Wie sich die Existenz von Vampiren mit
unserem Wissen über Physik und Biologie vereinen ließe, darüber wurde
oft spekuliert. Lassen wir die klassischen Erklärungsversuche wie
göttliche Einwirkung oder wunderbare Kräfte einmal beiseite – hier
werden Modelle aufzuzeigt, wie es Vampire geben könnte, die mit unserer
naturwissenschaftlich geprägten Vorstellung der Welt vereinbar sind –
der »Vampir für Atheisten«.
Tanith Lee beschreibt in ihrem Buch »Sabella«
einen weiblichen Vampir: Die Ich-Erzählerin Sabella ist, ohne dies
zunächst zu wissen, eine Außerirdische von einer Rasse, deren Frauen
sich vom Blut ihrer Männer ernähren – eine ausgeklügelte Symbiose. Es
gibt in unserer Tierwelt bei den Fledermäusen eine Parallele.
Es mag ja vielleicht Außerirdische
geben, die uns so ähneln, daß sie bei uns nicht auffallen – durch
Anpassung im Laufe der Evolution (falls sie uns früh genug begegnet
sind), durch bewußte Umgestaltung (falls sie so mächtig sind wie
Dänikens »Götter«) oder durch Parallelentwicklung (so unwahrscheinlich
diese auch sein mag). Sonderlich wahrscheinlich ist allerdings keine
dieser Thesen.
Viel eher dürften Vampire sich als
irdische »Tier«art entwickelt haben: ein blutsaugendes Tier, ähnlich den
Vampirfledermäusen, das die Entwicklung des Menschen seit den
Insektivoren – kleinen, den Spitzmäusen nicht unähnlichen
Insektenfressern – über Halbaffen, Affen und Menschenaffen mitgemacht
hat. Die Phylogenie der Fledermäuse bietet dafür zumindest Indizien.
Wieso also sollte im Verlauf der Evolution nicht ein von Blut lebendes
Tier entstanden sein, daß die Menschen im Äußeren stets nachahmte,
vielleicht sogar unter ihnen lebte? Der Selektionsdruck auf Anpassung
war in diesem Fall extrem stark – Entdeckung bedeutete Tod. Vielleicht
beruht auf solchen Entdeckungen die weltweit verbreitete Vampirlegende.
Daß eine solche Änderung sehr wohl
möglich ist und sogar schnell erfolgen kann, beweist eine Entdeckung,
über die britische Wissenschaftler im August 1998 in der Fachzeitschrift
»BBC Wildlife« berichteten. Durch den Bau der Londoner U-Bahn vor rund
hundert Jahren mutierten die blutsaugenden Stechmücken der Gattung »Culex
pipiens«, die ursprünglich ausschließlich Vögel »angezapft« hatten, und
decken inzwischen ihren täglichen Bedarf bei Ratten und Mäusen sowie an
den Zehntausenden menschlicher U-Bahnbenutzern . Das Erbgut der
unterirdisch lebenden Mücken unterscheidet sich so stark von dem ihrer
im Freien lebenden Artgenossen, daß die unterirdisch und die an der
Oberfläche lebenden Mücken nicht mehr gekreuzt werden können. Es ist
also innerhalb von 100 Jahren eine neue Art entstanden, sogar mit
verschiedenen Rassen, denn man kann am Erbgut die in den verschiedenen
U-Bahnlinien lebenden Mücken unterscheiden.
Daß Vampire das Blut durch die Zähne
aufsaugen, durch kleine Stacheln oder Röhren unter der Zunge (wie bei
Charnas) oder durch die Zunge selbst (Weigand), ist unwahrscheinlich.
Eher machen sie es wie die Fledermäuse: ein Stück Haut abbeißen oder
aber eine Ader punktieren und dann saugen...
Falls die Vampire nicht auf spezielle
Bestandteile des menschlichen Blutes angewiesen sind (wie etwa die roten
Blutkörperchen s. u.), können sie wohl relativ problemlos auch das Blut
anderer Säugetiere zu sich nehmen. Solange das Blut durch den Magen
läuft, wie z. B. bei den Vampirfledermäusen, spielen die übrigen
Bestandteile keine Rolle, auch nicht die Blutgruppe. Wen oder was sich
der Vampir zum Opfer erwählt, ist dann Geschmackssache...
Vampire dürften sich kaum von Kreuzen
oder anderen religiösen Symbolen abhalten lassen – es sei denn, sie
haben die menschliche Angewohnheit der Religiosität angenommen und
wollen nicht »sündigen«. Wie aber reagiert ein Vampir, der vorher Moslem
war, auf das Kreuz, oder ein katholischer Vampir auf den Halbmond? Was
ist mit einem atheistischen Vampir? Kommt es auf den Glauben des sich
Schützenden an oder auf den des Vampirs? Wahrscheinlich ist das Ganze
wirklich nur Tarnung und dient dazu, den Menschen wenigstens die
Illusion zu lassen, sich schützen zu können...
Vielleicht verwesen solche Vampire auch
langsamer als wir, dann hätten die Rumänen mit ihren Ausgrabungsaktionen
recht gehabt. Und möglicherweise sind sie gegen Knoblauch allergisch...
Die Empfindlichkeit gegen Tageslicht ist
möglicherweise auch nur Tarnung: Solange die Menschen, auch wenn sie
wissen, daß es Vampire gibt, diese nur nachts in Aktion vermuten, werden
sie sich tagsüber weniger schützen.
Vielleicht sind Vampire auch wirklich
lichtempfindlich, vergleichbar Albinos, oder sie leiden an einer
Sonnenallergie oder gar einer Erbkrankheit ähnlich der beim Menschen
bekannten Xeroderma pigmentosa.
All dies ist jedoch unwahrscheinlich,
denn es würde wohl ziemlich oft zur Entdeckung führen. Trotzdem ist es
natürlich möglich, Gegebenheiten zu konstruieren, unter denen selbst ein
ganzes Volk von Vampiren parallel zu uns, neben oder unter uns
existieren kann.
Daß Vampire im Spiegel nicht zu sehen
seien und keinen Schatten hätten, kommt meines Wissens in den Mythen
nichtvor und ist wohl eher eine Erfindung Bram Stokers. Es ist so
unwahrscheinlich wie die Fähigkeit, sich in Nebel, Fledermäuse oder
Wölfe verwandeln zu können. Über die ihnen in der Regel unterstellten
hypnotischen Fähigkeiten hingegen dürften Vampire verfügen; durch sie
fällt es ihnen erheblich leichter, unentdeckt zu bleiben. Vielleicht
erklärt sich daraus auch die Verwandlung – als Illusion: Während man
eine Fledermaus davonflattern oder einen Wolf weglaufen zu sehen
scheint, entfernt sich in Wirklichkeit ein menschlich aussehender
Vampir...
Auch die »Unsterblichkeit« der Vampire
wäre biologisch erklärbar, wenn auch auf etwas komplizierte Weise.
Vielleicht ist bei ihnen die beschränkte Teilbarkeit der Zellen
aufgehoben – der Grund, warum vielzellige Organismen auf diesem Planeten
sterben müssen. Und da rote Blutkörperchen keinen Kern besitzen, sich
also nicht teilen können, braucht der Vampir vielleicht dann davon ab
und zu Nachschub...
Barbara Hambly hat in ihrem wunderbaren
Roman »Jagd der Vampire« die interessante These aufgestellt, daß
Vampirismus durch ein Virus übertragen werden könnte, das den Körper des
Vampirs allmählich umwandelt, analog einer Versteinerung. Zum
»Erschaffen« eines Vampirs bedarf es bei ihr allerdings einer von beiden
Seiten beabsichtigten Verschmelzung der Geister über den Tod hinaus. Das
die Vampire am »Leben« haltende Medium ist nicht nur das Blut, sondern
obendrein die beim Sterben freiwerdende Gefühls-Energie. Zumindest die
Virus-Übertragung wäre eine biologisch einleuchtende Erklärung des
Vampirismus, und daß eine solche Übertragung nicht immer zum »Erfolg«
führt, könnte sowohl biologische wie auch psychologische Ursachen haben.
Alle bisher beschriebenen Eigenschaften
könnten auf dem Wege der Blutübertragung weitergegeben werden, sei der
Überträger nun ein Virus, ein Bakterium oder ein bisher noch unbekanntes
Medium. Vielleicht bedarf es zur Umstellung des Körpers eines Komas, so
daß das Wesen zunächst als tot erscheint. Dann wäre Vampirismus ohne die
von Hambly postulierten geistigen Aspekte rein körperlich möglich.
Vampirismus könnte aber auch eine Erbkrankheit sein (wahrscheinlich
rezessiv), die nur unter bestimmten Umständen zum Ausbruch kommt...
Sollten Vampire eine eigene Tierart
sein, ist die Übertragung des Vampirismus auf Menschen durch einen Biß
natürlich ausgeschlossen. Im inneren Aufbau wären Vampire uns dann
sicher nicht unähnlich, schon wegen der prinzipiellen Ähnlichkeit aller
Wirbeltiere auf diesem Planeten, aber auch, da sonst jede
Röntgenuntersuchung oder Obduktion zur Entdeckung führen würde.
Vielleicht können sie sogar – zusätzlich – normal essen und trinken...
Falls sie eine eigene Art darstellen,
dürften, ja müßten Vampire sich eigentlich gegenseitig erkennen – schon
wegen der Fortpflanzung. Dann ist eine Kreuzung mit Menschen nämlich
nicht möglich. (Das ist die biologische Definition des Artbegriffes.)
Vielleicht haben die Vampire sich uns aber auch so angepaßt, daß eine
Kreuzung doch möglich ist – das wäre eine Konvergenzentwicklung –, oder
sie sind gar von Anfang an »nur« eine menschliche Rasse gewesen, dann
wären sie natürlich zur vollen Fortpflanzung mit uns befähigt.
Sollte dies der Fall sein, oder wenn
Vampirismus etwa eine Erbkrankheit wäre, verursacht durch ein rezessives
Gen, dann... – ja, dann könnte in jedem von uns ein Vampir stecken...
Literatur:
Friedhelm SCHNEIDEWIND: Die Vampire sind unter uns – in: Friedhelm
und Ulrike Schneidewind: Carmilla – Saarbrücken 1993