Eine leichte Brise lies sie erzittern. Etwas war ungewöhnlich an diesem Abend.
Irgendetwas, aber was? Viola sah sich um: sie stand im Wald, diesem vertrauten
Wald, wo sie schon so oft gewesen war. Beinahe jeden Tag machte sie abends
Spaziergänge in diesen Wald. Doch noch nie hatte sie sich so merkwürdig gefühlt.
Es war schwer zu beschreiben: Einerseits fühlte es sich so vertraut und sicher
an, andererseits… gefährlich. Sie fühlte sich beobachtet, das war es. Schon seit
geraumer Zeit. Deshalb war sie heute in den Wald gegangen, um sich zu
entspannen. Aber der Spaziergang schien das genaue Gegenteil zu bewirken. Sie
fühlte sich ausgeliefert. Ihre Stimmung schlug um. Aus dem Unwohlsein wurde
Panik. Sie ging nach Hause. Ihre Füße waren zu langsam. Sie rannte. Rannte den
matschigen kleinen Trampelpfad entlang, bog ab, rannte die Straße entlang. Da
war es, ihr Haus. Aber sie schien davon wegzurennen, statt darauf zu. Schweiß
stand ihr auf der Stirn. Endlich hatte sie das kleine Gartentor erreicht.
Ungeschickt verschloss sie es hinter sich. Sie stolperte die Treppe hoch zur
Haustür, der Schlüssel schien nicht ins Schloss zu wollen. Sie knallte die Tür
hinter sich zu, verriegelte sie und lehnte sich daran. Müde schloss sie ihre
Augen. Sie hatte überreagiert. Mal wieder. Es passierte viel zu häufig in
letzter Zeit. Reiß dich am Riemen, verdammt. Langsam öffnete sie ihre Augen
wieder. Sie registrierte den breiten, mit dunklem Holz ausgebauten Flur. Den
kleinen Schrank gleich neben der Tür, mit dem Telefon darauf und ein paar
Notizzetteln. Die kleine Wendeltreppe in ihr Schlafzimmer. Und in der Ecke die
Badezimmertür, die sperrangelweit offen stand. Sie trottete nach links am
Telefonkästchen vorbei in die Küche und holte sich einen Apfel aus dem Obstkorb.
Dann ging sie schlafen.
Sie schlief nicht gut in dieser Nacht. Sie träumte immer wieder von diesem Mann,
der seit wenigen Wochen in das alte Schloss eingezogen war: Jason Dohring. Das
Schloss lag oben an der Spitze des kleinen Berges, inmitten ihres vertrauten
Waldes. Manchmal sah sie ihn auch spazieren gehen, aber meist nur sehr früh
morgens oder spät abends. Sie hatte ihn bisher nur gegrüßt, kaum mit ihm
geredet. Er schien ein stiller Einzelgänger zu sein, aber sehr charmant.
Allerdings ließ er sich nur selten außerhalb seines Hauses blicken. In ihren
Träumen war sie in ihrem Wald. Sie spürte, dass er sich in der Nähe befand, aber
sie sah ihn nicht. Sie suchte ihn, wollte mit ihm reden, ihn kennen lernen,
diesen mysteriösen Fremden. Aber er schien sich vor ihr zu verstecken. Er war
nie in greifbarer Nähe.
Sie kam sich paranoid vor, doch sie glaubte manchmal, er würde etwas verbergen.
Am nächsten Morgen entschied sie schließlich, ihn zu besuchen.
Es war noch dunkel, als sie den flachen Berg hinaufging. Nach einer langen,
steil verlaufenden Straße entdeckte sie hinter einigen Tannen das Schloss.
Vorsichtig öffnete sie das knarrende Gartentor und schritt den Kiesweg entlang.
Zum Glück wird es gerade etwas hell, dachte sie. Als sie das große Tor
erreichte, bekam sie ein wenig Angst. Sie hoffte, er würde ihr den unerwarteten
morgendlichen Besuch nicht übel nehmen. Als sie klopfte, ging die Tür einen
Spalt auf. Es war nicht verschlossen, die Tür war nur angelehnt!! Sie stutzte.
Damit hatte sie nicht gerechnet. Nach einiger Überlegung zog sie die Tür noch
weiter auf, gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Obwohl sie
wusste, dass es falsch war, ging sie langsam den Flur entlang und sah sich dabei
gut um. Die Türen innerhalb des Schlosses waren zu, bis auf eine. Das flackernde
Licht von Feuer drang in den Flur. Ein Kamin! schoss es ihr durch den Kopf. Sie
näherte sich leise der Tür. Aus dem Zimmer kamen Geräusche. Sie lugte hindurch
und erschrak: Da stand Jason, schwer verletzt, und kämpfte mit einem Fremden.
Sie stieß einen Schrei aus. Der Fremde erschrak und ließ von Jason ab, der
zusammenbrach. Der andere starrte Viola an. Dann stieß er sich an der Couch ab
und rannte auf sie zu. Sie wollte dem Fremden gerade eine verpassen, so klein
auch ihre Chance war, doch dieser wich geschickt aus und verschwand durch den
offenen Eingang. Zuerst stand sie wie betäubt da, dann verschloss sie die
Haustür, falls dieser Irre wiederkam, und rannte danach sofort zurück in Jasons
Wohnzimmer. Jason lag blutend auf dem Boden und schrie Viola an, sie solle
verschwinden, bevor er sich nicht mehr beherrschen könne. Beherrschen? Sie hatte
keine Ahnung, was er meinte, doch sie starrte ihn ohnehin nur an. Was sie sah
erschreckte sie mehr, als der Fremde sie hätte erschrecken können.
War das Jason? Sie wusste es nicht. Sie hätte es nicht für möglich gehalten,
doch er kannte ihren Namen und sie fand, er sah Jason ähnlich. Teilweise. Denn
Jason hatte kein Paar langer Vampirzähne, Jason hatte keine weißen Augen. Jason
Dohring war kein Vampir. Oder doch? Momentan sah es so aus, auch wenn sie sich
für diesen Gedanken vor 5 Minuten noch selbst ausgelacht hätte. Sie trat näher
an ihn heran. Einen winzigen Augenblick dachte sie, jemand wollte sie auf den
Arm nehmen. Aber dieser jemand krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden und
brauchte scheinbar all seine Willenskraft um sie nicht anzuspringen und
auszusaugen.
Jason hatte sich mittlerweile aufgesetzt, er schien nicht aufstehen zu können.
Sie trat wieder ein Stück näher. Plötzlich und völlig unerwartet sprang er auf,
so schnell, das sie die Bewegung nicht einmal sah, und sprang aus dem Fenster.
Der Abhang, der am Fenster lag, schien ihn nicht zu stören, er zögerte keine
Sekunde. Sie starrte ihm nach. Dann brach sie bewusstlos zusammen. Als sie
aufwachte, brummte ihr Kopf. Sie lag noch immer auf dem Wohnzimmerteppich.
Langsam und vorsichtig stand sie auf. Sie merkte, dass sie sich nicht verletzt
hatte, aber Jason war noch immer nicht wieder da. Sie sah sich am ganzen
Grundstück um, auch in den anderen Räumen. Nichts. Das Feuer im Kamin war dabei,
auszugehen. Sie legte Holz nach und setzte sich in den großen Ohrensessel. Sie
würde warten.
Als sie das Schloss nach Jason durchsucht hatte, hatte sie keine Küche gefunden.
Besser gesagt, sie hatte etwas gefunden, was wohl mal eine Küche gewesen war.
Jetzt allerdings war das Zimmer stark verstaubt, wenn auch die Möbel noch in
gutem Zustand waren. Sie grübelte. Noch immer kam es ihr vor wie ein Scherz,
schließlich konnte man sich künstliche Vampirzähne und auch farbige
Kontaktlinsen überall kaufen. Aber was war mit der Geschwindigkeit, mit der er
zuerst aus dem Fenster und dann den Abhang hinunter verschwand? Sicher, er hatte
geblutet, aber in verschiedenen Vampirmythen hatte sie auch davon gehört. Und
die Küche war mit Sicherheit schon Ewigkeiten nicht mehr benutzt worden.
Schließlich hatte sie 2 Tage und 2 Nächte auf ihn gewartet, aber er war noch
immer nicht gekommen. Langsam bekam sie richtig Hunger. Sie wollte zwar nicht,
ging aber dennoch nach Hause.
Geschlafen hatte sie im bequemen Ohrensessel genug, deshalb war sie nach einer
ordentlichen Malzeit bald wieder fit. So schnell sie konnte, räumte sie auf und
machte sich wieder auf den Weg zu Jasons Schloss, diesmal mit ein wenig
Proviant.
Als sie ankam hörte sie wieder Geräusche. Sofort schlug ihr Herz schneller.
Trotzdem schlich sie sich nur ins Haus, anstatt zu rennen, denn sie hatte Angst,
es könnte wieder dieser irre Fremde sein. Die Haustür war einen großen Spalt
geöffnet, so dass sie sich hindurchzwängen konnte, ohne die Türangeln zu bewegen
und das verräterische Knarren auszulösen. Sie huschte mucksmäuschenstill den
Flur entlang und spähte ins Wohnzimmer. Da saß Jason, er sah so majestätisch aus
in dem Ohrensessel, dass sie Anfangs nicht bemerkt hatte, dass seine Wunden noch
immer nicht geheilt waren. Er hob den Blick nicht vom Feuer. „Sie können ruhig
reinkommen, ich werde Ihnen nichts tun.“ Sie erschrak leicht. Dann ging sie
langsam in Richtung Kamin und setzte sich vor ihn auf die Couch. Nun löste er
den Blick vom Feuer und sah ihr direkt in die Augen. Braune Augen, fast Schwarz.
Wunderschön. Fast vergaß sie ihre Konzentration. Sie öffnete den Mund, um ihn
etwas zu fragen, doch er kam ihr zuvor. „Ich weiß, was Sie von mir denken. Sie
halten mich für ein Monster. Ich sah den Ausdruck in Ihren Augen. Aber das ist
egal, Sie müssen mir vertrauen.“ Er beugte sich vor. „Hören Sie gut zu: Sie
müssen verschwinden. Gehen Sie, und kommen Sie nicht wieder. Sie sind in Gefahr.
Es tut mir leid… kommen Sie, ich begleite Sie zur Tür.“ „Nein! Sie sind für mich
nicht gefährlich! Vor 2 Tagen hätten Sie mich töten können, aber sie taten es
nicht! Warum wollen Sie, dass ich verschwinde?“, platzte es aus ihr heraus.
„Weil ich nur eine begrenzte Selbstbeherrschung habe! Sie müssen jetzt gehen…
kommen Sie.“ Schweigend standen die beiden auf und gingen zur Haustür. Sie
wollte nicht, alles wehrte sich in ihr. Doch sie wollte ihm vertrauen, deshalb
tat sie, was er sagte.
3 Monate waren vergangen und sie konnte noch nicht so richtig in ihr altes Leben
zurückfinden. Immer wieder dachte sie an ihn, seinen „Lebensstil“. Es
faszinierte sie. Sie war hingerissen von ihm, und es zerfraß sie, dass sie
niemandem von ihm erzählte. Oft war sie so in Gedanken, dass sie alles um sich
herum vergaß. Sie hoffte noch immer, ihn wieder zu sehen, doch diese Hoffnung
schwand.
Als sie dann eines verregneten Mittwochabends aus dem Einkaufszentrum kam,
passierte es: mal wieder war sie gedankenverloren und achtete kaum auf ihre
Umgebung. Als sie sich für den Heimweg bereitmachte, fiel ihr eine Orange aus
der Einkaufstüte auf den Boden. Viola blieb stehen. Es dauerte sogar eine Weile,
bis sie sich danach bückte. Sie merkte nicht, dass sie mitten auf der Straße
stand. Langsam hob sie die Orange auf. Plötzlich kam ein Auto um die Kurve
geschossen, mitten auf sie zu. Sie hatte kaum Zeit zu reagieren, das Einzige,
was sie tat, war, weit die Augen aufzureißen. Sie öffnete den Mund, um zu
kreischen, doch da kam wie aus dem Nichts eine kalte Hand und schubste sie
beiseite. Sie landete mit einigem Abstand seitlich vom Auto. Doch noch vor der
unsanften Landung hörte sie das quietschen von sich verbiegendem Metall und
sogar verängstigte Schreie. Benommen blickte sie auf und sah, was los war:
Zuerst nahm sie die Leute wahr, die alle glotzten, dann Jason.
JASON!! Er hatte sie vor dem Auto gerettet, indem er sie beiseite schubste, aber
keine Zeit mehr gehabt, selbst zu flüchten. Das Heck des Autos war
zusammengebeult, genau da, wo er gestanden hatte, sah das Auto aus, als wäre es
in eine Presse gekommen. Sie wusste, was die Leute gesehen hatten, und warum
alle so starrten: Ein Mensch, der scheinbar keiner war, oder eine Art Superman.
Nach einem langen Schockmoment stürmten alle auf ihn und das Auto zu, um ihn zu
fragen, wie er das gemacht hatte, wer er sei. Der Autofahrer selbst war
natürlich der Erste mit der Fragenstellerei. Aber vor allem regte er sich über
das geschrottete Auto auf. Er drohte, Jason zu verklagen, koste es was es wolle
und es war ihm scheinbar egal, wie Jason das angestellt hatte. Aber Jason
achtete gar nicht auf den Trubel. Er starrte Viola an, dann ging er auf sie zu
und streckte ihr eine Hand hin. Viola ergriff sie, und ehe sie sich versah,
hatte er sie hochgehoben und hielt sie nun in den Armen wie ein Baby. Obwohl er
ganz offensichtlich verletzt wurde und Schmerzen hatte, hielt er sie gut fest.
Dann fing er an, zu rennen.
Und wie er rannte! Schneller als jeder Mensch, als jeder Zug, er wurde für
menschliche Augen unsichtbar! Viola hielt die Luft an. Alles zischte mit
tödlicher Geschwindigkeit an ihr vorbei. In diesem Tempo dauerte es gar nicht
lange, bis sie beim Schloss ankamen. Er öffnete Gartentor und Haustür, obwohl
sie noch immer in seinen Armen lag. Dann legte er sie sanft auf seine
Ledercouch.
Sie starrte ihn an, so viele Fragen hatte sie im Kopf, doch sie wollte warten,
bis er anfing zu erzählen. Und das tat er schließlich auch.
Er setzte sich zu ihr auf die Couch, bedächtig, sie nicht zu berühren. „Viola,
darf ich dich so nennen? Es wird Zeit, dass ich dir einiges erkläre. Es tut mir
leid. Ich hätte das nicht tun dürfen, ich weiß. ICH habe dir hinterher
spioniert. Ich glaube, du hast es gemerkt, nicht? Du nimmst deine Umgebung sehr
genau wahr, du bist sehr klug. Die wenigsten Leute nehmen sich Zeit, ihre
Umgebung praktisch zu sondieren, was du jedoch automatisch tust, mit deinen
Sinnen. Du hast von Kindesbeinen an gelernt, damit umzugehen und darauf zu
hören. Das hat dir dein Vater beigebracht, und er lernte es… von mir.“ „Sie
kannten meinen Vater??“ „Du kannst mich Jason nennen. Ja, ich kannte ihn. Genau
wie dich habe ich ihn einmal gerettet. Allerdings bekam kein Mensch etwas von
der Rettung mit, anders als heute. Nun ja, damals freundeten wir uns an, weil er
nicht aufgab, mit mir Kontakt aufzubauen. Wie du dir vorstellen kannst, war ich
über menschliche Kontakte nicht sonderlich erfreut. Das sind wir nie, denn
Menschen neigen dazu, Geheimnisse auszuplaudern. Aber dein Vater sagte damals,
ich dürfe ihn töten, würde auch nur ein Wort über seine Lippen kommen.
Tatsächlich behielt er es für sich. Nie hat er es jemandem erzählt, nicht einmal
deiner Mutter. Er dachte, sie wäre nicht stark genug für solche „Neuigkeiten“.
Weißt du, eigentlich stammst du aus einer zu damaligen Verhältnissen reichen
Familie. Leider wusste das jeder in der Umgebung, vor allem deshalb, weil deine
Mutter und dein Vater ein eigenes Haus besaßen. Jedenfalls hörte auch eine Bande
Diebe davon, und deshalb griffen sie euer Haus eines Nachts an. Du warst 4 Jahre
alt. Ich war damals nicht nah genug, um deine Eltern zu beschützen. Sie wurden
bei dem Angriff getötet. Merkwürdigerweise ließen sie dich am Leben, doch das
Haus brannte. Als ich zurückkam, war es schon zu spät, um das Haus oder das
Leben deiner Eltern zu retten. Als ich die Rauchschwaden bemerkte, rannte ich
sofort zu euch. Deine Mutter… sie hatten sie erstochen. Dein Vater hatte
versucht, sie zu beschützen und erschoss drei von ihnen. Aber er kam zu spät.
Als er um sie trauerte, kam ein vierter und tötete auch ihn beinahe. Aber dein
Vater war schon immer stark, er kämpfte, obwohl er schwer verletzt war. Doch er
war durch seine Verletzungen unterlegen und außerdem zehrte der Rauch des Feuers
an ihm. Ich kam gerade noch rechtzeitig um ihn zu retten, aber er war zu schwer
verletzt. Ich wollte ihn in ein Krankenhaus bringen, doch er sagte nur: „Nein,
keine Zeit. Hör zu, Jason: kümmere dich um Viola!“ Er spuckte Blut. „Du musst
sie von hier wegbringen. Das Feuer! Rette Viola, Jason! Und wache über sie, mein
Freund. Ich flehe dich an, wache über sie.“ Dann starb er.“
Viola konnte die letzten Worte kaum mehr verstehen, eine solche Flut von
Gefühlen – und auch von Fragen - stürzte auf sie ein. „W-wie alt bist du denn
schon?“ Er fing an zu lächeln. Und sein Lächeln allein war so schön, dass es sie
für einige Augenblicke betäubte. „Als ich deinen Vater damals kennen lernte,
stellte auch er diese Frage als Erstes. Du hast viel mit ihm Gemein. Ich bin
noch nicht sehr alt dafür, dass ich ein Vampir bin.“ Sie zuckte zusammen, er
hielt kurz inne. Noch immer war er sich nicht sicher, ob er es ihr erzählen
sollte. Dann fällte er einen Entschluss.
„Ich bin – genau genommen – erst 21, denn ab der Verwandlung hört der Körper auf
zu altern. Aber ich lebe schon 128 Jahre.“ Er ließ ihr Zeit, er sprach nicht
weiter. Er wartete auf eine Reaktion. Aber Viola starrte ihn nur an. Sie spürte,
wie sich ein Gefühlsausbruch näherte. „Sie… sie… sie haben meinen Vater
gerettet, und mich, als ich noch ganz klein war! Und heute noch mal…“ Und dann
fiel sie ihm um den Hals und fing an, hemmungslos zu weinen. In dieser Nacht
erzählte er ihr alles, über sich, die Freundschaft zu ihrem Vater, aber vor
allem über ihre Eltern erzählte er sehr lange, und sie hörte genau zu. Erst am
frühen Morgen fielen ihr langsam die Augen zu. Sie lehnte sich gerade
rechtzeitig an ihn, als sie vom Schlaf übermannt wurde. Er sah sie liebevoll an.
Dann legte er seinen Arm um sie und trug sie in sein Bett. Er selbst setzte sich
wieder in den Sessel und starrte auf die aufziehende Morgensonne, bevor sie ihm
zu grell und heiß wurde und er überall im Haus die Jalousien schloss.
Viola schlief den ganzen Tag durch, und auch einen Teil der Nacht. Sie war so
froh, endlich bescheid zu wissen. Über einige Dinge, die Jason ihr erzählt
hatte, wunderte sie sich sehr. Zum Beispiel konnten Vampire leicht verletzt
werden, und um die Wunden zu heilen, brauchten sie Blut. Je mehr sie tranken,
desto schneller heilte alles wieder. So unsterblich sind sie dann also doch
nicht, dachte Viola. Aber wurden sie nicht getötet und tranken etwa wöchentlich,
konnten sie ewig leben. Außerdem, und das überraschte sie am meisten,
funktionierte es auch mit Tierblut. Jason war jedoch der Ansicht, dass man sich
diesen „Stil“ für Notfälle aufheben sollte. Er hatte erzählt, er wolle niemanden
töten, aber Tierblut war ihm zu unangenehm. Er tötete seine Opfer nie, er saugte
nur ein wenig. Zum Glück bekamen seine Opfer nichts mit, er schlich sich immer
nachts in fremde Häuser, wo die Menschen schliefen. Er hatte ihr erzählt, er
könne ihren Herzschlag hören und wusste dadurch, ob sie noch wach waren. Und da
er sich angewöhnt hatte, mit einem Zahn zu beißen, statt mit beiden, hielten
seine Opfer den Biss für einen Mückenstich oder ähnliches. Sie war erstaunt
gewesen, wie viele Umstände er sich machte, um niemanden zu töten, obwohl er
vermutlich kaum ein zehntel seiner Kraft dafür bräuchte, so stark wie er war.
Außerdem hatte sie viel über ihre Eltern erfahren, wie sie sich kennen gelernt
hatten, wie ihre Mutter einmal fast ertrunken wäre und Jason sie gerettet hatte,
da er nicht atmen müsste. Wie Viola geboren wurde. All das hatte Jason ihr
erzählt, und noch viel mehr, was ihre Eltern ihr nicht mehr hatten erzählen
können. Und während er ihr das alles erzählt hatte, glaubte sie sich in ihn
verliebt zu haben.
Es war dunkel, als sie aufwachte. Sie erschrak. Wo war sie? Und wo war Jason?
Schlagartig setzte sie sich auf und merkte, dass sie in einem weichen Bett lag.
Auch hatte sie keine Schuhe mehr an, aber noch Jeans und T-Shirt. „Ganz ruhig.
Dein Herzschlag hat sich ja fast verdoppelt. Du liegst in meinem Bett. Soll ich
Licht anmachen?“ Das war sie, wohl die schönste aller Stimmen: Jasons. „Ja,
bitte. Ich seh ja gar nichts.“ Das Licht ging an. Es war nur eine kleine, nicht
gerade helle Nachttischlampe, aber sie genügte. „DU hast ein Bett? Ich dachte,
du schläfst nicht?“ „Nun ja, Requisite. Wie meine Küche. Du hast sie schon
gesehen, nicht? Ich habe es gerochen.“ Jetzt setzte sie sich langsam auf und sah
sich im Zimmer um. Jason hatte vor ihr auf dem Boden gekniet, um auf ihrer
Augenhöhe zu sein, jetzt stellte er sich hin. „Ja, deine Küche ist ganz schön
verstaubt. Wann putzt du eigentlich mal?“ Er lächelte. Wieder dieses umwerfende
Lächeln. „Aber das hier ist ein Doppelbett, und du bist doch alleine. Wie kommt
das?“ „Ich hatte früher einmal eine Gefährtin, aber wir trennten uns, als sich
meine Freundschaft zu deinem Vater festigte. Sie hielt es für unklug, „jedem
dahergelaufenen Sterblichen“ unser Geheimnis anzuvertrauen. Und da ich die
Freundschaft zu deinem Vater nicht mehr aufgeben wollte, verließ sie mich.“ Erst
jetzt verstand sie den zweiten Grund für die Anwesenheit eines Bettes und
errötete. Sein Lächeln wurde breiter. Dann setzte er sich auf die freie Seite
des Bettes und legte seinen Arm um sie. Seine kalte Haut auf ihren Schultern zu
spüren fühlte sich gut an. Vertraut und sicher.
„Jason, ich… ich muss dir etwas sagen. Das ist sehr schwierig für mich, ich weiß
ja nicht, wie du das aufnehmen wirst… aber du musst es wissen.“ Er hörte, wie
sich ihr Herzschlag verschnellerte. Er war jetzt fast noch schneller als vorhin,
wo sie nicht wusste, was los gewesen war. Sie setzte noch einmal an. „Jason…
ich… ich glaube, ich hab mich in dich verliebt.“ Vorsichtig sah sie ihn an. Der
Blick glich einem kleinen Kind, das glaubte, etwas sehr Schlimmes getan zu
haben. Jasons Gesichtsausdruck ließ nichts erkennen. „Viola…“ „Ja ja, ich weiß,
was du sagen willst: du bist ein Vampir und ich ein Mensch und es könnte nie…“
Er ließ sie nicht ausreden, sein Mund lag schon auf ihrem. Heiß und innig
küssten sie sich. Sie war überglücklich und vergaß nicht, dass sie noch immer
auf dem Bett saßen. Als sich ihre Lippen lösten, erklärte er: „Viola, ich liebe
dich. Ich liebe dich von ganzem Herzen, auch wenn es nicht mehr schlägt. Das ist
der einzige Grund, warum ich dir nachspioniert habe. Dein Vater sagte zwar, ich
solle auf dich aufpassen, meinte damit aber dich vor körperlichen Schmerzen zu
bewahren, nicht dir hinterher-zuschnüffeln.“ Er grinste. Dann küssten sie sich
noch einmal, und dieser Kuss dauerte diesmal einige Minuten. Es störte sie kein
bisschen, dass sich seine Lippen so kühl anfühlten. Mit der Intensität, mit der
sie sie küssten, fühlten sie sich heiß an. Für ihn fühlte sich ihre Haut immer
heiß an, aber der Kuss verstärkte das umwerfende Wärmegefühl noch.
Als sie diesmal die Lippen voneinander lösten, sah er sie eindringlich an.
„Viola, wir haben ein Problem. Als ich dich rettete, sahen mich so viele
Menschen, und eben diese Menschen sind jetzt gerade auf dem Weg hierher! Ich
höre sie!“ Ihr stockte der Atem. „Was?? Was wollen die von dir? Sollen wir
flüchten?“ „Nein, sie sind schon zu nah. Sie sind schon am Schloss, und dieses
hat nur diesen einen Ausgang.“ „Und die Fenster?“ „Nein, ich glaube, ich sollte
mich ihnen stellen. Ich muss Vampirgerüchte aus der Welt schaffen.“ „Bist du
verrückt? Sie könnten dich töten! Außerdem wird es bald hell, und ich darf dich
nicht verlieren! Ich liebe dich!“ „Ich weiß, meine Liebe. Ich liebe dich doch
auch. Aber wenn die Menschen Vampirgerüchte in die Welt setzen, werden wir
auffallen. Das darf nicht sein! Sie werden uns ausrotten! Ich muss etwas dagegen
tun, bitte.“ „Wenn du es sagst. Aber ich begleite dich.“ Sie hielt seinen
rechten Arm mit beiden Händen fest und so eingeklammert gingen sie den Flur
entlang, gerade als jemand klopfte. „Aufmachen, sofort, du Blutsauger! Oder
sollen wir dein ganzen Schloss abfackeln und dich dazu?“ Viola schluckte. Sie
gingen die letzten Schritte zur Tür. Jason öffnete sie, das Knarren begrüßte die
Eindringlinge. Da hatte sich doch tatsächlich ein Mob zusammengestellt, dachte
Jason, jetzt mit Taschenlampen statt mit Fackeln. Die Waffen waren natürlich
auch moderner geworden. Viola erschrak: die meisten Leute hatten einfache
„Waffen“ wie Baseballschläger dabei, aber es gab auch einige mit
Handfeuerwaffen. Insgesamt hatten sich etwa dreißig Personen im Vorgarten
versammelt. Als Jason die Tür öffnete, stießen einige erstickte Schreie aus.
Vermutlich erwarten sie ein Monster mit Klauen und weißen Augen, dachte Jason
und erinnerte sich an Violas Gesichtsausdruck, als sie ihn das erste Mal so
anders sah. „Was ist los, was wollt ihr alle auf meinem Grundstück? Habe ich
Einladungen verteilt?“ „Wie ich sehe hast du schon ein Opfer gefunden! Lass das
Mädchen gehen, sofort, oder wir erschießen dich, du Monster!“ Schützend stellte
sich Viola vor ihren Geliebten. „Nein! Lasst ihn zufrieden! Er hat euch nichts
getan und mir hat er das Leben gerettet!“ „Was? Bist du völlig verrückt? Du
beschützt einen Dämon, der wohl schon tausende Menschen getötet hat!“ Jason
erkannte den Führer des Mobs: es war der Mann, dessen Auto er demoliert hatte.
Dieser Mann vergisst, dass ER MICH dabei auch fast getötet hätte, dachte er.
„Jason hat noch niemanden getötet! Er ist kein Dämon!“ „Ich verschwende meine
Zeit nicht mit Diskussionen! Töten wir sie beide!“ Er zog seine Waffe und zielte
auf Jasons Kopf. Viola wurde übel. Da sie kleiner war als Jason, konnte sie
einen Kopfschuss nicht verhindern. Jason reagierte blitzschnell: Als der Führer
des Mobs seine kleinkalibrige Waffe zog, hob Jason Viola hoch, drehte sich um
180 Grad und setzte sie wieder ab, um sich dann wieder dem Lauf der Waffe
zuzudrehen, das alles mit einer solchen Geschwindigkeit, dass einige der Leute
wieder aufschrien. „Lasst sie in Ruhe. Sie kann nichts dafür, dass dein Auto
zerstört ist. Übe Rache, wenn du willst, aber nicht an ihr!“ „Was? Meinst du das
ernst? Du bist wohl völlig verrückt!“ „Ich meine es todernst! Komm, lass uns
kämpfen. Deine Hände gegen meine. Wenn du verlierst, lässt du uns mitsamt deinem
Mob hier in Ruhe. Verliere ich, verlasse ich die Stadt. Und?“ Viola lugte an
seinen Schultern vorbei, blieb aber still. Ihr gefiel der Verlauf des Gespräches
überhaupt nicht. „Überleg dir das gut, Blutsauger! MEINE Rache ist das wohl
Schlimmste, was du dir vorstellen kannst! Danach wirst du niemanden mehr töten
können!“ Viola schrie auf: „Nein, Jason, tu das nicht!“ „Ruhig, Viola, ich weiß,
was ich tue. Bitte.“ Viola brach zusammen. Sie saß am Boden und weinte
herzzerreißend, während Jason und der andere Kampfhaltung annahmen. Mittlerweile
war die Sonne aufgegangen. Es war Freitag.
„Wenn du dich rächen willst, solltest du dich ein wenig beeilen, bevor die Sonne
deinen Job erledigt!“, fauchte Jason. Mike, so hieß der nach Rache dürstende,
hielt Jason am Arm fest und zerrte ihn in die Sonne, weg aus dem Schatten der
Tannen. „Na, mal sehen. Wie fühlt sich das denn an, Blutsauger?“ Gleich ging es
Jason schlechter. Die Sonne prallte nun direkt auf seinen Kopf und es war zwar
erst die kühle Morgensonne, aber Jason merkte, wie sie ihm die Kräfte raubte.
Tagsüber konnte er sich nicht wehren, das wusste er. Er war zu schwach,
zumindest heute, da die Sonne schien. Es war keine einzige Wolke am Himmel
gewesen. Dann müsste er eben im Schatten kämpfen. Eigentlich wollte er Viola
nicht allein lassen, denn sie wusste nichts davon, dass er, sobald die Sonne
verschwunden war, sofort gewinnen konnte. Sie sorgte sich. Und er sorgte sich
auch, aber mehr um Violas Wohlergehen statt um sein Leben. Gewiss, schleiften
sie ihn in die Sonne, würde er bald sterben. Aber dieser Mike wollte ja seine
Rache. Verbrennung würde zu schnell gehen. Er hatte noch nie einen Menschen
getötet, aber das würde sich heute vielleicht ändern. Und sei es auch nur damit
keine Gerüchte entstanden. Normalerweise mochte er den Gedanken nicht, ein
lebendes Wesen zu zerstören. Aber heute musste er es wohl tun, denn wenn ER Mike
nicht tötete, würde MIKE höchstwahrscheinlich ihn töten. Jason kannte die
menschliche Natur inzwischen gut genug, um Mike einzuschätzen. Der würde sich
nicht so schnell geschlagen geben. Aber mir soll das nur recht sein…
Sobald die ersten Sonnenstrahlen seinen Kopf berührt hatten, fing Jason an,
bedrohlich, wenn auch leise zu fauchen wie ein wildes Tier. Er riss sich mit
gewaltiger Kraft von Mikes Griff los und trat so schnell, das die Bewegung
unsichtbar wurde, rückwärts einige Schritte in den Schatten, um dort wieder
seine Kampfhaltung einzunehmen: die Knie gebeugt, hob er die Arme vor dem Körper
wie ein Boxer, mit leicht geöffneten Handflächen fixierte sein Gegenüber. Seine
Hände sahen in diesem Moment tatsächlich aus wie Krallen. Mikes Haltung war
locker, er starrte Jason nur herausfordernd an. Dann trat er ein paar Schritte
in den Schatten. „Anscheinend nicht so gut, was? Meinetwegen, dann eben im
Schatten. Zu leicht will ich es ja auch nicht haben.“ Über Jasons
Gesichtsausdruck glitt ein verächtliches Lächeln. Er stand mit dem Rücken zu
Viola, die mittlerweile gebannt zusah, genau wie der Mob, der einen Halbkreis
gebildet hatte.
Der erste, der angriff, war natürlich Mike. Plötzlich zog er einen Dolch. Jasons
Augen waren schnell, er wusste sofort was auf ihn zukam und wich geschickt aus.
Viola stieß einen Schrei aus. „Hey, hey, ich sagte „Hände gegen Hände“, Mike!
Nun ja, meinetwegen…“ Mike stieß noch einmal zu, diesmal zielte er statt auf den
Körper auf den Kopf. Jason bog sich jedoch weit nach hinten, sodass Mike ihn mit
dem Messer nicht erreichen konnte. Dieser ging einen Schritt vor und stieß das
Messer Richtung Hals, als Jason versuchte, sein Gleichgewicht wiederzugewinnen.
Jason schnappte sich Mikes Hand, zog ihn zu sich und wich ihm dann aus. Mike
knallte auf den Boden, Jason hatte sein Gleichgewicht wider. Nachdem Mike
ungefähr 20 weitere Male zugestochen hatte, immer in einer anderen Choreografie,
wurde er müde. Müde und wütend, denn er hatte kein einziges Mal getroffen. Er
stützte sich auf den Knien ab, um zu Atem zu kommen. „Ich habe es dir nicht
gesagt, weil ich dachte, du wüsstest es: Ich kann mich, wenn ich will, seehr
schnell bewegen. Deshalb war es eigentlich unklug von dir, diese Wette
anzunehmen.“ „Pah! So gut bist du nicht!“ „Gibst du dich geschlagen?“, fragte
Jason, obwohl er die Antwort schon kannte. „Niemals!“ keifte Mike. „Na gut, wie
du willst…“ Während Jason antwortete, zog Mike wieder seine Pistole. Jason kam
ihm zuvor, bevor Mike schießen konnte. Er hielt seine Hand so fest, dass Mike
aufschrie und die Waffe fallen ließ. Plötzlich verlor einer der Männer die
Beherrschung und schoss Jason in die Brust.
Sofort ließen die Kontrahenten voneinander ab, Jason fiel schlaff auf den Boden,
Mike rieb sich das Handgelenk. Viola fing an zu kreischen und stürzte zu Jason.
„Ihr Schweine!!“ schrie Sie. Sie kniete am Boden und wiegte weinend Jasons
leblosen Oberkörper. „Du Idiot, ich wollte das Monster abmurksen, ICH!!!“
herrschte Mike den anderen an. „Mann, ich wollte Ihnen doch bloß helfen!“,
verteidigte sich dieser. „VERSCHWINDET, ALLE!!“, brüllte Viola die Männer an.
„Ihr habt ja euren Job erledigt und jetzt VERSCHWINDET!!!“ Sie starrten sie an.
Mike meinte: „Oh Mann, lassen wir die Verrückte in Ruhe, bevor sie uns noch
ansteckt!“ Und damit verließen die Dorfbewohner alle das Grundstück und gingen
wieder ihren jeweiligen anderen Beschäftigungen nach während Viola allein
zurückblieb.
„Jason, oh mein Gott, Jason, verlass mich nicht, bitte verlass mich nicht!
Jason!“, flehte Viola. Aus Jasons Wunde und auch aus seinem Mund floss Blut.
Ihre Hände und ihr Schoß waren damit voll, sobald sie ihn an sich drückte, aber
das störte sie nicht. Nichts interessierte sie mehr als Jason. Sie saß so lange
dort im schattigen Gras. Ab und zu sang sie ihm vor, dann bekam sie wieder
Nervenzusammenbrüche. Langsam wurde es dunkel. Noch immer ließ sie nicht von ihm
ab. „Jason, nein, mein Jason, das darf nicht sein, mein Jason“, sagte sie immer
und immer wieder. Als die Sonne untergegangen war, saß sie noch immer dort und
hielt ihren Jason fest. Sie wollte es einfach nicht glauben. Es war unmöglich,
er war schließlich unsterblich!
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie dann aufstand und Jasons
Körper ins Schloss trug. Vorsichtig legte sie ihn auf den verstaubten
Küchentisch und sah ihn an. Plötzlich bewegten sich seine Lippen. Viola
erschrak, dann beugte sie sich über ihn. Tatsächlich, er sprach!! „Blut… Viola!
Brauche… Blut…“ Er hatte sich nicht bewegt, doch er lebte! Viola überlegte kurz,
dann zog sie den Ärmel hoch und schnappte sich ein Messer aus der Schublade. Sie
schnitt sich in den Unterarm, legte das Messer weg und hielt die Blut triefende
Wunde über Jasons Mund. Als die ersten Tropfen seine Kehle hinunterliefen, kam
Leben in den Vampir. Er öffnete benommen die Augen. Sie sah wieder diese
merkwürdige Augenfarbe, die schon beim ersten Mal Gänsehaut verursacht hatte:
die Regenbogenhaut war beunruhigend weiß. Nach weiteren Tropfen hob er
schließlich die Arme und zog Violas Arm zu seinem Mund. Dann trank er. Mit jedem
Schluck wurde er stärker und kräftiger. Seine Wangen färbten sich in ein
gesundes Rot und seine Wunde begann sich zu schließen, sein Körper „spuckte“ die
Kugel, die ihn scheinbar getötet hatte, einfach aus.
Viola sah geschockt zu, wie Jason immer mehr trank. Es fühlte sich schrecklich
an. So etwas ließ sich mit nichts vergleichen. Langsam wurde ihr schwindlig.
Nach weiteren Schlucken sackte sie schließlich ganz weg, Jason ließ gerade noch
rechtzeitig von ihr ab, um sie aufzufangen. Aus ihrem Arm floss noch immer Blut,
auch aus seinen Mundwinkel hatten sich einige Tropfen gestohlen und liefen ihm
nun über das Kinn. In rasender Geschwindigkeit stand er vom Tisch auf und legte
nun Viola dorthin. Dann verschwand er kurz aus dem Zimmer, um Verband und Salbe
zu holen. Er säuberte die Wunde, verteilte Salbe darüber und wickelte zu guter
Letzt den Verband darum. Dann – diesmal zog er die Bewusstlose um – legte er
Viola in einem Nachthemd in sein Bett. Die ganze Nacht wich er nicht von ihrer
Seite, auch den folgenden Samstag nicht. Sie schlief fast 24 Stunden durch, und
währenddessen hatte Jason viel Zeit gehabt, zu überlegen.
Alles, was er in den letzten 15 Jahren tat, tat er nur für Viola. Er beschützte
sie, anfangs zog er sie sogar groß, doch er wusste, ein Vampir und ein kleines
Kind passten nicht zusammen. Also gab er sie den Großeltern, bis sie vor einem
Jahr dort auszog. Ständig war er in ihrer Nähe, um sie im Notfall zu beschützen.
Er trank so selten wie möglich, um sie nicht allein zu lassen, und mit der Zeit
wuchs auch seine Liebe zu ihr. Anfangs liebte er sie natürlich wie ein Vater
seine Tochter und hatte auch nicht vor, dass mehr daraus wurde. Doch eines Tages
wurde es mehr. Er konnte es sich nicht erklären, wie es passiert war. Seine
Gefährtin hätte ihn dafür ausgelacht, überlegte er. Ein Mensch, noch dazu klein
und jung. Aber sie hatte umwerfend geschmeckt, besser, als jeder andere Mensch,
den er je gekostet hatte! Und sie lag in seinem Bett und schlief, weil sie sich
von seinem Biss erholen musste! Wut und Zweifel quälten ihn. DAS war das mit
Sicherheit Letzte gewesen, was er jemals hatte tun wollen: jemanden, den er
liebte, zu verletzen. Aber genau das hatte er getan. Er hatte sie gebissen,
gebissen, gebissen, verdammt! Er wusste nicht, wie er das jemals wieder gut
machen sollte. Er hätte 15 Jahre fast hingeschmissen.
Das erste, woran er merkte, dass sie aufwachte, war ihr Herzschlag. Er hatte
sich einen Tick verschnellert, genauer gesagt zwei hundertstel Sekunden pro
Minute. Dann gähnte sie kurz. Er schaltete wie am Abend zuvor die kleine,
düstere Nachttischlampe ein, während sie sich aufsetzte. „Du hast mich
umgezogen“, bemerkte sie. „Ja, das habe ich. Stört es dich?“ „Nein, nein.
Schönes Nachthemd!“ „Danke. Es gehörte meiner Gefährtin.“ Er wagte nicht, sie
anzusehen, er kniete wieder am Bettrand und starrte auf den Bettbezug. Sie
grinste ihn an. Dann wurde ihr Blick unsicher. „Was… was ist los, Jason?“ „Ich
habe dich verletzt. Das… das wollte ich nicht. Nie. Es tut mir so leid! Wie kann
ich das nur jemals wieder gut machen? Verletzt…“ Er hob nicht eine Sekunde den
Blick. Ihr Blick wurde liebevoll. Sie hob sein Kinn mit ihren Fingerspitzen an,
damit er ihr ins Gesicht sah, dann sagte sie: „Jason, jetzt hör doch mal zu.
Hätte ich es nicht gewollt, hätte ich es sicher nicht getan. Und außerdem…
wärst… wärst du sonst wohl wirklich gestorben. Irgendwann, wenn du weiter in
diesem komischen Zustand geblieben wärst, sicher, oder? Es, ja, es war ein
wirklich seltsames Gefühl, aber es hat dir dein Leben gerettet. Es hat dich zu
mir zurückgebracht. Ich liebe dich, Jason. Ohne dich, wie sollte ich da leben
wollen?“ Zum ersten Mal an diesem Abend sah er sie direkt an. Dann lächelte er
unsicher. Als sie zurückgrinste, wurde sein Lächeln breiter und ließ ihr wieder
ein Mal den Atem stocken. Dann stand er auf und küsste sie, leidenschaftlicher
und intensiver als je zuvor.
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