Nun war er da, der Karneval!
Ganz Venedig war eine Bühne. Am Marcusplatz drängten sich die schönsten Kostüme.
Auf jeder Brücke in jeder kleinen Gasse Venedigs liefen sie herum, mit
Vogelmasken, mit weißen Masken, riesigen Hüten mit Federgestecken, blauen, roten
und grünen Taft und Seidengewändern, glitzernd und glänzend, mit Glöckchen und
Schellen.
Prinzen und Könige in samtenen und seidigen Wamse, jedoch alle mit Masken.
Niemand kannte den Anderen oder Alle, alle waren ausgelassen.
Auf kleinen Plätzen, wie auf der Piazza S.Polo waren kleine Bühnen mit
Straßentheatern aufgebaut, Musik aus alten Instrumenten war zu hören. Sie
spielten alte Stücke von Goldoni, alte venezianische Possen.
Man wurde umarmt, gestoßen und gezogen. Lachen drang von allen Seiten heran, es
war ein Rausch der Farben und Sinnen. Sektgläser machten die Runde, es wurde
zugeprostet und fremde Menschen sprachen sich an und gingen wieder aneinander
vorbei.
Am Canale Grande fuhren die Wasserbusse, voll besetzt mit lachenden Menschen in
Masken vorbei, hielten an den Stationen an und Massen von Menschen stiegen ein
und aus.
Alissa und Susanne, zwei Kunststudentinnen, die Venedig nur wegen des Karnevals
besuchten, hielten sich an den Händen um sich nicht zu verlieren. Sie prosteten
einigen Masken zu, tanzten über den Markusplatz und versuchten immer, sich nicht
aus den Augen zu verlieren.
Ein ausgelassener Capitano riß Alissa jedoch irgendwann von ihrer Seite und
Susanne war in dem Getümmel alleine. Sie rief zwar noch ein paar mal ihren Namen
aber es war vergebens.
Doch da wurde sie schon wieder von einer Maske herum gewirbelt, bekam ein Glas
Sekt und wurde weiter gegeben an eine Maske mit Vogelgesicht, mit der sie einen
Tanz lang verbunden war. Unvermittelt ließ sie diese Maske wieder alleine und
verschwand in der Menge.
Hatte sie diese Maske mit dem Vogelgesicht und dem langen Schnabel, er aus dem
Gesicht ragte, nicht schon einige Male herum gewirbelt, um dann wieder in der
Menge zu verschwinden?
Er war groß, sprach nicht viel, sie spürte nur einige Male seinen Atem,
stoßweise an ihrem Hals und seine Augen brannten begehrlich aus der Maske. Mit
seiner linken Hand berührte er während des Tanzes manchmal ihren Hals hin bis
zum Nacken, sie mußte ihn abwehren. Eigentlich beschlich sie ein unheimliches
Gefühl in seiner Gegenwart.
Völlig außer Atem lehnte sie sich dann an einen der Lichtmaste im Zentrum des
Markusplatzes, mit Blick auf die Basilica di San Marco. Alles drehte sich um
sie, sie konnte nur mehr Gestalten sehen, der Ton trat etwas zurück und sie
schloß die Augen. Ihre Brust hob und senkte sich und sie glaubte aufzusteigen.
Sie war unglaublich erregt und trunken vom Fest der Farben und Sinne.
Als nun auch noch irgendwo Feuerwerk abgeschossen wurde und sich der Himmel in
allen Farben darbot, fühlte sie sich endgültig emporgehoben.
„Hallo, schöne Colombine! Tanzen wir quer über den Platz?“ Eine dunkle Stimme
hinter ihr riß sie aus diesem ekstasischen Gefühl.
Bevor sie noch etwas sagen konnte, nahm sie ein Conte, mit rotem Wams, goldenen
Applikationen und schwarzer enger Hose, einem hohen Samthut mit breiter Krempe
und einer weißen Maske, die nur den Mund frei ließ, in den Arm und flog mit ihr
über den Platz. Sein Umhang wirbelte um sie beide herum. Das heißt, soweit es
möglich war, da der Platz ja voller Menschen war.
Und wieder kam der Vogelgesichtige auf sie zu, der ja eigentlich einen Arzt aus
dem Mittelalter darstellte und griff nach ihr.
Doch ihr Conte hielt sie in seinem Arm und stieß den Anderen weg. Sie schienen
sich zu kennen.
„Sie sind die schönste Colombine von Venedig! Drehen sie sich, springen sie,
fliegen sie mit mir!“
Sie lag in seinen Armen und vergaß die Menschen ringsherum. Er hielt sie so fest
in seinem Arm und sein Mund war so nahe an dem ihren, daß sie seinen Atem spüren
konnte. Während sie über den Platz wirbelten, spürte sie plötzlich diesen
kleinen Schmerz. Er hatte seinen Mund endgültig ganz nahe an ihren Hals gebracht
und sie spürte nun wie er seine Zähne schnell und kräftig in ihr versenkte. Es
liefen Schauer über ihren Rücken es schwindelte ihr, die Drehungen wurden immer
wilder, und ihre Knie gaben nach, doch er hielt sie fest und verläßlich in den
Armen.
Sie tanzten bis an den Rand des Marcusplatzes und sie sah, wie sich die Lichter
im Wasser spiegelten und San Giorgio von drüben durch die Nebelschleier herüber
blinkte. San Giorgio war in seltsames Licht getaucht und es schien ihr, als
würden sie beide, in Begleitung des Vogelgesichtigen übers Wasser dorthin
schweben, als Ziel die ebenfalls Venedig vorgelagerte größeren Insel Giudecca.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, daß sie nicht die Einzigen waren, losgelöst vom
Trubel des Karnevals, die losgelöst von den Anderen über all diesem Trubel
schwebten.
Alissa, die Freundin war aus ihrem Gedächtnis gelöscht, sie hatte sie vergessen.
Sie klammerte sich an den Mann an ihrer Seite.
Vermeintliche Nebelschleier entpuppten sich als schwebende Gestalten, mit
wallenden Gewändern, flatterndem Haar, langen begehrlichen Armen und glühenden
Blicken. Der Marcusplatz und der Campanile waren schon weit weg, entschwanden im
Nebel der Nacht. Es schwindelte ihr, doch sie wurde gehalten und getragen von
starken Armen, eingehüllt in einen schwarzen Umhang, für alle Ewigkeit.
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