Weitere Krankheiten, die immer wieder
als einleuchtende Erklärung für das Entstehen von Vampirlegenden
herangezogen werden,eben den mythologischen Gründen gibt es für die
weite Verbreitung des Vampirmythos auch ganz »natürliche« Ursachen.
Natürlich waren diese nicht alleine ausschlaggebend, aber haben sicher
immer wieder den Glauben an die Existenz von Blutsaugern und
Wiedergängern bestärkt, oft auch scheinbare Belege geliefert. So geben
die Vampir-Fledermäuse bei ihrem Biß oft Krankheiten weiter, auch die
Tollwut. Tollwut war bis ins letzte Jahrhundert eine in Europa weit
verbreitete Krankheit; in Transsilvanien gab es im 17. und 18.
Jahrhundert Epidemien, bei denen Zehntausende von Menschen starben. Und
von dort kommt der »klassische« Vampir!
Weitere Krankheiten, die immer wieder
als einleuchtende Erklärung für das Entstehen von Vampirlegenden
herangezogen werden, sind besonders die Tuberkulose (Schwindsucht) (vor
allem in den USA) und – für die starke Verbreitung des Mythos im 18.
Jhdt. – der Milzbrand, aber auch die kongenitale erythropoetische
Porphyrie, die Erbkrankheit Xeroderma pigmentosa und bestimmte Formen
der Epilepsie und einige andere selten auftretende Krankheiten.
Erfahrungen mit all diesen Krankheiten
können die Entstehung des Vampir-Mythos durchaus erklären, ebenso wie
die früher häufig vorkommende Bestattung noch nicht ganz Toter
(»Scheintoter«), ganz besonders in Pestzeiten, denen dann im Grab noch
Nägel und Haare wachsen oder die sich beim Versuch, sich zu befreien,
blutige Finger holen.
Aber auch »normale« Tote sind ja schon
schreckerregend genug. In »Terra X« konnte man sehen (und kann es anhand
des Buches nachvollziehen), wie sehr Verwesungs- und
Zersetzungserscheinungen an die den Vampiren zugeschriebenen
Eigenschaften erinnern: vom erigierten Penis und der »neuen« Haut über
scheinbare Fettleibigkeit bei vorher hageren Menschen bis zu blutigen
Fingernägeln und Schaum vor dem Mund.
Der Wiener Pathologe und
Gerichtsmediziner Prof. Christian Reiter erläuterte mir im Gespräch noch
zahlreiche weitere Aspekte des Vampirmythos, für die »normale«
Erklärungen vorliegen. Für die meisten dieser Erscheinungen sind die bei
der körperlichen Auflösung entstehenden Gase verantwortlich, so für die
oben beschriebenen, aber auch für das (nicht nur) von den »Nachzehrern«
bekannte »Schmätzen im Grabe« (blubberndes Austreten von
Lungenflüssigkeit) und das Ächzen, ja fast schon Schreien, wenn eine
Leiche gepfählt wird. Muskelveränderungen führen dazu, daß die Leiche
den Kopf auf die Brust zieht – »ihr Leichentuch verzehrt«. Und wenn eine
Leiche in anaerobem (sauerstoffarmem) Milieu begraben war, können nach
der Exhumierung die aeroben (sauerstoffbrauchenden) Bakterien den
bereits »vorverdauten« Leichnam in wenigen Stunden zersetzen – was bei
Unkenntnis dieser Zusammenhänge eine Auflösung durch das Sonnenlicht
vermuten läßt.
Mit Recht wird heute von Pathologen
darauf verwiesen, daß vor ein oder zwei Jahrhunderten ihren damaligen
Kollegen diese Phänomene, die sie als Beweise für Vampirismus
interpretierten, unbekannt waren und unerklärlich erscheinen mußten -
und auch heute dürften die meisten »Normalsterblichen«, wenn sie Wochen
oder Monate nach der Beerdigung mit einer Leiche konfrontiert würden,
über deren Aussehen erschrecken und übernatürliche Kräfte vermuten.
Hinzu kommt, daß Leichen in sehr
unterschiedlichen Zustand konserviert sein können, sei es, weil das
Milieu luftdicht abschließt, wie bei Sumpf- oder Eisleichen, sei es
wegen einer Vergiftung: Bei Napoleon etwa wurde die These aufgestellt,
er sei einer Zyanidvergiftung erlegen, da seine Leiche ungewöhnlich gut
erhalten war und Präparatoren diese Substanz benutzen, um den Zerfall
aufzuhalten. Es gibt also viele Gründe für »unnatürliche« Verwesung -
und die Kirchen reagieren auch unterschiedlich darauf: Wer nicht
ordnungsgemäß verwest, ist laut der orthodoxen Lehre verdammt, in der
katholischen Kirche hingegen Kandidat für die Heiligsprechung.
Die rasante Verbreitung einer regional
begrenzten Form des Vampirglaubens jedoch, des serbischen »Vampyrs«, ab
1725, die letzlich das heutige Bild des Vampirs prägte, ist
zurückzuführen, so Reiter, auf ein fast modern anmutendes Zusammenwirken
von Politik, Medizinern und Journalisten. Die auf der Seite über
Milzbrand näher beschriebene Milzbrand-Epidemie an der
habsburgisch-osmanischen Grenze in einem kleinen serbschen Dorf löste
zunächst politische Aktivität aus: Da man befürchtete, die dort als
Grenzwachen stationierten Dörfler würden das Grenzgebiet aus Angst
wieder verlassen, entsandte man Militärärzte, die gehalten waren, auf
den örtlichen Aberglauben einzugehen und so etwa Leichen als Vampire zu
pfählen und zu enthaupten. Dabei stießen diese auf die oben
beschriebenen Veränderungen der Toten, die den Vampirmythos zu
bestätigen schienen.
Da die Ärzte auf ihren Sold warten
mußten, wandte sich der Vater eines dieser Ärzte aus Wien an die
deutsche Presse, zu der er gute Kontakte hatte. Und durch das
Zusammenspiel aus journalistischem Aufbauschen und teilweise
unwissenschaftlichem Verhalten der Militärärzte – die z. B., um ihren
Berichten mehr »Glaubwürdigkeit« zu verleihen, eine Kontrollgruppe
erfanden, bei der die Leichen nach wenigen Tagen bis aufs Skelett
verwest sein sollten, so daß alle nun ausgegrabenen leichen »Vampire«
sein mußten –, verbreitete sich der Vampirglaube seuchenartig über
Europa. Nicht einmal 50 Jahre später gab es Dutzende (wissenschaftliche)
Bücher zum Thema und konnte sich Voltaire lustig machen über die
Verbreitung dieses Aberglaubens:
»Ich gestehe, daß es ... Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute
gibt, die eine Menge Blut aus dem Volk heraussaugen, aber diese Herren
sind überhaupt nicht tot, allerdings ziemlich angefault. Diese wahren
Sauger wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren
Palästen.« (um 1770)
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