Nein es geht nicht. Maestro, es ist einfach nicht möglich.“
Die Stimme von Madame Hofer riß ihn jäh aus seinen Gedanken.
Noch vor wenigen Augenblicken war er in die Musik versunken gewesen, die sich
rings um ihn herum ergoß.
Doch nun war das Orchester verstummt und alle Augen waren auf ihn und Madame
Hofer gerichtet.
Entschuldigend sah sie von der Bühne zu ihm herunter.
„Maestro, wirklich, es geht nicht. Ich möchte ihr Können nicht abwerten. Die
Stücke sind großartig, berauschend, aber ihre Ausführung ist unmöglich!“
Fragend hob er die Brauen und hob seinen Blick von den Noten die vor ihm lagen.
Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen als er bemerkte daß Josepha noch
immer daran festhielt
ihn Maestro zu nennen und mit „Sie“ anzusprechen.
„Madame, es muß möglich sein. Ich habe es doch bei mir zu Hause mehrfach selbst
prob....“
abrupt hielt er inne. Eine Gedanke schoß ihm durch den Kopf. Natürlich sie
konnte recht haben.
„Vergessen sie was ich eben sagte, Madame, bitte erklären sie mir die Stelle mit
der Sie Probleme haben.“
Sie ging links von der großen Bühne ab und während er sie erwartete rief den
anderen Sängern, sowie dem Orchester ein „kurze Pause“ entgegen.
Madame Hofer stand nun dicht an seiner Seite und blätterte in ihren Noten.
„Es ist nicht nur eine Stelle, Maestro. Es sind einige. Mir bleibt einfach keine
Zeit um Luft zu holen, egal wie ich es auch drehe und wende. Sehen sie hier und
hier,“ sie deutete auf einige der kleinen schwarzen Punkte. „es sind einfach zu
viele Noten. Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, manche Töne erfordern
ein fast unmenschliches Können. Sie liegen fast außerhalb des Bereichs der
singbaren Töne.“
„Aber genau daß macht aus was ich erreichen will, Madame. Jede Sängerin und
jeder Sänger der Welt wird einmal davon träumen, meine Werke singen zu können!
Gerade weil sie aus dem Rahmen fallen und deshalb stelle ich an sie, genau wie
an die übrigen Sänger diese außergewöhnlich hohen Ansprüche. In der Frage des
Luftholens muß ich ihnen allerdings Recht geben. Ich werde diese Passagen ein
wenig abändern. Bis zur nächsten Probe dürfte das zu schaffen sein.“
Bewundernd sah sie zum ihm auf.
„Ich kann einfach nicht verstehen warum sie ihre Werke bisher geheim hielten,
Maestro.
Denn, wenn sie mir verzeihen, die Stücke die man bisher von ihnen zu hören
bekam waren eher mittlerer Durchschnitt. Alle Welt behauptete sie hätten den
Höhepunkt ihrer Karriere als kleiner Junge gefeiert. Warum haben sie diese Werke
all die Jahre in ihren Schubladen verstauben lassen. Allein dieses hier.“ Sie
zog ein Blatt Pergament aus dem Stapel ihrer Noten hervor.
„Laut dem Datum sind 3 Jahre vergangen seit sie es schrieben. Es lädt zum
träumen ein. Einfach wundervoll.“
„Danke Madame! Aber es hat einen guten Grund warum ich meine Stücke erst jetzt
an die Öffentlichkeit bringe.“ Er lächelte sie an und wandte sich dann wieder
den Noten vor sich zu.
Sie verstand daß er nicht mehr darüber sagen wollte und drang nicht weiter in
ihn, da sie wußte das dies keinen Zweck hatte.
Noch einmal glitt ihr Blick über die Noten in ihren Händen und je öfter sie sie
sah wurde sie sich ihrer Großartigkeit bewußt und der Ehre daß er sie erwählt
hatte um die Erstbesetzung dieser Rolle zu singen.
Sie wußte daß er dies nicht nur getan hatte weil sie seine Schwägerin war, denn
dazu suchte er seine Sänger zu kritisch aus.
Er wußte daß sie ausführen konnte was er von ihr verlangte
Sie kehrte zurück auf die Bühne und er gab kurze Anweisungen welche Szene als
nächste geprobt werden sollte. Ihre Arie würde erst bei der nächsten Probe
wieder versucht werden.
Es war früher morgen als er die Türen des Theaters verschloß.
Seine Proben dauerten immer bis spät in die Nacht, aber keiner der Sänger
beschwerte sich jemals über diese unüblichen Probenzeiten.
Er fühlte sich ein wenig Müde, aber vollkommen zufrieden. Es war eine gute Probe
gewesen und der Premiere in der nächsten Woche stand kaum mehr etwas im Wege.
Er beschleunigte seine Schritte, denn er wollte noch ein wenig an Josephas Arie
arbeiten.
Seine neuen Fähigkeiten gaben ihm zwar die Macht Musik von unglaublicher
Schönheit, Brillanz und Reinheit zu schaffen, doch vergaß er, wenn er die
einzelnen Passagen wieder und wieder vor sich hin sang, daß er mit Menschen
arbeitete.
Mit lebendigen Geschöpfen, die darauf angewiesen waren zu atmen und nur so ihren
Kehlen brillanten Gesang entlocken konnten.
Diese Notwendigkeit hatte er mit seinem neuen Dasein abgelegt und er vergaß
einfach im Rausch der Töne daß er der einzige war dem es nichts ausmachte wenn
sich Note an Note reihte und keinen Platz ließ um Luft zu holen.
Ein blasser Schimmer zeigte sich am Horizont zwischen den etlichen Häusern und
er beobachtete wie die Nacht langsam dem Tag wich.
Zurück in seiner kleinen Dachgeschoßwohnung wandte er sich sofort der Arie zu
und er sah wo das Problem lag und wußte wie es zu beheben war.
Er würde während der langen Stunden des Tages darüber nachdenken wie er sie
verändern konnte. Etwas im angrenzenden Zimmer regte sich und er wußte daß seine
Frau dort schlief, ein wenig unruhig und traumlos.
Leise trat er an ihr Bett und hauchte ihr einen leichten Kuß auf das lockige,
dunkle Haar das zwischen den weißen Kissen hervorlugte.
Dann ging er nach nebenan, in sein Arbeitszimmer, verschloß die Tür und zog mit
einem Ruck die schweren Vorhänge vor den Fenstern zu. Sorgfältig prüfte er daß
auch kein Spalt das nahende Tageslicht einlassen würde. Als er völlig sicher war
daß die Vorhänge sein Zimmer vollkommen abdunkeln würden streckte er sich auf
dem Diwan, der in der Mitte des Zimmers stand, aus.
Seine Augenlieder wurden schwer und der tiefe Schlaf übermannte ihn während er
noch einen kurzen Gedanken an seine neuste Oper verschwendete.
Die Sonne verschwand bereits am Horizont als er erwachte. Er fühlte es. Die
Nacht brach an und er hatte noch etwa eine Stunde Zeit die schwierigen Stellen
von Josephas Arie ein wenig zu entschärften.
Der Hunger wühlte in seinen Eingeweiden, doch er mißachtete ihn wie sooft.
Mit einem Ruck zog er die Vorhänge zur Seite und betrachtete sich den vollen,
aber noch blassen Mond der sicher schon seit ein paar Stunden des Tages zu sehen
gewesen war.
Dann entzündete er eine Kerze, setzte er sich an sein Klavier und stellte die
Noten der Arie direkt vor sich.
Seine Finger glitten mühelos über die schwarzen und weißen Tasten des Klaviers.
Tonfolgen, fast schneller als es das Ohr zu fassen vermochte. Laut, leise,
leicht und schwer, jagten sich, tollten umher und ruhten sich aus.
Dann ein jäher Abbruch der Musik. Er griff nach der Feder die auf einem kleinen
Tischchen neben dem Klavier bei der Tinte lag.
Schnell strich er einige der Noten vor sich durch und schrieb andere an ihre
Seite.
Wieder warf er einen kurzen Blick aus dem Fenster. Die ersten Lichter wurden in
den Fenstern entzündet.
Früher war ihm die Schönheit der Nacht nie aufgefallen. Viel zu sehr war er
damit beschäftigt gewesen das Leben zu genießen. Wein, Weib und das Glücksspiel
hatten sein Leben bestimmt.
Er hatte Leben wollen, fern von einem strengen Vater der jeden seiner Schritte
überwachte und alles verbot was Spaß bedeutete.
Und ja, er hatte gelebt. Hatte seine Musik vernachlässigt und dafür alles Geld
was er besaß verspielt und vertrunken.
Seine Musik war in die Mittelmäßigkeit abgeglitten und heute haßte er sich
dafür.
Dann war etwas geschehen was sein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hatte.
Jemand hatte ihn verwandelt, ihm ein Geschenk bereitet das ihn und seine Musik
zu großem Ruhm führen würde. Jemand hatte ihm die Augen für die Schönheit der
Nacht geöffnet.
Seine Musik würde unsterblich werden, sowie es sein Leib bereits war.
Der Preis den er zahlen mußte war gering im Vergleich zu dem was er nun besaß.
Sänger auf der ganzen Welt würden sich einmal damit brüsten, seine Werke singen
zu können.
Alles was er in den wenigen vergangenen Monaten geschrieben hatte, hatte er
rückdatiert, damit der Zeitpunkt, an dem seine Musik anfing sich dermaßen zu
verändern, verschleiert wurde.
Noch drei seiner Werke wollte er an die Öffentlichkeit bringen, bevor er seinen
eigenen Tod inszenierte um seine Person zu einem Mythos werden zu lassen.
Er zwang seine Gedanken zurück zu seiner Musik.
Josepha hatte recht, diese Passagen zu singen war für einen Menschen einfach
nicht möglich.
Wie hatte er dies bloß übersehen können?
Nach einer Stunde schloß er die Klappe über den Klaviertasten und schickte sich
an zu gehen.
Seine Sänger erwarteten ihn.
Er ersehnte die Premiere wie er selten etwas ersehnt hatte. Diese Oper war sein
bestes Werk und außerdem hätte er, sobald die Proben endeten, wieder mehr Zeit
für seine Frau, die seine Veränderung zwar nicht verstand aber keine Fragen
stellte, denn sie liebte ihn und er sie.
Bis heute war ihm nicht bewußt wie ihm das Glück zuteil geworden war sie zur
Frau zu bekommen.
Bald würde er mit ihr fortgehen, vielleicht in ein wärmeres Land und ihr
jeglichen Wunsch von den Augen ablesen.
Auf dem Weg zum Theater bemerkte er wieder den nagenden Hunger, doch es gab
wichtigeres zu tun.
Dies war das einzig lästige an seinem neuen Leben. Oft ignorierte er den Hunger
viel zu lange.
Die Probe verlief erneute zu seiner Zufriedenheit und Josepha war ganz außer
sich vor Begeisterung über die neuen Passagen ihrer Arie.
Sie würde brillieren, da war er sich sicher.
Die Tage verflogen und mit ihnen wuchs seine kindliche Vorfreude.
Proben, Kostümproben, Hauptprobe, Generalprobe.
Schon seit Wochen waren die wenigen hundert Karten für die Premiere ausverkauft,
sein Name lockte die Menschen wieder. Von überall her reisten sie an um ihn zu
sehen und seine Musik zu hören.
Es war Samstag, Premierenabend und die Stunden des Tages waren langsamer
vergangen als je zuvor.
Hinter der Bühne herrschte Aufregung und Angst, aber auch große Vorfreude.
Die verschiedensten Gefühle durchfluteten ihn, als er seine Frau durch den Saal
auf ihren Platz begleitete. Er küßte sanft ihre Hand als er sie verließ um
seinen Platz im Orchestergraben am Klavier einzunehmen von dem aus er die Oper
leiteten würde.
Die Lichter im Saal verloschen und die Ouvertüre erklang.
Nach gute anderthalb Stunden erreichte seine Oper ihren Höhepunkt, Josephas
Arie.
Mühelos schwang sich ihre Stimmer immer weiter empor, trug die Tonfolgen mühelos
in das Dunkel vor ihr und als ihre Arie geendet hatte mußten die Musiker
innehalten um der Sängerin die Möglichkeit zu geben, die stehenden Ovationen,
die ihr und ihrem Maestro galten, entgegenzunehmen.
Er hatte es geschafft, den Kampf zwischen Gut und Böse in Musik zu kleiden. Er
war glücklich und er weinte als der letzte Ton verklungen war und das Klatschen
hunderter Hände in seinen Ohren brandete. Der Applaus wollte nicht enden, wieder
und wieder fiel der Vorhang und in das tosende Rauschen mischten sich etliche „Bravas“
und „Bravissiomos“.
Sie verschwammen in seinen Ohren und dann brach er zusammen.
Ein Aufschrei ging durch das Publikum.
Viele erkannten nicht was geschehen war, Frauen begannen zu weinen.
Einige Mitglieder des Orchesters stolperten zu ihm hin, hoben ihn auf und trugen
ihn hinter die Bühne.
Er nahm es nur ganz am Rande wahr.
Das Geräusch von schlagenden Herzen um ihn herum und das Rauschen fremden Blutes
in fremden Adern schien ihn zu erdrücken.
Zu lange hatte er seinen Hunger unterdrückt, das war nun die Strafe dafür und im
Stillen schalt er sich selbst dafür.
Stimmen drangen an sein Ohr, es waren seine Sänger die sich nun besorgt um ihn
scharten.
„Laßt ihm doch Luft zum atmen.“
Er erkannte Josephas energische Stimme.
„Los geht euch abschminken und umziehen, ich kümmere mich um den Maestro.“
Er mußte lächeln. Josepha hatte schon immer gewußt was zu tun war, wenn sie auf
eine schwierige Situation stieß.
Sie kniete sich neben ihn und mühsam schlug er die Augen auf.
Alles in seinem Kopf drehte sich. Rote Pünktchen tanzten vor seinen Augen.
„Was machst du bloß für Sachen?“ Mitfühlend sah sie ihn an und er bemerkte daß
sie das „Sie“ im gegenüber abgelegt hatte.
„Du warst großartig!“ preßte er zwischen den Lippen hervor.
„Das ist doch jetzt vollkommen unwichtig!“
„Nein ist es nicht, warte eine Sekunde ich möchte dir etwas geben.“
Es war die perfekte Gelegenheit. Eigentlich hatte er ihr dies erst bei der
Premierenfeier geben wollen, aber dieser Zeitpunkt war viel besser.
Etwas unkoordiniert schob er die rechte Hand unter seinen Gehrock.
„Hier.“ Er hielt ihr ein in braunes Papier eingeschlagenes Paket entgegen.
„Was ist das?“ fragend sah sie ihn an.
„Alles was ich je komponieren wollte. Versprichst du mir es zu veröffentlichen?“
„Warum tust du es nicht selbst.“ Fragend sah sie ihn an.
„Ich glaube nicht daß wir uns nach diesem Abend wiedersehen werden. Etwas sagt
mir daß mein Leben in der Öffentlichkeit hier und heute Abend endet.“
Er wußte daß er nicht sterben würde, denn dies war für ihn fast zur
Unmöglichkeit geworden.
Doch jetzt begann er die von ihm geplante Insznenierung.
„Ich verstehe nicht.....“
Mit einem Fingerzeig brachte er sie zum Schweigen.
„Du mußt nicht verstehen. Tu einfach um was ich dich gebeten habe.“
„Aber was wird aus dir, es ist für dich einfach noch nicht an der Zeit zu
gehen.“
„Doch es ist Zeit! Mach dir keine Gedanken um mich.“
„Aber..“ sie wußte nicht was sie entgegnen sollte.
„Josepha, ich würde nun gerne nach Hause. Hast du Constanze gesehen? Ist sie
hier?“
„Ja, sie ist hier.“ Josepha winkte sie zu sich heran und ihre dunklen Augen
strahlten ihm entgegen, obwohl ein besorgter Zug um ihre Lippen lag.
„Ich werde dafür sorgen daß eine Kutsch uns nach Hause bringt,“ sagte sie und
sah im lange in die Augen. Sie verstand.
Als sie ihn nach draußen getragen hatten, warf Josepha einen Blick auf das
braune Paket in ihren Händen. Es war als wäre sie in einem Traum gefangen den
sie nicht verstand.
Mit vorsichtigen Fingern öffnete sie den Knoten des Bandes der das Paket
zusammenhielt.
Es enthielt drei seiner Werke, eines älteren Datums, zwei Neue und einen Zettel
auf dem nur ein einziger Satz geschrieben stand.
„An meine Königin der Nacht.“
Der erste Stapel Noten war eine kunstvoll gefertigte Abschrift der Oper des
heutigen Abends.
Auf den zweiten war in verschlungenen Lettern das Wort „Requiem“ und Josepha
wußte was dies zu bedeuten hatte. Vorsichtig legte sie es bei Seite und widmete
ihre Aufmerksamkeit dem dritten, wesentlich älteren Stück.
Die Melodie entstand in ihrem Kopf als ihre Augen über die Noten glitten, klar
und hell und unauslöschbar.
Laut las sie:
„Eine kleine Nachtmusik“ von Wolfgang Amadeus Mozart geschrieben 1787, übersandt
an Josepha Hofer am 30. September 1790.