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Vampir Geschichten
Kurzgeschichten über die
Nachtwesen |
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Venezianische Impressionen |
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Leila
1980. Rund 300 Jahre waren vergangen seit ich hier in Venedig gewesen war und
ich konnte nicht glauben, was ich sah. Wo war das strahlende Venedig geblieben,
durch das ich mit Bran einst gegangen war? Die Häuser waren natürlich alt, aber
ich hatte nicht erwartet, sie so sichtlich vernachlässigt zu sehen. An vielen
Stellen bröckelte der Putz von den Außenwänden und nicht wenige Häuser standen
leer. Die Venezianer waren zum großen Teil nur noch alte Leute. Die junge
Generation verließ die Stadt. Nur noch ein paar zig-tausend Bewohner,
überschwemmt von Millionen von Besuchern. Manche Häuser waren vorderseitig neu
verputzt und gestrichen worden, aber wenn ich die Rückseite betrachtete, blickte
ich wieder auf die Spuren langsamen Verfalls. Die Touristen sahen nicht hinter
die Kulissen. Venedig hatte sich in eine Geisterstadt verwandelt, in ein
übergroßes Museum, das von den Erinnerungen an eine große Vergangenheit lebt.
Ich streifte durch die Gassen und war froh um mein nächtliches Dasein: Die
vielen Touristen bei Tage hätte ich nicht ertragen. Diese Stadt hatte ihre Seele
verloren, ihr einst so großartiger Stolz und ihr Zauber war nur noch Trug und
Schein. Was war mit den Meinen geschehen? Waren sie noch hier? Konnte man in
dieser Stadt überhaupt noch leben ohne sich wie lebendig begraben zu fühlen?
Zielstrebig machte ich mich auf den Weg zum Rio di San Lorenzo. Ich klopfte an
der Tür des riesigen Palazzo und wartete. Lorenzo hätte sein Venedig niemals
freiwillig verlassen. An jedem anderen Ort wäre er todunglücklich gewesen. Als
niemand öffnete, wartete ich geduldig weiter. Vielleicht war er in der Stadt
unterwegs oder auf der Jagd. Bis zum Morgen waren es nur noch ein paar Stunden.
Er würde sicher bald zurück sein. Doch kurz vor dem Morgengrauen brach ich
schließlich kurzerhand das Schloss des Palazzos auf. Im Inneren erwartete mich
gähnende Leere. Es war wirklich ein Schock für mich, dass Lorenzo offensichtlich
nicht mehr hier wohnte. Er liebte diese Stadt, in der er im 15. Jahrhundert zum
Vampir geworden war, über alles. Konnten ihn diese Veränderungen wirklich
vertreiben? Würde er freiwillig sein Venedig verlassen? Ratlos schloss ich mich
für den Tag in ein fensterloses Zimmer ein.
Am folgenden Abend war ich zunächst unschlüssig was ich tun sollte. Schließlich
versuchte ich mich in Lorenzo hineinzuversetzen und überlegte, wo ich ihn suchen
sollte. Mein Weg führte mich aufs Festland jenseits der Lagunenstadt und mein
Instinkt hatte mich nicht betrogen. Schon wenige Nächte später spürte ich in
meiner Nähe die Anwesenheit eines anderen Vampirs und nur ein paar Straßen
weiter sah ich ihn stehen. »Lorenzo!« rief ich ihn an. Er drehte sich überrascht
um und lachte laut auf. »Ciao Leila! Was für eine Überraschung?! Was führt Euch
nach so langer Zeit wieder hier her?« wollte er mit seiner direkten Art sofort
wissen. Ich umarmte ihn. »Ich freue mich auch sehr Euch zu sehen, Lorenzo! Ihr
wart wirklich nicht leicht zu finden. Warum seid Ihr hier auf dem Festland?«
fragte ich. Er sah mich traurig an. »Ihr habt die Stadt gesehen« stellte er
fest. Warum fragt Ihr da noch?, stand als unausgesprochene Frage hinter seinen
Worten. »Nein, ich brauche keine Erklärung. Ich kann verstehen, was Euch aus
dieser Stadt vertrieben hat.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist furchtbar! Ihr
habt Venedig gesehen als es noch lebendig war. Ich selbst wurde in seiner
Glanzzeit geboren und habe es als stolz und mächtig erlebt… Sie stirbt, Leila.
Mein Venedig stirbt. Nein… Eigentlich ist es schon fast tot. Das dort…« Er wies
mit tieftraurigem Blick in Richtung der Lagune und der Stadt. »…ist nur noch ein
Körper mit einem letzten Funken Leben, der künstlich daran gehindert wird zu
sterben – für die Touristen« seine Worte klangen bitter und ich sah Schmerz in
seinem Gesicht, als trauere er wirklich um ein lebendiges Wesen. »Es zerreißt
mir das Herz die Stadt so zu sehen!« sagte er.
Ich sah Lorenzo fragend an. »Warum seid Ihr dann noch hier? Warum quält Ihr Euch
Nacht für Nacht mit der Silhouette Venedigs vor Augen?« wollte ich wissen. »Ich
kann sie doch nicht verlassen!« Er lächelte freudlos. »Wohin sollte ich gehen?
Ich habe 560 Jahre in dieser Stadt gelebt, die meiste Zeit als Vampir. Ich war
nie wie Ihr, Leila. Reisen und Abenteuer sind nichts für mich. Manchmal denke
ich, mehr als ein halbes Jahrtausend ist genug…« Ich sah ihn erschrocken an.
»Ihr meint doch nicht etwa…« »Doch das meine ich. Ich glaube, ich habe lange
genug gelebt und ohne Venedig habe ich keinen Platz mehr auf der Welt, an dem
ich glücklich sein könnte.« Betroffen sah ich ihn an. Diese Gedanken waren mir
so vollkommen fremd, dass ich sie nicht begreifen konnte. Mein Zuhause war immer
die Welt gewesen und niemals war Glück von einem einzigen Ort abhängig gewesen.
Ich wusste nicht was ich darauf erwidern sollte, also wechselte ich das Thema.
»Was wurde aus Giulia und Alessandro?« Er schien aus seinen Gedanken
aufzuschrecken. »Sie haben die Stadt vor ein paar Jahrzehnten verlassen und ich
habe sie seither nicht mehr gesehen. Ich habe keine Ahnung wo sie heute sind.«
Ich nickte. »Ich bin wieder einmal auf Reisen. Eigentlich bin ich auf dem Weg
nach Rom, aber dann konnte ich nicht widerstehen hierher zu kommen, weil ich
Venedig wiedersehen wollte – und Euch. Man hört so viel von der Stadt. Die
Menschen kommen ins Schwärmen, wenn sie von ihr sprechen und halten es für das
Paradies in Venedig zu wohnen. Ich habe genug gehört und gesehen, um mir denken
zu können, dass sie übertreiben, aber ich war ehrlich schockiert als ich die
Stadt gesehen habe.« Ich vertrieb die Gedanken mit einem Kopfschütteln.
In den folgenden Nächten schwieg ich über Lorenzos Worte, aber in Gedanken
kehrte ich immer wieder zu ihnen zurück. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus
und sprach ihn darauf an. »Ich kann nicht vergessen, was du gesagt hast. Du
denkst also ernsthaft darüber nach alles zu beenden?« fragte ich ihn. »Ja,
Leila. Im Grunde ist es längst beschlossene Sache. Ich habe sehr lange gezögert,
aber es war schon lange abzusehen. Ich bin eins mit dieser Stadt. Vielleicht
hast du mir das alles nur noch einmal klar vor Augen geführt.« »Aber es gibt
noch andere schöne Städte außer Venedig!« wandte ich ein. »Ja, für dich Leila.
Aber das kann ich genauso wenig verstehen, wie du verstehst was Venedig mir
bedeutet.« Nein, das konnte ich offensichtlich wirklich nicht.
»Nichts reizt mich mehr, nichts kann mir mehr ein Lachen entlocken. Und ich habe
genug gesehen in den letzten fünf Jahrhunderten: Schönes und hässliches,
Reichtum und Armut. Was soll mich noch reizen?« So vieles, wollte ich ihm
zurufen. So vieles hast du noch nicht gesehen, was es sich zu sehen lohnt.
»Venedig nicht die Welt« sagte ich. »Und die Welt ist nicht Venedig« entgegnete
er.
»Ich bin es müde mich immer wieder der sich immer schneller wandelnden Zeit der
Menschen anzupassen. Warst es nicht du, die einmal gesagt hat, sie wolle sich um
der Menschen willen keine Mühen machen, die sie freiwillig nicht auf sich nehmen
würde?« fragte er. »Ja, das war ich gewesen, aber so habe ich das doch nicht
gemeint. Es hat mir damals nur widerstrebt, die Leichen unserer Opfer extra aufs
Meer hinauszurudern.« »Aber wo siehst du den Unterschied, Leila? Anpassung ist
Anpassung, ob es nun ums Jagen geht oder um etwas anderes.« Darauf wusste ich
nichts zu erwidern. »Dein Entschluss steht also fest.« Das war eine
Feststellung, keine Frage. Lorenzo nickte. »Ja, Leila.« Mit einem Mal kam ich
mir sehr befremdlich vor. Ich stand vor einem unsterblichen Freund, der bald
nicht mehr hier sein würde. »Es kommt mir so seltsam vor und es macht mich
traurig« sagte ich. »Du warst für mich immer ein Freund.« Lorenzo sah mich an.
»Und du für mich eine Freundin und darum hoffe ich, dass du mich wenigstens ein
bisschen verstehst.« Ich hob abwehrend die Hände. »Du weißt, dass das unmöglich
ist, aber ich werde nicht versuchen, dich aufzuhalten, denn das ist ebenso
unmöglich.« Lorenzo lächelte. »Ich danke dir!« Er wandte sich der Lagune zu.
»Würdest du mit mir eine letzte Nacht in der Lagunenstadt verbringen?« fragte er
mich dann und ich konnte nur beklommen nicken.
Wir gingen die ganze Nacht durch die alte Stadt. Mit jeder Stunde, die verstrich
wurden die Plätze und Gassen leerer und es fiel uns leichter, uns in alte Zeiten
zurückzuträumen. Es gab nichts mehr zu sagen zwischen Lorenzo und mir, also
schwiegen wir. Das Glucksen des Wassers war der einzige Laut, der die Stille
durchbrach. Doch auch die längsten Stunden gehen irgendwann zu Ende und auf die
Nacht folgt unweigerlich der Tag. Wir standen auf der Piazza San Marco, wo uns
nur ein paar wenige Tauben Gesellschaft leisteten. Unschlüssig stand ich vor
Lorenzo. »Sie mich nicht so an, Leila.« Ich lächelte traurig. »Das sagst du so
leicht.« Spontan umarmte ich ihn. »Leb wohl, Lorenzo.« Ich löste mich wieder von
ihm. »Ich wünsche dir alles Gute, Leila.« Dann setzte er sich auf eine der
Bänke, die tagsüber von den Touristen belagert wurden und ich wandte mich zum
Gehen. »Hier hat man einen guten Blick nach Osten« bemerkte er, aber er schien
mehr zu sich selbst gesprochen zu haben. Wenn ich ihn so aus der Entfernung
ansah, wie er so lässig mit übereinander geschlagenen Beinen auf der Bank saß,
wirkte er wie ein früher Tourist, der ohne jede Eile den Tag erwartete. Nichts
deutete darauf hin, dass mit der Sonne der Tod kommen würde. Ich wandte mich ab
und suchte mir ein Versteck für den Tag.
Am folgenden Abend ging ich raschen Schrittes in Richtung der Piazza San Marco.
Ich hatte keinerlei Blick für die Menschen, die mich umgaben. Wie ein Geist
bewegte ich mich lautlos zwischen ihnen. Die Bank war leer und nichts deutete
darauf hin, dass Lorenzo jemals hier gewesen war. Er hatte praktisch niemals
existiert. Ich setzte mich still auf die Bank und ich bemerkte die Blicke der
vorübergehenden Menschen nicht, die die wie eine blasse Statue dasitzende Frau
musterten. Ich hatte Lorenzo nur dieses eine Mal getroffen, damals beim
Karneval, vor drei Jahrhunderten, und doch fühlte ich den Verlust. Er war einer
der Unseren gewesen. Stumm verabschiedete ich mich von Lorenzo und von Venedig,
dann verließ ich gegen Mitternacht die Lagunenstadt, um niemals wieder
zurückzukehren.
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