Lilitu
war eine sumerische und babylonische kindermordende und blutsaugende
Sturmdämonin, Vorfahrin der Vampire und anderer Blutsauger, auch mit
kannibalistischen (anthropophagen) Zügen. Ihr männliches Pendant hieß
Lilu. Im Alten Testament (Jesaja 34,14) taucht ein ruinenbewohnendes
»Nachtgespenst« auf, das in der lateinischen Übersetzung mit der Lamia
identifiziert wird.
Im
babylonischen Talmud wird dann die Dämonin Lilith beschrieben, mit
langen Haaren und Flügeln, die Männer tötet, die allein in einem Haus
schlafen. Nach einer bekannten jüdischen Sage war Lilith Adams erste
Frau, wie er aus Staub erschaffen, also ihm gleichwertig. Sie
verweigerte ihm die Unterordnung (sprich: das Unter-ihm-Liegen) und
wurde dadurch zur Dämonin und Kindermörderin. Nach Überlieferungen des
Talmud sollen sowohl Lilith wie auch Adam »nach ihrer Trennung mit
Teufeln bzw. Teufelinnen Unzucht getrieben haben, Adam übrigens 130
Jahre lang, bis Gott ihm Eva schafft. Aus diesen Aktivitäten entstehen
Schreckgeister und Dämonen aller Arten. Und die Schönste der Teufelinnen
heißt Naëma, die mit ihrem Bruder Thubal-Cain aus Cains Seele gebildet
wurde, und diese Naëma gilt als die eigentliche Mutter aller
Buhlteufel.« (Hans Freimark: »Okkultismus und Sexualität«).
Besonders plastisch wird die Geschichte geschildert in dem »Alphabet des
ben Sira« aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, das im Mittelalter weite
Verbreitung fand: »Als Gott Adam erschuf, sagte er: Es ist nicht gut, daß der Mensch
alleine sei. Daher erschuf er für ihn eine Gehilfin aus der gleichen
Erde und nannte sie Lilith. Sobald sie geschaffen war, begann sie einen
Streit und sagte: Weshalb sollte ich unten liegen? Ich bin ebenso viel
wert wie du, wir sind beide aus Erde geschaffen. Als aber Lilith sah,
daß sie Adam nicht überwältigen konnte, sprach sie den unaussprechlichen
Gottesnamen aus und flog in die Luft. Adam betete und sagte: Herr der
Welt. Die Frau, die du mir gegeben hast, ist von mir weggegangen. Darauf
sandte Gott drei Engel, die sie zurückbringen sollten. Diese sagten zu
ihr: Gott hat beschlossen: Wenn du zurückkehren willst, ist es gut. Wenn
nicht, dann mußt du als Strafe auf dich nehmen, daß jeden Tag hundert
Kinder von dir sterben. Die Engel suchten Lilith und fanden sie im
reißenden Wasser, in demselben Wasser, in dem später die Ägypter
ertrinken sollten. Sie meldeten ihr den göttlichen Befehl. Aber sie
weigerte sich zurückzukehren. Da sagten sie zu ihr: Wir müssen dich in
diesem Wasser ertränken. Aber sie bat und sagte: Laßt mich, denn ich bin
dazu geschaffen worden, kleine Kinder zu verderben. Wenn es ein Knabe
ist, werde ich acht Tage, wenn es ein Mädchen ist, werde ich zwanzig
Tage Gewalt über das Kind haben. Als sie ihre Worte hörten, drängten sie
noch mehr, daß sie ihnen gehorche. Da sagte sie: Ich schwöre euch im
Namen des lebendigen und großen Gottes: Wenn ich eure Namen auf einem
Amulett geschrieben sehen werde, dann werde ich das Kind nicht
schädigen. Sie nahm es auch auf sich, daß jeden Tag hundert ihrer Kinder
starben. Wenn wir jetzt diese Namen auf ein Amulett schreiben, dann
erinnert sie sich dieses Schwures und das Kind ist gerettet. Die Namen
der Engel sind: Sanvai, Sansanvai und Semangloph.« (zitiert nach
Siegmund Hurwitz: »Lilith, die erste Eva«, Zürich 1980).
Lilith
spielt spätestens seither in der jüdischen Magie eine wichtige Rolle wie
auch in der Kabbalah und im Zohar. Sie erwürgt des Nachts Kinder (wenn
Kinder im Schlaf lachen, spielt sie mit ihnen!), eignet sich als
Succubus den männlichen Samen an, tötet die Männer oder macht sie krank.
Im »Sefer Chassidim« (um 1200) sitzt sie als lauerndes Gespenst auf
Bäumen, von deren Zweigen dann Blut tropft.
Lilith
verkörpert sowohl männliche Ängste (Verweigerung gegenüber männlicher
Dominanz, Bedrohung der Potenz) wie auch weibliche, etwa die vor der
Aggression gegen das eigene Kind oder die vor Sexualität und der
lebensbedrohenden Mutterschaft.
Heute
ist Lilith eine zentrale Symbolfigur des jüdischen Feminismus. In der
Literatur spielte sie in den letzten Jahrhunderten eine zunehmende
Rolle, besonders in der Phantastik. Im Rollenspiel »Vampire« ist sie die
Urmutter aller Vampire.
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