Rufe nicht mehr. Bereits nach wenigen
Augenblicken war die Stute in der Dunkelheit verschwunden, und ihr donnernder
Hufschlag wurde nur allzu schnell vom beängstigend anschwellenden Gebell der
Verfolger übertönt.
Jäh wurde Ylana sich ihrer Situation bewusst. Zu Fuß hatte sie keine Chance mehr
weit zu kommen. Zorn mischte sich unter ihre Verzweiflung. Warum waren sie
überhaupt hinter ihr her? Sie hatte doch eigentlich fast gar nichts getan. Der
Graf allerdings sah das offensichtlich völlig anders. Und obwohl ihre Lage nun
wirklich aussichtslos schien, konnte sie sich einfach nicht damit abfinden, sich
tatenlos dem Schicksal zu ergeben. Was hatte sie schon zu verlieren?
Anstatt einfach erschöpft an Ort und Stelle liegen zu bleiben und der Ankunft
ihrer Verfolger zu harren, huschte sie zitternd ins dichtere Unterholz. Dabei
ignorierte sie einfach die Tatsache, dass es auf diese Weise vor den Spürnasen
der Hunde auch kein Entkommen geben würde. Sie achtete auch nicht auf das
verräterische Rascheln, welches ihre hastigen Bewegungen im Laub hervorriefen
und kroch stattdessen aus irgendeinem unerfindlichen Trieb immer weiter in das
Dickicht hinein.
Obwohl sie bald am Ende ihrer Kräfte war, schob sie sich dennoch wie in Trance
vorwärts. Dabei achtete sie weder auf die knorrigen Wurzeln, die ihre Knie
verschrammten, noch auf vereinzelte Dornen, die zunehmend ihre Handflächen und
Unterarme zerkratzten. Selbst der Umstand, dass die Hunde ihr mittlerweile so
nahe gekommen waren, dass sie bereits deren gieriges Hecheln vernehmen konnte,
schien für Ylana nicht mehr von Belang zu sein.
Der Graf zügelte energisch sein Pferd als er die Hunde erreichte. Die Meute
sprang jaulend vor einem Dickicht am Wegesrand hin und her. Traute sich aber
anscheinend nicht weiter vor. Befand sich das Mädchen etwa dort im Gestrüpp? Mit
ihrem gestohlenen Pferd hätte sie jedenfalls nicht dort hineinreiten können,
schloss der Graf und befahl seinen Männern abzusitzen, um das Unterholz in
Augenschein zu nehmen. Doch die Männer stiegen nur äußerst zögerlich von ihren
Pferden und legten plötzlich keinen allzu großen Eifer an den Tag, der Anordnung
ihres Herren nachzukommen.
„Was ist?“ fauchte der Graf gereizt. „Soll ich vielleicht selbst nachsehen?“
„Aber Herr“, überwand sich einer der Männer zu entgegnen. „Dort drüben befindet
sich die Burg Borgons des Verfluchten.“
„Du meinst, was davon übrig geblieben ist. Habt ihr etwa Angst?“
Die Männer antworteten nicht, sondern senkten die Köpfe und folgten missmutig
dem Befehl.
Aberglaube war immerhin eine Sache, an der mit etwas Glück nichts Wahres dran
war. Der Zorn des Grafen hingegen, stellte eine ganz reelle Bedrohung dar.
Doch nicht nur den Soldaten schien die Nähe zu dieser weithin gefürchteten
Stätte unheimlich, denn Garon von Tyrn´s Pferd wurde ebenfalls zunehmend
unruhig, und es kostete ihn einiges an Mühe, es unter Kontrolle zu halten. Auch
die übrigen Tiere wurden davon zunehmend angesteckt. Mit weit aufgerissenen
Augen warfen sie wiehernd die Köpfe in den Nacken, sodass die Männer plötzlich
alle Hände voll damit zu tun hatten, die Tiere am Durchgehen zu hindern.
Sogar die Hunde schienen ihres angeborenen Jagdtriebes beraubt und streunten mit
angelegten Ohren winselnd und scheinbar ziellos umher, so als wäre ihnen
irgendetwas nicht geheuer. Aber möglicherweise hatten sie auch einfach nur die
Witterung verloren.
Doch da bellte plötzlich einer der Hunde erregt und begann schnüffelnd dem
Waldweg weiter zu folgen. Offensichtlich hatte er die Witterung der geflohenen
Stute aufgenommen, und es schien ihm wohl irgendwie weit lohnender, dieser
Fährte zu folgen, anstatt auf der Spur des Mädchens zu bleiben, zumal die Fährte
von diesem unheimlichen Ort wegführte.
Die Soldaten ihrerseits waren natürlich nur allzu gerne bereit, sich der
Entscheidung des Hundes anzuschließen.
„Seht Herr. Das Tier hat die Spur wieder gefunden. Sie muss dort entlang
geritten sein.“
Doch der Graf zögerte, noch immer mit seinem beunruhigten Pferd beschäftigt.
„Kein Mensch würde sich des Nächtens freiwillig den verfluchten Mauern nähern,
und wie sollte sie überhaupt dort hindurch geritten sein“, fügte ein weiterer
Soldat hinzu.
In der Tat rankten sich zahlreiche düstere Legenden um die Vergangenheit der
hinter wildem Gestrüpp verborgenen Burgruine. Mütter und Ammen pflegten unartige
Kinder damit zu erschrecken. Aber nicht nur Kindern bereitete die Erwähnung des
Gemäuers ein ungutes Gefühl. Den Namen des letzten Burgherren wagte gar kaum
jemand laut auszusprechen. Zu schrecklich waren die Geschichten, die von ihm
überliefert worden waren.
Zahlreiche Menschen, ja selbst die Einwohner eines ganzen unglücklichen Dorfes
soll Fürst Borgon einst in seinen unheiligen Bann gezogen haben. Niemand wusste,
was damals wirklich geschehen war. Einige wenige Unglückliche hatte man
schließlich tot und blutleer bis zum letzen Tropfen aufgefunden. Die meisten
Menschen blieben jedoch für alle Zeiten spurlos verschwunden. Bis auf einen
kleinen Jungen zumindest, den man einsam und verloren mitten auf dem Dorfplatz
sitzend aufgefunden hatte. `Borgon´, soll er noch ein einziges Mal gesagt haben,
um danach nie wieder auch nur ein Wort zu sprechen.
Nach diesem schrecklichen Ereignis hatten sich zahlreiche Fürsten und Grafen aus
den benachbarten Gebieten zusammengeschlossen, um die Burg zu stürmen und dem
grausamen Treiben des Fürsten Borgon ein Ende zu bereiten. Die wenigen Männer
Borgons sollen gegen die Übermacht bis zum letzen Mann fanatischen Widerstand
geleistet haben. Am Ende, so wurde erzählt, hatte der Fürst selbst dann noch
höhnisch lachend auf dem höchsten Turm gestanden, als die Mauern bereits
gestürmt und die Burg in Brand gesetzt war.
Borgon war schließlich rasch festgenommen worden. Allerdings hatte man sich
nicht mehr die Mühe gemacht, ihn noch vor ein Gericht zu stellen. Kurzerhand war
er an seinen eigenen Pranger gefesselt und den alles verzehrenden Flammen
überlassen worden.
So erzählte es jedenfalls die Legende. Seitdem hatte ein jeder, der aufrichtigen
Gemüts war, es tunlichst vermieden, diesen unheiligen Boden zu betreten.
Und auch der Graf schien nun mehr und mehr davon Abstand zu nehmen. Vielleicht
hatten seine Männer ja Recht. Zudem schienen die Hunde ohnehin erneut eine Spur
aufgenommen zu haben. So ließ er denn seinem Pferd freien Lauf. Dem ängstlichen
Tier brauchte er nicht einmal die Sporen geben, damit es der Hundemeute erneut
bereitwillig folgte.
Ylana bewegte sich wie im Rausch. Sie hatte gar nicht mal bemerkt, dass ihre
Verfolger weiter gezogen waren. Das Gestrüpp war nun weniger dicht, sodass sie
sich wenigstens aufrichten konnte. Unsicher machte sie einige Schritte vorwärts.
Aber dann stolperte sie plötzlich, als ihr Fuß unvermittelt ins Leere trat. Mit
einem erschrockenen Aufschrei fiel sie nach vorne. Diesmal bremsten allerdings
keine weichen Pflanzenpolster ihren Fall, sondern sie Schlug hart auf
unnachgiebiges Gestein.
Ylana stöhnte vor Schmerz. Benommen blieb sie eine Weile reglos liegen. Ihr
rechtes Handgelenk konnte sie kaum noch bewegen, und auch die rechte Schulter
und das Knie taten höllisch weh. Trotzdem versuchte sie sich nach einer kurzen
Verschnaufpause schluchzend aufzurichten, was ihr mit einiger Mühe schließlich
auch gelang. Erst jetzt nahm sie ihre Umgebung etwas genauer wahr. Unsicher
blickte sich das Mädchen um.
Dunkle Mauern ragten vor ihr auf, deren zerklüftete Kronen sich deutlich vom
sternenklaren Nachthimmel abhoben. Ein kleines Stück rechts vor ihr unterbrach
eine breite unregelmäßige Bresche den düsteren schwarzen Wall, ganz so, als
hätte die Faust eines Riesen einen Teil der Mauer zertrümmert.
Eine alte Ruine, dachte Ylana. Vielleicht konnte sie sich hier eine Weile
verstecken. Ihre Gedanken begannen sich allmählich wieder etwas zu klären. Erst
in diesem Moment bemerkte sie, dass das Gebell der Hunde verschwunden war.
Stille umgab sie, völlige Stille. Als hätte die Natur den Atem angehalten.
Nicht einmal ein winziger Lufthauch entlockte den Blättern in den Bäumen ein
leises Rascheln. Das Klopfen ihres Herzschlages und ihr eigener Atem schienen
der jungen ängstlichen Frau plötzlich unnatürlich laut. Die Atmosphäre wirkte
auf nicht fassbare Weise beängstigend. Deshalb hielt Ylana es für keine gute
Idee, vor den Mauern zu verweilen, denn Schutz konnte sie allenfalls im Innern
des verfallenen Bauwerks finden.
Zwischen zahlreichen moosbedeckten Steintrümmern zeichnete sich im Mondschein
ein schmaler Pfad ab. Vorsichtig und unter Schmerzen, folgte sie ihm durch die
Bresche und gelangte in einen dunklen kleinen Innenhof. Aber auch hier herrschte
die gleiche bleierne, fast gespenstische Stille.
Ylana schaute sich beunruhigt um. Dabei versuchte sie jegliches Geräusch zu
vermeiden, als fürchtete sie, dass selbst das Rascheln eines kleinen Steines
unter ihren Füßen irgend etwas aufwecken könnte was besser schlafend bliebe.
Welch ein unheimlicher Ort ist das wohl hier? Dachte sie ängstlich.
Da sich ihre Eltern erst kurz nach ihrer Geburt in Dorhany niedergelassen, und
daher keine engere Beziehung zur Geschichte dieser Gegend gehabt hatten, war
Ylana auch wenig mit den düsteren Legenden der Einheimischen konfrontiert
worden. Natürlich kannte sie die ein oder andere unheimliche Geschichte, doch
maß sie ihnen weit weniger Bedeutung zu, als die alt Eingesessenen dies zu tun
pflegten.
Trotzdem. Hatte sie nicht doch von einer alten Ruine in der Gegend gehört, von
der bisweilen in dunklen kalten Winternächten manch schaurige Geschichte erzählt
wurden? Offensichtlich entsprach zumindest ein Teil der Geschichten der
Wahrheit. Seltsam, dachte sie. So weit war sie doch gar nicht von ihrem Dorf
entfernt. Aber irgendwie hatte es sie nie in diese Gegend verschlagen, und auch
sonst kannte sie ihres Wissens niemanden, der vom Besuch dieser Ruine je
berichtet hätte.
Eigentlich war Ylana ja nicht übermäßig furchtsam. Geschichten von Gespenstern
und Ungeheuern waren für sie allenfalls schaurige Märchen, mit denen man
vielleicht Kindern das Fürchten lehren konnte.
Doch irgendwie war ihr dennoch unheimlich zumute, und sie fröstelte nicht nur
vor Kälte.
Sollte sie wirklich an diesem merkwürdigen Ort bleiben? Wohlmöglich gab es hier
ja doch ungeahnte Gefahren.
Hingegen machte es aber wenig Sinn, in der Nacht weiter zu Fuß durch den Wald zu
irren. Sie konnte sich dabei nur noch mehr verirren oder im schlimmsten Falle
ihren Verfolgern in die Arme laufen, die auf nahezu wunderbare Weise ihre Spur
verloren zu haben schienen. Zudem war sie mit ihren Kräften ziemlich am Ende,
und die schmerzenden Gelenke luden auch nicht gerade zu einem nächtlichen Marsch
ein. Also beschloss sie, wohl oder übel, doch zwischen den Mauern nach einem
Unterschlupf zu suchen. Vielleicht konnte sie ja ein wenig Schlaf finden. Und
mit viel Glück würde sie morgen einfach in ihrem kleinen Bett aufwachen, um
festzustellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war.
Behutsam tastete Ylana sich vorwärts. Der Boden lag voller Geröll, und sie
wollte nicht erneut stürzen. Irgendwo in diesem Gemäuer musste es doch einen
halbwegs geeigneten Unterschlupf geben. Nach der kräftezehrenden Jagd sehnten
sich Körper und Geist gleichermaßen nach Ruhe. Doch die bedrückende Stille, die
sie hier umgab, schlug dumpf auf ihr ohnehin angeschlagenes Gemüt. Denn obwohl
hier alles so verlassen und leblos wirkte, wie es in einer Ruine nur sein
konnte, ging etwas unheimliches Beklemmendes von diesem Ort aus. Es war, als ob
die Mauern selbst urplötzlich zu einem unnatürlichen Leben erwachen und sie
erdrücken könnten.
Das Bedürfnis, sich in irgendeinem Loch zu verkriechen, steigerte sich mit jedem
weiteren Schritt, den sie tat. Am liebsten hätte sie sich an Ort und Stelle
unter dem nächstbesten Stein versteckt. Nein, viel lieber wäre sie nun zu Hause.
Ein Wunsch, der sich aber kaum erfüllen würde.
Stattdessen schälte sich nun wenige Meter vor ihr eine halb verfallene Treppe
aus den dunklen Schatten. Darunter schien es immerhin genügend Platz für einen
Menschen von zierlicher Gestalt zu geben und hoffentlich auch etwas Schutz. Die
Kälte allerdings, würde sie wohl aushalten müssen. Vorsichtig nahm sie den
notdürftigen Unterschlupf in Augenschein, aber in dem tiefen Schatten war leider
kaum eine Einzelheit zu erkennen. Ylana hoffte nur, dass sich die Anzahl
diversen Krabbelgetiers in für sie zumutbaren Grenzen hielt, und über Ratten
wollte sie erst gar nicht weiter nachdenken.
Sie hatte sich gerade leicht gebückt, um unter die Treppe zu schlüpfen, als sie
plötzlich irgendwo ein schabendes Geräusch vernahm. War es direkt hinter ihr
gewesen? Oder kam es vielleicht von weiter oben? Alarmiert blickte sie sich um.
Waren ihre Verfolger etwa doch nicht verschwunden und hatten damit gerechnet,
dass sie sich hier verbergen würde? Hatten sie sie wohlmöglich absichtlich in
trügerischer Sicherheit gewogen? Welch grausames Spiel trieb man mit ihr?
Aber so sehr Ylana ihre Augen anstrengte, sie konnte niemanden erkennen.
Vermutlich war es ja nur ein kleines Tier, versuchte sie sich zu beruhigen, und
allzu gefährliche Raubtiere sollte es hier eigentlich nicht mehr geben.
Trotzdem, Verkriechen war sicherlich nicht die schlechtste Idee.
Doch in dem Moment, da sie sich erneut bückte, um nicht mit dem Kopf an die
Unterseite der Treppe zu stoßen, sprach völlig unerwartet eine Stimme zu ihr:
„Ihr solltet Euch vorsehen, Kind. Dies ist nicht der rechte Ort und kaum die
rechte Zeit für ein solch einsames und unschuldiges Wesen.“
Es war, als müsse Ylanas Herz augenblicklich stehen bleiben. Der Schreck traf
sie wie ein Schock. Gleich einem Kübel Eiswasser, den jemand über ihr
ausgegossen hatte. Der Graf, dachte sie. Nun war sie doch noch erwischt worden.
Die ganze Fluch war umsonst gewesen, ja hatte wohlmöglich alles nur noch weit
schlimmer gemacht.
„Bitte, werter Graf, tut mir nichts“, flehte sie die schattenhafte Gestalt an,
die nur wenige Schritte hinter ihr geradewegs aus dem Nichts aufgetaucht zu sein
schien. In ihrer Panik bemerkte sie dabei zunächst gar nicht, dass die Stimme
deutlich anders geklungen hatte, als die des Grafen. Ein wenig tiefer, und ein
leicht fremdartiger Akzent lag in der Sprache.
„Oh, ich fürchte ich bin gar nicht derjenige für den Ihr mich haltet.
Anscheinend fürchtet Ihr Euch vor irgendeinem Grafen. Und ich vermute, Ihr seid
vor ihm geflohen. Doch Soweit kann ich Euch jedenfalls beruhigen. Mit diesem ...
Menschen, habe ich nichts zu schaffen.“
„A...aber wer seid Ihr dann...? Und was tut Ihr hier?“ Stammelte Ylana
ängstlich.
„Nun“, begann der Fremde und trat etwas näher an das Mädchen heran.
„Betrachtet mich einfach als jemanden, der sich hier auskennt und der Euch
versichert, dass niemand von außerhalb dieser Mauern Euch Schaden zufügen wird.
– Mein Wort als Edelmann darauf.“
Im bleichen Mondschein erkannte Ylana einen eher unscheinbaren Mann mittleren
Alters mit fahlblondem oder gar grauem Haar. Im Augenblick machte er auf sie
zumindest keinen allzu bedrohlichen Eindruck, wenn man von den seltsamen
Umständen ihrer Begegnung einmal absah.
„Ihr seid ein Edelmann? Aber was macht ein Edelmann nachts in einer verlassenen
Ruine?“ Fragte Ylana zweifelnd.
„Im Moment ist sie ja offensichtlich nicht verlassen oder? Und sollte ich nicht
vielmehr fragen, was eine so junge Frau zu dieser Zeit an diesem Ort macht?“
Entgegnete der Fremde ein wenig spöttisch.
„Man hat mich verfolgt, ... ich, ich bin geflohen, mit dem Pferd und... und fast
hätten sie mich erwischt“, stotterte Ylana unsicher.
„So, dann müsst Ihr ja jemanden ziemlich erzürnt haben.“
„Nein, ich habe nichts getan. Der Graf wollte ... er wollte, es war so furchtbar
...“, Ylanas Stimme drohte sich zu überschlagen.
„Ach ja, der Graf. - Ich habe von ihm gehört. Man sagt, er hätte eine ganz
besondere Schwäche für so junge Dinger wie Euch.“
„Ihr kennt ihn?“
„Er ist doch wohl der Herr über diese Gegend. Warum sollte ich ihn dann nicht
kennen? Gerade wo wir doch beide von edler Abstammung sind.“
„Oh, dann seid Ihr verwandt mit ihm?“ Befürchtete Ylana.
Falls dem so war, würde er sie wohlmöglich kurzerhand ihrem Peiniger ausliefern.
Doch der vermeintliche Edelmann lachte nur verächtlich. „Nein, wo denkt Ihr hin.
Wir sind nicht von gleichem Blute. Ganz und gar nicht.“ Dabei bekam seine Stimme
einen kalten bedrohlichen Unterton, und für einen Moment konnte Ylana einen
Hauch von Hass und Verachtung fast körperlich spüren. Dann hatte der Fremde sich
wieder unter Kontrolle.
„Aber ich hatte bereits das Vergnügen mit Seinesgleichen. Vor langer Zeit. -
Aber ich möchte Euch nicht mit alten Geschichten langweilen. Nur, so wie es
aussieht, werdet Ihr wohl die Nacht hier verbringen müssen. Viele
Bequemlichkeiten kann ich Euch allerdings nicht bieten. Dennoch ist es
sicherlich besser als im Wald zu nächtigen. Da werdet Ihr mir doch sicher
zustimmen, oder?“
„Ich denke schon“, meinte Ylana vorsichtig.
„Dann ist es mir ein Vergnügen Euer Gastgeber zu sein. Folgt mir“, forderte der
Fremde sie freundlich auf und ging auf einen dunklen Torbogen zu.
Ylana zögerte. Ihr war nicht ganz wohl zumute. Sollte sie dem Unbekannten
wirklich trauen? Doch mit einem er hatte sicherlich Recht. Allein im Wald
herumzuirren war kaum eine gute Idee. Was blieb ihr also anderes übrig als dem
Fremden zu folgen?
„Wartet“, bat sie und eilte ihm hinterher, so schnell es ihre angeschlagenen
Knie und die Dunkelheit zuließen.
Durch den Torbogen gelangte sie in einen weiteren Innenhof. Hier war der Verfall
offensichtlich nicht so weit vorangeschritten. Ein Gebäude schien sogar auf den
ersten Blick noch recht gut erhalten. Trotzdem war Ylana die ganze Situation
nicht ganz geheuer. Was machte dieser Mann hier. War das alles wirklich nur ein
glücklicher Zufall? Irgendwie erschien ihr alles auf einmal so unwirklich, und
eine Stimme in ihrem Innern flüsterte ihr leise zu: Traue diesem Fremden nicht!
Aber was sollte sie stattdessen denn tun? Erneut weglaufen? Wohin? Darauf fiel
ihr keine Antwort ein.
Trotzdem beschloss sie misstrauisch zu bleiben und rang sich zu einer Frage
durch: „Ihr habt mir immer noch nicht erzählt, wer Ihr seid und was ihr hier
macht. Wie kann ich Euch trauen?“
Der unbekannte Edelmann hielt unvermittelt inne. Ohne sich zu ihr herumzudrehen
antwortete er: „Ihr müsst mir nicht trauen. Es liegt ganz bei Euch. Geht in den
Wald zurück wenn Ihr das wollt oder seid mein Gast.“ Mit diesen Worten ging er
einfach weiter auf das Gebäude zu.
Was soll´s, dachte Ylana. Sie wollte weder in den Wald zurück, noch die ganze
Nacht hier herumstehen. Vielleicht gab es in der Ruine ja doch so etwas wie ein
Bett und ein wenig Wärme. Wohlmöglich war der Fremde sogar in der Lage ihr zu
helfen und sie vor Graf von Tyrn zu beschützen. Denn falls er wirklich ein
Edelmann war, dann musste er auch über ein wenig Macht und Einfluss verfügen.
Aber wenn er log und in Wirklichkeit ein Räuber oder gar Schlimmeres war?
„Also, wie habt Ihr Euch entschieden?“ Unterbrach der Fremde, der bereits das
kleine Portal des Hauses erreicht hatte, Ylanas unschlüssige Gedanken.
„Na schön“, entgegnete Ylana schicksalsergeben und schickte sich an ihm zu
folgen. „Aber was meintet Ihr eben als Ihr sagtet, ich solle Euer Gast sein?
Wolltet Ihr damit etwa andeuten, dass dies Euer Heim ist?“ Dabei rechnete sie
eigentlich nicht damit, dass der seltsame Mann ihre Frage wirklich bejahen
würde.
Der Fremde, der bislang noch am Eingang auf Ylana gewartet hatte, kam ihr nun
wieder entgegen. „Warum nicht?“ Antwortete er leise. Ist mein Heim Euch nicht
genehm?“
Ylana erstarrte. Wie konnte jemand, der von sich behauptete ein Edelmann zu
sein, in dieser Ruine leben? Zunehmend verunsichert trat sie einige Schritte
zurück.
„Wer seid Ihr?“ Fragte sie nun abermals, während ihr Gastgeber aus dem Schatten
ins fahle Mondlicht trat. Nun war er ihr plötzlich so nahe wie nie zuvor, sodass
sie jetzt zum ersten Mal direkt in seine Augen blicken konnte. Augen wie sie sie
niemals zuvor in ihrem Leben erblickt hatte. Vergeblich suchte sie nach dem
typischen Weiß im Auge eines Menschen. Stattdessen entdeckte sie nichts als
bodenlose Schwärze.
„Wer?...Was seid Ihr?“ Stammelte sie entsetzt. Das nackte Grauen hatte Ylana
gepackt. Jäh schossen ihr die Ammenmärchen der langen Winternächte durch den
Kopf, die bisweilen von grauenhaften dämonischen Wesen in Menschengestalt
gehandelt hatten. Niemals hätte sie selbst in ihren kühnsten Fantasien für
möglich gehalten, dass diese Geschichten mehr waren, als nur düstere Märchen und
Legenden. Doch nun stand eine Gestalt vor ihr, die direkt den unheimlichen
Erzählungen entsprungen zu sein schien.
Ungeachtet des entsetzten Mädchens und der Absurdität der Situation, fuhr der
Unheimliche im Plauderton fort als gäbe er einen Empfang für eine edle
Gesellschaft.
„Aber natürlich. Wo bleiben meine Manieren? Ich vergaß mich vorzustellen. Mein
Name ist Miran von Borgon. Ehemals Fürst dieses Landstriches. Vielleicht habt
Ihr von mir gehört?“ Dabei umspielten seine Lippen ein kaltes Lächeln, das seine
freundlichen Worte Lügen strafte.
In der Tat, Ylana erinnerte sich wage, aber vielleicht wäre es in diesem
Augenblick besser gewesen, hätte sie keinerlei Vorstellung mit diesem Namen
verbinden können. Doch die grauenvolle Geschichte vom Blutfürsten Borgon tauchte
immer wieder in alten Legenden auf, und niemand sollte die Begegnung mit dem
Schrecklichen lebend überstanden haben oder aber jemals wieder aufgetaucht sein.
Ylana wusste nicht, welche Vorstellung ihr in diesem Moment schlimmer schien.
Und erneut wurde ihr Innerstes von zwei alles beherrschenden Gedanken
überschwemmt: Entsetzen und Flucht.
Panikerfüllt warf sie sich herum, während der dunkle Fürst ihr mit raschen
Schritten den Rückweg abschnitt.
Erschrocken sprang Ylana zurück und blickte sich gehetzt um. Dann rannte sie
einfach blindlings los. Auch wenn im hintersten Winkel ihres Verstandes eine
leise Stimme sie warnte, dass dies wohlmöglich die falsche Richtung sei.
Auf der linken Seite des Gebäudes schien es allerdings eine Lücke zu geben.
Vielleicht tat sich dort ein geeigneter Fluchtweg auf. Sie hätte ansonsten
allenfalls noch in das Haus laufen können, aber ein Rest klaren Denkens sagte
ihr, dass dies keinesfalls eine gute Wahl gewesen wäre.
Ylana rannte indessen so schnell es ihre ermatteten Kräfte zuließen. Für einen
Moment verlieh ihr die Angst regelrecht Flügel und die Schmerzen schienen
plötzlich wie weggeblasen. Ohne sich weiter umzublicken, passierte sie die
Gebäudeecke, doch nur um sich erneut von brüchigem Mauerwerk umgeben zu sehen.
Ein gequältes „Nein“, entsprang ihrer Kehle, und sie blickte sich fieberhaft um.
In dieser verfallenen Ruine konnte es doch irgendwo einen weiteren
Mauerdurchbruch nach draußen geben. Es musste einfach so sein. Aber so sehr sie
ihre mittlerweile tränenverschleierten Augen auch anstrengte, ihr Wunsch blieb
unerfüllt. Lediglich eine schmale Steintreppe führte hoch auf die Mauerkrone.
Ylana drehte sich nach ihrem Verfolger um. Da stand er, reglos, nur wenige
Schritte entfernt, gleich einem Standbild aus der Hölle. „Warum machst du es dir
so schwer? Du entkommst mir ohnehin nicht“, raunte er in einem Ton, als würde er
über das morgige Wetter reden. Was Ylana natürlich alles andere als beruhigte.
Vielmehr steigerte sich das Gefühl für die Gefahr derartig, dass sie blindlings
auf die wenig freiheitsversprechende Treppe zulief. Dort angekommen stolperte
sie mehr hinauf als dass sie rannte, ereichte aber dennoch rasch die Mauerkrone,
und zu ihrer Erleichterung war ihr Fluchtweg hier noch nicht zuende.
Ein schmaler Wehrgang erstreckte sich nach beiden Seiten. Ohne weiter zu
überlegen eilte sie weiter. Hätte sie sich die Zeit genommen nach hinten zu
blicken, wäre ihr aufgefallen, dass der unheimliche Fürst ihr ohne jede Hast
folgte.
Warum, das sollte Ylana just in dem Augenblick feststellen, als sie um einen
halb zerfallenen Turm eilte. Erschrocken hielt sie inne. Kaum zwei Schritte vor
ihr klaffte ein düsterer Abgrund, in den sie fast hinabgestürzt war. Die Mauer
musste hier schon seit langer Zeit zerstört worden sein, denn lange Efeuranken
hatten die verwitterten Abbruchflächen fast völlig überwuchert. Auf der
gegenüberliegenden Seite dagegen setzte sich der Wehrgang nahezu unversehrt
fort. Zum Greifen nahe, doch gerade weit genug entfernt, um für sie ebenso
unerreichbar zu sein, wie die Sterne am Himmel. Was nun? Sie konnte weder
weiter, noch konnte sie umkehren, denn schon zeichnete sie die fahle Silhouette
ihres Verfolgers im bleichen Mondlicht auf der Mauer ab.
Der Himmel möge ihr gnädig sein, dachte Ylana verzweifelt. Wäre sie doch besser
dem lüsternen Grafen in die Hände gefallen. Welch ein Alptraum. Doch sie wartete
vergeblich auf das erlösende Erwachen. Wie gebannt stand die Gejagte auf der
Mauer, ihre Finger haltsuchend an eine raue Zinne gekrallt, unfähig irgendeine
klare Entscheidung zu treffen. Ihr gehetzter Blick war indessen auf die
unheilverkündete Gestalt gerichtet, die sich nun in gespenstischer Lautlosigkeit
näherte.
Von unsäglicher Angst erfasst, bemerkte Ylana, dass ihr das Herz bis zum Halse
schlug.
Es musste wohl meilenweit zu hören sein. Sie wollte nach Hilfe rufen, doch ihre
Kehle schien wie zugeschnürt. Langsam und völlig lautlos kam der Unheimliche
näher. Er wusste sehr wohl, dass sie ihm nicht würde entkommen können. Dann, als
er nur noch drei Armeslängen von ihr entfernt war und sie erneut in seine
abgrundtiefen schwarzen Augen starrte, hielt er unvermittelt inne. Ganz so, als
genösse er es, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Dabei schien ein schwacher
Hauch des Bedauerns seine ansonsten gnadenlos kalte Miene für einen winzigen
Moment zu beleben.
Eine letzte Gnadenfrist, die in Ylana einen verzweifelten Gedanken erwachsen
ließen.
„Wenn Ihr nur einen Schritt näher kommt, stürze ich mich von der Mauer“, stieß
sie keuchend hervor. Und das war in diesem Moment durchaus keine leere Drohung.
Wenn es sonst keinen anderen Ausweg gab, zog sie ein rasches barmherziges Ende
dem Ausblick vor, dieser Kreatur in die Hände zu geraten. Einer Kreatur, deren
Augen weit schlimmeres als der Tod verhießen.
„So, du wählst also den Tod? Einfach so? - Ein kleiner Schritt, dann ist alles
vorbei. Jede Qual, jede Angst, alles Fühlen und Empfinden. Keine Freude, keine
Zufriedenheit. Nie wieder wirst du dich am Funkeln der Sterne oder dem sanften
schimmern des Mondes erfreuen. Welch eine Verschwendung. Dabei gibt es doch
einen anderen Weg“, lockte der Fürst nun mit fast sanfter Stimme. Dabei trat er
beinahe unmerklich einen Schritt vor. Doch Ylana war nicht so weit in seinen
Bann gezogen, als dass sie dies nicht wahrgenommen hätte.
„Halt“, schrie sie und wich so weit zurück, bis ein loser Stein unter ihrem Fuß
nachgab und rasselnd in den Abgrund stürzte. Instinktiv zögerte sie. Noch ein
Schritt, dann war es um sie geschehen. Ganz schnell und so einfach. Bevor sie
allerdings eine derart folgenschwere Entscheidung fällen konnte, riss der
unheimliche Fürst sie aus den Gedanken.
„Ich weiß was du denkst. Ich kann deine Gedanken fast wie in einem Buch lesen.
Doch sei dir gewiss: Ich verfüge über eine Macht, die du dir in deinen kühnsten
Träumen nicht vorzustellen vermagst. Du kannst daran teilhaben, den Tod
überwinden und ewig existieren, wenn du nur möchtest. Kein verderblicher Graf
wird dich jemals wieder belästigen. Nein, sie werden vor dir ihr armseliges
Haupt beugen oder ihr Leben ist verwirkt. Und er“, dabei zeigte der Fürst mit
ausgestrecktem Arm in die dunkle Weite des nächtlichen Waldes, „wird für all das
büßen, was er dir angetan hat, und danach wird er nie mehr eine unschuldige
junge Frau belästigen.“
Plötzlich klangen seine Worte süß, auf unheimliche Weise geradezu verlockend.
„Schau mich an“, flüsterte der Fürst.
Ylana wollte ihm nicht in die Augen blicken. Instinktiv ahnte sie, dass sie dann
entgültig verloren sein würde. Doch ihr Körper weigerte sich, ihr zu gehorchen.
Ganz langsam wand sie den Kopf, hob ihr Kinn, bis sie Auge in Auge mit ihrem
Schicksal stand. Es war, als blickte sie durch nachtschwarze Juwelen direkt in
die tiefsten Abgründe alles Seins. Schwindel bemächtigte sich ihrer. Obwohl sie
immer noch unbeweglich da stand, glaubte sie auf einmal in ein unendliches Loch
zu stürzen. Jedes Gefühl für Raum und Zeit ging dabei abhanden, und ein Gefühl
der Schwerelosigkeit machte sich in ihr breit. Alle Last fiel wie altes Laub von
Ylana ab. Jeder Schmerz und jede Furcht war vergangen und vergessen. Sie war
frei. Nichts und niemand würde ihr je wieder ein Leid zufügen können. Es war wie
ein wunderschöner Traum, aus dem sie nie wieder erwachen wollte.
Doch urplötzlich wurde sie hinfort gerissen, zurück in eine gnadenlose
Wirklichkeit. Der Bann war gebrochen. Haltlos taumelte sie vorwärts und schlug
schmerzlich auf ihre zerschrammten Knie.
„Nein“, schrie sie, als erneut Angst, Schmerz und Verzweiflung nach ihrem Geist
griffen. Sie wollte das nicht mehr spüren. Nie wieder. Für einen Moment war sie
glücklich gewesen.
Wut und Enttäuschung brachen sich Bahn. Warum hatte man sie zurückgeholt in
diese schreckliche Welt? Verzweifelt brach sie zusammen.
„Du hast gesehen, was ich dir geben kann - und was ich dir nehmen kann, nun
wähle“, forderte der Fürst mit eindringlicher Stimme.
Was wollte dieses Wesen von ihr? Ylana war nicht mehr in der Lage ihre Gedanken
zu ordnen. Dichter Nebel schien ihren Geist gefangen zu halten, und Emotionen
wie Angst, Hoffnung, Tod, Schmerz, Erlösung und Wut wirbelten in wildem Reigen
durch ihren Kopf. Die junge Frau war verwirrt. Verlor sie jetzt den Verstand? In
ihrer Angst, in ihrer eigenen Gedankenwelt die Orientierung zu verirren, war sie
bereit, sich an jeden noch so kleinen Strohhalm zu klammern.
„Er wird dafür büßen. Koste das süße Gefühl der Rache“, flüsterte ihr eine süße
Stimme zu. „Dann bist du frei...frei...frei...“
Unter dem Ansturm dieser verführerischen Gedanken brachen die letzten Barrieren
des Widerstandes zusammen wie das Korn unter der wirbelnden Sense des Bauers.
Nein, nie wieder wollte sie sich fürchten müssen. Nie wieder sollte Garon von
Tyrn seine verruchten Hände nach ihr ausstrecken. Er sollte büßen bis in alle
Ewigkeit. Das schuldete sie nicht zuletzt ihrer geliebten Schwester.
Langsam erhob sich Ylana, wobei ein dünner roter Faden aus einer blutenden
Kniewunde entlang ihres Schienbeines bis auf den Fußrücken quoll. Sie bemerkte
es nicht einmal. Wie durch einen düsteren Schleier nahm ein spärlicher Rest
ihres Verstandes wahr, wie der Fürst der Dunkelheit zu ihr trat und sie mit
seiner frostigen Umarmung in Besitz nahm.
Eine Aura der Kälte umfing sie, oder war es vielleicht doch vielmehr eine
wohlige Wärme?
Dann - ein Schmerz, scharf wie die Schneide eines frisch geschliffenen Messers
und zugleich bittersüß. Einer wilden Feuersbrunst gleich überschwemmten auf
seltsame Weise entzückende Qualen Geist und Körper der jungen Frau und machten
jeden Widerstand ebenso sinnlos wie überflüssig. Die Realität war nicht länger
von Belang, während ekstatischen Zuckungen ihrem Körper jede Kontrolle nahmen.
Dann fiel sie erneut in einen scheinbar endlosen Abgrund. - Doch der Sturz
währte nicht lange. Sie schwebte nunmehr, ganz als hätte sie eine Wolke
unendlicher Ruhe sanft aufgefangen. Ein nie geahntes Glücksgefühl bemächtigte
sich ihrer, drang in jede ihrer Fasern, bis es sie vollkommen ausfüllte. So
trieb sie ohne jedes Zeitgefühl dahin, bis schließlich eine Woge aus Finsternis
heranrollte, sie wie eine schützende weiche Decke umhüllte und ihr jegliches
Empfinden raubte.
Zum Leidwesen des Grafen hatte die nächtliche Verfolgungsjagd nicht den
gewünschten Erfolg gebracht. Lediglich das Pferd der Flüchtigen war völlig
verstört am Rande einer kleinen, abgelegenen Lichtung aufgefunden worden. Von
dem Mädchen selbst fand sich allerdings nach wie vor nicht die geringste Spur.
So kam es, dass sowohl seine Männer, als auch einige unglückliche Untertanen,
die nichts verbrochen hatten, sondern nur zur falscher Zeit am falschen Ort
verweilten, die Wut ihres Herren zu spüren bekamen.
Denn nachdem Garon von Tyrn die Reiterei entgültig Leid gewesen war, hatte er
den Rest der Nacht in seiner Jagdhütte verbracht. Am nächsten Morgen hatte er
immer noch äußerst übellaunig seinen halben Hofstaat herbeizitiert, nur damit er
sich in seiner momentanen Unterkunft angemessen bewirtet sah.
Aber auch am späten Vormittag war er noch lange nicht besänftigt. Anstatt einen
kleinen Jagdausflug zur Entspannung und Zerstreuung zu unternehmen, beschloss er
die bald fällige Inspektionsreise seiner Grafschaft kurzerhand vorzuziehen.
Ganze drei Tage verbrachte Garon von Tyrn damit, seinen Untertanen eigenhändig
auf die Finger zu schauen, während denen er zahlreiche Gastwirte schikanierte,
fast willkürlich die ein oder andere Strafe verhängte und zu guter Letzt ein
armes Bauernmädchen für Ylanas widerspenstige Flucht büßen ließ.
Am Abend des vierten Tages endlich, kehrte er auf seine Burg zurück. Und ein
kollektives Aufatmen ging durch das erlöste Volk.
Die Burg des Grafen war sicherlich nicht die schönste und prächtigste ihrer Art,
zweifelsohne aber eine der sichersten. Hoch thronte sie auf einem einsamen,
mächtigen Felsen über den Ufern des Tan. Ihr einziges Tor war lediglich über
einen steilen, sich in engen Serpentinen windenden Weg zu erreichen, sodass eine
feindliche Streitmacht kaum in der Lage war, größere Truppenansammlungen oder
gar schweres Kriegsgerät gegen die nördliche Mauer zu schicken. Den Rest der
Burg schützten die schroff abfallenden Felsenhänge sicherer, als jede Armee es
vermochte.
Die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten, die sich aus dieser markanten Lage
ergaben, nahm dar Graf gerne in Kauf. Schließlich war es auch nicht an ihm, den
ständigen Strom an Material von oder zur Burg, auf kleinsten Karren, Lasttieren
oder Trägern zu bewältigen. Lediglich seine verehrte Gemahlin ließ keine
Gelegenheit aus, sich über den Umstand zu beschweren, dass keine ihrem Stand
angemessene Kutsche den Weg zur Burg bewältigen konnte.
Schwer schlugen die eisenbeschlagenen Hufe auf das Pflaster des Burghofes und
verkündeten bis in die letzten Winkel der Burg, dass der Herr zurück war.
Nachdem der Graf ausgiebig seinem Zorn freien Lauf gelassen hatte, schien er nun
halbwegs beherrscht. Allerdings bescherte ihm die Aussicht, dass stapelweise
Dokumente aus der Zeit des Feldzuges der gräflichen Durchsicht oder Unterschrift
harrten, kein Gefühl der Freude. Aber dafür würde sich auch morgen noch genügend
Zeit finden, entschied er kurzerhand.
Heute galt es fürstlich zu speisen, und dann war es an Gräfin Arina, ihre
ehelichen Pflichten zu erfüllen.
Trotz ihres nicht mehr jugendlichen Alters und den ersten grauen Strähnen im
schwarzen Haar, war sie noch immer eine äußerst attraktive Frau. Allerdings
nicht nur in den Augen ihres gräflichen Gemahls. Daher ergab es sich, dass die
Zahl ihrer Verehrer nicht gerade gering war, und so mancher hatte es sich daher
auch nicht nehmen lassen, seine Bewunderung auf ganz persönliche Art zu
beweisen.
Aber nun sollte sie sich eigentlich nach der Gesellschaft ihres Ehemannes und
Herrn im Bett sehnen. Vor allem, nachdem Garon von Tyrn dafür gesorgt hatte,
dass der Zugang für etwaige Liebhaber zu den gräflichen Gemächern nahezu
unmöglich geworden war.
Wie es kaum anders zu erwarten gewesen war, endete das abendliche Mahl im
unvermeidlichen Saufgelage der Männer. Die Gräfin indes hatte sich schon bei
Zeiten zurückgezogen. Bei der steigenden Wein - und Bierlaune würde man sie wie
üblich ohnehin kaum vermissen.
Als der Graf schließlich der Ansicht war, genug den geistigen Getränken
zugesprochen zu haben, und er vertrug einen ganze Menge, verabschiedete er seine
Gäste.
Bei Weitem nicht alle hatten es mit seiner Trinkfestigkeit aufnehmen können, und
so benötigten zwei Junker, zum Gespött der übrigen, die Hilfe der Dienerschaft,
um den Saal auf eigenen Füßen verlassen zu können. Auch Garon von Tyrn schwankte
kurz, als er sich erhob, stand schließlich aber sicher. Es gehörte schon etwas
mehr dazu ihn umzuwerfen, denn so angeschlagen fühlte er sich eigentlich gar
nicht. Ganz im Gegenteil. Er fühlte sich geradezu prächtig. Deshalb schickte er
sich nun an, trotz der fortgeschrittenen Stunde, sein Weib mit seiner
aufgestauten Begierde zu beglücken.
Ächzend wankte er die schmalen Stufen zu seinen Gemächern hinauf. So frisch wie
er gedacht hatte, schien er wohl doch nicht ganz zu sein. Die Enge der
Wendeltreppe verhinderte jedenfalls ein allzu starkes Wanken des angetrunkenen
Hausherrn. Obwohl er gerade nicht den Eindruck machte, fühlte er sich dennoch
ungeheuer stark und männlich. Dies galt es der Gräfin nun zu beweisen. Sollte
sie ruhig spüren, dass der Graf mehr zu bieten hatte, als die sicherlich nicht
geringe Zahl armseliger Wichte, die wie lüsterne Straßenköter hinter ihr her
waren.
Als er mit glasigem Blick das Schlafgemach erreichte, hielt der Graf kurz inne,
um sich für seinen Auftritt zu sammeln. Dann stieß er zum Äußersten entschlossen
die schwere Holztür auf.
Bereits auf halbem Wege zum Bett, hinter dessen Vorhängen die Gräfin sich
bereits zur Ruhe gebettet hatte, öffnete er schnaubend seine Gürtelschnalle und
warf Gürtel samt Dolch achtlos über die große Kleidertruhe. Verflucht, dachte
er. Wieso hatte er bereits die Dienerschaft entlassen? Wer sollte ihm nun die
Stiefel ausziehen? Da er selbst im Traum nicht daran dachte selbst Hand
anzulegen, brüllte er, dass es die halbe Burg zu hören vermochte: „Weib, wach
auf...und zieh mit meine Stiefel aus!“
Es raschelte kurz hinter den schweren Bettvorhängen, dann entgegnete die Gräfin
kühl aus dem Verborgenen: „Ihr beliebt zu scherzen, werter Gemahl. Ist das nicht
die Aufgabe Eurer Diener? Oder betrachtet Ihr mich etwa als solche?“
„Warum Nicht?“ Tönte der Graf provozierend. „Bin ich nicht der alleinige Herr
dieses edlen Hauses? Seid mit gefälligst zu Diensten, dann werde ich euch mit
meiner Männlichkeit beglücken.“
Stille. Würde seine Gemahlin gehorchen oder würde sie es wagen, ihm die Stirn zu
bieten? Der Rest des klaren gräflichen Verstandes vermutete Letzteres und
bereitete sich auf eine Konfrontation vor. Er würde sich durchsetzen, komme was
wolle.
„Nun gut, wie Ihr wünscht. Bevor alle Wachen von Eurem Geschrei alarmiert in
unsere Gemächer stürzen, sollt Ihr Euren Willen haben. - Und weil heute ein ganz
besonderer Abend ist“, fügte Arina plötzlich überraschend verführerisch hinzu.
Das unverhoffte Nachgeben hatte der Graf zwar nicht unbedingt erwartet, doch
sollte es ihm nur Recht sein, wenn sein Weib ebenfalls bei Laune war.
Ächzend ließ er sich auf einem Schemel nieder, während die Gräfin nun sanft die
Vorhänge des Himmelbettes beiseite schob.
Im Schein der flackernden Kerzen wirkten ihre Gesichtszüge auf geheimnisvolle
Weise markant. Wann hatte sie zuletzt so berauschend ausgesehen? Fragte sich der
nun nicht mehr ausschließlich vom Alkohol berauschte Graf.
Mit einer Anmut, die er schon seit Jahren bei seinem Weib beobachtet hatte,
glitt sie aus dem ehelichen Bett. Die Verschnürung des Nachtgewandes hing dabei
lose herab und ließ einen ungehinderten Blick auf den Ansatz ihrer prallen
Brüste zu. Die geradezu ungehemmte Zurschaustellung solch üppiger Weiblichkeit
zog den Grafen geradezu magisch an. Allerdings nur so lange, bis die Gräfin mit
ihrem rechten Bein über dasselbe ihres Gatten stieg, sich bückte und dem Herrn
des Hauses unverfroren den verlängerten Rücken präsentierte.
Dann griff sie nach dem Stiefel.
Würde sie das mal öfter tun, dachte der Graf seufzend. Dann bräuchte er
vielleicht nicht mitten in der Nacht mit einer Hundemeute Jagd auf
widerspenstige Mädchen zu machen, die die Aufmerksamkeit ihres Herren ohnehin
nicht angemessen zu schätzten wussten. Ganz nebenbei fiel ihm ein, dass dieses
verflixte Luder offenbar nicht wieder im Dorf aufgetaucht war und der Schmied
deswegen Land und Leute verrückt machte. Wohlmöglich verbarg sie sich noch immer
im Wald, aus Angst vor dem gräflichen Zorn, was allerdings auch nicht völlig
unbegründet war. Vielleicht hatte aber auch die Räuberbande diese Göre in die
Finger bekommen. Dann hätte sie gleichwohl bekommen, was sie seiner Meinung nach
verdiente.
Bevor er jedoch darüber weiter nachsinnen konnte, zog ihn die Zuwendung seiner
Gräfin in ihren Bann.
Mit sanftem Ruck glitt der lederne Stiefel von seinem Fuß, und während sein Weib
bereits flink den nächsten ergriff, nutzte er die Gelegenheit, die
wohlgerundeten Formen unter dem Nachtgewand seiner Gattin mit den Händen zu
erkunden. Ja, das war genau nach seinem Geschmack.
Nachdem auch der zweite Stiefel polternd zu Boden gefallen war, wand sich die
Gräfin anmutig um und ließ sich mit verführerischem Lächeln auf den
Oberschenkeln ihres Gatten nieder.
Dem Grafen hätte dies sicherlich noch weit mehr gefallen, wäre er seiner nun
störenden Beinkleider bereits entledigt gewesen.
„Nun, mein über alles verehrter Herr. Ist es Euch so genehm?“ grinste Gräfin
Arina schelmisch.
„Warum nicht immer so Weib? „Schnaufte der Graf erregt und konnte gerade noch
einen wenig appetitlichen Rülpser unterdrücken.
Ohne darauf näher einzugehen, ergriff seine Gemahlin den gräflichen Kragen und
löste geschickt dessen Verschnürung. Dann zog sie das Halb geöffnete Hemd
langsam und genüsslich über die Schultern ihres Gatten bis zur Höhe der
Ellenbogen herab.
Garon von Tyrn harrte indessen gleichermaßen gespannt wie erregt der Dinge, die
sich nun anbahnten. Dabei wurde sein bereits vom Alkohol reichlich vernebelte
Verstand nun obendrein von einer Welle der Euphorie überschwemmt.
Mit einem Ausdruck ungezügelter Wollust beugte sich die Gräfin indes zu ihrem
Gemahl hinab, bis ihre vollen Lippen sanft seinen Hals streichelten.
Derart ermutigt gelüstete es den Grafen spontan danach, sein ihm auf ungewohnte
Weise zugeneigtes Weib fest an sich zu pressen. Allerdings hinderte ihn nun das
heruntergestreifte Hemd gleich einer Fessel an den dazu notwendigen Bewegungen.
Lediglich den Unterarmen war noch ein kleiner Rest Bewegungsfreiheit vergönnt.
Na gut, dachte der Graf, sollte eben sein Weib seine Männlichkeit entblößen.
Doch Arina von Tyrn dachte gar nicht daran, denn ihr Geist war beseelt von einer
ganz anderen Lust. Und ihr Gemahl würde diese befriedigen, ob ihm das nun gefiel
oder nicht.
Dieser hatte nichts ahnend genüsslich die Augen geschlossen, um sich ganz den
zärtlichen Liebkosungen hinzugeben.
Langsam tastend bewegten sich die Lippen der Gräfin vom Schlüsselbein den Hals
hinauf, als seien sie auf der Suche nach der einer bestimmten Stelle. Der
salzige Geschmack von Schweiß und die Ausdünstungen des Alkohols, schienen sie
dabei nicht zu stören, denn sie spürten längst etwas anderes. Etwas überaus
Betörendes.
Und plötzlich wurden sie fündig. Ja genau, das war der richtige Ort. Die Lippen
formten sich zu einem freudigen Lächeln. Während sie sich leicht öffneten, glitt
die Spitze der Zunge forschend über die gestraffte Haut und fühlte das erregte
Pulsieren des warmen Blutes.
Der Graf quittierte die Aktivitäten seiner Gemahlin derweil mit einem wohligen
Grunzen.
Es sollte das letzte angenehme Gefühl sein, das Graf Garon von Tyrn in seinem
Leben empfand, denn urplötzlich entblößte sein Weib zwei nadelspitze Reißzähne,
die sie zuvor geschickt verborgen hatte und schlug sie mit bestialischer Gewalt
in das ungeschützte Fleisch.
Von jähem Schmerz erfasst, zuckte der Graf heftig zusammen.
Was fiel dem Weib bloß ein? Das sollte sie bitterlich bereuen, dachte er empört.
Der Ernst seiner Lage war ihm in diesem Moment noch immer nicht bewusst.
Instinktiv versuchte er dennoch seine Gemahlin von sich zu stoßen. Nur konnte er
seine Arme aus bekannten Gründen kaum bewegen. Zudem entwickelte sein Weib mit
einem Mal ungeahnte Kräfte. Gleichwohl versuchte der Graf, dem trotz seines
berauschten Zustandes endlich schwante, dass etwas nicht ganz so lief wie es
sollte, sich zu befreien. Er strampelte wild mit seinen Beinen, versuchte das
einengende Hemd zu zerreißen und versuchte sich verzweifelt zur Seite
wegzudrehen. Was aber lediglich den Schemel derart ins Schwanken brachte, dass
beide gemeinsam von selbigem kippten.
Doch selbst als der Graf hart mit Kopf und Rücken zu Boden schlug und seine
Peinigerin auf ihm zu liegen kam, löste sich dadurch der verhängnisvolle Biss um
keinen Deut.
Vielmehr ergoss sich nun ein breiter pulsierender Strom warmen Blutes in den
gierig geöffneten Mund der Gräfin. Da endlich ahnte der Grafen, welche Stunde
ihm geschlagen hatte, aber da war es längst zu spät.
Seine von finsteren Kräften besessene Gattin hielt ihn umbarmherzig umklammert,
während der kostbare Lebenssaft unaufhörlich nur so aus ihm heraus sprudelte.
Keine Macht der Welt vermochte ihn nun mehr zu retten. Verzweifelt bäumte er
sich ein letztes mal auf. Dann begann die vergebliche Gegenwehr zu erlahmen, und
bald gab er nur unkontrollierte Zuckungen von sich, während der letzte Rest
seines schwindenden Bewusstseins in einen schwarzen Abgrund gerissen wurde.
Das noch frische Blut zeichnete einen harten Kontrast auf der bleichen Haut des
leblosen Grafen, dessen vom Entsetzen geweiteten Augen gebrochen an die Decke
starrten.
Indessen stand die blutbesudelte Gräfin reglos zu seinen Füßen und blickte
verächtlich auf ihn herab. Da lag er nun der große Held. Wie erbärmlich er doch
aussah.
Befriedigt fuhr sie mit der Zunge genüsslich über ihre blutigen Lippen, um den
Rest des köstlichen Saftes zu schmecken und lächelte. Und ihr Lächeln
verwandelte sich zu einem Lachen, das keine Spur von Menschlichkeit mehr an sich
hatte. Es drang auf geradezu unheimliche Weise durch Balken und solides
Mauerwerk, und ein jeder Bewohner der Burg fiel in diesem Augenblick dem blanken
Entsetzen anheim. Selbst die Spürhunde im Burghof zerrten verängstigt jaulend an
ihren Ketten, während das dämonische Gelächter weit über das Land getragen
wurde.
Als wäre der Wind selbst dessen Echo, ließ plötzliche eine einzelne Böe die
Vorhänge des gräflichen Schlafgemaches gleich flatternde Fahnen wehen und
brachte zahlreiche Kerzen augenblicklich zum Erlöschen.
Arina von Tyrn spürte mit einem Mal, dass sie nicht länger alleine war. Eine
Fremde und dennoch vertraute Präsenz ergriff Besitz von diesem Raum.
Erwartungsvoll drehte sie sich um.
Auf dem Balkon zeichneten sich zwei schattenhafte Umrisse vor dem Mondlicht ab.
Die Gräfin lächelte zufrieden. Ihr neuer Herr war gekommen, und er war mehr als
nur ein selbstherrlicher Graf. Er war ein mächtiger Fürst. – Ein Fürst der
Finsternis.
„Bitte, überzeuge dich selbst, meine Liebe“, lächelte Borgon kalt und schob
einladend den schweren Vorhang zur Seite, damit Ylana das Schlafgemach betreten
konnte.
Die Nichte des Schmiedes blickt kurz in die schwarzen Augen ihres Herrn und
betrat dann das gräfliche Domizil. Sofort erblickte sie die blutverschmierte
Gräfin und das Paar bloßer Füße, das aus dem Schatten des Bettes hervorragte.
Sie ahnte, zu wem diese gehörten. Auf eine Einladende Geste der Gräfin hin
näherte sie sich gemächlichen Schrittes der reglosen Gestalt auf dem Boden.
Da lag er nun, der stolze Graf. Bleich und leer, wie eine ausgepresste Frucht.
Nie wieder würde er ein lebendiges Wesen belästigen. Sein eigenes Weib hatte ihn
für seine Niederträchtigkeiten bestraft. Fast verspürte Ylana so etwas wie
Bedauern. Wie köstlich wäre es doch gewesen, die Rache selbst zu vollenden.
„Habe ich dir zuviel versprochen?“ Wollte Borgon wissen.
„Nein mein Fürst. Ihr habt Euer Wort gehalten“, lächelte Ylana kalt, und ihre
spitzen Reißzähne glänzten gefährlich im Mondschein.
Zufrieden trat der Fürst zu den beiden Frauen, und Triumph zeichnete sich auf
seinen bleichen Zügen ab, während er nach zwei Händen griff, die kein Pulsschlag
je wieder erwärmen würde.
„Nun denn meine Gefährtinnen der Nacht. Die Herrschaft derer von Tyrn hat somit
ein Ende. Lasst uns gemeinsam ein neues Zeitalter erschaffen.“
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