Sie liebte ihre neue Existenz und all ihre Vorzüge. Doch wieder einmal dachte
sie an damals, als sie zu dem wurde was sie jetzt seit 100 Jahren war. Ein
Vampir.
Schon immer hatte sie sich gewünscht eines dieser Wesen der Nacht zu sein, und
schon damals in ihrer sterblichen Existenz war sie sich absolut sicher gewesen,
daß Vampire existierten.
Sie hatte sich damals ausgemalt wie es wohl sein würde von einem geliebten
Vampir verwandelt zu werden.
So sinnlich und erotisch wie nichts auf der Welt hätte sein können.
Doch was sie erfahren hatte war das genaue Gegenteil davon gewesen.
Der Vampir der sie geschaffen hatte war ein widerliches Geschöpf gewesen.
Schmierig, ungalant und vollkommen primitiv.
Sie haßte ihn, er hatte ihre zarten Illusionen brutal zerstört und sie danach
sogar noch ausgelacht als sie auf einer Wiese im Park lag und sich pausenlos
übergeben hatte.
Abgrundtiefer Haß, ja daß war es was sie für ihn empfand.
Und nichts wollte sie mehr als ihn zerstören.
Die anderen die sie kannte, die melancholische Elisabetha, der verschlossene
Darius, den etwas verwirrten Xerxes und vor allem Sestra, sie alle liebten ihre
Schöpfer und trauerten um sie, da sie alle freiwillig den Tod gewählt hatten,
nachdem sie Nachfolger geschaffen hatten.
Das war es was sie wollte, einen Schöpfer den sie lieben und verehren konnte und
nicht ein so minderwertiges Geschöpf, geschaffen aus einer schlechten Laune
heraus, Abschaum der Nacht.
Niemals war ein Vampir von einem anderen ermordet worden und sicher verstieß
dies auch gegen alles Grundsätze der Vampirzunft und doch plante Lisette lange
schon ihren Schöpfer auszulöschen.
Wie sooft lief sie auf dem Hauptfriedhof ihrer Stadt herum und wie immer kannten
ihre Schritte nur ein Ziel: den weißen Marmorengel im hintersten, alten Teil des
Friedhofs.
Diesen Engel hatte sie selbst ausgesucht. Seine Finger tasteten über den kalten
Stein auf dem nur ein Name stand, kein Datum: Alain Perdu.
Sie sank auf die Knie und tat es dem Engel gleich
Zärtlich tasteten ihre Finger über die eingravierten Buchstaben.
„Hallo mein Liebling, ich war so lange nicht bei Dir, es tut mir leid. Und
eigentlich gibt es keine Entschuldigung dafür.“
Wie als lauschte sie auf eine Antwort legte sie ihr Ohr an den Grabstein.
„Wie immer bist du mir nicht böse, ich weiß, und trotzdem werde ich diesem Ort
nie mehr so lange fern bleiben. Wie sehr ich dich vermisse, nie werde ich IHM
verzeihen daß er dich tötete. Noch immer könntest du bei mir sein. Aber das wird
er mir büßen!“
Zorn loderte in ihren blauen Augen.
„Wer wird dir was büßen?“
Wie aus dem Nichts heraus stand er hinter ihr.
Rufus. Sein Geruch drang ihr in die Nase. Ein Geruch von Blut, Schweiß und
billigem Alkohol.
Ihr wurde übel.
„Was willst du hier, Rufus!“ rasch fuhr sie herum und funkelte ihn an.
„Dasselbe wie du, einen guten alten Freund besuchen!“
„Sprich nicht von ihm, dazu hast du kein Recht! Verschwinde!“
„Nein mein Schatz, lange genug habe ich Dich gewähren lassen, jetzt hole ich mir
was mir zusteht, Dich!“
Grob packte er sie an der Schulter und zerrte sie zu sich herum.
Das wäßrige blau seiner blutunterlaufenen Augen stieß sie mehr ab denn je.
Sie schleuderte seine Hand zurück.
„Nichts steht dir zu, am wenigsten ich!“
Er lachte, trocken und freudlos.
„Du bist ein Teil von mir, jetzt und für immer, was willst du dagegen tun?“
„Das....“
Mit aller Kraft die sie aufbringen konnte schlug sie ihm ins Gesicht und begann
augenblicklich zu laufen.
Er war wahnsinnig und dumm, eine gefährliche Mischung, und sie wußte zu was er
in der Lage war.
Unmenschlich schnell rannte sie an den Gräbern vorbei, bis sie plötzlich gegen
etwas prallte und zurückgeschleudert wurde.
„Rufus....“
Wieder riß er sie grob am Arm nach oben, bemerkte dabei jedoch nicht daß sie
einen spitzen Stein in ihrer Hand verbarg.
„Du bist genauso dumm wie er. Es war unter meiner Würde ihn zu töten. Er war
erbärmlich!“
Seine Worte trafen sie mehr als jeder Schlag.
Sie wollte daß er still war, still für immer und als er mit seinen Beleidigungen
fortfuhr rammte sie ihm den Stein mit voller Wucht in die Bauchdecke.
Ein wenig erstaunt blickte er sie an, als sein Blut über ihre Hände floß.
Dann lächelte er.
„Soviel Courage hätte ich dir nie zugetraut. Glaubst du wirklich das wäre genug
um mich von dieser Erde zu fegen?“
Ihre Gedanken überschlugen sich. Er war ein wenig überrascht, aber die Wunde
über ihren Händen begann sich bereits zu schließen.
„Weißt du was?“ schrie er ihr ins Gesicht.
„Es hat höllischen Spaß gemacht, Deinen Alain zu töten und den letzten Minuten
die er lebte schrie er noch immer Deinen Namen. Er dachte du hättest ihn
betrogen, mit mir. Welch ein Spaß!“
„Nein... n e i n... NEIN!”
Blendend heller Schmerz explodierte in ihrem Kopf.
Ohne zu wissen was sie tat drängte sie ihn nach hinten, ihre Hände krampfhaft in
sein Hemd gekrallt.
Als er begriff was mit ihm geschah, riß er die Augen auf und versuchte Gegenwehr
zu leisten doch es war zu spät.
Die Trauer und Wut verliehen Lisette Kräfte die kein anderer Vampir hätte
aufhalten können.
Es war ein berstendes Geräusch als sie ihn gegen eine Baum schleuderte und sich
ein Ast von hinten durch seine Brust bohrte. Viele seiner Knochen waren
gebrochen und er war nicht mehr in der Lage sich zu rühren.
Ein Röcheln drang aus seiner Kehle und dunkelrotes Blut rann aus einem seiner
Mundwinkel.
Überall war Blut und der Geruch von Tod hing dick wie Nebel in der Luft.
Lisette, die einige Schritte von Rufus entfernt stand trat nun auf ihn zu, von
Krämpfen geschüttelt hing er an dem dicken Stamm der Trauerweide.
„Schchcht.... es ist vorbei! Und weißt du was? Es hat SPAß gemacht.“
Diesmal war sie es die lachte.
Oft hatte sie sich ausgemalt wie sie ihn tötete, doch nun, während sie ihre
Hände mit seinem Blut tränkte und in ihrem Gesicht verschmierte wußte sie daß
sie ihre Rache bekommen hatte. Überraschend, vollkommen und vollendet.
Nach einer Stunde war kein Leben mehr in ihm und noch oft hatte er um sein Leben
gebettelt, wie gerne hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, war um ihn herumgetanzt
wie ein kleiner Teufel um eine verlorene Seele in der Hölle.
Es war ihr egal, wie die Anderen darauf reagierten, sie hatte erreicht was sie
wollte.
Der Mond war bereits am untergehen, als sie den leblosen Körper von der
Trauerweide herunterriß und ans Grab ihres Geliebten schleifte.
Dort legte sie ihn auf das Grab und breitete seine Arme und Beine zur Seite hin
aus.
Mit einigen Binsen, die sie an seinen Hand- und Fußgelenken festband, fesselte
sie ihn an die Erde um ganz sicher zu gehen.
Dann suchte sie Zuflucht in einer kleinen Gruft von der aus sie den weißen Engel
genau sehen konnte.
Als die Sonne ihre ersten tödlichen Strahlen auf die Erde schickte, begann der
Körper ihres verhaßten Schöpfers zu brennen. Blaue und grüne Strahlen züngelten
in die klare Morgenluft hinauf. Ein Inferno, den Flammen der Hölle gleich und
dieses unwirkliche Licht erhellte seine gesamte Umgebung meterweit. Lisette
konnte die Hitze bis in ihr Versteck spüren.
Dann war alles vorbei. Nichts war geblieben, nicht einmal Asche.
Jetzt konnte sie schlafen, das erste mal ohne Träume von Rache und Haß.
Sie träumte von Alain, der sie bei der Hand nahm und mit ihr durch nächtliche
Straßen spazierte, mit ihr scherzte, ihr versicherte daß er sie liebte und ewig
auf sie warten würde.
Sie erwachte früh am nächsten Abend, mit einem Lächeln auf den Lippen.
Ohne Anstrengung kroch sie aus ihrem Versteck und trat an Alains Grab.
Über Nacht war an der Stelle, an der vor wenigen Stunden noch Rufus gelegen
hatte, ein riesiger Rosenstrauch gewachsen.
Sanft brach sie eine Rose aus dem Strauch heraus und legte sie dem Engel in die
Rechte Hand.
„Bis bald, mein Liebling, bis bald....“