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Vampir Geschichten

Kurzgeschichten über die Nachtwesen

Russische Nächte

 

Leila


Russland 1957. Langsam ging Irina die Straße entlang. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie zog
den fadenscheinigen Mantel enger um ihre Schultern und stapfte müde durch den fast
kniehohen Schnee, der noch immer in den Straßen der kleinen Stadt lag. Sie hatte nur wenige
Minuten zu gehen, denn sie wohnte in derselben schäbigen Gegend, in der sie auch arbeitete.
Das Bordell lag nur zwei Straßen von dem kleinen, zugigen Zimmer unterm Dach entfernt,
die sie sich mit zwei anderen Huren teilte.


Dort angekommen hockte sie sich auf die dünne Matratze, der ihr als Schlafplatz diente.
Sie zog weder Mantel noch Schuhe aus, da sie selbst im Zimmer ihren Atme als weiße Wolke
vor sich sah. Ihr Kopf sank in ihre Hände und sie weinte leise.


»Was heulst du denn schon wieder? Sei endlich still! Ich will schlafen!« beschwerte sich
ihre Zimmergenossin Eva. »Sie doch nicht immer so herzlos!« mischte sich jetzt Olga ein und
setzte sich neben Irina auf die Matratze. Sie legte den Arm um die Dunkelhaarige. »Was ist
los?« fragte sie leise. Irina sah Olga dankbar an. »Ich glaube, ich bin schon wieder
schwanger« sagte sie. Eva zog sich die Decke über den Kopf und drehte den beiden den
Rücken zu. »Aber das ist doch kein Weltuntergang. Das passiert doch jeder von uns einmal«
entgegnete Olga. »Die alte Mascha wird das schon richten.« Sie legte Irina den Arm um die
Schultern. Irina schüttelte den Kopf.

 

»Mascha will Geld sehen und ich habe keinen Rubel
mehr. Da könnte ich nur zu so einer Pfuscherin gehen, von der ich gar nicht wissen will, was
sie mit einem macht. Und am Ende geht es mir wie Polina.« Polina hatte bis vor wenigen
Wochen das Zimmer mit Olga und ihr geteilt, war dann aber nach einer Abtreibung unter
qualvollen Krämpfen und Fieber gestorben. »Was soll ich denn jetzt machen?« fragte Irina
hilflos. Da fiel Olga jetzt auch nichts ein. »Wir finden bestimmt eine Lösung. Seit wann weißt
du es denn. Du hast doch sicher noch ein wenig Zeit.« Irina nickte. »Meine Blutungen sind
erst das zweite Mal überfällig.«
Am kommenden Tag hatte Irina nicht viel Zeit nachzudenken, denn im Bordell herrschte
ziemlicher Betrieb, wie an jedem Samstag. Am späten Nachmittag erlaubte Wanja ihr, in das
kleine Hinterzimmer zu gehen und sich etwas zu Essen zu holen. Aber schon bald rief er
wieder nach ihr. »Irina! Mach, dass du herkommst! Hier ist Kundschaft!« Seufzend rückte sie
ihre Kleidung zurecht und ging nach draußen.


»Wo bleibst du denn?« fragte Wanja ungeduldig und schob sie dem schwarzhaarigen
Mann in die Arme. Er war sehr gut gekleidet. Sie ging ihm voraus die Treppe hoch in ihr
Zimmer. Wie immer setzte sie dieses falsche, künstliche Lächeln auf und sah ihn an. Irina
begann sich auszuziehen und als er keine Anstalten machte, das gleiche zu tun, begann sie ihn
zu entkleiden. Aber er umklammerte ihre Handgelenke mit seinen Händen, hielt sie fest und
küsste sie. Nicht schon wieder einer, der auf so eine Vergewaltigungsnummer stand. Aber er
ließ ihre Hände nach einer Weile los und seine warmen Hände fuhren über ihren Körper. »Du
bist so schön! Ich habe es gewusst!« sagte er und Irina sah den Schwarzhaarigen überrascht an.
Was hatte er gewusst? Sie war sich sicher ihn nie zuvor gesehen zu haben.


Aber Irina kam nicht dazu, ihn zu fragen, denn er drängte sie jetzt rückwärts zum Bett,
während er sich entkleidete. Wie unglaublich gut er aussah. So ganz anders als die Anderen.
Siee legte sich hin und spreizte gewohnheitsgemäß ihre Schenkel. Er legte sich neben sie und
begann sie zu küssen und seine Hände strichen sanft über ihren Körper, dass Irina zum ersten
Mal seit langem Schauer überliefen. Er streichelte ihre Brüste und schob dann seine Hände
zwischen ihre Beine, während seine Zunge ihre Mundhöhle erkundete. Irina stöhnte erregt auf.
Es musste Ewigkeiten her sein, dass sie selbst wirkliche Lust empfunden hatte. Meist
warfen sich die Männer zwischen ihre Beine, stießen in ihren Körper bis sie befriedigt waren
und kümmerten sich keinen Deut um ihre Empfindungen dabei. Sie schloss jetzt die Augen,
als seine Finger ihr Lust bereiteten und schließlich in sie eindrangen. »Irina!« sagte er. Woher
kannte er ihren Namen? Es war ihr gleichgültig.

 

Sie spürte Feuchtigkeit zwischen ihren

Beinen und schließlich nahm er sie. Nachdem sie in einem heftigen Höhepunkt erbebte, wagte
sie gar nicht ihre Augen zu öffnen, weil sie fürchtete, dass das alles nur ein Traum gewesen
war. Aber der Schwarzhaarige strich mit seinen Fingern über ihre Lider, als kenne er ihre
Gedanken und sie öffnete sie. Sie blickte in seine Augen, die weder blau noch grau zu sein
schienen, sondern eine seltsame Farbe dazwischen besaßen. »Wer bist du?« fragte sie ihn. Er
sah sie belustigt an und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann stand er auf und
zog sich an. »Ich bin Oleg« sagte er bevor er ging, dann war er verschwunden.
Wie schwer tat sich Irina ihren nächsten Kunden zu empfangen, einen verschwitzten Kerl,
der sich keuchend an sie klammerte und sich grob in sie stieß. Es schien ihr eine Ewigkeit zu
dauern, bis er endlich kam.


Am kommenden Abend erschien Oleg wieder und er fragte nach Irina. Der Hurenwirt
sagte ihm, sie sei gerade beschäftigt und wollte ihm eine andere anbieten, aber Oleg lehnte ab.
»Dann warte ich« sagte er und setzte sich.
Irinas Augen strahlten als sie Oleg sah und sie hatte sich nicht zuviel erhofft. Es wurden
wieder wundervolle Augenblicke für sie. »Wer bist du?« fragte sie ihn erneut. »Was willst du
von mir?« Denn sie konnte sich nicht erklären, warum er so unglaublich gut zu ihr war und
speziell nach ihr fragte. »Ich will dich, Irina« sagte er. »Mich?« Sie verstand gar nichts mehr.
»Willst du mit mir kommen?« Fast hätte Irina gelacht, dann fuhr sie ihn wütend an. »Ich mag
zwar nur eine kleine Hure sein, aber du brauchst dich nicht über mich lustig zu machen! Du,
ein reicher Edelmann, fragst mich, ob ich mit dir kommen soll …« Sie schnaubte verächtlich
und wollte sich ihm entziehen, aber er hielt sie fest. Sanft hob er ihr trotzig gesenktes Kinn
und zwang sie, ihn anzusehen. »Ich meine es ernst« sagte er und beim Blick in seine Augen
konnte sie nicht anders, als ihm glauben. »Wanja wird mich niemals gehen lassen.« »Wir
fragen ihn gar nicht. Ich liebe dich! Willst du mit mir kommen?« sagte Oleg dann zu ihrer
Überraschung. Irina sah ihn mit großen Augen an. »Was für eine Frage? Natürlich will ich
das!«
Da zog er sie in seine Arme und küsste sie. Er wanderte mit seinen Lippen über ihr Kinn
zu ihrem Hals und ein kurzer Schmerz ließ Irina zusammenzucken. »Was tust du?« Sie spürte,
dass sie schwächer wurde. Dann, als sie beinahe das Bewusstsein verlor, tropfte eine kalte,
metallische Flüssigkeit auf ihre Zunge und sie schluckte mühsam. Dann umfing sie
Dunkelheit.


Als sie die Augen aufschlug lag sie auf einem weichen Bett in einem großen Zimmer, das
sie nicht kannte. Sie sah sich eben noch staunend um, als Oleg eintrat. »Irina! Du bist wach!«
sagte er erfreut. »Wo bin ich?« fragte sie voller Verwunderung. Geduldig erklärte Oleg ihr,
was geschehen war und sie sah in seinen Augen nur Liebe zu ihr. Erst erschrak sie, als er ihr
die Wahrheit offenbarte, dass sie von nun an ein Vampir sein würde, ein vollkommenes
Geschöpf der Nacht. Aber er nahm ihr all ihre Ängste, indem er geduldig auf ihre Fragen
antwortete und ihre Zweifel und Ängste zerstreute.
Doch dann sah sie ihm fest in die Augen. »Oleg, ich war schwanger« sagte sie zu ihm.
Überrascht sah er sie an. »Schwanger …« wiederholte er. Sie lauschten beide einen
Augenblick. »Ich kann keinen Herzschlag in mir hören« sagte Irina. »Soll das heißen, das
Kind in mir ist tot?« Oleg nickte. »Wie könnte es anders sein.« Plötzlich war Irina unendlich
erleichtert, denn sie hatte es doch eh loswerden wollen. Wie wunderbar! Sie hatte ein neues
Leben als Vampirin bekommen und war alle Sorgen los.
 

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