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Leila
Die Sterne funkelten zu tausenden am wolkenlosen
Himmel und ich legte für einen Moment einfach nur staunend den Kopf in den
Nacken. Um mich herum war die Welt zu Eis erstarrt und der See war komplett
zugefroren, wie schon seit vielen Wintern nicht mehr. Es hatte nicht geschneit,
aber der gefrierende Nebel legte jede Nacht eine neue Eisschicht über die
Pflanzen. Eisig fuhr der Wind durch die kahlen Wipfel der Bäume und eine Ente
rutschte bei der Landung verdutzt über das erstarrte Wasser. Kein Mensch ließ
sich bei dieser Kälte hier blicken, so dass ich das stille, beinahe reglose Bild
ganz für mich hatte. Wie ein Schatten lehnte ich an einem dicken Stamm. Der
kalte Wind fuhr unter meinen Umhang und ich lachte über sein Spiel.
Schließlich rannte ich los, tanzte und drehte mich um mich selbst und mein
Umhang flatterte um mich wie die dunklen Flügel eines Raben. Ich lachte aus
vollem Halse über diese unbeschwerte Freiheit, die ich in dieser Einsamkeit für
mich fand. Ein paar Augenblicke des Friedens.
Ich war ein Teil dieser kalten Welt, denn auch mein Körper wurde langsam wieder
kalt wie Eis. Vor Stunden hatte heißes Blut ihn warm werden lassen, aber der
Winter duldete keine Wärme in seinem Reich. Es säte Kälte und Tod, wenn man
nicht bereit war mit ihm um die Wärme zu kämpfen. Ich liebte die Wärme, aber ich
brauchte sie nicht, also gewährte ich der Eiskönigin ihren Willen und ließ ihren
kalten Atem an meinen Körper.
Stundenlang wanderte ich durch die Winternacht, bis ich schließlich nach
Mitternacht den dunklen Feldweg in Richtung der Stadt einschlug. Ein
erschrockenes Reh kreuzte meinen Weg und einmal glaubte ich einen Fuchs zwischen
den Büschen auszumachen. Ich ging so leise, dass auch meine Schritte auf dem
gefrorenen Boden nicht zu hören waren. Nur der Wind spielte flüsternd mit
reifbedeckten Gräsern.
Ich klopfte an Alex Tür. „Was willst du noch hier, Dana?“ waren seine schroffen
Begrüßungsworte. Ich blickte ihn hasserfüllt an. „Was soll die Frage? Du weißt
ganz genau warum ich hier bin! Warum also noch lange reden, Alex?“ Er stand
demonstrativ in der Tür und hatte nicht die Absicht mich auch nur einen Schritt
in seine Wohnung zu lassen. „Du glaubst vielleicht, dass alles klar ist, aber
für mich ist es das noch lange noch nicht! Und von mir wirst du nichts
erfahren.“ Ich war wütend, aber innerlich hatte ich Angst. Alex saß am längeren
Hebel, aber ich ließ mir meine Furcht nicht anmerken. „Jetzt stell dich nicht so
stur! Du brauchst mir nur zu sagen wo ich meine Tochter finden kann, dann bist
du mich für immer los und siehst mich nie wieder“ versprach ich ihm. Das war
alles, was ich von ihm wissen wollte.
Monatelang hatte ich in der Wohnung gelebt, zu der Alex mir jetzt den Zutritt
verwehrte. Ich hatte ihn wirklich geliebt. Dann hatte ich erfahren, dass meine
Tochter noch lebte. Wir waren vor gut 150 Jahren bei einem schlimmen Feuer nach
einem Erdbeben getrennt worden und ich hatte geglaubt, meine Tochter wäre dabei
umgekommen – bis ich einen Brief im Briefkasten gefunden hatte. Darin stand:
Ihre Tochter lebt!
Sie kam nicht in dem Feuer um wie Sie Glauben, sondern konnte Fliehen.
Sie ist bei mir und wartet auf Sie. Ich werde Sie in drei Tagen um Mitternacht
an der alten Eiche am See treffen.
Ich malte mir aus wie ich zum verabredeten Treffpunkt ging, aber dann kam alles
anders. Alex schlug in der Nacht vor dem Treffen vor, einen längeren Ausflug zu
machen. Als er mir versicherte, dass wir rechtzeitig wieder zurück sein würden,
willigte ich beruhigt ein. Aber wir waren nicht rechtzeitig wieder zurück und so
verlor sich für mich die Spur des geheimnisvollen Unbekannten und ich hörte,
trotz allen Hoffens und meiner eigenen Versuche ihn oder meine Tochter ausfindig
zu machen, nicht wieder von ihm.
Ich machte Alex deswegen schreckliche Vorwürfe, aber er lachte mich nur aus und
sagte, es sei vermutlich ohnehin nur ein schlechter Scherz gewesen. Am Ende wäre
doch niemand am See erschienen und ich hätte vergeblich gehofft und so hätte ich
mir eine bittere Enttäuschung erspart. Ich verstand nicht warum er so redete und
wurde wütend. „Wie kannst du so etwas sagen, Alex? Niemand, außer dir und mir,
weiß, dass ich einst eine Tochter hatte. Wie kann also jemand einen Spaß machen
aus etwas, dass er gar nicht wissen kann?!“ Aber Alex Antwort blieb ausweichend.
Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. „Alex“, sagte ich eines Abends zu ihm.
„Es hat keinen Sinn mehr mit uns. Ich kann nicht vergessen, dass ich dank deines
Ausflugs meine Tochter vielleicht nie mehr sehen werde.“ Denn ich zweifelte
keinen Augenblick an der Wahrheit der Nachricht und daran, dass meine Tochter
noch lebte.
„So?! Dann geh doch… und wenn du deine Helena findest, dann kannst du ihr ja
einen schönen Gruß von mir ausrichten!“ sagte er gehässig. Ich wurde blass. Für
einen Moment lang glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen. „Hast du Helena
gesagt?“ hakte ich ungläubig nach. „Hörst du etwa schlecht?“ gab Alex lässig und
gereizt zurück.
Aber mit seiner Gelassenheit war es schnell vorbei, denn ich stürzte mich
wutentbrannt auf ihn und packte ihn an seinem Hemd. „Wo ist meine Tochter? Was
weißt du, du Dreckskerl?!“ Er versuchte mich abzuschütteln. „Was ist denn jetzt
in dich gefahren, Dana? Bist du verrückt geworden? Woher soll denn ich wissen
wo…“ Er lachte unsicher. Ich schnitt ihm scharf das Wort ab. „Du weißt genau was
ich meine. Ich habe dir nie… niemals ihren Namen genannt. Woher also weißt du,
dass sie Helena heißt?!“ Seine Hände versuchten noch immer meinen Griff zu
lockern.
„Was weiß denn ich… vielleicht hab ich nur geraten…“ versuchte er seinen Fehler
zu überspielen. „Lüg mich nicht an!“ fuhr ich ihn scharf an. Ich war noch nie so
wütend gewesen. Alex kannte meine Tochter und hatte mir nie etwas davon gesagt.
Doch ich brachte kein Wort aus ihm heraus und verließ schließlich wütend und
unverrichteter Dinge die Wohnung.
Wochenlang versuchte ich vergebens auch nur den kleinsten Hinweis zu finden,
aber der geheimnisvolle Unbekannte, der mir die Nachricht geschickt hatte,
schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Schließlich blieb mir nichts anderes
mehr übrig als mein Glück wieder bei Alex zu versuchen, der damals, davon war
ich mittlerweile überzeugt, absichtlich dafür gesorgt hatte, dass ich das
Treffen mit dem Unbekannten verpasste. Nur: Warum?
„Oder sag mir doch erst einmal woher du Helena kennst. Das hast du mir nie
erzählt“ versuchte ich Alex im Plauderton aus der Reserve zu locken. „Welchen
Sinn hätte es, wenn ich dir jetzt Geschichten erzähle?“ fragte er mich
herablassend und ich hätte ihm dafür die Augen auskratzen können. Ich musste ihn
zum Reden bringen.
„Ich habe alle Zeit der Welt…“ sagte ich ruhig und wartete fordernd. Alex
schwieg. Dann begann er zu sprechen, als ich es schon beinahe nicht mehr
erwartet hätte.
„Ich bin Helena vor gut 80 Jahren begegnet. Dich, Dana, traf ich ja erst rund
zehn Jahre später. Du weißt ja selbst wie hübsch Helena ist.“ „Und ich weiß,
dass du einer hübschen Vampirin nie widerstehen konntest“ fügte ich
selbstverständlich hinzu. „Wie du sagst… Ich begegnete ihr also damals… gar
nicht weit von hier und war sofort fasziniert von ihr. Wo warst du damals?“
fragte er mich. Plötzlich schien Alex zu einem richtigen Gespräch bereit zu
sein.
„Ich reiste damals relativ ziellos in der Welt umher. Wie du ja weißt, sind
meine Tochter und ich in Italien in ein Feuer geraten. Es brach nach einem
schweren Erdbeben aus, das den Süden des Landes erschütterte und ich war fest
überzeugt davon, dass sie darin umgekommen war.“
„Helena war allein, vielleicht suchte sie auch insgeheim dich, aber sie hatte
dich nie auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt. Und ich habe sie nie nach
ihrer Vergangenheit gefragt. Als du dann irgendwann deine Tochter erwähntest und
ihr Aussehen beschriebst, musste ich oft an Helena denken. Aber dann hast du
eines Tages gesagt, dass sie nie war wie andere Vampire, sondern sehr eigen. Sie
nahm jedes ihrer Opfer mit zu sich nach Hause und dort verwendete sie sie wie
eine Kanne mit Wein: Sie schnitt ihnen die Adern auf und ließ ihr Blut in einen
silbernen Pokal rinnen, aus dem sie dann trank. Wenn sie ihn geleert hatte,
füllte sie ihn wieder auf die gleiche Weise. Ich habe sie niemals aus dem Hals
eines Menschen trinken sehen. Und da wusste ich, dass du von ihr sprachst.“
„Aber warum hast du es mir dann nicht gesagt, Alex?“ fragte ich nun wirklich
verwundert. Alex lachte jetzt kalt. „Weil ich es ihr nicht gönnen wollte, dass
sie dich wieder trifft!“ Seine Stimme starrte vor Hass. „Sie sollte verrotten,
wo auch immer sie war.“ Traurig sah ich ihn an. „Was kann sie getan haben, dass
du sie so hasst?“ fragte ich dann.
Alex schwieg wieder eine lange Zeit, dann endlich antwortete er mir auf meine
Frage. „Helena hat mich aufs Übelste hintergangen. Sie gaukelte mir vor, mich zu
lieben, aber in Wirklichkeit war alles nur ein hervorragend inszeniertes
Theaterstück. Willst du wissen, wer ihre wahre Liebe war?!“ fragte Alex in
provozierendem Ton. Ich nickte ganz automatisch. „Andor.“ Ich stieß einen
erschrockenen Schrei aus. Andor war der Name, der immer wie ein Schreckgespenst
im Raum gestanden hatte. Er war Alex’ erklärter Todfeind. „Sie hat mich benutzt,
hat mich ausspioniert und hintergangen, diese falsche Schlange! Nur ihr habe ich
es zu verdanken, dass Andor mich damals abpasste und mir ein Schwert ins Herz
rammte!“ Er spie die Worte förmlich aus.
Irgendwie verstand ich Alex und seinen Hass auf Helena auf einmal. Andor war
wirklich grausam gewesen, als er damals versucht hatte, ihn zu vernichten.
Geschwächt und hilflos war Alex nach Andors Angriff gewesen und hätte seine
Schöpferin ihn nicht gefunden, hätte ihn die Sonne vernichtet. Dieses Wissen
ließ mich mit einem Mal viel sanfter zu meinem früheren Geliebten sprechen.
„Helena kam als Spionin zu dir. Dann verstehe ich deinen Hass, Alex.“ Bittend
sah ich ihn an. „Aber um unserer einstigen Liebe willen: Kannst du mir nicht
dennoch sagen, was du von Helena weißt?“ Meine Sanftheit schien Alex mit einem
Mal wirklich umzustimmen, denn er hob jetzt den Kopf und sah mich an.
„In Ordnung, Dana, um deinetwillen werde ich dir sagen, wo Helena ist – so sehr
ich es ihr auch missgönne. Sie lebt in Devon, drei Stunden westlich von hier.
Ich weiß nicht den genauen Ort – und ich will ihn auch nicht wissen – aber mit
diesen Angaben solltest du sie finden können, Dana.“
Ich schlang meine Arme um ihn und küsste ihn zum Abschied. „Ich danke dir Alex.“
Dann verschwand ich wieder in der kalten, eisigen Winternacht und meine Spuren,
die mich gen Devon führten, verwischten Wind und Schnee hinter mir.
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