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Vampir Geschichten

Kurzgeschichten über die Nachtwesen

Preis der Vergeltung


(Lang: 82286 Zeichen)
 Keron Longbow Online seid 01.03.2010
(1787 mal gelesen)

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Herbstlicher Morgennebel lag gleich einem milchigen Schleier auf den Feldern der Grafschaft Tyrn. Zwischen den Gräsern schimmerten tausende taubeladene Spinnennetze, bereit für die Beute, die arglos ihren Flug beginnen würde, sobald das Sonnenlicht den Kampf mit den trüben Schlieren gewinnen würde. Dazwischen hüpfte eine Schar Krähen suchend umher und durchbrach die Stille mit ihrem heißeren Geschrei. Die milden Nächte des Sommers gehörten bereits der Vergangenheit an, und daher war die morgendliche ungemütliche Kälte nicht ungewöhnlich.


Missmutig zog der Graf den schwarzen Mantel enger um seine Schultern und gab seinem grauen Wallach energisch die Sporen.
Vor etwas mehr als einer Woche war er von der westlichen Grenze des Königreiches zurückgekehrt. Dank der fortwährenden Streitigkeiten mit den Herzögen des kaiserlichen Bundes um das Goldene Tal, hatte er fast den ganzen Sommer in den Feldlagern des Königs verbringen müssen. Nach unzähligen größeren und kleineren Gefechten, die Moral und Ressourcen allmählich erschöpft hatten, war es keiner Seite gelungen einen entscheidenden Vorteil zu erringen. Notgedrungen hatte man sich letztendlich auf einen unbefriedigenden Waffenstillstand einigen müssen.


Einen Winter lang waren dadurch sicherlich keine größeren Unruhen zu erwarten. Doch wenn die Frühjahrshochwasser sich zurückgezogen hatten, würden sich die Schlachtreihen mit großer Sicherheit erneut formieren. Und zweifellos würde der König wiederum seine Dienste einfordern, befürchtete der Graf von Tyrn. Der Teufel sollte ihn holen. Selbst wenn das Goldene Tal einst an das Königreich fallen sollte, würde das ihm, dessen Grafschaft so weit im Osten lag, keinerlei Nutzen bringen. Stattdessen kostete es ihn nur fortwährend Material und Soldaten, wenn nicht sogar das eigene Leben. Außerdem pflegten tote Bauernsöhne keine Steuern zu zahlen.


Aber im Moment bereiteten ihm noch andere Dinge einigen Verdruss. Seit dem ersten Tag seiner Rückkehr, hatte er von seinem Weib energisch die Erfüllung der ehelichen Pflichten eingefordert. Mit mehr oder weniger bescheidenem Erfolg. Doch nun war er endlich ihrer wechselhaften Launen überdrüssig geworden. Wohlmöglich hatte er einen ihrer heimlichen Liebhaber vergrault, und sie ließ ihn ihren Ärger darüber spüren. Die gelegentlichen Eskapaden seines Weibes machten ihm im Allgemeinen zwar wenig aus, doch seine Ehre musste natürlich gewahrt bleiben. Sollte er daher jemals einen dieser Bastarde auf frischer Tat erwischen, würde dieser sich alsbald seiner Männlichkeit beraubt an einem kräftigen Ast baumelnd wieder finden.


Wenn er allerdings ehrlich war, kam es ihm nicht ganz ungelegen, an diesem Morgen auf dem Rücken seines Pferdes zu sitzen und in Begleitung eines Dutzend seiner Soldaten gräflichen Pflichten nachzugehen.
Seit einigen Tagen hatte es wiederholt Meldungen über verschwundene Ziegen, aufgebrochene Lagerhäuser und getötete Hunde im Dorf Dorhany gegeben. Des weiteren war auf der Handelsstraße durch die Nordwälder ein Fuhrmann samt Weib und Ware spurlos verschwunden. Das legte den Verdacht nahe, dass wieder einmal eine Räuberbande seine Grafschaft unsicher machte. Die Rückkehr des Herrn auf seine Burg hatte sich wohl noch nicht überall herum gesprochen. Oder aber man hatte vergessen, wie er mit räuberischem Gesindel zu verfahren pflegte.


Wie auch immer, gegen eine gute Jagd hatte er selten etwas einzuwenden. Dabei war es ihm schlichtweg egal, ob es sich bei der Beute um Mensch oder Tier handelte. Eine willkommene Abwechslung bot es ihm allemal. Und wenn es ihm gefiel, würde zwischendurch die ein oder andere Tochter des Dorfes ein wenig Kurzweil bieten.
Gegen Mittag hatte die Sonne die letzten Nebelschwaden endlich vertrieben, sodass der Graf seinen Mantel nicht mehr länger auf seinen stattlichen Schultern benötigte. Es war nun angenehm warm, und die frühherbstliche Landschaft präsentierte stolz die ersten roten und goldenen Farben. Ein Maler hätte daran sicherlich seine wahre Freude gehabt. Der Graf hingegen kaum, denn das Lager der Räuber im Wald, welches einer seiner Kundschafter am vorherigen Tag entdeckt hatte, war längst verlassen.



Es wäre auch irgendwie zu einfach gewesen, dachte Garon von Tyrn. Wie es aussah, stand ihnen eine lange zermürbende Jagd bevor. Allerdings legte er keinen großen Wert darauf, bis zum Anbruch der Nacht zu warten, in der vagen Hoffnung, dass die Bande im Schutze der Dunkelheit zurückkehren würde. Geduld war eben nicht gerade eine seiner großen Stärken. Er zog es stattdessen eher vor eine kurze Rast einzulegen, um auf das Eintreffen der Spürhunde zu warten. Mit ein wenig Glück hatten diese rasch eine Fährte aufgenommen und die elenden Halunken bis zum Abend aufgespürt. Dann würden sie schon merken, dass der Herr wieder im Land war. An geeigneten Bäumen mangelte es jedenfalls nicht.


Doch der Graf von Tyrn sollte enttäuscht werden. Am späten Nachmittag hatten die Hunde an den Ufern des Tan schließlich die Spuren verloren, und auch die zurückgelassenen Wachen im vermeintlichen Lager der Räuber wussten nichts erfolgversprechendes zu berichten. Zudem trug die nun aufziehende Wolkenfront kaum zur Besserung der fürstlichen Laune bei, da sie einen unangenehmen Rückweg im Regen versprach.
Aber noch war der Graf keinesfalls bereit, den Tag mit einem Misserfolg zu Ende gehen zu lassen.

Die Sonne berührte bereits den Horizont, und bald würde der noch nicht ganz komplette Vollmond über den Feldern aufgehen, als Garon von Tyrn mit seinen Reitern das Dorf Dorhany erreichte. Immerhin hatten der Regen sie weitgehend verschont und war rasch nach Westen abgezogen, so dass des Fürsten aufkeimende Fleischeslust nicht durch klamme Kleidung verdorben wurde.


Es war keineswegs das erste Mal, dass er sich an diesem Ort zur Jagd nach einer ganz besonderen Beute einfand, und kaum einem hübschem Mädchen, das die Kindheit hinter sich gelassen hatte, war es bisher vergönnt gewesen, dem fürstlichen Trieb zu entgehen.
Nach Monaten des häuslichen Friedens mussten nun so manche unglücklichen Eltern wieder einmal um die Unschuld ihrer Töchter fürchten, auch wenn diese zugegebenermaßen nur noch sehr vereinzelt vorhanden war. Und da sich der Fürst mit seinen 45 Lenzen einer noch weitgehend ungebrochenen Manneskraft erfreute, würden seine Untertanen unter seiner Lust wohl auch weiterhin leiden müssen.


Doch als hätten die Dörfler mit einem der berüchtigten Besuche ihres wenig beliebten Herren gerechnet, schienen sie sich alle in den trügerischen Schutz ihrer strohgedeckten Hütten verkrochen zu haben. Somit wurde Garon von Tyrn lediglich das klägliche Kläffen zweier Straßenköter als Willkommensgruß zuteil.
Das würde ihnen auch nichts nutzen, dachte der Graf verächtlich und ließ grimmig seine Blicke über die meist einfachen Holzhütten schweifen. Sie wussten genau, dass er das Recht dazu hatte. So wie er ganz genau wusste, was er suchte und wo er es finden würde.
In aller Ruhe lenkte er deshalb sein Pferd zum Hause von Barn dem Schmied.


Wie bedauerlich, dachte er, dass die hübschere seiner beiden Nichten ein so tragisches Ende erlitten hatte. Doch ihre jüngere Schwester war ebenfalls nicht zu verachten. Wenn sie nur annähernd so ungezähmt sein würde, dann...
Nur zu gut erinnerte er sich an den erregenden Duft von unverfälschter junger Weiblichkeit, vermischt mit dem Geruch von würzigem Holzkohlenrauch und frischem Heu. Vielleicht setzte sie ihm denselben stürmischen Widerstand entgegen. Das wäre so ganz nach seinem Geschmack. Je heftiger, desto besser.

Der Graf zügelte ungeduldig sein Pferd, während seine Soldaten sich im Halbkreis um das Holzhaus gruppierten. Zum einen sollten sie jedwede Störung von außen fernhalten, zum anderen etwaigen Widerstand aufgebrachter Familienmitglieder brechen.
Für gewöhnlich zog Garon von Tyrn es vor, die mehr oder weniger glückliche Auserwählte in seine nahegelegene Jagdhütte zu entführen, denn dort konnte er sicher sein, nicht bei seinem Vergnügen gestört zu werden. Doch in Anbetracht der fortgeschritten Stunde und dem Umstand, dass er heute bereits genug Zeit auf dem Rücken eines Pferdes verbracht hatte, beschloss er, den Dienst einer seiner weiblichen Untertanen an Ort und Stelle einzufordern.


Noch immer ärgerte ihn die erfolglose Verbrecherjagd. Aber nun würde er seinen Willen endlich bekommen. Seiner Sache Sicher, stieg er von seinem grauen Hengst und marschierte selbstgefällig auf die hölzerne Tür zu. Dort angekommen schlug er sogleich mit seiner behandschuhten Faust und grob gegen die stabilen Bretter.
„Öffnet eurem Herrn“, befahl er unmissverständlich.
Von innen war indes kein Laut zu hören. Er wartete jedoch kaum länger als zwei Atemzüge und schlug erneut voller Ungeduld zu. Bevor er allerdings daran denken konnte, die Tür von seinen Soldaten eintreten zu lassen, bewegte sie sich schließlich doch quietschend in den eisernen Angeln und gab den Blick auf das bärtige Gesicht des Dorfschmiedes frei.


Eine Spur von Angst zeichnete sich in seinem ernsten Gesicht ab. Ahnte er doch, welche unheilvolle Absicht den Grafen zu seinem Haus führte, und für einen kurzen Moment schienen Zorn und Widerstand in seine Augen aufzublitzen. Aufgrund seiner harten Arbeit verfügte er, trotz seiner bereits über fünfzig Jahren, über breite Schultern und kräftige Arme, die ihn zweifellos dazu befähigt hätten, den Grafen kurzerhand den Zutritt zu verwehren. Doch angesichts der unanfechtbaren Autorität und der Anwesenheit bewaffneter Soldaten, wäre es fatal gewesen, Widerstand zu leisten. Demzufolge senkte er resigniert sein Haupt und trat einen Schritt zurück, obwohl er ahnte, welchem Unglück seine Familie nun anheim fallen würde.


Der Graf war wieder einmal auf der Suche nach jungem Fleisch, und dabei konnte er es nur auf seine Nichte abgesehen haben.
Wie gerne hätte er ihr dies nun erspart. Nach dem Tod seines Bruders und dessen Frau hatte er sie aufgenommen und wie eine eigene Tochter lieb gewonnen. Das arme Kind. Sie hatte bereits mehr erlitten, als für einen so jungen Menschen gut war, denn neben ihren Eltern, betrauerte sie auch den grausamen Tod ihrer älteren Schwester. Und der Graf war alles andere als unschuldig daran. Kannte er denn kein Erbarmen? Reichte es nicht, dass er ihre Schwester durch sein ruchloses Treiben bereits in den Tod getrieben hatte? Der Himmel mochte ihn verfluchen.


Ohne Gruß und mit geballter Faust musste er nun zusehen, wie seine Gnaden achtlos an ihm vorbeischritt, während sein Weib sich vor Schreck in die Hand biss, um nicht gequält aufzustöhnen.
Den Grafen kümmerte das kaum. Er hatte nur noch einen Blick für die junge Frau, die ängstlich auf einem schlichten Holzbett kauerte.
Ohne seine gierigen Augen von ihr abzuwenden bemerkte er spöttisch: „Schmied, vielleicht begibst du dich besser für eine Weile ins Wirtshaus. Trink dort auf die Gesundheit deines Herrn. Du bist hier nicht länger von Nöten. - Und nimm gefälligst dein Weib mit.“
„Nein“, flüsterte das Mädchen entsetzt. „Lasst mich nicht alleine!“
Der Schmied zögerte.


„Worauf wartet ihr. Legt ihr Wert darauf von meinen Wachen begleitet zu werden?
Eure hübsche Nichte wird schon nicht sonderlich zu Schaden kommen. Sie sollte sich gar glücklich schätzen, ihrem Herrn zu Dienste zu sein. Vermutlich gefällt es ihr sogar“, höhnte der Graf. „Und nun lasst uns alleine. - Wachen!“
Die unverhohlene Drohung und das Klirren der Waffen vor dem Haus verfehlten ihre Wirkung nicht. Wie geprügelte Hunde schlichen Benta und seine Gemahlin in ohnmächtiger Verzweiflung von dannen und überließen ihre Nichte der Gnade des wahrlich ungnädigen Grafen.
Bedächtig und sich seiner Sache nun gewiss, verriegelte Garon von Tyrn die Tür. Dann näherte er sich lüstern grinsend seinem Opfer.
„Schätze dich glücklich mein hübsches Kind, denn nun kannst du deinem Herrn einen schlechten Tag doch noch versüßen.“
Es krachte dumpf, als Ylana in aufsteigender Panik zurück wich und heftig mit den Schultern gegen die Bretterwand stieß. Dadurch fiel eine Kerze von einem Bord in ihr Bett. Zum Glück verlosch sie zischend, bevor sie die Laken in Brand setzen konnte.


Garon von Tyrn schnaubte lediglich amüsiert und genoss sichtlich seine Vorfreude. Indessen keuchte Ylana vor Angst und Ekel. Der Gedanke, sich diesem Monster in Menschengestalt hinzugeben, erschien ihr unerträglich. Noch zu frisch war die Erinnerung an das Schicksal ihrer geliebten Schwester. Auch sie hatte Bekanntschaft mit des Grafen Vorlieben machen müssen. Gar dreimal war sie zu seinem Opfer geworden. Diese Demütigung hatte sie nie verwinden können und sich schließlich aus lauter Scham im Fluss ertränkt.


Das Leben hatte es bisher nicht gut mit ihrer Familie gemeint, und es schien nun damit fortzufahren.
Ohne zu zögern, begann der Graf nun seine Gürtelschnalle zu öffnen.
„Möchtest du dich nicht auch entkleiden? Du willst mir deine hübschen Brüste doch sicher nicht vorenthalten?“ Raunte er süffisant. „Oh, vielleicht ist es dir ja lieber wenn ich das übernehme. Den Gefallen werde ich dir gerne tun.“
Doch Ylana war wie gelähmt. Stumm krallte sie ihre Finger in die wollene Decke, die sie wie zum Schutz gegen das bevorstehende Unheil um sich geschlungen hatte.
Aber was blieb ihr letztendlich anderes übrig, als sich ihrem Schicksal hinzugeben. Hatten nicht schon viele andere vor ihr das gleiche erdulden müssen. Warum nicht einfach die Augen schließen und versuchen jedes Empfinden auszublenden, bis es irgendwann vorüber war. Auf diese Weise schien es wenigstens ihre Freundin Simia überstanden zu haben.


„So, du zierst dich. Wie reizvoll. Ganz wie deine Schwester. - Und das gleiche goldene Haar. Sie hat mir eine Menge Vergnügen bereitet. Schade nur, dass sie so töricht war. Ich hoffe, du besitzt etwas mehr Verstand.“
Urplötzlich zuckte sie wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Glühende Wut mischte sich unter ihre Angst. Wie konnte er so etwas sagen? Nur seinetwegen war Mara schließlich gestorben. Diese Bestie. Und der Zorn brandete wie eine mächtige Flutwelle heran, spülte ihre Angst hinweg und breitete sich bis in die letzte Faser ihres Körpers aus. Derart aufgebracht schlug Ylana die Decke zur Seite und funkelte den Grafen aus braunen Augen erzürnt an, entschlossen vehement Widerstand zu leisten.
„Ah, schon viel besser“, grinste der Graf anzüglich, der gerade dabei war sich seiner Hose zu entledigen.


Die Nichte des Schmieds bebte indessen vor Wut, als sie merkte, dass ihr Peiniger sich über sie lustig machte. Hätte sie doch nur die Kraft ihres Onkels, dann könnte sie ihn einfach packen und...
Doch da stand er plötzlich vor ihr, mit all seiner aufgerichteten Mannespracht.
Ohne lange zu fackeln machte er einen Schritt auf sie zu und griff nach ihrer Bluse. Wenn er seine Fleischeslust befriedigte, wollte er auch Fleisch sehen. Besonders wenn es so frisch und zart war wie in diesem Fall.
Ylana begann unwillkürlich zu zittern, als die Angst wie ein Blitzschlag zurückkehrte. Der kurze Augenblick der Entschlossenheit löste sich kurzerhand in Wohlgefallen auf, und jeglicher Mut drohte sie zu verlassen. Der Allmächtige stehe ihr bei, dachte sie. Doch in einem letzten Akt der Verzweiflung, schlug sie plötzlich die Hand ihres Peinigers zur Seite und warf sich seitwärts aus dem Bett.


Mehr belustigt als zornig knurrte der Graf, als er überrascht ins Leere griff: „Du magst es also auf die harte Art. Nun gut. Ich werde dich schon zureiten, kleine wilde Stute.“
Aber Ylana dachte in diesem Moment nur noch an eines: Flucht. Ungeachtet der Folgen, die das unweigerlich nachziehen würde
Ohne den nächsten Vorstoß des Grafen abzuwarten, fuhr sie herum und sprang auf die Beine. Doch der erregte Landesherr war kaum langsamer und griff nach ihrer Hüfte, um sie zu Boden zu werfen. Als er allerdings den entscheidenden Schritt nach vorne machte, übersah er irgendwie seine achtlos abgelegte Hose. Während er mit dem rechten Fuß auf ein Hosenbein trat, verfing sich sein linker im Hosenbund. Jetzt rächte sich seine rasche Bewegung.



Vom eigenen Schwung getrieben geriet er ins Straucheln und stürzte dadurch eher unbeholfen vorwärts. Dabei fuhren seine Finger zwar noch grob über Ylanas Schenkel, vermochten sie jedoch nicht festzuhalten.
Jetzt oder nie, dachte das Mädchen voller Panik. Sie fasste den am nächsten stehenden Schemel und warf ihn dem Grafen kurzerhand entgegen. Dieser wurde von dem zweckentfremdeten Möbelstück hart an Kopf und Schulter getroffen, was ihn vor Schmerz und Wut aufschreien ließ.
Ylana kümmerte sich nicht darum. Zu ihrem Glück lag die Tür, die zur Schmiedewerkstatt ihres Onkels führte, genau hinter ihr. Ohne weiter nachzudenken fuhr sie herum und eilte durch den vorläufig rettenden Ausgang, während Garon von Tyrn fluchend noch immer mit seinem edlen Beinkleid kämpfte.


Unterdessen eilte das Mädchen völlig kopflos durch die dunkle Schmiede. Dabei schlug sie versehentlich mit dem Bein an den schweren eisernen Amboss, denn die stets vorhandene Glut reichte bei weitem nicht aus, ihren Fluchtweg zu erhellen. Ein wilder Schmerz durchfuhr ihren Oberschenkel für einen Moment so heftig, dass sie beinahe zu Boden gegangen wäre. Nichtsdestoweniger erreichte sie keuchend die Hintertür, bevor der erzürnte Graf endlich die Verfolgung aufnehmen konnte.
Das düstere blaue Zwielicht der hereinbrechenden Nacht umfing Ylana. Wohin nur? Dachte sie verzweifelt. Auf jeden Fall weg, einfach nur weg. Tränen der Angst verschleierten ihre Augen, als sie ziellos davon stürzte.


Inzwischen hatten auch die Wachen vor dem Haus bemerkt, dass die Angelegenheit nicht so zu verlaufen schien, wie ihr Herr das erwartet hatte. Daher drangen zwei der Soldaten ins Haus ein, während die übrigen das Gebäude nun vollständig umzingelten. Allerdings geschah dies einen winzigen Augenblick zu spät, denn Ylana war gerade hastig zwischen den Bretterstapeln der benachbarten Tischlerwerkstatt verschwunden.


So schnell ihre bloßen Füße sie tragen konnten, rannte das Mädchen weiter, ohne auf die zahlreichen spitzen Steine und Holzreste zu achten, die sich immer wieder schmerzhaft in ihre Fußsohlen bohrten. Die Dunkelheit kam ihr insoweit zugute, da sie sich hier viel besser auskannte als ihre Verfolger.
Aber bislang hatte sie sich nicht entscheiden können, wohin sie sich denn nun wenden sollte. Vielleicht doch zur Schenke, wo Onkel Benta und Tante Ruwena warteten? Aber wie sollten sie ihr schon helfen? Hatten sie sie nicht auch vorhin einfach im Stich gelassen? Sie waren gegangen, einfach gegangen.


Während sie noch gehetzt mit ihrer Unschlüssigkeit rang, näherten sich bereits polternd schwere, nagelbeschlagene Stiefel. Zweifellos würde man ihr den Weg ins Wirtshaus abschneiden. Das nahm ihr nun zumindest eine Entscheidung ab. Und da ihr nichts Besseres in den Sinn kam, rannte sie einfach weiter, die Rufe der Soldaten und die bellenden Befehle des wütenden Grafen im Nacken.
Ylana war davon überzeugt, dass dieser sie kurzerhand umbringen würde, falls er sie in seine widerlichen Finger bekäme. Erste Zweifel keimten in ihr. Vielleicht hätte sie besser nicht fliehen und stattdessen doch einfach den Dingen ihren Lauf lassen sollen. - Oh Gott was sollte sie nur tun?


Da nahm sie plötzlich einen Schatten in der Dunkelheit wahr, und ein vertrautes Schnauben entfachte einen Hauch von Hoffnung in ihr. Nur wenige Schritte vor ihr stand Lissa, die Stute des Dorfvorstehers. Sein ganzer Stolz. Ein ungewöhnlich prächtiges Pferd für einen Mann seines dennoch bescheidenen Standes.
Das Tier scheute nicht, als Ylana kurzerhand den Verschlag öffnete und nach den Zügeln griff, denn schließlich waren die beiden einander recht vertraut.


Sie war noch ein kleines Kind gewesen als ihre Eltern gestorben waren. Hancon, der Dorfvorsteher, hatte Mitleid mit den beiden Schwestern gehabt und ihnen daher erlaubt, sich um das Fohlen zu kümmern. Nachdem die Stute schließlich alt genug gewesen war, hatten sie das Tier sogar von Zeit zu Zeit reiten dürfen. Deshalb zögerte Ylana auch nicht, sich kurzerhand auf den blanken Rücken des Tieres zu schwingen. Auf einen Sattel würde sie allerdings verzichten müssen, sonst wurde sie sicher entdeckt, noch bevor ihr die Flucht gelang. Doch es war ohnehin nicht das erste Mal, dass sie das Pferd ohne Sattel ritt.


„Lass mich nicht im Stich“, flüsterte sie dem stolzen Tier ins Ohr, dann stieß sie ihm energisch die Schenkel in die Seite.
Tief über den Hals der Stute gebeugt, galoppierte Ylana wenig später in südlicher Richtung aus dem Dorf, ohne zu wissen, ob sie je wieder hierhin würde zurückkehren können.
Die hektischen Rufe der Soldaten verrieten ihr allerdings, dass ihre Flucht zu Pferde inzwischen bemerkt worden war. Nun konnte sie lediglich hoffen, genügend Distanz zu ihren Verfolgern zu schaffen, damit diese in der Dunkelheit ihre Spur verlieren würden. Denn ohne jeden Zweifel würde der Graf und seine Männer mit allen Mitteln versuchen ihrer habhaft zu werden.


Wie oft in dieser Jahreszeit war es mit Einbruch der Nacht deutlich kühler geworden, aber Ylana schien die Kälte trotz ihres dünnen Leinenkleides kaum wahrzunehmen. Sie hatte genug damit zu tun, sich so gut es eben ging auf dem Rücken des Pferdes zu halten, während die Hufe der Stute in gestrecktem Galopp über den Fuhrweg trommelten.
An der Flussbrücke bog sie dann in Richtung Wald ab, denn sie fürchtete, dass ihr bleiches Gewand im hellen Mondlicht auf den Feldern nur allzu gut aus der Ferne entdeckt werden konnte.
Auch wenn sie ihre Verfolger noch nicht auszumachen vermochte, so atmete sie aber dennoch für einen Moment auf, als ein schützendes Blätterdach sich über ihr ausbreitete.


Inzwischen war die Nacht entgültig hereingebrochen, und sie musste notgedrungen ihre Geschwindigkeit verringern, um in der Finsternis nicht vom Weg abzukommen. Dabei war ihr gar nicht wohl bei dem Gedanken, alleine durch den dunklen Wald zu reiten. Aber es schien ihr immer noch besser, als dem unbändigen Zorn des grausamen Grafen ausgeliefert zu sein. Sie hoffte nur, dass auch ihre Jäger davon ausgingen, sie würde den Wald eher meiden.
Indessen drang sie immer weiter in den Forst ein. Der Weg wurde allmählich schmäler und der Untergrund zunehmend holpriger. Die Vegetation hatte an diesem Ort längst begonnen, sich verloren gegangenen Boden zurück zu erobern. Immer öfter streiften unsichtbare Zweige Gesicht und Schultern der Reiterin, bis sie schließlich gezwungen war, die Stute nur noch Schritt gehen zu lassen.


Inzwischen war Ylana mehrmals abgebogen, in der Hoffnung, die Verfolger zu verwirren. Allerdings fiel es ihr dadurch selbst zunehmend schwerer, die Orientierung nicht zu verlieren. Ohnehin konnte sie gerade noch erahnen, in welche Himmelsrichtung sie sich bewegte.
Dennoch schien ihr nichts anderes übrig zu bleiben, als ihre Flucht weiter fortzusetzen, selbst wenn sie sich letztendlich völlig verirren sollte.
Die Nacht war still. Kaum ein Windhauch brachte die Zweige in den Wipfeln zum Rascheln. Nur ein einziges Geräusch vermochte sie außer dem Hufschlag und dem gelegentlichen Schnauben ihres Pferdes zu vernehmen. Es war ein rasches rhythmisches Klopfen Das ängstliche Schlagen ihres eigenen Herzens.
Ihr war so elend zumute. Immer wieder wischte sie sich salzige Tränen aus den Augenwinkeln. Warum hatte ihr das Schicksal nur so übel Mitgespielt? Noch vor wenigen Stunden war die Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen und nun?


Nun war sie auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft. Völlig auf sich alleine gestellt, hilflos, ohne zu wissen, wie es weiter gehen sollte.
Mittlerweile fror Ylana am ganzen Leib, und ihre Gedanken begannen sich im Kreise zu drehen, auf der Suche nach einem Weg aus dieser schier ausweglosen Situation. Aber selbst wenn ihre Flucht gelingen würde. Was hielt das Schicksal dann noch für sie bereit? Im Augenblick war sie kaum in der Lage sich vorzustellen, dass alles schließlich ein gutes Ende nehmen würde.


Sie wusste bald nicht mehr, wie lange sie inzwischen dahingetrottet war. Der Mond war inzwischen ein ganzes Stück weiter gewandert, und immer wieder musste sie die Stute mit leichtem Nachdruck und guten Worten auffordern weiterzugehen. Anscheinend fühlte sich das Tier zunehmend unwohler, je weiter es sich von seinem Heimatstall entfernte.


Plötzlich hörte sie ferne Geräusche. Unvermittelt hielt sie an um besser lauschen zu können. Es war als würde ihr Herzschlag aussetzen, so arg fuhr ihr der Schrecken in die Glieder. Hundegebell, da gab es keinen Zweifel. Der Graf hatte seine Hundemeute auf ihre Spur gehetzt. Jede Hoffnung schien so rasch aus ihr zu weichen, wie die Luft aus ihren Lungen, denn so viel wusste auch sie: Hatten die ausdauernde Bluthunde die Witterung der Beute erst einmal aufgenommen, gab es kaum mehr ein Entrinnen.
Dennoch war Ylana nicht bereit, so einfach aufgeben. Was blieb ihr auch sonst übrig. Obwohl es in der Finsternis äußerst riskant war, trieb sie die Stute erneut zum Galopp an. Dabei war es ihr fast gleichgültig wohin das Pferd nun rannte. Zweifellos hatte es ebenfalls die Hunde bemerkt und schien daher von ganz alleine möglichst viel Distanz zwischen sich und der hetzende Meute bringen zu wollen.


Nach einigen kurzen Augenblicken schien sie ganz vom Weg abgekommen zu sein. Vor Kälte zitternd und zunehmend erschöpft, klammerte Ylana sich weit vornüber gebeugt an die Zügel. Trotzdem peitschten ihr immer wieder Zweige ins Gesicht. Der Wald war allerdings etwas lichter geworden, sodass kein dichtes Unterholz ihr Vorankommen erschwerte. Zudem half nun das immer öfter bis zum Boden durchdringende fahle Mondlicht ein wenig bei der Orientierung. Trotzdem konnte es nur allzu leicht geschehen, dass die Stute versehentlich in ein verborgenes Loch trat, ins Straucheln geriet und sich dabei sogar ein Bein brach. Daher ließ Ylana das Tier notgedrungen wieder langsam traben, obwohl ihr alles andere als Wohl dabei war, denn das Gebell der Verfolger hallte noch immer beängstigend durch die Nacht. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde sie sicher bald eingeholt werden, befürchtete sie. Und das wohl kaum zu Unrecht. Denn bereits wenige Minuten später war das Gekläffe der Meute merklich näher gekommen, und selbst die anfeuernden Rufe der Reiter waren nun deutlich zu vernehmen.


Die Situation wurde nun immer hoffnungsloser. Nur mit Mühe lenkte Ylana die Stute einen kleinen Abhang hinunter und wäre dabei fast noch von ihrem Rücken gestürzt. Doch dann fand sie sich plötzlich auf einem schmalen Weg wieder. Noch einmal spornte sie das Tier zu einem verzweifelten Galopp an. Könnte Lissa sich doch nur einem Adler gleich in die Lüfte erheben, dachte das Mädchen verzweifelt.


Immerhin rannte die Stute nun, als ginge es um ihr eigenes Leben. Schon bald war das edle Fell feucht vom Schweiß, und Ylana fürchtete erneut den Halt zu verlieren. Lange würde sie sich ohnehin nicht mehr halten können, denn der Ritt zehrte zunehmend an ihren Kräften. Wenn sie nur wüsste wohin sie sich wenden sollte. Gab es hier überhaupt einen Ort der Schutz versprach? Und falls doch, wie sollte sie diesen bloß finden? Ylana kam nicht umhin sich einzugestehen, dass ihre Lage mehr und mehr aussichtslos erschien. Warum dann nicht besser aufgeben? Sie hatte ohnehin nicht mehr die geringste Ahnung, wo sie sich befand.
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Als würde sie die Bedenken ihrer Reiterin teilen wurde die Stute plötzlich unruhig. Sie verfiel in einen nervösen Trab und warf ihren Kopf widerspenstig hin und her. Hatte das Tier etwa auch die Sinnlosigkeit der Flucht begriffen, oder war es einfach zu erschöpft, um noch weiter zu rennen? Doch dann stand die Stute unvermittelt Still. Die empfindlichen Ohren nach vorne gerichtet, zitterte sie am ganzen Leib.


Als Ylana sie energisch mit den Schenkeln aufforderte weiter zu gehen, blähte sie ihre Nüstern und schnaubte ängstlich. Egal was das Mädchen nun versuchte, das Pferd war nicht mehr vorwärts zu bewegen und tänzelte allenfalls nervös zur Seite.
„Lissa, lauf weiter“, flehte Ylana. Doch die Stute wurde dadurch nur noch unruhiger. Schließlich begann sie sich sogar unter Ylanas Drängen aufzubäumen.
Auch wenn sie seit ihrer Kindheit immer wieder einmal auf Lissas Rücken gesessen hatte, so war sie doch längst keine erfahrene Reiterin. Demzufolge gelang es ihr mit einem Mal nicht mehr, das nun ungewohnt bockige Pferd unter Kontrolle zu bringen.


Die Stute stieg wiehernd hoch, drehte sich im Kreis, stieg erneut auf die Hinterhand, bis es um Ylana geschehen war. Als ihre kraftlosen Hände die Zügel nicht länger halten konnten, verlor sie gleichzeitig Balance und Halt. Vergeblich glitten ihre Finger über das schweißnasse Fell des Pferdes, was sie unweigerlich mit einem spitzen Aufschrei zu Boden stürzen ließ.
Zu ihrem Glück bremsten zumindest dichte Kräuter und Moospolster ihren Fall, sodass sie kaum mehr als ein paar unbedeutende Schrammen und blaue Flecke davontrug.
Unvermittelt von ihrer Last befreit, fuhr die Stute herum. Fast hätten ihre Hufe dabei Ylanas Kopf getroffen, die sich im letzten Moment gerade noch reflexartig zur Seite ducken konnte. Doch das Pferd kannte in seiner Angst instinktiv nur noch eines: So schnell wie möglich weit weg von diesem Ort.
Da halfen auch Ylanas verzweifelte Rufe nicht mehr. Bereits nach wenigen Augenblicken war die Stute in der Dunkelheit verschwunden, und ihr donnernder Hufschlag wurde nur allzu schnell vom beängstigend anschwellenden Gebell der Verfolger übertönt.


Jäh wurde Ylana sich ihrer Situation bewusst. Zu Fuß hatte sie keine Chance mehr weit zu kommen. Zorn mischte sich unter ihre Verzweiflung. Warum waren sie überhaupt hinter ihr her? Sie hatte doch eigentlich fast gar nichts getan. Der Graf allerdings sah das offensichtlich völlig anders. Und obwohl ihre Lage nun wirklich aussichtslos schien, konnte sie sich einfach nicht damit abfinden, sich tatenlos dem Schicksal zu ergeben. Was hatte sie schon zu verlieren?
Anstatt einfach erschöpft an Ort und Stelle liegen zu bleiben und der Ankunft ihrer Verfolger zu harren, huschte sie zitternd ins dichtere Unterholz. Dabei ignorierte sie einfach die Tatsache, dass es auf diese Weise vor den Spürnasen der Hunde auch kein Entkommen geben würde. Sie achtete auch nicht auf das verräterische Rascheln, welches ihre hastigen Bewegungen im Laub hervorriefen und kroch stattdessen aus irgendeinem unerfindlichen Trieb immer weiter in das Dickicht hinein.
Obwohl sie bald am Ende ihrer Kräfte war, schob sie sich dennoch wie in Trance vorwärts. Dabei achtete sie weder auf die knorrigen Wurzeln, die ihre Knie verschrammten, noch auf vereinzelte Dornen, die zunehmend ihre Handflächen und Unterarme zerkratzten. Selbst der Umstand, dass die Hunde ihr mittlerweile so nahe gekommen waren, dass sie bereits deren gieriges Hecheln vernehmen konnte, schien für Ylana nicht mehr von Belang zu sein.

Der Graf zügelte energisch sein Pferd als er die Hunde erreichte. Die Meute sprang jaulend vor einem Dickicht am Wegesrand hin und her. Traute sich aber anscheinend nicht weiter vor. Befand sich das Mädchen etwa dort im Gestrüpp? Mit ihrem gestohlenen Pferd hätte sie jedenfalls nicht dort hineinreiten können, schloss der Graf und befahl seinen Männern abzusitzen, um das Unterholz in Augenschein zu nehmen. Doch die Männer stiegen nur äußerst zögerlich von ihren Pferden und legten plötzlich keinen allzu großen Eifer an den Tag, der Anordnung ihres Herren nachzukommen.
„Was ist?“ fauchte der Graf gereizt. „Soll ich vielleicht selbst nachsehen?“
„Aber Herr“, überwand sich einer der Männer zu entgegnen. „Dort drüben befindet sich die Burg Borgons des Verfluchten.“
„Du meinst, was davon übrig geblieben ist. Habt ihr etwa Angst?“


Die Männer antworteten nicht, sondern senkten die Köpfe und folgten missmutig dem Befehl.
Aberglaube war immerhin eine Sache, an der mit etwas Glück nichts Wahres dran war. Der Zorn des Grafen hingegen, stellte eine ganz reelle Bedrohung dar.
Doch nicht nur den Soldaten schien die Nähe zu dieser weithin gefürchteten Stätte unheimlich, denn Garon von Tyrn´s Pferd wurde ebenfalls zunehmend unruhig, und es kostete ihn einiges an Mühe, es unter Kontrolle zu halten. Auch die übrigen Tiere wurden davon zunehmend angesteckt. Mit weit aufgerissenen Augen warfen sie wiehernd die Köpfe in den Nacken, sodass die Männer plötzlich alle Hände voll damit zu tun hatten, die Tiere am Durchgehen zu hindern.
Sogar die Hunde schienen ihres angeborenen Jagdtriebes beraubt und streunten mit angelegten Ohren winselnd und scheinbar ziellos umher, so als wäre ihnen irgendetwas nicht geheuer. Aber möglicherweise hatten sie auch einfach nur die Witterung verloren.


Doch da bellte plötzlich einer der Hunde erregt und begann schnüffelnd dem Waldweg weiter zu folgen. Offensichtlich hatte er die Witterung der geflohenen Stute aufgenommen, und es schien ihm wohl irgendwie weit lohnender, dieser Fährte zu folgen, anstatt auf der Spur des Mädchens zu bleiben, zumal die Fährte von diesem unheimlichen Ort wegführte.
Die Soldaten ihrerseits waren natürlich nur allzu gerne bereit, sich der Entscheidung des Hundes anzuschließen.
„Seht Herr. Das Tier hat die Spur wieder gefunden. Sie muss dort entlang geritten sein.“
Doch der Graf zögerte, noch immer mit seinem beunruhigten Pferd beschäftigt.


„Kein Mensch würde sich des Nächtens freiwillig den verfluchten Mauern nähern, und wie sollte sie überhaupt dort hindurch geritten sein“, fügte ein weiterer Soldat hinzu.
In der Tat rankten sich zahlreiche düstere Legenden um die Vergangenheit der hinter wildem Gestrüpp verborgenen Burgruine. Mütter und Ammen pflegten unartige Kinder damit zu erschrecken. Aber nicht nur Kindern bereitete die Erwähnung des Gemäuers ein ungutes Gefühl. Den Namen des letzten Burgherren wagte gar kaum jemand laut auszusprechen. Zu schrecklich waren die Geschichten, die von ihm überliefert worden waren.


Zahlreiche Menschen, ja selbst die Einwohner eines ganzen unglücklichen Dorfes soll Fürst Borgon einst in seinen unheiligen Bann gezogen haben. Niemand wusste, was damals wirklich geschehen war. Einige wenige Unglückliche hatte man schließlich tot und blutleer bis zum letzen Tropfen aufgefunden. Die meisten Menschen blieben jedoch für alle Zeiten spurlos verschwunden. Bis auf einen kleinen Jungen zumindest, den man einsam und verloren mitten auf dem Dorfplatz sitzend aufgefunden hatte. `Borgon´, soll er noch ein einziges Mal gesagt haben, um danach nie wieder auch nur ein Wort zu sprechen.


Nach diesem schrecklichen Ereignis hatten sich zahlreiche Fürsten und Grafen aus den benachbarten Gebieten zusammengeschlossen, um die Burg zu stürmen und dem grausamen Treiben des Fürsten Borgon ein Ende zu bereiten. Die wenigen Männer Borgons sollen gegen die Übermacht bis zum letzen Mann fanatischen Widerstand geleistet haben. Am Ende, so wurde erzählt, hatte der Fürst selbst dann noch höhnisch lachend auf dem höchsten Turm gestanden, als die Mauern bereits gestürmt und die Burg in Brand gesetzt war.


Borgon war schließlich rasch festgenommen worden. Allerdings hatte man sich nicht mehr die Mühe gemacht, ihn noch vor ein Gericht zu stellen. Kurzerhand war er an seinen eigenen Pranger gefesselt und den alles verzehrenden Flammen überlassen worden.
So erzählte es jedenfalls die Legende. Seitdem hatte ein jeder, der aufrichtigen Gemüts war, es tunlichst vermieden, diesen unheiligen Boden zu betreten.
Und auch der Graf schien nun mehr und mehr davon Abstand zu nehmen. Vielleicht hatten seine Männer ja Recht. Zudem schienen die Hunde ohnehin erneut eine Spur aufgenommen zu haben. So ließ er denn seinem Pferd freien Lauf. Dem ängstlichen Tier brauchte er nicht einmal die Sporen geben, damit es der Hundemeute erneut bereitwillig folgte.

Ylana bewegte sich wie im Rausch. Sie hatte gar nicht mal bemerkt, dass ihre Verfolger weiter gezogen waren. Das Gestrüpp war nun weniger dicht, sodass sie sich wenigstens aufrichten konnte. Unsicher machte sie einige Schritte vorwärts. Aber dann stolperte sie plötzlich, als ihr Fuß unvermittelt ins Leere trat. Mit einem erschrockenen Aufschrei fiel sie nach vorne. Diesmal bremsten allerdings keine weichen Pflanzenpolster ihren Fall, sondern sie Schlug hart auf unnachgiebiges Gestein.
Ylana stöhnte vor Schmerz. Benommen blieb sie eine Weile reglos liegen. Ihr rechtes Handgelenk konnte sie kaum noch bewegen, und auch die rechte Schulter und das Knie taten höllisch weh. Trotzdem versuchte sie sich nach einer kurzen Verschnaufpause schluchzend aufzurichten, was ihr mit einiger Mühe schließlich auch gelang. Erst jetzt nahm sie ihre Umgebung etwas genauer wahr. Unsicher blickte sich das Mädchen um.


Dunkle Mauern ragten vor ihr auf, deren zerklüftete Kronen sich deutlich vom sternenklaren Nachthimmel abhoben. Ein kleines Stück rechts vor ihr unterbrach eine breite unregelmäßige Bresche den düsteren schwarzen Wall, ganz so, als hätte die Faust eines Riesen einen Teil der Mauer zertrümmert.
Eine alte Ruine, dachte Ylana. Vielleicht konnte sie sich hier eine Weile verstecken. Ihre Gedanken begannen sich allmählich wieder etwas zu klären. Erst in diesem Moment bemerkte sie, dass das Gebell der Hunde verschwunden war. Stille umgab sie, völlige Stille. Als hätte die Natur den Atem angehalten.


Nicht einmal ein winziger Lufthauch entlockte den Blättern in den Bäumen ein leises Rascheln. Das Klopfen ihres Herzschlages und ihr eigener Atem schienen der jungen ängstlichen Frau plötzlich unnatürlich laut. Die Atmosphäre wirkte auf nicht fassbare Weise beängstigend. Deshalb hielt Ylana es für keine gute Idee, vor den Mauern zu verweilen, denn Schutz konnte sie allenfalls im Innern des verfallenen Bauwerks finden.
Zwischen zahlreichen moosbedeckten Steintrümmern zeichnete sich im Mondschein ein schmaler Pfad ab. Vorsichtig und unter Schmerzen, folgte sie ihm durch die Bresche und gelangte in einen dunklen kleinen Innenhof. Aber auch hier herrschte die gleiche bleierne, fast gespenstische Stille.


Ylana schaute sich beunruhigt um. Dabei versuchte sie jegliches Geräusch zu vermeiden, als fürchtete sie, dass selbst das Rascheln eines kleinen Steines unter ihren Füßen irgend etwas aufwecken könnte was besser schlafend bliebe. Welch ein unheimlicher Ort ist das wohl hier? Dachte sie ängstlich.
Da sich ihre Eltern erst kurz nach ihrer Geburt in Dorhany niedergelassen, und daher keine engere Beziehung zur Geschichte dieser Gegend gehabt hatten, war Ylana auch wenig mit den düsteren Legenden der Einheimischen konfrontiert worden. Natürlich kannte sie die ein oder andere unheimliche Geschichte, doch maß sie ihnen weit weniger Bedeutung zu, als die alt Eingesessenen dies zu tun pflegten.


Trotzdem. Hatte sie nicht doch von einer alten Ruine in der Gegend gehört, von der bisweilen in dunklen kalten Winternächten manch schaurige Geschichte erzählt wurden? Offensichtlich entsprach zumindest ein Teil der Geschichten der Wahrheit. Seltsam, dachte sie. So weit war sie doch gar nicht von ihrem Dorf entfernt. Aber irgendwie hatte es sie nie in diese Gegend verschlagen, und auch sonst kannte sie ihres Wissens niemanden, der vom Besuch dieser Ruine je berichtet hätte.
Eigentlich war Ylana ja nicht übermäßig furchtsam. Geschichten von Gespenstern und Ungeheuern waren für sie allenfalls schaurige Märchen, mit denen man vielleicht Kindern das Fürchten lehren konnte.


Doch irgendwie war ihr dennoch unheimlich zumute, und sie fröstelte nicht nur vor Kälte.
Sollte sie wirklich an diesem merkwürdigen Ort bleiben? Wohlmöglich gab es hier ja doch ungeahnte Gefahren.
Hingegen machte es aber wenig Sinn, in der Nacht weiter zu Fuß durch den Wald zu irren. Sie konnte sich dabei nur noch mehr verirren oder im schlimmsten Falle ihren Verfolgern in die Arme laufen, die auf nahezu wunderbare Weise ihre Spur verloren zu haben schienen. Zudem war sie mit ihren Kräften ziemlich am Ende, und die schmerzenden Gelenke luden auch nicht gerade zu einem nächtlichen Marsch ein. Also beschloss sie, wohl oder übel, doch zwischen den Mauern nach einem Unterschlupf zu suchen. Vielleicht konnte sie ja ein wenig Schlaf finden. Und mit viel Glück würde sie morgen einfach in ihrem kleinen Bett aufwachen, um festzustellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war.


Behutsam tastete Ylana sich vorwärts. Der Boden lag voller Geröll, und sie wollte nicht erneut stürzen. Irgendwo in diesem Gemäuer musste es doch einen halbwegs geeigneten Unterschlupf geben. Nach der kräftezehrenden Jagd sehnten sich Körper und Geist gleichermaßen nach Ruhe. Doch die bedrückende Stille, die sie hier umgab, schlug dumpf auf ihr ohnehin angeschlagenes Gemüt. Denn obwohl hier alles so verlassen und leblos wirkte, wie es in einer Ruine nur sein konnte, ging etwas unheimliches Beklemmendes von diesem Ort aus. Es war, als ob die Mauern selbst urplötzlich zu einem unnatürlichen Leben erwachen und sie erdrücken könnten.
Das Bedürfnis, sich in irgendeinem Loch zu verkriechen, steigerte sich mit jedem weiteren Schritt, den sie tat. Am liebsten hätte sie sich an Ort und Stelle unter dem nächstbesten Stein versteckt. Nein, viel lieber wäre sie nun zu Hause. Ein Wunsch, der sich aber kaum erfüllen würde.


Stattdessen schälte sich nun wenige Meter vor ihr eine halb verfallene Treppe aus den dunklen Schatten. Darunter schien es immerhin genügend Platz für einen Menschen von zierlicher Gestalt zu geben und hoffentlich auch etwas Schutz. Die Kälte allerdings, würde sie wohl aushalten müssen. Vorsichtig nahm sie den notdürftigen Unterschlupf in Augenschein, aber in dem tiefen Schatten war leider kaum eine Einzelheit zu erkennen. Ylana hoffte nur, dass sich die Anzahl diversen Krabbelgetiers in für sie zumutbaren Grenzen hielt, und über Ratten wollte sie erst gar nicht weiter nachdenken.


Sie hatte sich gerade leicht gebückt, um unter die Treppe zu schlüpfen, als sie plötzlich irgendwo ein schabendes Geräusch vernahm. War es direkt hinter ihr gewesen? Oder kam es vielleicht von weiter oben? Alarmiert blickte sie sich um. Waren ihre Verfolger etwa doch nicht verschwunden und hatten damit gerechnet, dass sie sich hier verbergen würde? Hatten sie sie wohlmöglich absichtlich in trügerischer Sicherheit gewogen? Welch grausames Spiel trieb man mit ihr?
Aber so sehr Ylana ihre Augen anstrengte, sie konnte niemanden erkennen.
Vermutlich war es ja nur ein kleines Tier, versuchte sie sich zu beruhigen, und allzu gefährliche Raubtiere sollte es hier eigentlich nicht mehr geben. Trotzdem, Verkriechen war sicherlich nicht die schlechtste Idee.


Doch in dem Moment, da sie sich erneut bückte, um nicht mit dem Kopf an die Unterseite der Treppe zu stoßen, sprach völlig unerwartet eine Stimme zu ihr:
„Ihr solltet Euch vorsehen, Kind. Dies ist nicht der rechte Ort und kaum die rechte Zeit für ein solch einsames und unschuldiges Wesen.“
Es war, als müsse Ylanas Herz augenblicklich stehen bleiben. Der Schreck traf sie wie ein Schock. Gleich einem Kübel Eiswasser, den jemand über ihr ausgegossen hatte. Der Graf, dachte sie. Nun war sie doch noch erwischt worden. Die ganze Fluch war umsonst gewesen, ja hatte wohlmöglich alles nur noch weit schlimmer gemacht.
„Bitte, werter Graf, tut mir nichts“, flehte sie die schattenhafte Gestalt an, die nur wenige Schritte hinter ihr geradewegs aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. In ihrer Panik bemerkte sie dabei zunächst gar nicht, dass die Stimme deutlich anders geklungen hatte, als die des Grafen. Ein wenig tiefer, und ein leicht fremdartiger Akzent lag in der Sprache.


„Oh, ich fürchte ich bin gar nicht derjenige für den Ihr mich haltet. Anscheinend fürchtet Ihr Euch vor irgendeinem Grafen. Und ich vermute, Ihr seid vor ihm geflohen. Doch Soweit kann ich Euch jedenfalls beruhigen. Mit diesem ... Menschen, habe ich nichts zu schaffen.“
„A...aber wer seid Ihr dann...? Und was tut Ihr hier?“ Stammelte Ylana ängstlich.
„Nun“, begann der Fremde und trat etwas näher an das Mädchen heran.


„Betrachtet mich einfach als jemanden, der sich hier auskennt und der Euch versichert, dass niemand von außerhalb dieser Mauern Euch Schaden zufügen wird. – Mein Wort als Edelmann darauf.“
Im bleichen Mondschein erkannte Ylana einen eher unscheinbaren Mann mittleren Alters mit fahlblondem oder gar grauem Haar. Im Augenblick machte er auf sie zumindest keinen allzu bedrohlichen Eindruck, wenn man von den seltsamen Umständen ihrer Begegnung einmal absah.
„Ihr seid ein Edelmann? Aber was macht ein Edelmann nachts in einer verlassenen Ruine?“ Fragte Ylana zweifelnd.
„Im Moment ist sie ja offensichtlich nicht verlassen oder? Und sollte ich nicht vielmehr fragen, was eine so junge Frau zu dieser Zeit an diesem Ort macht?“ Entgegnete der Fremde ein wenig spöttisch.


„Man hat mich verfolgt, ... ich, ich bin geflohen, mit dem Pferd und... und fast hätten sie mich erwischt“, stotterte Ylana unsicher.
„So, dann müsst Ihr ja jemanden ziemlich erzürnt haben.“
„Nein, ich habe nichts getan. Der Graf wollte ... er wollte, es war so furchtbar ...“, Ylanas Stimme drohte sich zu überschlagen.
„Ach ja, der Graf. - Ich habe von ihm gehört. Man sagt, er hätte eine ganz besondere Schwäche für so junge Dinger wie Euch.“
„Ihr kennt ihn?“


„Er ist doch wohl der Herr über diese Gegend. Warum sollte ich ihn dann nicht kennen? Gerade wo wir doch beide von edler Abstammung sind.“
„Oh, dann seid Ihr verwandt mit ihm?“ Befürchtete Ylana.
Falls dem so war, würde er sie wohlmöglich kurzerhand ihrem Peiniger ausliefern.
Doch der vermeintliche Edelmann lachte nur verächtlich. „Nein, wo denkt Ihr hin. Wir sind nicht von gleichem Blute. Ganz und gar nicht.“ Dabei bekam seine Stimme einen kalten bedrohlichen Unterton, und für einen Moment konnte Ylana einen Hauch von Hass und Verachtung fast körperlich spüren. Dann hatte der Fremde sich wieder unter Kontrolle.


„Aber ich hatte bereits das Vergnügen mit Seinesgleichen. Vor langer Zeit. - Aber ich möchte Euch nicht mit alten Geschichten langweilen. Nur, so wie es aussieht, werdet Ihr wohl die Nacht hier verbringen müssen. Viele Bequemlichkeiten kann ich Euch allerdings nicht bieten. Dennoch ist es sicherlich besser als im Wald zu nächtigen. Da werdet Ihr mir doch sicher zustimmen, oder?“
„Ich denke schon“, meinte Ylana vorsichtig.


„Dann ist es mir ein Vergnügen Euer Gastgeber zu sein. Folgt mir“, forderte der Fremde sie freundlich auf und ging auf einen dunklen Torbogen zu.
Ylana zögerte. Ihr war nicht ganz wohl zumute. Sollte sie dem Unbekannten wirklich trauen? Doch mit einem er hatte sicherlich Recht. Allein im Wald herumzuirren war kaum eine gute Idee. Was blieb ihr also anderes übrig als dem Fremden zu folgen?


„Wartet“, bat sie und eilte ihm hinterher, so schnell es ihre angeschlagenen Knie und die Dunkelheit zuließen.
Durch den Torbogen gelangte sie in einen weiteren Innenhof. Hier war der Verfall offensichtlich nicht so weit vorangeschritten. Ein Gebäude schien sogar auf den ersten Blick noch recht gut erhalten. Trotzdem war Ylana die ganze Situation nicht ganz geheuer. Was machte dieser Mann hier. War das alles wirklich nur ein glücklicher Zufall? Irgendwie erschien ihr alles auf einmal so unwirklich, und eine Stimme in ihrem Innern flüsterte ihr leise zu: Traue diesem Fremden nicht!
Aber was sollte sie stattdessen denn tun? Erneut weglaufen? Wohin? Darauf fiel ihr keine Antwort ein.
Trotzdem beschloss sie misstrauisch zu bleiben und rang sich zu einer Frage durch: „Ihr habt mir immer noch nicht erzählt, wer Ihr seid und was ihr hier macht. Wie kann ich Euch trauen?“


Der unbekannte Edelmann hielt unvermittelt inne. Ohne sich zu ihr herumzudrehen antwortete er: „Ihr müsst mir nicht trauen. Es liegt ganz bei Euch. Geht in den Wald zurück wenn Ihr das wollt oder seid mein Gast.“ Mit diesen Worten ging er einfach weiter auf das Gebäude zu.
Was soll´s, dachte Ylana. Sie wollte weder in den Wald zurück, noch die ganze Nacht hier herumstehen. Vielleicht gab es in der Ruine ja doch so etwas wie ein Bett und ein wenig Wärme. Wohlmöglich war der Fremde sogar in der Lage ihr zu helfen und sie vor Graf von Tyrn zu beschützen. Denn falls er wirklich ein Edelmann war, dann musste er auch über ein wenig Macht und Einfluss verfügen. Aber wenn er log und in Wirklichkeit ein Räuber oder gar Schlimmeres war?
„Also, wie habt Ihr Euch entschieden?“ Unterbrach der Fremde, der bereits das kleine Portal des Hauses erreicht hatte, Ylanas unschlüssige Gedanken.
„Na schön“, entgegnete Ylana schicksalsergeben und schickte sich an ihm zu folgen. „Aber was meintet Ihr eben als Ihr sagtet, ich solle Euer Gast sein? Wolltet Ihr damit etwa andeuten, dass dies Euer Heim ist?“ Dabei rechnete sie eigentlich nicht damit, dass der seltsame Mann ihre Frage wirklich bejahen würde.


Der Fremde, der bislang noch am Eingang auf Ylana gewartet hatte, kam ihr nun wieder entgegen. „Warum nicht?“ Antwortete er leise. Ist mein Heim Euch nicht genehm?“
Ylana erstarrte. Wie konnte jemand, der von sich behauptete ein Edelmann zu sein, in dieser Ruine leben? Zunehmend verunsichert trat sie einige Schritte zurück.
„Wer seid Ihr?“ Fragte sie nun abermals, während ihr Gastgeber aus dem Schatten ins fahle Mondlicht trat. Nun war er ihr plötzlich so nahe wie nie zuvor, sodass sie jetzt zum ersten Mal direkt in seine Augen blicken konnte. Augen wie sie sie niemals zuvor in ihrem Leben erblickt hatte. Vergeblich suchte sie nach dem typischen Weiß im Auge eines Menschen. Stattdessen entdeckte sie nichts als bodenlose Schwärze.


„Wer?...Was seid Ihr?“ Stammelte sie entsetzt. Das nackte Grauen hatte Ylana gepackt. Jäh schossen ihr die Ammenmärchen der langen Winternächte durch den Kopf, die bisweilen von grauenhaften dämonischen Wesen in Menschengestalt gehandelt hatten. Niemals hätte sie selbst in ihren kühnsten Fantasien für möglich gehalten, dass diese Geschichten mehr waren, als nur düstere Märchen und Legenden. Doch nun stand eine Gestalt vor ihr, die direkt den unheimlichen Erzählungen entsprungen zu sein schien.
Ungeachtet des entsetzten Mädchens und der Absurdität der Situation, fuhr der Unheimliche im Plauderton fort als gäbe er einen Empfang für eine edle Gesellschaft.
„Aber natürlich. Wo bleiben meine Manieren? Ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Miran von Borgon. Ehemals Fürst dieses Landstriches. Vielleicht habt Ihr von mir gehört?“ Dabei umspielten seine Lippen ein kaltes Lächeln, das seine freundlichen Worte Lügen strafte.


In der Tat, Ylana erinnerte sich wage, aber vielleicht wäre es in diesem Augenblick besser gewesen, hätte sie keinerlei Vorstellung mit diesem Namen verbinden können. Doch die grauenvolle Geschichte vom Blutfürsten Borgon tauchte immer wieder in alten Legenden auf, und niemand sollte die Begegnung mit dem Schrecklichen lebend überstanden haben oder aber jemals wieder aufgetaucht sein.
Ylana wusste nicht, welche Vorstellung ihr in diesem Moment schlimmer schien. Und erneut wurde ihr Innerstes von zwei alles beherrschenden Gedanken überschwemmt: Entsetzen und Flucht.


Panikerfüllt warf sie sich herum, während der dunkle Fürst ihr mit raschen Schritten den Rückweg abschnitt.
Erschrocken sprang Ylana zurück und blickte sich gehetzt um. Dann rannte sie einfach blindlings los. Auch wenn im hintersten Winkel ihres Verstandes eine leise Stimme sie warnte, dass dies wohlmöglich die falsche Richtung sei.
Auf der linken Seite des Gebäudes schien es allerdings eine Lücke zu geben. Vielleicht tat sich dort ein geeigneter Fluchtweg auf. Sie hätte ansonsten allenfalls noch in das Haus laufen können, aber ein Rest klaren Denkens sagte ihr, dass dies keinesfalls eine gute Wahl gewesen wäre.
Ylana rannte indessen so schnell es ihre ermatteten Kräfte zuließen. Für einen Moment verlieh ihr die Angst regelrecht Flügel und die Schmerzen schienen plötzlich wie weggeblasen. Ohne sich weiter umzublicken, passierte sie die Gebäudeecke, doch nur um sich erneut von brüchigem Mauerwerk umgeben zu sehen. Ein gequältes „Nein“, entsprang ihrer Kehle, und sie blickte sich fieberhaft um.


In dieser verfallenen Ruine konnte es doch irgendwo einen weiteren Mauerdurchbruch nach draußen geben. Es musste einfach so sein. Aber so sehr sie ihre mittlerweile tränenverschleierten Augen auch anstrengte, ihr Wunsch blieb unerfüllt. Lediglich eine schmale Steintreppe führte hoch auf die Mauerkrone.
Ylana drehte sich nach ihrem Verfolger um. Da stand er, reglos, nur wenige Schritte entfernt, gleich einem Standbild aus der Hölle. „Warum machst du es dir so schwer? Du entkommst mir ohnehin nicht“, raunte er in einem Ton, als würde er über das morgige Wetter reden. Was Ylana natürlich alles andere als beruhigte. Vielmehr steigerte sich das Gefühl für die Gefahr derartig, dass sie blindlings auf die wenig freiheitsversprechende Treppe zulief. Dort angekommen stolperte sie mehr hinauf als dass sie rannte, ereichte aber dennoch rasch die Mauerkrone, und zu ihrer Erleichterung war ihr Fluchtweg hier noch nicht zuende.



Ein schmaler Wehrgang erstreckte sich nach beiden Seiten. Ohne weiter zu überlegen eilte sie weiter. Hätte sie sich die Zeit genommen nach hinten zu blicken, wäre ihr aufgefallen, dass der unheimliche Fürst ihr ohne jede Hast folgte.
Warum, das sollte Ylana just in dem Augenblick feststellen, als sie um einen halb zerfallenen Turm eilte. Erschrocken hielt sie inne. Kaum zwei Schritte vor ihr klaffte ein düsterer Abgrund, in den sie fast hinabgestürzt war. Die Mauer musste hier schon seit langer Zeit zerstört worden sein, denn lange Efeuranken hatten die verwitterten Abbruchflächen fast völlig überwuchert. Auf der gegenüberliegenden Seite dagegen setzte sich der Wehrgang nahezu unversehrt fort. Zum Greifen nahe, doch gerade weit genug entfernt, um für sie ebenso unerreichbar zu sein, wie die Sterne am Himmel. Was nun? Sie konnte weder weiter, noch konnte sie umkehren, denn schon zeichnete sie die fahle Silhouette ihres Verfolgers im bleichen Mondlicht auf der Mauer ab.


Der Himmel möge ihr gnädig sein, dachte Ylana verzweifelt. Wäre sie doch besser dem lüsternen Grafen in die Hände gefallen. Welch ein Alptraum. Doch sie wartete vergeblich auf das erlösende Erwachen. Wie gebannt stand die Gejagte auf der Mauer, ihre Finger haltsuchend an eine raue Zinne gekrallt, unfähig irgendeine klare Entscheidung zu treffen. Ihr gehetzter Blick war indessen auf die unheilverkündete Gestalt gerichtet, die sich nun in gespenstischer Lautlosigkeit näherte.
Von unsäglicher Angst erfasst, bemerkte Ylana, dass ihr das Herz bis zum Halse schlug.



Es musste wohl meilenweit zu hören sein. Sie wollte nach Hilfe rufen, doch ihre Kehle schien wie zugeschnürt. Langsam und völlig lautlos kam der Unheimliche näher. Er wusste sehr wohl, dass sie ihm nicht würde entkommen können. Dann, als er nur noch drei Armeslängen von ihr entfernt war und sie erneut in seine abgrundtiefen schwarzen Augen starrte, hielt er unvermittelt inne. Ganz so, als genösse er es, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Dabei schien ein schwacher Hauch des Bedauerns seine ansonsten gnadenlos kalte Miene für einen winzigen Moment zu beleben.
Eine letzte Gnadenfrist, die in Ylana einen verzweifelten Gedanken erwachsen ließen.
„Wenn Ihr nur einen Schritt näher kommt, stürze ich mich von der Mauer“, stieß sie keuchend hervor. Und das war in diesem Moment durchaus keine leere Drohung. Wenn es sonst keinen anderen Ausweg gab, zog sie ein rasches barmherziges Ende dem Ausblick vor, dieser Kreatur in die Hände zu geraten. Einer Kreatur, deren Augen weit schlimmeres als der Tod verhießen.


„So, du wählst also den Tod? Einfach so? - Ein kleiner Schritt, dann ist alles vorbei. Jede Qual, jede Angst, alles Fühlen und Empfinden. Keine Freude, keine Zufriedenheit. Nie wieder wirst du dich am Funkeln der Sterne oder dem sanften schimmern des Mondes erfreuen. Welch eine Verschwendung. Dabei gibt es doch einen anderen Weg“, lockte der Fürst nun mit fast sanfter Stimme. Dabei trat er beinahe unmerklich einen Schritt vor. Doch Ylana war nicht so weit in seinen Bann gezogen, als dass sie dies nicht wahrgenommen hätte.
„Halt“, schrie sie und wich so weit zurück, bis ein loser Stein unter ihrem Fuß nachgab und rasselnd in den Abgrund stürzte. Instinktiv zögerte sie. Noch ein Schritt, dann war es um sie geschehen. Ganz schnell und so einfach. Bevor sie allerdings eine derart folgenschwere Entscheidung fällen konnte, riss der unheimliche Fürst sie aus den Gedanken.


„Ich weiß was du denkst. Ich kann deine Gedanken fast wie in einem Buch lesen. Doch sei dir gewiss: Ich verfüge über eine Macht, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen vermagst. Du kannst daran teilhaben, den Tod überwinden und ewig existieren, wenn du nur möchtest. Kein verderblicher Graf wird dich jemals wieder belästigen. Nein, sie werden vor dir ihr armseliges Haupt beugen oder ihr Leben ist verwirkt. Und er“, dabei zeigte der Fürst mit ausgestrecktem Arm in die dunkle Weite des nächtlichen Waldes, „wird für all das büßen, was er dir angetan hat, und danach wird er nie mehr eine unschuldige junge Frau belästigen.“
Plötzlich klangen seine Worte süß, auf unheimliche Weise geradezu verlockend.
„Schau mich an“, flüsterte der Fürst.


Ylana wollte ihm nicht in die Augen blicken. Instinktiv ahnte sie, dass sie dann entgültig verloren sein würde. Doch ihr Körper weigerte sich, ihr zu gehorchen. Ganz langsam wand sie den Kopf, hob ihr Kinn, bis sie Auge in Auge mit ihrem Schicksal stand. Es war, als blickte sie durch nachtschwarze Juwelen direkt in die tiefsten Abgründe alles Seins. Schwindel bemächtigte sich ihrer. Obwohl sie immer noch unbeweglich da stand, glaubte sie auf einmal in ein unendliches Loch zu stürzen. Jedes Gefühl für Raum und Zeit ging dabei abhanden, und ein Gefühl der Schwerelosigkeit machte sich in ihr breit. Alle Last fiel wie altes Laub von Ylana ab. Jeder Schmerz und jede Furcht war vergangen und vergessen. Sie war frei. Nichts und niemand würde ihr je wieder ein Leid zufügen können. Es war wie ein wunderschöner Traum, aus dem sie nie wieder erwachen wollte.


Doch urplötzlich wurde sie hinfort gerissen, zurück in eine gnadenlose Wirklichkeit. Der Bann war gebrochen. Haltlos taumelte sie vorwärts und schlug schmerzlich auf ihre zerschrammten Knie.
„Nein“, schrie sie, als erneut Angst, Schmerz und Verzweiflung nach ihrem Geist griffen. Sie wollte das nicht mehr spüren. Nie wieder. Für einen Moment war sie glücklich gewesen.
Wut und Enttäuschung brachen sich Bahn. Warum hatte man sie zurückgeholt in diese schreckliche Welt? Verzweifelt brach sie zusammen.


„Du hast gesehen, was ich dir geben kann - und was ich dir nehmen kann, nun wähle“, forderte der Fürst mit eindringlicher Stimme.
Was wollte dieses Wesen von ihr? Ylana war nicht mehr in der Lage ihre Gedanken zu ordnen. Dichter Nebel schien ihren Geist gefangen zu halten, und Emotionen wie Angst, Hoffnung, Tod, Schmerz, Erlösung und Wut wirbelten in wildem Reigen durch ihren Kopf. Die junge Frau war verwirrt. Verlor sie jetzt den Verstand? In ihrer Angst, in ihrer eigenen Gedankenwelt die Orientierung zu verirren, war sie bereit, sich an jeden noch so kleinen Strohhalm zu klammern.


„Er wird dafür büßen. Koste das süße Gefühl der Rache“, flüsterte ihr eine süße Stimme zu. „Dann bist du frei...frei...frei...“
Unter dem Ansturm dieser verführerischen Gedanken brachen die letzten Barrieren des Widerstandes zusammen wie das Korn unter der wirbelnden Sense des Bauers.
Nein, nie wieder wollte sie sich fürchten müssen. Nie wieder sollte Garon von Tyrn seine verruchten Hände nach ihr ausstrecken. Er sollte büßen bis in alle Ewigkeit. Das schuldete sie nicht zuletzt ihrer geliebten Schwester.


Langsam erhob sich Ylana, wobei ein dünner roter Faden aus einer blutenden Kniewunde entlang ihres Schienbeines bis auf den Fußrücken quoll. Sie bemerkte es nicht einmal. Wie durch einen düsteren Schleier nahm ein spärlicher Rest ihres Verstandes wahr, wie der Fürst der Dunkelheit zu ihr trat und sie mit seiner frostigen Umarmung in Besitz nahm.
Eine Aura der Kälte umfing sie, oder war es vielleicht doch vielmehr eine wohlige Wärme?


Dann - ein Schmerz, scharf wie die Schneide eines frisch geschliffenen Messers und zugleich bittersüß. Einer wilden Feuersbrunst gleich überschwemmten auf seltsame Weise entzückende Qualen Geist und Körper der jungen Frau und machten jeden Widerstand ebenso sinnlos wie überflüssig. Die Realität war nicht länger von Belang, während ekstatischen Zuckungen ihrem Körper jede Kontrolle nahmen. Dann fiel sie erneut in einen scheinbar endlosen Abgrund. - Doch der Sturz währte nicht lange. Sie schwebte nunmehr, ganz als hätte sie eine Wolke unendlicher Ruhe sanft aufgefangen. Ein nie geahntes Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer, drang in jede ihrer Fasern, bis es sie vollkommen ausfüllte. So trieb sie ohne jedes Zeitgefühl dahin, bis schließlich eine Woge aus Finsternis heranrollte, sie wie eine schützende weiche Decke umhüllte und ihr jegliches Empfinden raubte.

Zum Leidwesen des Grafen hatte die nächtliche Verfolgungsjagd nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Lediglich das Pferd der Flüchtigen war völlig verstört am Rande einer kleinen, abgelegenen Lichtung aufgefunden worden. Von dem Mädchen selbst fand sich allerdings nach wie vor nicht die geringste Spur.
So kam es, dass sowohl seine Männer, als auch einige unglückliche Untertanen, die nichts verbrochen hatten, sondern nur zur falscher Zeit am falschen Ort verweilten, die Wut ihres Herren zu spüren bekamen.


Denn nachdem Garon von Tyrn die Reiterei entgültig Leid gewesen war, hatte er den Rest der Nacht in seiner Jagdhütte verbracht. Am nächsten Morgen hatte er immer noch äußerst übellaunig seinen halben Hofstaat herbeizitiert, nur damit er sich in seiner momentanen Unterkunft angemessen bewirtet sah.
Aber auch am späten Vormittag war er noch lange nicht besänftigt. Anstatt einen kleinen Jagdausflug zur Entspannung und Zerstreuung zu unternehmen, beschloss er die bald fällige Inspektionsreise seiner Grafschaft kurzerhand vorzuziehen.

Ganze drei Tage verbrachte Garon von Tyrn damit, seinen Untertanen eigenhändig auf die Finger zu schauen, während denen er zahlreiche Gastwirte schikanierte, fast willkürlich die ein oder andere Strafe verhängte und zu guter Letzt ein armes Bauernmädchen für Ylanas widerspenstige Flucht büßen ließ.
Am Abend des vierten Tages endlich, kehrte er auf seine Burg zurück. Und ein kollektives Aufatmen ging durch das erlöste Volk.

Die Burg des Grafen war sicherlich nicht die schönste und prächtigste ihrer Art, zweifelsohne aber eine der sichersten. Hoch thronte sie auf einem einsamen, mächtigen Felsen über den Ufern des Tan. Ihr einziges Tor war lediglich über einen steilen, sich in engen Serpentinen windenden Weg zu erreichen, sodass eine feindliche Streitmacht kaum in der Lage war, größere Truppenansammlungen oder gar schweres Kriegsgerät gegen die nördliche Mauer zu schicken. Den Rest der Burg schützten die schroff abfallenden Felsenhänge sicherer, als jede Armee es vermochte.


Die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten, die sich aus dieser markanten Lage ergaben, nahm dar Graf gerne in Kauf. Schließlich war es auch nicht an ihm, den ständigen Strom an Material von oder zur Burg, auf kleinsten Karren, Lasttieren oder Trägern zu bewältigen. Lediglich seine verehrte Gemahlin ließ keine Gelegenheit aus, sich über den Umstand zu beschweren, dass keine ihrem Stand angemessene Kutsche den Weg zur Burg bewältigen konnte.

Schwer schlugen die eisenbeschlagenen Hufe auf das Pflaster des Burghofes und verkündeten bis in die letzten Winkel der Burg, dass der Herr zurück war.
Nachdem der Graf ausgiebig seinem Zorn freien Lauf gelassen hatte, schien er nun halbwegs beherrscht. Allerdings bescherte ihm die Aussicht, dass stapelweise Dokumente aus der Zeit des Feldzuges der gräflichen Durchsicht oder Unterschrift harrten, kein Gefühl der Freude. Aber dafür würde sich auch morgen noch genügend Zeit finden, entschied er kurzerhand.


Heute galt es fürstlich zu speisen, und dann war es an Gräfin Arina, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen.
Trotz ihres nicht mehr jugendlichen Alters und den ersten grauen Strähnen im schwarzen Haar, war sie noch immer eine äußerst attraktive Frau. Allerdings nicht nur in den Augen ihres gräflichen Gemahls. Daher ergab es sich, dass die Zahl ihrer Verehrer nicht gerade gering war, und so mancher hatte es sich daher auch nicht nehmen lassen, seine Bewunderung auf ganz persönliche Art zu beweisen.
Aber nun sollte sie sich eigentlich nach der Gesellschaft ihres Ehemannes und Herrn im Bett sehnen. Vor allem, nachdem Garon von Tyrn dafür gesorgt hatte, dass der Zugang für etwaige Liebhaber zu den gräflichen Gemächern nahezu unmöglich geworden war.

Wie es kaum anders zu erwarten gewesen war, endete das abendliche Mahl im unvermeidlichen Saufgelage der Männer. Die Gräfin indes hatte sich schon bei Zeiten zurückgezogen. Bei der steigenden Wein - und Bierlaune würde man sie wie üblich ohnehin kaum vermissen.
Als der Graf schließlich der Ansicht war, genug den geistigen Getränken zugesprochen zu haben, und er vertrug einen ganze Menge, verabschiedete er seine Gäste.
Bei Weitem nicht alle hatten es mit seiner Trinkfestigkeit aufnehmen können, und so benötigten zwei Junker, zum Gespött der übrigen, die Hilfe der Dienerschaft, um den Saal auf eigenen Füßen verlassen zu können. Auch Garon von Tyrn schwankte kurz, als er sich erhob, stand schließlich aber sicher. Es gehörte schon etwas mehr dazu ihn umzuwerfen, denn so angeschlagen fühlte er sich eigentlich gar nicht. Ganz im Gegenteil. Er fühlte sich geradezu prächtig. Deshalb schickte er sich nun an, trotz der fortgeschrittenen Stunde, sein Weib mit seiner aufgestauten Begierde zu beglücken.


Ächzend wankte er die schmalen Stufen zu seinen Gemächern hinauf. So frisch wie er gedacht hatte, schien er wohl doch nicht ganz zu sein. Die Enge der Wendeltreppe verhinderte jedenfalls ein allzu starkes Wanken des angetrunkenen Hausherrn. Obwohl er gerade nicht den Eindruck machte, fühlte er sich dennoch ungeheuer stark und männlich. Dies galt es der Gräfin nun zu beweisen. Sollte sie ruhig spüren, dass der Graf mehr zu bieten hatte, als die sicherlich nicht geringe Zahl armseliger Wichte, die wie lüsterne Straßenköter hinter ihr her waren.


Als er mit glasigem Blick das Schlafgemach erreichte, hielt der Graf kurz inne, um sich für seinen Auftritt zu sammeln. Dann stieß er zum Äußersten entschlossen die schwere Holztür auf.
Bereits auf halbem Wege zum Bett, hinter dessen Vorhängen die Gräfin sich bereits zur Ruhe gebettet hatte, öffnete er schnaubend seine Gürtelschnalle und warf Gürtel samt Dolch achtlos über die große Kleidertruhe. Verflucht, dachte er. Wieso hatte er bereits die Dienerschaft entlassen? Wer sollte ihm nun die Stiefel ausziehen? Da er selbst im Traum nicht daran dachte selbst Hand anzulegen, brüllte er, dass es die halbe Burg zu hören vermochte: „Weib, wach auf...und zieh mit meine Stiefel aus!“
Es raschelte kurz hinter den schweren Bettvorhängen, dann entgegnete die Gräfin kühl aus dem Verborgenen: „Ihr beliebt zu scherzen, werter Gemahl. Ist das nicht die Aufgabe Eurer Diener? Oder betrachtet Ihr mich etwa als solche?“


„Warum Nicht?“ Tönte der Graf provozierend. „Bin ich nicht der alleinige Herr dieses edlen Hauses? Seid mit gefälligst zu Diensten, dann werde ich euch mit meiner Männlichkeit beglücken.“
Stille. Würde seine Gemahlin gehorchen oder würde sie es wagen, ihm die Stirn zu bieten? Der Rest des klaren gräflichen Verstandes vermutete Letzteres und bereitete sich auf eine Konfrontation vor. Er würde sich durchsetzen, komme was wolle.
„Nun gut, wie Ihr wünscht. Bevor alle Wachen von Eurem Geschrei alarmiert in unsere Gemächer stürzen, sollt Ihr Euren Willen haben. - Und weil heute ein ganz besonderer Abend ist“, fügte Arina plötzlich überraschend verführerisch hinzu.


Das unverhoffte Nachgeben hatte der Graf zwar nicht unbedingt erwartet, doch sollte es ihm nur Recht sein, wenn sein Weib ebenfalls bei Laune war.
Ächzend ließ er sich auf einem Schemel nieder, während die Gräfin nun sanft die Vorhänge des Himmelbettes beiseite schob.
Im Schein der flackernden Kerzen wirkten ihre Gesichtszüge auf geheimnisvolle Weise markant. Wann hatte sie zuletzt so berauschend ausgesehen? Fragte sich der nun nicht mehr ausschließlich vom Alkohol berauschte Graf.


Mit einer Anmut, die er schon seit Jahren bei seinem Weib beobachtet hatte, glitt sie aus dem ehelichen Bett. Die Verschnürung des Nachtgewandes hing dabei lose herab und ließ einen ungehinderten Blick auf den Ansatz ihrer prallen Brüste zu. Die geradezu ungehemmte Zurschaustellung solch üppiger Weiblichkeit zog den Grafen geradezu magisch an. Allerdings nur so lange, bis die Gräfin mit ihrem rechten Bein über dasselbe ihres Gatten stieg, sich bückte und dem Herrn des Hauses unverfroren den verlängerten Rücken präsentierte.
Dann griff sie nach dem Stiefel.


Würde sie das mal öfter tun, dachte der Graf seufzend. Dann bräuchte er vielleicht nicht mitten in der Nacht mit einer Hundemeute Jagd auf widerspenstige Mädchen zu machen, die die Aufmerksamkeit ihres Herren ohnehin nicht angemessen zu schätzten wussten. Ganz nebenbei fiel ihm ein, dass dieses verflixte Luder offenbar nicht wieder im Dorf aufgetaucht war und der Schmied deswegen Land und Leute verrückt machte. Wohlmöglich verbarg sie sich noch immer im Wald, aus Angst vor dem gräflichen Zorn, was allerdings auch nicht völlig unbegründet war. Vielleicht hatte aber auch die Räuberbande diese Göre in die Finger bekommen. Dann hätte sie gleichwohl bekommen, was sie seiner Meinung nach verdiente.


Bevor er jedoch darüber weiter nachsinnen konnte, zog ihn die Zuwendung seiner Gräfin in ihren Bann.
Mit sanftem Ruck glitt der lederne Stiefel von seinem Fuß, und während sein Weib bereits flink den nächsten ergriff, nutzte er die Gelegenheit, die wohlgerundeten Formen unter dem Nachtgewand seiner Gattin mit den Händen zu erkunden. Ja, das war genau nach seinem Geschmack.
Nachdem auch der zweite Stiefel polternd zu Boden gefallen war, wand sich die Gräfin anmutig um und ließ sich mit verführerischem Lächeln auf den Oberschenkeln ihres Gatten nieder.


Dem Grafen hätte dies sicherlich noch weit mehr gefallen, wäre er seiner nun störenden Beinkleider bereits entledigt gewesen.
„Nun, mein über alles verehrter Herr. Ist es Euch so genehm?“ grinste Gräfin Arina schelmisch.
„Warum nicht immer so Weib? „Schnaufte der Graf erregt und konnte gerade noch einen wenig appetitlichen Rülpser unterdrücken.
Ohne darauf näher einzugehen, ergriff seine Gemahlin den gräflichen Kragen und löste geschickt dessen Verschnürung. Dann zog sie das Halb geöffnete Hemd langsam und genüsslich über die Schultern ihres Gatten bis zur Höhe der Ellenbogen herab.


Garon von Tyrn harrte indessen gleichermaßen gespannt wie erregt der Dinge, die sich nun anbahnten. Dabei wurde sein bereits vom Alkohol reichlich vernebelte Verstand nun obendrein von einer Welle der Euphorie überschwemmt.
Mit einem Ausdruck ungezügelter Wollust beugte sich die Gräfin indes zu ihrem Gemahl hinab, bis ihre vollen Lippen sanft seinen Hals streichelten.
Derart ermutigt gelüstete es den Grafen spontan danach, sein ihm auf ungewohnte Weise zugeneigtes Weib fest an sich zu pressen. Allerdings hinderte ihn nun das heruntergestreifte Hemd gleich einer Fessel an den dazu notwendigen Bewegungen. Lediglich den Unterarmen war noch ein kleiner Rest Bewegungsfreiheit vergönnt. Na gut, dachte der Graf, sollte eben sein Weib seine Männlichkeit entblößen.


Doch Arina von Tyrn dachte gar nicht daran, denn ihr Geist war beseelt von einer ganz anderen Lust. Und ihr Gemahl würde diese befriedigen, ob ihm das nun gefiel oder nicht.
Dieser hatte nichts ahnend genüsslich die Augen geschlossen, um sich ganz den zärtlichen Liebkosungen hinzugeben.
Langsam tastend bewegten sich die Lippen der Gräfin vom Schlüsselbein den Hals hinauf, als seien sie auf der Suche nach der einer bestimmten Stelle. Der salzige Geschmack von Schweiß und die Ausdünstungen des Alkohols, schienen sie dabei nicht zu stören, denn sie spürten längst etwas anderes. Etwas überaus Betörendes.



Und plötzlich wurden sie fündig. Ja genau, das war der richtige Ort. Die Lippen formten sich zu einem freudigen Lächeln. Während sie sich leicht öffneten, glitt die Spitze der Zunge forschend über die gestraffte Haut und fühlte das erregte Pulsieren des warmen Blutes.
Der Graf quittierte die Aktivitäten seiner Gemahlin derweil mit einem wohligen Grunzen.
Es sollte das letzte angenehme Gefühl sein, das Graf Garon von Tyrn in seinem Leben empfand, denn urplötzlich entblößte sein Weib zwei nadelspitze Reißzähne, die sie zuvor geschickt verborgen hatte und schlug sie mit bestialischer Gewalt in das ungeschützte Fleisch.
Von jähem Schmerz erfasst, zuckte der Graf heftig zusammen.


Was fiel dem Weib bloß ein? Das sollte sie bitterlich bereuen, dachte er empört. Der Ernst seiner Lage war ihm in diesem Moment noch immer nicht bewusst. Instinktiv versuchte er dennoch seine Gemahlin von sich zu stoßen. Nur konnte er seine Arme aus bekannten Gründen kaum bewegen. Zudem entwickelte sein Weib mit einem Mal ungeahnte Kräfte. Gleichwohl versuchte der Graf, dem trotz seines berauschten Zustandes endlich schwante, dass etwas nicht ganz so lief wie es sollte, sich zu befreien. Er strampelte wild mit seinen Beinen, versuchte das einengende Hemd zu zerreißen und versuchte sich verzweifelt zur Seite wegzudrehen. Was aber lediglich den Schemel derart ins Schwanken brachte, dass beide gemeinsam von selbigem kippten.


Doch selbst als der Graf hart mit Kopf und Rücken zu Boden schlug und seine Peinigerin auf ihm zu liegen kam, löste sich dadurch der verhängnisvolle Biss um keinen Deut.
Vielmehr ergoss sich nun ein breiter pulsierender Strom warmen Blutes in den gierig geöffneten Mund der Gräfin. Da endlich ahnte der Grafen, welche Stunde ihm geschlagen hatte, aber da war es längst zu spät.


Seine von finsteren Kräften besessene Gattin hielt ihn umbarmherzig umklammert, während der kostbare Lebenssaft unaufhörlich nur so aus ihm heraus sprudelte. Keine Macht der Welt vermochte ihn nun mehr zu retten. Verzweifelt bäumte er sich ein letztes mal auf. Dann begann die vergebliche Gegenwehr zu erlahmen, und bald gab er nur unkontrollierte Zuckungen von sich, während der letzte Rest seines schwindenden Bewusstseins in einen schwarzen Abgrund gerissen wurde.

Das noch frische Blut zeichnete einen harten Kontrast auf der bleichen Haut des leblosen Grafen, dessen vom Entsetzen geweiteten Augen gebrochen an die Decke starrten.
Indessen stand die blutbesudelte Gräfin reglos zu seinen Füßen und blickte verächtlich auf ihn herab. Da lag er nun der große Held. Wie erbärmlich er doch aussah.
Befriedigt fuhr sie mit der Zunge genüsslich über ihre blutigen Lippen, um den Rest des köstlichen Saftes zu schmecken und lächelte. Und ihr Lächeln verwandelte sich zu einem Lachen, das keine Spur von Menschlichkeit mehr an sich hatte. Es drang auf geradezu unheimliche Weise durch Balken und solides Mauerwerk, und ein jeder Bewohner der Burg fiel in diesem Augenblick dem blanken Entsetzen anheim. Selbst die Spürhunde im Burghof zerrten verängstigt jaulend an ihren Ketten, während das dämonische Gelächter weit über das Land getragen wurde.


Als wäre der Wind selbst dessen Echo, ließ plötzliche eine einzelne Böe die Vorhänge des gräflichen Schlafgemaches gleich flatternde Fahnen wehen und brachte zahlreiche Kerzen augenblicklich zum Erlöschen.
Arina von Tyrn spürte mit einem Mal, dass sie nicht länger alleine war. Eine Fremde und dennoch vertraute Präsenz ergriff Besitz von diesem Raum. Erwartungsvoll drehte sie sich um.
Auf dem Balkon zeichneten sich zwei schattenhafte Umrisse vor dem Mondlicht ab.
Die Gräfin lächelte zufrieden. Ihr neuer Herr war gekommen, und er war mehr als nur ein selbstherrlicher Graf. Er war ein mächtiger Fürst. – Ein Fürst der Finsternis.

„Bitte, überzeuge dich selbst, meine Liebe“, lächelte Borgon kalt und schob einladend den schweren Vorhang zur Seite, damit Ylana das Schlafgemach betreten konnte.
Die Nichte des Schmiedes blickt kurz in die schwarzen Augen ihres Herrn und betrat dann das gräfliche Domizil. Sofort erblickte sie die blutverschmierte Gräfin und das Paar bloßer Füße, das aus dem Schatten des Bettes hervorragte. Sie ahnte, zu wem diese gehörten. Auf eine Einladende Geste der Gräfin hin näherte sie sich gemächlichen Schrittes der reglosen Gestalt auf dem Boden.


Da lag er nun, der stolze Graf. Bleich und leer, wie eine ausgepresste Frucht. Nie wieder würde er ein lebendiges Wesen belästigen. Sein eigenes Weib hatte ihn für seine Niederträchtigkeiten bestraft. Fast verspürte Ylana so etwas wie Bedauern. Wie köstlich wäre es doch gewesen, die Rache selbst zu vollenden.
„Habe ich dir zuviel versprochen?“ Wollte Borgon wissen.
„Nein mein Fürst. Ihr habt Euer Wort gehalten“, lächelte Ylana kalt, und ihre spitzen Reißzähne glänzten gefährlich im Mondschein.
Zufrieden trat der Fürst zu den beiden Frauen, und Triumph zeichnete sich auf seinen bleichen Zügen ab, während er nach zwei Händen griff, die kein Pulsschlag je wieder erwärmen würde.
„Nun denn meine Gefährtinnen der Nacht. Die Herrschaft derer von Tyrn hat somit ein Ende. Lasst uns gemeinsam ein neues Zeitalter erschaffen.“

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