Sie vermochte nicht zu sagen, seit wann sie ihn schon wahrnahm. Eines Abends war
er da und blickte über sein Glas hinweg, unentwegt zu ihr herüber.
Zwischen ihnen lag der halb dunkle Raum der Bar und die Theke. Das Licht der
indirekten Beleuchtung fiel auf ihr blondes Haar und ließ es hin und wieder
golden aufblitzen.
Sie war ganz in schwarz gekleidet, der tiefe Ausschnitt des Kleides war bedeckt
mit schwarzer Spitze und ließ die Haut durchschimmern.
Meist saß er in der Tiefe des Raumes, nach rückwärts gelehnt und hatte seine
Füße übereinander geschlagen. Hin und wieder nippte er an dem Glas und schaute
sie dabei mit großen dunklen, tief liegenden Augen unentwegt an.
Er war immer der erste Gast, ging als Letzter mit leichtem Nicken und einem
kleinen Lächeln.
Manchmal stand er aber auch an der Bar und verlangte mit leiser Stimme seinen
Drink, Bloody Mary.
Vor einigen Tagen sprachen sie das erste Mal miteinander. Sie stellte zaghafte,
unverbindliche Fragen, die er ebenso unverbindlich beantwortete. Seine Stimme
war dunkel und angenehm.
Es entwickelten sich ungewöhnliche Gespräche. Wenn keine anderen Gäste da waren,
sprachen sie über dieses und jenes, lachten manchmal leise und kamen sich
dadurch näher. Wenn jedoch dann mehrere Gäste an die Theke kamen, verließ er
wortlos seinen Platz und nahm wieder seinen angestammten Platz ein. Ihre Blicke
trafen sich dann immer wieder, vom grellen Licht der Theke hin zum Halbdunkel
der Tiefe des Raumes.
Der Abend war bereits fortgeschritten, es drängten sich mehrere Barbesucher vor
der Theke und sie verlor ihn aus den Augen. Es mußte schon fast morgens sein, es
war eine lange Nacht!
Als sie wieder eine kleine Pause machen konnte, spülte sie die Gläser und
stellte sie an ihren Platz. Dann blickte sie wieder auf, doch sein Platz war
leer.
Sie wurde unruhig, was war geschehen? Plötzlich fehlte er ihr, sie kam sich
alleine vor.
Sie stützte den Kopf auf ihre linke Hand und schloß die Augen. Naja, eigentlich
hatte er immer nur unverbindliche Antworten gegeben, niemals ging er auf allzu
persönliche Fragen oder Bemerkungen ein. Wahrscheinlich war sie für ihn nur ein
alltägliches Gegenüber, nette Gesprächspartnerin, aber nicht mehr. Sie spürte
einen kleinen Schmerz in der Brust.
Sie sollte wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückkehren, wäre besser für
ihren Seelenfrieden
Und doch verließ sie die Theke und ging langsam zu seinem Platz hin. Vielleicht
hatte er einen Hinweis hinterlassen, irgendwas!
Nein, es lag nur eine Streichholzschachtel da, mit ein paar Streichhölzern drin,
alle geknickt. Sie nahm sie heraus und steckte sie ein, automatisch, ohne zu
überlegen, was sie damit machen sollte.
„Warum machen sie nicht Schluß? Es wird schon fast hell, es war eine lange
Nacht!". Die Stimme von Alex, dem Geschäftsführer klang tadelnd.
„Ja, tut mir leid, habe nur was gesucht“, sagte sie.
„Suchen sie den unheimlichen Gast? Den mit dem stechenden Blick, der immer nur
Bloody Mary´s trinkt? Der ist gegangen, hat aber diesen Handschuh verloren.“
Er warf ihr den dunklen Handschuh auf die Theke und lächelte ironisch.
Soll man nur darüber reden, sie machte sich Sorgen. Er ging doch nie, ohne sein
kleines Lächeln und einem leichten Nicken.
Sie löschte die Lichter, nahm ihren Mantel und trat aus der Bar hinaus in den
hereinbrechenden Morgen.
Sie kam in ihre leere Wohnung, spürte die aus den Ecken kriechende Einsamkeit
heute doppelt. Sie schloß die Vorhänge, um Dunkelheit zu erzeugen. Müde, alle
Glieder spürend, versuchte sie zu schlafen. Doch immer wieder erschien in ihrem
Halbschlaf die dunkle, ach so vertraute Gestalt des Fremden. Es war ihr, als
würden sie miteinander sprechen, über alles mögliche, nur nicht über sich und
ihren Gefühlen. Sie wollten sich berühren, es gelang ihnen nur mit den
Fingerspitzen, dann entschwand er immer wieder. Es wurde ein unruhiger Schlaf.
Sie schlief bis in den späten Nachmittag, blieb jedoch dann noch liegen und
versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
Sollte sie sich verliebt haben? Sie hielt den vergessenen Handschuh in der
linken Hand, sie bemerkte einen leichten Geruch nach Tabak, oder ähnlichem.
Sie nickte wieder ein und verlor Zeit und Raum.
Der Vorhang wölbte sich nach vorne und aus dem Schatten des Vorhanges löste sich
eine dunkle Gestalt. Er war die ganze Zeit hier gewesen, hatte ihr beim Schlafen
zugesehen, den Polster glatt gestreift und mit den Händen leicht über ihren
Körper gestrichen.
Er wußte es genau, er hatte sich verliebt. Verliebt in dieses bezaubernde
Geschöpf, voller Leben, mit sehnsüchtigen Gedanken.
Er wollte nicht, daß sie in dieser Bar arbeitet, sich von hungrigen Männeraugen
anstarren lassen muß und geduldig auf stumpfe Fragen und mühsame Konversation
reagieren mußte.
Er wollte sie für sich haben, für sich in alle Ewigkeit. Er wollte ihre Nähe
spüren.
Es ist so, daß Liebende natürlich immer das Bedürfnis haben, sich nahe zu sein.
Man will die Hände des geliebten Menschen auf seiner Haut spüren, seinen Atem im
Gesicht, am Hals und im Halbdunkel zwischen dem Haaransatz und dem Genick. Dort
stellen sich dann die ganz feinen Haare auf und erzeugen ein kribbelndes Gefühl
und die Kopfhaut zieht sich zusammen.
In diesem Moment öffnete sie halb ihre Augen und spürte seine gespreizten Finger
im Haar langsam versinken. Seine Fingerkuppen berührten ihre Kopfhaut und
tausend Sterne explodierten hinter den halb offenen Augenlidern.
Sie berührte sein Gesicht mit der Innenseite ihrer geöffneten Hände, um es ganz
nahe heranzuziehen
Dann spürte sie seinen Mund auf ihrer Haut nach ihren Lippen suchend über die
Wangen streichen und öffnete, noch bevor er sie erreichte, ihre Lippen
erwartungsvoll.
Es entstand ein ungeheures Spannungsfeld zwischen ihnen beiden, ein Vortasten in
den Garten der Gefühle.
Die Welt versank in einem Meer von Traum und Wirklichkeit. Sie stürzten, einem
Wasserfall gleich tosend über die Felsen und ergossen sich in die Tiefe.
Die Erlösung aus dieser totalen Auflösung und des sich Fallenlassens geschah,
als sie dann am Fuße dieses ungeheuren Gebirges diesem süßen Tode entgegen
stürzten, sich jedoch gleichzeitig wieder vereinten und als aufgewühlter, aber
vereinter Fluß, mitsammen unlöslich verbunden, in ihrem Flußbett weiter
strömten, sich aneinander schmiegten und in kleinen weiße Schaumkronen flüsternd
verloren.
Sie hielten sich noch eine Weile fest umschlungen und ihre Blicke versanken
ineinander. Er senkte langsam seinen Kopf und berührte ihren Hals mit seinen
Lippen, er öffnete sie und sie spürte diesen stechenden Schmerz nur für einen
Augenblick. Dann durchströmte sie eine angenehme Müdigkeit, sie spürte ihr Blut
pulsierend zu ihm hin strömen, spürte diese Vereinigung der beiden Seelen und
des Körpers.
So lagen sie bis es auch draußen dunkel wurde, sie erlebten in dieser Nacht
immer wieder den Kreislauf der Vereinigung zweier Wesen, die sich für ewig
verbunden hatten.