Serafin
Ich erwachte mit einem Dröhnen in meinem Schädel als würden Straßenarbeiter mit
ihren Maschinen Wege in meinen Gehirnwindungen ebnen. Lichtblitze zuckten vor
meinen Augen und vor Schmerz krümmte ich mich in eine unwürdige Haltung. Ich
schloss die Augen und versuchte das Pochen in meinem Kopf auf ein erträgliches
Maß zurückzudrängen. Ein pelziges Gefühl erschwerte mir das Schlucken und
angestrengt versuchte ich etwas Speichel in meinem Mund zusammenlaufen zu
lassen. Als ich versuchte mich aufzurichten durchzuckte eine neuerliche
Schmerzwelle meinen Körper.
Ächzend schaffte ich es auf alle Viere. Auf Händen und Knien tastete ich mich
durch die Dunkelheit die mich umgab. Ich wusste nicht wo ich war, noch wie ich
hierher kam. Was war passiert? Warum war ich hier? Vorsichtig hob ich meinen
Kopf und versuchte etwas zu erkennen. Schatten krochen aus dem Dunkeln hervor
und gaukelten mir Bewegungen in der Dunkelheit vor. Angestrengt fixierte ich
einen Punkt darin und langsam gewöhnten sich meine Augen an die Schwärze um
mich.
Ich befand mich in einer Art Lagerhalle, vielleicht eine leerstehende
Fabrikshalle? Ich biss die Zähne zusammen und kroch Zentimeter für Zentimeter
auf dem kalten Beton vorwärts. Unweit vor mir befand sich eine Wand auf die ich
stöhnend zukroch. Einige Kisten waren dort aufgestapelt und ich hoffte dass sie
mir genug Halt boten um mich vollständig aufzurichten. Vielleicht konnte ich
mich zumindest hinsetzen, nur weg von diesem eisigen und harten Boden, dessen
Kälte mir durch Mark und Bein ging.
Schwindel ergriff mich. Verzweifelt schüttelte ich meinen Kopf und hoffte dass
das Schwanken des Bodens sich wieder beruhigte. Immer eine Hand und einen Fuss
nach dem anderen. Krächzend sprach ich mir die Worte selber vor; „Hand, Fuss,
Hand, Fuss“. Ich versuchte mich wieder auf mein Vorhaben zu konzentrieren, es
viel mir schwer, Schwindel und Durstzwangen mich immer wieder anzuhalten.
Oh Gott dieser Durst. Er brachte mich fast um den Verstand, verzweifelt leckte
ich über meine rissigen Lippen, ohne Erfolg. Wie ein verwundetes Tier kroch ich
die letzten Meter bis zur Wand vor. Mit einer Hand ergriff ich die erste Kiste
und zog mich daran hoch. Mit einem Stöhnen brach ich bäuchlings über ihr
zusammen. Die harten Kanten der Holzkisten bohrten sich in meine Wange.
Ein paar Minuten blieb ich so liegen, war sowieso unfähig mich zu bewegen und
versuchte zu Kräften zu kommen. Vielleicht waren es auch ein paar Stunden, ich
hatte keinerlei Zeitgefühl und es war mir auch egal, ich wollte nur dass die
Schmerzen aufhörten. Eisern ignorierte ich das Kratzen in meinem Hals, es war
als hätte ich Sand geschluckt. Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. Wieso
war ich so erschöpft und Mutterseelenallein in einer Halle? Ich zermarterte mir
mein Hirn darüber was passiert war, doch immer wieder drifteten meine Gedanken
ab. Durst. Durst. Durst! Das war alles an was ich denken konnte. Dieses Wort
zuckte immer wieder durch meinen Kopf.
Schüttelfrost überzog meinen Körper und mein Magen zog sich krampfartig zusammen
ich musste würgen und erbrach mich direkt auf die Kiste. Der Würgereiz lies erst
nach ein paar Sekunden nach und der bittere Geschmack nach Galle haftete in
meinem Mund. Angeekelt kroch ich näher zur Wand. Gegessen hatte ich scheinbar
nichts, es war wohl mehr Magensaft was ich erbrochen hatte.
Tränen der Verzweiflung rannen über meine Wange. Was war nur geschehen? Ich lies
meinen Kopf an die Wand zurücksinken und dachte nach, konnte mich aber an nichts
erinnern was vor meinem Erwachen in dieser Halle geschehen war. Ich wusste, ich
war allein, hatte Durst, hatte länger nichts gegessen und mir war kalt. Es half
alles nichts, Antworten würde ich hier nicht finden. Als ich meinen Blick durch
die Halle schweifen lies, entdeckte ich rechts von mir eine Tür. Die einzige Tür
die annähernd in meiner Reichweite war.
Ein großes Tor konnte ich auf der anderen Seite der Halle ausmachen. Für meinen
geschwächten Zustand, viel zu weit weg. Zumindest bestand somit nicht das
Problem der Entscheidung. Tastend fuhr ich mit meinen Händen über meinen Körper
und meinen Kopf um etwaige Verletzungen ausschließen zu können. Schmerzen hatte
ich so und so im gesamten Körper. Meine langen Haare hingen mir wirr ins Gesicht
und meine Jeans waren zerrissen, aber offene Wunden konnte ich nicht entdecken.
Ich trug einen dicken Rollkragenpullover und eine Winterjacke, dennoch
durchschüttelte die Kälte immer wieder meinen Körper und meine Zähne klapperten
aufeinander. Ich war so Müde. Ein paar Minuten wollte ich die Augen schließen.
Ein paar Minuten nur. Einfach ausrasten. Dann wurde es schwarz um mich. Bilder
schwirrten durch meinen Kopf;
Flüsternde Bäume, ein Raunen, Schatten, überall Schatten die mich einkreisten.
Die Farbe Rot erschien in jedem dieser Bilder. Ballte sich zusammen und
verflüchtigte sich wieder. Rot in den Schatten, rot in den Bäumen. Musik drang
an mein Ohr. Ich hörte ein Lachen, wunderschön und verzaubernd. Lippen näherten
sich mir, blutrote wunderschöne Lippen. Schmerz, Schmerz und Dunkelheit.
Mit einem Schrei schrak ich hoch. Gehetzt sah ich mich um. Keine Musik, keine
Bäume, ich befand mich immer noch in der Halle und saß auf der Kiste. Wie lang
hatte ich geschlafen? Ich fluchte gedanklich vor mich hin. Meine rissigen Lippen
schmerzten. Vorsichtig tastete ich mit meinen Fingern danach. Blut. Mein
ausgedörrter Hals machte mich fast wahnsinnig. Ich hatte das Gefühl als würden
immer noch Schatten auf mich zukriechen, wenn ich nicht bald hier rauskam würde
ich durchdrehen. Mit der rechten Hand tastete ich nach der Wand und stellte
meine Beine auf den Boden.
Das allein kostete mir schon dermaßen viel Kraft das ich bezweifelte es wirklich
bis zum Ausgang zu schaffen. Ich ignorierte die sardonische Stimme in meinem
Kopf, die der Meinung war dass dies gar kein Ausgang war. Mehr an der Wand
entlangrutschend als wirklich gehend, schleppte ich mich auf diese Tür zu. Immer
wieder schluckte ich trocken und hatte das Gefühl als hätte ich ein Reibeisen in
meinem Hals. Je mehr ich versuchte nicht zu Schlucken desto schlimmer wurde es.
Ich schloss die Augen und sah wieder nur Rot.
Keine Schwärze die mich umgab, einfach nur Rot. Es war als würde ich durch eine
rote Maße waten. Erschrocken riss ich die Augen wieder auf und versuchte meine
wirren Gedanken zu ordnen. Ich scheitere kläglich. Ein wimmernder Laut drang
über meine Lippen. „Ich werde hier sterben“. Dieser Gedanke manifestierte sich
so stark in meinem Kopf das ich aufgeben wollte. Einfach an dieser Wand
hinabrutschen, mich hinlegen und die Augen schließen. Es war so einfach. Ich
wusste, ich würde nicht nochmals aufwachen. Bevor mich dieser Gedanke ganz
einnehmen konnte schüttelte ich meinen Kopf und riss mich zusammen. Nein, die
Tür war der Ausgang, ich wusste es. Sobald ich das geschafft hatte, würde ich
Hilfe finden. Die Stimme in meinem Kopf meldete sich wieder. „Durst, Durst. Du
wirst nichts zu trinken finden.
Du wirst hier elendig verdursten“. Ein Schleier trat vor meine Augen. Mir war
egal was ich finden würde, Hauptsache trinken, ich wollte dass diese Schmerzen
aufhörten, in meiner Kehle, in meinem Magen. Ich stolperte weiter auf die Tür
zu. Die Bilder aus meinem Traum begleiteten mich. Musik drang an mein Ohr als
befände sie sich direkt in der Halle. Ich hörte wieder dieses Lachen,
hypnotisierend und wunderschön. Ein Lachen wie ein schöner Sommertag, das
Rascheln der Blätter. Lippen die sich meinen nähern. Lippen die mich Küssen
wollen. Oh wie sehr wollte ich dass diese Lippen die meinen berührten. Blind
stolperte ich auf die Tür zu. „Will“ hauchte ich. Ein Name ohne Gesicht. Kurz
durchzuckte mich die Frage woher ich diesen Namen kannte. Ich konnte ihn nicht
zuordnen, doch sogleich drifteten meine Gedanken wieder ab. Es war mir gleich,
ich wollte nicht nachdenken. Ich wollte keine Antworten mehr, ich wollte nur
noch Erlösung. Ich sehnte mich nach diesen Lippen, der Durst war vergessen, die
Schmerzen waren vergessen. Alles um mich herum verschwamm, immer wieder drang
der Name über meine Lippen.
Endlich hatte ich die Tür erreicht und stieß sie auf. Kalter Wind und Regen
peitschte mir ins Gesicht. Gierig leckte ich mit der Zunge über meine Lippen um
dieses köstliche Nass zu schmecken doch brachte es mir keine wirkliche
Erleichterung. Langsam klärte sich mein Blick wieder, der Ausgang hatte mich an
den Rand eines Waldes geführt. Ein paar Meter befanden sich zwischen der Halle
und dem Wald, ausgestreut mit Kies.
Die Bäume hatten eine magische Anziehungskraft auf mich. Ich wollte ihn
unbedingt erreichen. Etwas schien mich zu rufen, mir Mut zuzusprechen.
Gleichzeitig meldete sich wieder die gemeine Stimme in meinem Kopf, die mir
genau dies ausreden wollte. Diese Stimme wurde jedoch von Mal zu Mal schwächer.
Die andere war so viel schöner und zärtlicher. „Komm, komm“ lockte sie. „Ich
warte auf dich, Erlösung bekommst du“.
Wieder drang die Musik an mein Ohr. Sie schien direkt aus dem Wald zu kommen.
Sofort schweiften meine Gedanken wieder zu den verheißungsvollen Lippen ab, die
ich in meinem Traum gesehen hatte. Süße, allesversprechende Lippen. Ich
ignorierte jeden Anflug von Schmerz in meinem Körper und stolperte gänzlich aus
der Halle. Drei Schritte, vier. Ich stürzte und fiel auf meine Knie. Der Kies
bohrt sich schmerzhaft in meine Hände, mit denen ich den Sturz abgefangen hatte.
Keuchend rappelte ich mich wieder auf. Die Stimme, sie lockte, sie versprach.
Wie ein leichter Windhauch drang sie an mein Ohr. Den Sturm, den Wind und Regen
spürte ich nicht mehr auf meiner Haut. Ich richtete meinen Blick wieder auf den
Waldrand. Schritt für Schritt schleppte ich mich weiter darauf zu. Immer weiter,
auf dieses süße Versprechen zu. Die andere Stimme, die sardonische, gemeine und
warnende Stimme war längst verstummt. Ich hatte sie zum Schweigen gebracht,
wollte nicht auf sie hören. Nach unendlich langer Zeit kam ich endlich zum Rand
des Waldes, meine Kleidung vom Regen vollgesogen und schwer klebte unangenehm an
meinem Körper.
Erschöpft lies ich mich gegen einen Baum sinken. Kurz kam mir der Gedanke
fortzulaufen. Was suchte ich in diesem Wald? Ich musste Hilfe finden! „Lauf
weg!“ flüsterte die altbekannte Stimme wieder. Ein Streit entbrannte in meinem
Kopf. Angst und Sehnsucht nach den Lippen, der Stimme und den Versprechen. Dann
kam der Durst zurück. Verlangend leckte ich wieder über meine Lippen. Nur noch
ein einziges Wort schrillte durch meinen Kopf. Durst. Ich wusste, ich würde
diesen Wald nicht mehr verlassen. „Ich habe was du benötigst und noch viel mehr.
Komm, komm zu mir“. Ich ging um den Baum herum und sah eine schemenhafte Gestalt
durch den Regen. Ein Zittern durchflutete meinen Körper. Gefühle brachen über
mich herein. Angst, Verlangen, Lust.
Will, echote es in meinem Kopf. Langsam schritt er auf mich zu, ein Lächeln auf
den Lippen welches mir das letzte bisschen Angst nahm. Vertrauensvoll wartete
ich, bis er direkt vor mir stand. Quälend langsam hob er eine Hand und strich
sanft über meine Wange. Die Berührung, zart wie die eines Schmetterlings,
verursachte ein Kribbeln auf meiner Haut. Er war wunderschön. Schwarze Augen
blickten bis in meine Seele. Sein schwarzes Haar wehte im Wind und die bleiche
Haut mit diesen herrlich roten Lippen war die Verkörperung eines Traumes. Meines
Traumes. Näher und näher kamen sie und berührten zärtlich die meinen. Süß und
verheißungsvoll, doch viel zu schnell endete dieser Kuss.
„Es wird Zeit“ sprach er.
Ich nickte. Was er auch meinte, es war mir gleich. Ich vertraute ihm voll und
ganz. Seine Stimme war wunderschön, dunkel und samtig weich, voller Versprechen.
Vorsichtig zog er den Rollkragen meines Pullovers hinab. „Der letzte Kuss.
Danach haben Schmerz und Durst ein Ende. Vertraust du mir?“
Wieder nickte ich, unfähig zu sprechen. Ich neigte meinen Kopf leicht zur Seite
und entblößte zwei kleine Einstiche an meinem Hals. Ich spürte seine Hand an
meinem Hinterkopf die zärtlich mit meinem Haar spielte. Streichelnd fuhr er mit
der anderen über meine Taille. Lust überkam mich und ich seufzte. Ich wollte ihn
näher an mir spüren und lehnte meinen Körper an seinen. Er lächelte. Dieses
Lächeln welches mich seit meinem Traum immer wieder begleitete. „Wenn du diesmal
erwachst, bist du nicht allein. Ich werde bei dir sein. Ich werde dich nähren,
ich werde dich lieben. Schließe deine Augen.“
Nach einem letzten Blick in seine, tat ich genau das. Seine Lippen fuhren
zärtlich an meinem Hals hinab, nach einem kurzen Stich stiegen Wellen der Lust
meine Körper empor während meine Beine immer schwächer wurden. Ich fühlte wie er
mich hochhob und ein letztes Stöhnen drang über meine Lippen.
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