Ob er heute wieder da sein wird? Sie schlendert durch den bereits in Dunkelheit
versinkenden Park gegenüber ihres Hauses. Um zu ihrem Haus zu gelangen, musste
sie den Park durchqueren, um nicht einen großen Umweg in Kauf nehmen zu müssen.
In den vergangenen Tagen hatte sie immer um die gleiche Zeit eine seltsame
Begegnung mit einem sehr einsam wirkenden Mann, der wie ein Schatten aus dem
nichts auftauchte. Er war sehr schüchtern, sehr zurückhaltend aber ausgesprochen
freundlich.
Er musste sie schon von weitem hören, denn sie sah ihn jedes Mal von der
Parkbank aufstehen und in Richtung der Biegung des Weges blicken, wenn sie den
Park am oberen Ende betrat.
Sie tat dies sehr leise, sich an das Tor drückend, um von ihm nicht gleich
bemerkt zu werden. Und trotzdem stand er jedes Mal auf, schon wenn sie den
ersten Schritt in den Park setzte.
Am ersten Tag ihrer Begegnung hätte sie ihn fast übersehen. Er saß ganz am Ende
der Bank, fast von Gebüsch verdeckt. Sie wäre an ihm vorbei gegangen, ohne ihn
zu bemerken, wenn ihr nicht die Tasche von der Schulter gerutscht wäre und zu
Boden fiel.
Er sprang aus der Dunkelheit hervor und hob die Tasche auf und überreichte ihr
diese mit einer eleganten, sehr altmodisch wirkenden Verbeugung.
Seine dunklen brennenden Augen nahmen sie sofort gefangen. Sie lächelte ihn
dankend an. So kamen sie ins Gespräch.
Er liebt den Park, nachts wenn es dunkel ist, wenn die Schatten undurchdringlich
werden und es kleine Geräusche gibt, undefinierbar und verhallend.
Sie erzählte ihm, dass sie sich eigentlich im Park fürchtet und bisher immer
versuchte noch vor Eintritt der Dämmerung diesen zu queren, um zu ihrem Haus zu
kommen. Vor allem hatte sie Angst vor den Fledermäusen, die immer um die Lampen
herum schwirrten und so seltsame Geräusche von sich gaben.
Sein Lachen war kehlig und es kam ihr einen Augenblick lang irgendwie unheimlich
vor.
Eigentlich fand sie es ja sehr ungewöhnlich, dass er jeden Abend hier saß und
scheinbar auf etwas wartete, das nie kam.
Auch heute war er wieder hier und schien zu warten. Sie steuerte auf die Bank zu
und setzte sich neben ihn, ließ aber einen größeren Abstand zwischen ihnen
beiden.
„Es wird kalt werden, der Winter kommt“, sagte sie.
„Ja, die Blätter sind schon teilweise abgefallen und gelb gefärbt. Die Kälte
umgibt uns und der Wind zerrt an unseren Kleidern. Auch die Tage werden kürzer
und die Nebel kriechen in Bodennähe“. Er sagte das völlig leidenschaftslos, ohne
besondere Betonung und doch spürte sie, dass es ihm Angst machte.
„Wo wohnen sie denn?“
Er machte eine vage Bewegung in Richtung des alten verfallenen Fabrikgeländes.
Sie wusste, dort lebten einige Obdachlose, hatten sich eingenistet in den
zugigen Gängen und Hallen der alten Sargfabrik.
Sie schaute ihm mit einem verstohlenen Blick von der Seite an. Eigentlich sah er
gar nicht wie ein Obdachloser aus. Seine Kleidung war schwarz, sein Umhang
ebenfalls, seine Schuhe waren zwar altmodisch, waren aber völlig in Ordnung.
„Dort können sie doch nicht wohnen, das Gebäude ist ja halb verfallen!“
„Ich habe Freunde dort, die ich täglich besuche. Wenn sie möchten, könnten wir
hinüber gehen und ich stelle sie vor?“
„Naja“, sie war sehr unentschlossen.
Er ignorierte ihr Zögern und stand auf.
„Aber ich werde sie tragen, dort ist der Boden aufgeweicht und der heutige Regen
machte den Boden dadurch grundlos“.
Bevor sie sich dagegen wehren konnte, hatte er sie auf den Arm genommen. Er trug
sie mit einer Leichtigkeit, er schien zu schweben. Oder schwebten sie wirklich?
Am großen Tor der Fabrik setzte er sie behutsam ab und ging vor ihr in die
Dunkelheit.
Um nicht alleine am Tor stehen zu bleiben bemühte sie sich unmittelbar hinter
ihm zu gehen und nirgends anzustreifen, es war alles voller Spinnweben und
irgendwo hörte sie Wasser tropfen. Das Geräusch ihrer Schritte hallte nach.
„Ich möchte wieder zurück“ flüsterte sie.
„Wir sind gleich da, haben sie keine Angst!“ Er drehte sich zu ihr um und sie
konnte sein bleiches Gesicht mit den dunklen brennenden Augen im Halbdunkel
sehen.
In diesem Moment kamen aus eben diesem Halbdunkel der großen Halle zwei
weibliche Gestalten in ungewöhnlich langen Kleidern auf sie zu und aus einer der
beiden Türe an der Seite trat ein sehr großer, hagerer Mann heraus und begrüßte
sie beide mit einem Kopfnicken.
„Du kommst spät, die Party läuft längst“. Er sprach ebenfalls kehlig, mit einem
leisen Vorwurf in der Stimme.
Die beiden Frauen nahmen sie in die Mitte und zogen sie tiefer in die Halle
hinein und erst jetzt konnte sie sehen, daß sich mehrere Menschen im Hintergrund
aufhielten und einige eng umschlungen tanzten. Rechts waren einige Nischen, in
denen sich Pärchen aufhielten, die eng umschlungen da saßen und die Welt um sich
vergessen hatten.
Es sah alles sehr unwirklich und irgendwie desolat aus.
Pärchen hielten sich eng umschlungen die Gesichter jeweils auf den Hals des
anderen gedrückt und so lagen sie halb in den Sitzgarnituren, scheinbar völlig
bewegungslos, da. Während dessen spielte im Hintergrund eine Musik, die
scheinbar aus dem Nichts kam.
Im fahlen Licht der Fabrikslampen konnte man nichts Genaueres erkennen. Die
Lampen hingen sehr hoch oben und schwangen hin und her und erzeugten bewegliche
Schatten an den Wänden, so dass es schien, als wären viel mehr Menschen im Raum,
als tatsächlich da waren.
Die Lampen warfen auch Schatten an die Wände und manches mal schien es, als
würden schwarze Gestalten, Fledermäusen nicht unähnlich durch den Raum schweben.
Manche der Anwesenden waren ganz in schwarz gekleidet, andere wieder waren jene
typischen Obdachlosen, die kurios anmutende Kleidungsstücke kombiniert hatten.
An den Wänden lehnten einige der Tänzer, bleich und völlig ermüdet, hielten sich
kaum noch aufrecht und schauten mit völlig leeren Augen in den Raum.
Sie befreite sich aus den Armen der beiden Frauen und suchte mit den Augen nach
dem Mann der sie hier her gebracht hatte. Doch sie konnte ihn nicht finden und
geriet in Panik.
Sie wurde auch einige Male zum tanzen aufgefordert, doch es gelang ihr immer
wieder sich zu verweigern.
Das Gefühl der immer stärker aufsteigenden Panik in ihr trieb sie den Weg, den
sie gekommen war zurück und sie verlor dabei einen ihrer Schuhe, als einer der
schwarz gekleideten Männer sie am Arm festhalten wollte. Um besser laufen zu
können, warf sie auch den zweiten Schuh weg.
Endlich hatte sie den Ausgang des Gebäudes erreicht und atmete auf.
Dann lief und lief sie durch den Morast des Geländes ohne stehen zu bleiben und
ließ die ohnehin leise Musik hinter sich. Sie blieb erst wieder stehen, als sie
im Park war und die Lichter der Häuser am anderen Ende sehen konnte.
Jetzt erst merkte sie, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte.
Sie holte nun tief Luft und lief auf diese Lichter zu. Endlich stand sie völlig
verschmutzt, zitternd und ohne Schuhe vor ihrem Wohnhaus. Mit bebenden Fingern
fand sie endlich das Türschloss und begann erst wieder normal zu atmen, als die
Türe hinter ihr ins Schloss fiel.
Was war das? Hatte sie eine Vision, war das eine Täuschung der Sinne im
dämmrigen Park?
Völlig erschöpft ließ sie das Wasser in der Badewanne ein und gab sich einem
heißen, wohlriechenden Bad hin.
Als sie am morgen beim Frühstück saß und der Duft des frisch gebrühten Kaffe
durch die Wohnung zog, erschien ihr das Erlebnis des vergangene abends so
unwirklich, dass sie überlegte ob es nicht doch ein schrecklicher Traum war.
Doch die Tatsache, dass sie ihre Schuhe nicht finden konnte und der Mantel im
Vorraum sehr verschmutzt am Boden lag, holte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie
nahm sich vor in den nächsten Tagen doch lieber den Umweg zu wählen, anstatt
durch den Park zu gehen.
Wie immer kaufte sich ihre Zeitung am Kiosk und stieg in den Bus ein. Er war
nicht sehr voll und sie fand einen Platz und begann zu lesen.
Der Schrei der ihr entfuhr veranlasste alle Mitfahrer sie anzustarren.
Sie musste es immer und immer wieder lesen:
„In den frühen Morgenstunden wurde eine Polizeistreife auf das stillgelegte
Firmengelände der Sargfabrik Mühlmann & Co aufmerksam, da dort seltsame Musik,
Licht und viele Stimmen zu hören waren. Sie forderten Assistenz an und betraten
das Gelände.
Die Polizei fand zahlreiche Obdachlose die auf Gerümpel und alten Möbeln lagen
und saßen. Sie waren teilweise betrunken, teilweise völlig apathisch oder
bewusstlos. Sie wiesen zahlreiche Wunden am Hals und den Handgelenken auf. Diese
Tatsachen geben viele Rätsel auf, die Vorkommnisse werden untersucht. Die
aufgefundenen Opfer verschiedener Altersstufen konnten noch nicht einvernommen
werden und befinden sich in ärztlicher Betreuung.
Die oberen Stockwerke mit dem noch vorhandenen Sarglager wurden versiegelt. Das
Gelände wurde geräumt und abgesperrt“.
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