Neben den biologisch-medizinischen
Gründen gibt es für die weite Verbreitung des Vampirmythos natürlich
starke psychologische-mythologische Ursachen. Der Mythos konnte und kann
sich nur deshalb so weit verbreiten, weil er tiefsitzende Ängste und
Bedürfnisse der Menschen aufgreift und widerspiegelt.
Zwei uralte, weltweit verbreitete mythologische Stränge fließen im 17.
Jahrhundert in Osteuropa zum Mythos des Vampirs zusammen: der des
Wiedergängers und der des Blutsaugers.
Der erste spiegelt die uralte Sehnsucht der Menschen nach
Unsterblichkeit wider: Ist es nicht reizvoll, zumindest so lange zu
leben, bis man gewaltsam getötet wird oder die Welt ein Ende findet,
also von Alter und Krankheit verschont zu bleiben?
Doch der Mythos behauptet auch, dass Unsterblichkeit, wenn überhaupt, nur
unter Aufgabe der eigenen Menschlichkeit erlangt werden kann.
Die Frage ist stets die nach dem Preis. Nie wieder das Sonnenlicht zu
sehen, auf menschliche Gesellschaft zu verzichten, als Mörder gejagt
oder verbannt zu werden – wieweit gehe ich, um Unsterblichkeit zu
erlangen? Wieweit bin ich bereit, mich über gesellschaftliche Regeln,
über religiöse Gebote und über meine eigenen ethischen Maßstäbe
hinwegzusetzen?
Die ethische Problematik ist sicher einer der Gründe, warum der
Vampirmythos über alle Zeiten so interessant war und heute so zu
faszinieren vermag. Man kann sich sogar fragen, ob ein Vampir denn
eigentlich »böse« sei...
Der zweite wesentliche Aspekt ist die Angst vor dem, was den Menschen
nach dem Tode erwartet, aber auch vor der Wiederkehr und eventuell der
Rache der Toten, also der Aspekt des Wiedergängers.
Der wichtigste Reiz jedoch geht heute, zumindest in modernen
Gesellschaften, von zwei weiteren Aspekten aus: dem Einfluss der Erotik
und dem Bild des »Aussaugens«. Es gibt Vampire ja nicht nur als
Blutsauger, dieses Bild wird seit Jahrhunderten, zumindest seit
Voltaire, auch politisch verstanden. Und jeder Mensch ist mit dieser
Metapher vertraut und findet sich darin wieder. Denn jede menschliche
Beziehung ist ein Geben und Nehmen, das, wenn es aus dem Gleichgewicht
gerät, leicht zu einem Aussaugen des Anderen wird.
Wegen dieser starken, fast schon archetypischen Bilder ist der
Vampyrmythos nicht nur einer der weitverbreitetsten, sondern auch
stärksten Mythen der Menschheit.
Besonders empfehlenswerte Literatur:
Dieter STURM, Klaus VÖLKER (Hrsg.): Von denen Vampyren oder
Menschensaugern – München 1968 und Stuttgart 1994
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